Glückseligkeit: von Egolosigkeit zum ICH


"Transzendenz oder Entwicklung ist kein Pfad hinein in etwas Höheres, Heiligeres oder Seligeres, was als hierarchisch übergeordnetes Sein auf dich wartet. Entwicklung führt zur völligen Freiheit von Hierarchie und Macht über andere und geschieht mitten in deinem erzeugenden Wesen."

 

Die große Verwirrung: Egolosigkeit

Es gibt meines Erachtens bei vielen Sinn suchenden Menschen eine tief sitzende Verwirrung über die Begriffe „Ego“ und „Ichlosigkeit“. Immer wieder wird - auch und gerade von spirituellen Lehrern und von Heilern – vom „bösen Ego“ und von der Notwendigkeit seiner „Überwindung“ gesprochen. Gesundheit, Erfolg, Seelenglück, all das scheint nur dann erreichbar, so die ständig wiederholte Botschaft, wenn das kleine, schwache und sündhafte Ego losgelassen, abgelegt oder irgendwie verleugnet wird. Dahinter steckt eine einfache, leider aber unvollständige Vermutung: Heilung könne nur „von oben“, vom Himmel, von Gott kommen, niemals aber „von unten“, vom irdischen Leben, vom Menschen selbst. Doch alle medizinischen Placebo- und Nocebo-Effekte beweisen eindeutig, dass hier nicht Gott oder "höhere" Selbste beteiligt sind, dafür aber ein individuelles geistiges Wesen namens „Mensch“ …

 

Leider fördern Empfehlungen dieser „himmlischen Nicht-Ich“ Art genau das, was sie in bester Absicht verhindern wollen: körperlich-geistig-spirituelle Verwirrung und Erkrankung, gefühlte Sinnlosigkeit und versiegende Lebenskraft. Um in dieser verzwickten Angelegenheit für etwas mehr Orientierung und Klarheit zu sorgen, habe ich diesen Essay geschrieben. Seine Botschaft: Fasse Mut und Freude – sage aufrichtig und laut „JA“ zu dir und deinem Ego. Lebe dich in und mit der Fülle und Vielfalt, die Gottes herrlicher Garten dir bietet. Vor allem aber: Tue alles aus der Bewusstheit heraus, ein erzeugendes geistiges Wesen zu sein.

 

Egolosigkeit

Ich war - da hatte ich 1998 ein irdisches Alter von 38 Jahren erreicht – etwa ein, zwei Jahre meines Lebens ein wenig verwirrt wegen der Frage, ob ich im Verlaufe meiner irdischen Entwicklung mein Ich nun behalten oder verlieren werde. Ich las in vielen spirituellen Botschaften und auch bei sogenannten „transpersonalen“ Forschern, dass es „höhere Stufen“ gäbe, dass diese „jenseits des Ich“ oder „trans-egoisch“ seien – und all dies schien zu bedeuten, dass man das Ich verliert, wenn man „dorthin“ will.

 

Heute weiß ich, dass meine Verwirrung nicht nur semantischer Art gewesen ist, also eine Folge oft unklar verwendeter Begriffe wie Ego, Ich, Selbst und höheres Selbst, sondern eine Verwirrung wegen der edlen Absichten der Autoren. „Wozu“, so fragte ich mich, „soll ich ein so schönes Geschenk wie mein Ich denn loswerden wollen? Welchem schöneren Ziel soll das dienen?“ – Und die Antworten lauteten stets: „Weil du dann glückseliger leben und nicht mehr leiden wirst.“ Die edlen Absichten waren immer heilerischer oder soteriologischer Art. Dies schien mir in der Tat ein lohnenswertes Ziel zu sein – doch wenn ich dazu mein Ich verlieren soll, wer würde dann „Seligkeit“ erfahren, wer würde dann ohne Leid leben? Ich ja nicht … Deshalb war ich ein wenig verwirrt. Die edle Absicht der Autoren und das von ihnen empfohlene Mittel schienen sich zu widersprechen.

 

Hinzu kam, dass ich bis dahin bereits ein ziemlich glückliches Leben führen durfte. Dieses Ich, welches ich verlieren sollte, war recht zufrieden mit sich. Ich hatte gelitten, oh ja, doch ich durfte stets erfahren, dass ich auch herauskam aus dem Tal der Tränen. Jedes Leid schien mich stärker als zuvor immer wieder auftauchen zu lassen. An meinem Ich hatte ich nicht allzu viel auszusetzen – und die Menschen in meiner engeren Umgebung offensichtlich auch nicht (es sei denn, sie hätten mich über Jahre belogen, was möglich ist, aber nicht vorlag. Ich weiß dies, denn ich befragte sie genau danach …). Warum also sollte ich dieses Ich verlieren? Mir schien es eher andersherum: Gerne hätte ich allen Menschen, die wirklich unglücklich mit ihrem Leben waren, zugerufen: „Hey, nehmt doch mein Ich. Macht’s wie ich, dann werdet ihr schon durchkommen …“ Mir war klar, dass es so nicht gehen würde – also vielleicht doch den Autoren folgen und den Ich-Verlust anstreben?

 

Transzendenz-Modelle

Manche Autoren schrieben, dass das „Ich“ nichts anderes sei als eine „ausschließende Identifikation“ mit dem „persönlichen Selbst“: Man identifiziert sich dann selbst mit diesem und jenem, und das sei dann das „ausschließende Ich“. Denn alles andere, womit man sich nicht identifiziert hat, sei eben „ausgeschlossen“, sei dann Nicht-Ich. Der Clou: Wenn man nun lernte, diese Ausschließlichkeit der Identität aufzugeben, dann gehe eben dieses Ich verloren und man würde sich entwickeln hin zu einem neuen Ich oder Selbst, welches immer weniger ausschließt, weil es sich mit immer mehr identifiziert – zum guten Schluss natürlich mit „Allem-was-ist“. In diesem Modell verliert man sein aktuelles Ich und wird schließlich identisch mit dem Universum, mit dem Kósmos, wird also vermutlich zu Gott oder irgendeinem „absoluten Selbst“. – Da fragte ich mich: „Nun gut, angenommen, ich täte dies, dann wäre ich eines Tages identisch mit, sagen wir, Jürgen, meinem Tennisfreund. Ich hätte ihn ja „eingeschlossen“ in meine Identität. Keine Ahnung, ob er dies auch so gewollt hätte, aber wird schon stimmen. Doch was, wenn Jürgen eines Tages zu mir kommen und sagen würde: ‚Hey Carsten, ich bin jetzt auch du, wusstest du das schon? Habe da so was Spirituelles gemacht und bin jetzt mit allem identisch, was ist‘.“ – Nun, diese Idee gefiel mir plötzlich gar nicht mehr. Jürgen identisch mit mir – oh nein, dann doch lieber hübsch getrennt. Nicht, dass ich was gegen Jürgen hätte (schließlich ist er ein guter Freund), doch dieser "einschließende" Weg roch plötzlich nach einem unappetitlichen „spirituellen Egoismus“: Da wurde jemand identisch mit mir, ohne mich vorab gefragt zu haben, ob auch ich das will(!). Umgekehrt wollte auch ich nicht einfach ohne Zustimmung der Beglückten mich einfach so identisch mit Allem machen – vielleicht wollen die das ja gar nicht?

 

Andere Autoren betonten mehr die „irdischen Funktionen“ des Ichs und sagten, dass diese bei weiterer Entwicklung entschieden behalten und oft gestärkt werden. Das hörte sich für mich nach Ich-Stärkung und weniger nach Ich-Verlust an. So las ich von psychoanalytischen Erkenntnissen, wonach ein Teil des Ichs durch die Fähigkeit zur distanzierten Selbstbeobachtung gestärkt und behalten würde. Autoren, die sich mit Meditation beschäftigt hatten, sagten: „Meditation fördert Ich-Stärke.“ (Engler) Autoren aus dem Bereich der Ich-Psychologie betonten die Fähigkeit des Ichs zur Integration („Steuermann/frau“) der vielen inneren Strömungen – und auch dieses „integrierende Ich“ würde beibehalten und gestärkt werden. Was auch immer bei weiterer Entwicklung geschehen würde, wichtige Ich-Funktionen schienen dabei nicht schwächer, sondern stärker zu werden. Was also sollte dann Ich- oder Egolosigkeit bedeuten?

 

Bisher konnte ich nur einen roten Faden erkennen: Ichlosigkeit bedeutete offensichtlich nicht den Verlust wichtiger Funktionen (das wäre, wie Ken Wilber es ausdrückt, „ein Psychotiker, kein Weiser“) – es bedeutete vielleicht, dass man sich nicht mehr ausschließlich mit diesem „Funktions-Ich“ identifiziert. Entwicklung, so würde man dann sagen müssen, ist die Fähigkeit, sich immer weniger mit diesen Funktionen oder Fähigkeiten identisch zu erklären: „Ich habe Fähigkeiten – ich bin das aber nicht.“  So etwa …

 

Der ichlose Heilige

Irritiert war ich noch immer: Denn auch jetzt würde immer noch ein „Ich“ vorhanden sein müssen, welches sich gerade deutlich weniger mit seinen Funktionen identifiziert. Mysteriös - welches Ich auf dem Weg zur Egolosigkeit könnte das bloß sein?

 

Also schaute ich mir an, welche Vorstellungen Menschen über die Jahrhunderte hinweg mit ihren „ich-losen Heiligen“ verbunden haben. Es gab (und gibt) ja immer spezielle Vorstellungen davon, wie ein Mensch, der in besonderem Maße „heilig", „spirituell“ oder „weise“ sein soll, zu sein und zu leben hat. Üblicherweise, so fand auch ich heraus, sollen die Weisen oder Heiligen „dauernd gütig lächeln und vom Hals abwärts tot sein …, frei von fleischlichen Begierden und Gelüsten“ (Ken Wilber). Die Heiligen sollen frei sein von all demjenigen, womit die Menschen üblicherweise Schwierigkeiten haben: mit Geld, Essen, Sex, Beziehungen, Begierden. Sie sollen „über den Dingen stehen“, nicht lebendige Menschen wie du und ich sein, sondern „redende Köpfe“. Religion hieß daher über Jahrhunderte hinweg für viele Menschen immer auch Befreiung von allen „niederen“ Instinkten, Trieben und Bindungen. Mit anderen Worten: Der „ich-lose“ Heilige sollte ein spirituelles Wesen sein, das irgendwie frei ist von all den chaotischen, pulsierenden, wirren und drängenden Kräften, die die meisten Leute umtreiben. Der Weise soll all das nicht haben, was einem selbst zu schaffen macht! (Anmerkung: Ken Wilber-Fans werden sicher längst bemerkt haben, dass ich mich hier stark an einen Text von Ken über "Egolosigkeit - Ich - Selbst" (2001) anlehne. Dies hoffe ich doch sehr, denn natürlich ist mein Essay auch eine Kritik an seinem Text - und wer die Unterschiede bemerkt, wird ahnen können, warum).

 

Dieses Ohne-Probleme-Sein, dieses „Weniger-als-eine-normale-Person-sein“ ist oft das, was unter „ich-los“ verstanden wird: Was mich unangenehm berührt, soll den Weisen nicht berühren. In diesem Sinne würde Ichlosigkeit bedeuten, „Person-Minus“ zu sein: Alle niederen oder schlechten oder unangenehmen Eigenschaften wären verschwunden – und alle anderen Eigenschaften könnten umso stärker leuchten. Insofern wären die Heiligen dann aber auch wieder „Person-Plus“: Die guten Eigenschaften würden bei ihnen besonders leuchten. Einige Ich-Teile wären verschwunden, andere Teile würden leuchten – seltsam, nicht wahr? Ich konnte auch hier nicht erkennen, dass das Ich sich „verloren“ oder „aufgelöst“ hätte. Die Entwicklung hin zu einem solchen Heiligen würde immer noch bedeuten, ein Ich zu sein – nur eben ohne all die garstigen Dinge. Auch hier taucht kein Ich-Verlust auf, sondern eher eine Ich-Stärkung: Entwicklung als Förderung guter Eigenschaften bei gleichzeitigem Verlust all der schlechten.

 

Genau solche Typen schienen mir all die großen Gestalten der Geschichte gewesen zu sein: Starke Ichs, mit einigen „leuchtenden“ Eigenschaften. Sie schienen mir nicht ich-los agiert zu haben. Jesus ohne große Persönlichkeit? Unvorstellbar. Die heilige Theresa reformierte das katholische Klosterwesen. Ohne Ich? Undenkbar. Gautama erschütterte Indien fundamental. Ohne Ich? Undenkbar. Die „heilige“ Mutter Theresa jagte vielen indischen Beamten mit ihrer Resolutheit große Schrecken ein. Ohne Ich? Was also sollte dann Ich-losigkeit bedeuten? Noch immer war ich verwirrt. Bislang wurden alle Ichs nur stärker …

 

Mehr Ich statt weniger?

Vielleicht, so dachte ich, bedeutet „Ego-Transzendenz“ ja etwas ganz anderes. Vielleicht könnte es ja bedeuten, dass Ich nicht loszuwerden, sondern es zu erfüllen. Kein Ich-Verlust, aber Ich-Gewinn. Entwicklung nicht durch weniger Ich, sondern durch mehr Ich: vom Ich zum Ich-Plus. Vielleicht ist das Ich ja gar nicht die negative Verhinderung des EINEN GEISTES, sondern seine positive leuchtende Form?! Vielleicht würde mehr von der unbekannten Gottheit in dieser Welt aufleuchten, wenn das Ich gestärkt würde, nicht verloren? Vielleicht sind die Weisen und Heiligen unter uns diejenigen, die sich nicht vom Leben abwenden, sondern sich ihm auf ihre Weise freudig zuwenden? Vielleicht sind es diejenigen, die eine größere Freiheit nicht durch den Verlust von Bindungen verwirklichen, sondern indem sie sich voll und ganz hineinbegeben in alle möglichen Bindungen: Frei von Ängsten gehen sie freudig jede Bindung ein und lösen sie auch wieder, weil sie nichts und niemanden fürchten.

 

Mit diesen Gedanken beruhigte ich meine bisherige Verwirrung. War ich selbst nicht auch jemand, der das Leben bislang in tiefen Zügen genossen hatte und kaum eine Verbindung fürchtete? Hatte ich nicht auch versucht, eine Fülle von Erfahrungen erleben zu dürfen statt im Kloster die Wand anzustarren (auch das hatte ich gemacht)? Klar, dass mir dieser Gedanke verlockend vorkam – ich stand ja gewissermaßen kurz davor, selbst ein weiser Heiliger werden zu können (lacht). Heureka und Glockengeläut …

 

Doch was würde diese Ich-Stärkung konkret bedeuten? Die guten Eigenschaften kultivieren, die schlechten ausmerzen, Bindungen freudig und ohne Angst gezielt suchen statt sie zu vermeiden, das Leben genießen statt es zu kreuzigen? Ich hing fest, kam nicht weiter, alles Angebotene passte irgendwie nicht zusammen. Wer entscheidet, was gute und schlechte Fähigkeiten sind? Und in welchem Kontext? Ist ein Heiliger „frei von Sex“ ein guter Heiliger oder ist er dies, wenn er frei von schlechtem Sex ist (lacht)? Isst und trinkt ein Weiser alles in Maßen oder wenig immer wieder?

 

Das erzeugende ICH

Ohne die Erkenntnis, dass alle Menschen erzeugende Wesen sind, wäre ich nicht weiter gekommen. Erzeugung ist eine aktiv von uns selbst herbeigeführte geistige „Bewegung“, die gespeist wird von den Energien unseres Wesens. Gautama erzeugte seine Lehre, Jesus erzeugte seine Botschaft, Mutter Theresa erzeugte ihre Vorstellungen – und all die Verkünder einer anzustrebenden transzendenten Ichlosigkeit tun dies auch.

 

Geistige Erzeugung geschieht (siehe Placebo- und Nocebo-Wirkungen), und sie geschieht stets und kulturübergreifend und in jedem Menschen in direkter Abhängigkeit von der eigenen Bewusstheit – über genau diese erzeugende Gabe. Dies bedeutet: Ein Mensch kann sich seiner geistigen Erzeugerkraft bewusster sein als ein anderer. Beide erzeugen unentwegt – in dieser Fähigkeit sind sie identisch. Doch was sie jeweils erzeugen, ist individuell sehr verschieden. Und die Bewusstheit darüber ist ebenfalls sehr verschieden und reicht von völliger Unbewusstheit („Ich mache all das nicht …“) bis hin zu glasklarer Bewusstheit („ICH tue all dies ...“).

 

Von nun an war es leicht für mich, einen ganz anderen spirituellen Pfad sehen zu können – und erfreulicherweise integrierte er all die oben skizzierten Transzendenz-Modelle vom Ich, deren gemeinsame Botschaft stets lautete, dass das Ich irgendwie gestärkt und beibehalten würde. Denn wer sich seiner erzeugenden Fähigkeiten bewusster wird, der wird exakt durch diesen Vorgang gestärkt: Ich-Funktionen, integrative Funktionen, Beobachter-Ich, all das wird noch klarer, noch genauer, noch stärker bemerkt, wenn erzeugende Bewusstheit heranreift.

 

Doch wie wirkt sich erzeugende Bewusstheit auf das Kriterium der Identität aus? In den Modellen der Ichlosigkeit blieb ja schlussendlich nur noch eine Botschaft übrig: Ich-Funktionen werden gestärkt und beibehalten, doch die Identifikation mit diesen Funktionen soll gelockert werden, soll „transzendiert“ werden: „Ich habe Fähigkeiten – ich bin das aber nicht.“ Zu welchem Zweck? Noch einmal: um glückseliger oder ohne Leid leben zu können. – Ich spürte eine aufsteigende Vorfreude in mir an diesem Punkt: Denn erzeugende Bewusstheit integrierte auch dieses Merkmal – völlig mühelos. Wenn Entwicklung bedeuten soll, seine Anhaftungen an seine Ich-Funktionen zu lockern, dann tritt genau dieser Effekt in dem Maße ein, wie ein Mensch sich bewusster darüber wird, ein erzeugendes Wesen zu sein. Warum? Weil er plötzlich den sehr subtilen Unterschied bemerkt zwischen „Quelle“ und „Erzeugnis“ – und es ist diese subtile Differenz, die überhaupt erst ermöglicht, seine funktionalen Fähigkeiten als geistige Erzeugnisse zu erkennen. Was wird man dann sofort ausrufen können? Nun ja: „Ich habe Fähigkeiten – doch ich bin das nicht - Ich bin nicht meine Erzeugnisse. Ich bin die erzeugende Quelle.“

 

Das erzeugende ICH ist die Glückseligkeit.

Plötzlich hatte ich alle oben diskutierten Transzendenz-Modell integriert. Funktionale Ich-Stärkungen und die vorgeschlagene Entidentifizierung von diesen Fähigkeiten – alles geschieht völlig mühelos mit der wachsenden Bewusstheit, ein erzeugendes Wesen zu sein. Ich suchte nach einem schönen, kurzen Begriff für diese Bewusstheit und entschied mich für: ICH-Bewusstheit. Er steht für: „ICH bin es, der in mir aktiv ist. ICH erzeuge meine Erzeugnisse. ICH bin die Quelle. ICH bin nicht meine Erzeugnisse. Sie stammen von mir, ja, doch sie sind nicht mein Wesen.“  Will ich das Momentum der erzeugenden Aktivität stärker betonen, verwende ich auch „IBA-Bewusstheit“ als hinweisenden Begriff („ICH-bin-aktiv“), woraus dann "IBANETIK" als die frohe Botschaft vom aktiven ICH entstand.

 

Dass jeder Mensch ein erzeugendes Wesen ist (und damit, mit der Fähigkeit der Erzeugung, zugleich als ein Individuum, ein Unteilbares, erkannt werden kann), erklärt auch alle geistigen Wirkungen, die medizinische Relevanz haben. Alle Placebo- und Nocebo-Wirkungen werden geistig erzeugt – zumeist so schnell, dass sie dem Akteur unbewusst bleiben. Es ist der eigene, erzeugende Geist, der permanent den eigenen Körper beeinflusst, durch seine erzeugten Konzepte, Glaubensvorstellungen, Gedanken und Gefühle. All dies kann nicht „gesehen“, nicht gewürdigt werden, wenn man in seinen erzeugten Konzepten fest an andere Bilder glaubt, etwa an die Existenz eines „von Faktoren abhängigen Nicht-Ichs“ (mit Betonung auf Nicht-Ich) oder an „Gott macht all das mit dir“ (mit Betonung auf Gott). In beiden Bildern, die natürlich ebenfalls selbst erzeugt wurden, kommt das eigene erzeugende Wesen nicht vor. Und deshalb auch nicht die einzige Kraft, die das eigene Leiden und körperliche Erkrankungen heilen könnte …

 

Deshalb lehre ich mit großer Leidenschaft „ICH-Bewusstheit“. Ich lehre nicht negativen Egoismus, lehre nicht das über andere Menschen mächtige Ich, ich lehre auch nicht Vereinzelung oder Getrenntheit. Wer solches in meinen Worten liest, findet all dies dort nicht – sondern projiziert seine unbewussten Konzepte in meine Botschaft hinein (und erst dann scheinen sie auch dort zu sein). Ich selbst fühle mich so eingebunden in und verbunden mit dem Leben um mich herum UND MIT MIR SELBST wie nie zuvor während meiner irdischen Anwesenheit. Und ich fühle die unfassbare Gottheit in einer nie dagewesenen Stärke und Intensität – gäbe es ein Wort für diese Gottheit, lautete es: „LIEBE“.

 

Ängstliche und unbewusste Menschen fühlen Trennung und Getrenntheit. Menschen, die andere zu Heiligen und Weisen machen („vom Hals abwärts tot …“) fühlen Getrenntheit – denn sie ist ja der Grund dafür, dass ein Heiliger die eigenen Dinge richten soll. Sanft lächelnde ich-lose Meditierende fühlen Getrenntheit: vor allem von sich selbst, von ihrem inneren Reichtum, und natürlich auch von ihrem erzeugenden Wesen – weshalb sie sich noch stärker an ihre selbsterzeugten Konzepte klammern und schnell nervös (und manchmal auch gehässig) werden, wenn jemand an diesen Anhaftungen ein wenig kratzt. Doch Leiden war und ist stets ein fettes Hinweisschild auf eine geistige Beengtheit, die sich weiten und öffnen möchte – was etwas schmerzt, wenn man sich selbst gegen die eigene Öffnung wehrt und weiter anklammert.

Erzeugende ICH-Bewusstheit beendet all dies – und selige Seinsfreude ist die unmittelbare Folge, denn diese Freude ist keine Freude, sondern FREUDE: Sie ist kein geistiges Erzeugnis, sondern die leuchtende Quelle selbst, das eigene Wesen, welches nun befreit von unbewussten Konzepten in seiner erzeugenden Geistigkeit erstrahlt – und völlig frei ist, jedes nur denkbare Konzept zu erzeugen und auch zu glauben. Doch die erwachte eigene Bewusstheit genau darüber verhindert Ich-Anhaftung und bewirkt Ich-Transzendenz: weg vom unbewussten Ich hin zum bewussten ICH.

 

Getraue dich, „ich“ zu sagen. Lebe dich. Erkenne dich. Werde zu einem erzeugenden Wesen. Dann siehst du all dies auch in den anderen – und wirst nie mehr auf die völlig egoistische Schnapsidee kommen, „eins mit allem“ werden zu wollen - ohne all die anderen vorab um ihre Erlaubnis gebeten zu haben. Deine Liebe wird „grenzenlos“ werden, denn du selbst wirst größer sein als alle geistig erzeugten Begrenzungen – und weil du sie nun auch in den anderen sehen kannst, kannst du sie verstehen, mitfühlen und lieben, was hier in jedem Moment geschieht: ICH erzeuge. DU erzeugst. Gemeinsam erschaffen wir unsere Welten. Bewusstheit unterscheidet uns und Vergebung ist vollkommen mühelos, wenn du dir bewusst wirst über deine erzeugende Kraft.

 

Übrigens: Du wirst nirgendwo im geistigen Kósmos irgendeine Form von Hierarchie oder Machtstreben über andere geistige Wesen antreffen. All das sind geistige Konstrukte unbewusster Erzeuger. Es gibt keine Entwicklung hin zu etwas „Höherem“. Es gibt nur eine Entwicklung hin zu dir selbst – und dort erwartet und begrüßt dich freudig lächelnd deine erzeugende Geistigkeit, die aus den Tiefen deines eigenen Wesens schöpft, welches untrennbar durch „magnetische Liebe“ verbunden ist mit der unfassbaren Gottheit.

 

*****

 

Ich dachte, es sei eine gute Idee, all dies mit etwas Leidenschaft als Geschenk in die Welt zu bringen. Ob du es annehmen oder ablehnen willst, hängt von deiner erzeugenden Kraft ab (lacht).

 

Umarmung, Dank und Friede für dein Wesen

 

Carsten Rachow