Das Ich, das ICH und das Wesen


"Als Wesen wurdest du erzeugt.

Als ICH-Wesen erzeugst du selbst.

Als Ich hast du dich geboren.

Alle Ichs wirst du erkennen.

Als ICH wirst du wieder sein.

Gott tötet nicht."

 

Das Ich und das Du

"Ich bin du." - So könnte kein Ich sprechen, auch kein Du, sondern nur Gott: "ICH bin du." Jedes Ich würde sich beim Lügen erwischen, denn jedes Ich erkennt leicht, dass das Ich des Anderen anders ist, es also wahrheitsgemäßer sagen müsste: "Ich bin nicht du - und du bist nicht ich." So spricht die Erde, so spricht der Mensch, und er tut gut daran, diese Unterscheidung vorzunehmen.

 

Doch auch Gott würde, spräche er zu einem Menschen, nicht sagen: "ICH bin du." Denn Gott wäre sich der empfangenden Bewusstheit seines Gegenübers bewusst - und würde wissen, dass Sender und Empfänger nicht identisch sind. Er würde wissen, dass ein wichtiger Teil dessen, was er mitteilen möchte, von der menschlichen Bewusstheit nicht verstanden würde - oder nur in verzerrter Weise. Und deshalb würde er ergänzen: "ICH bin du - du aber bist nicht ICH." Und auch Gott tut gut daran, diese Unterscheidung vorzunehmen. Denn erzeugende Quelle und erzeugtes Erzeugnis sind niemals identisch ...

 

Wer spricht auf Erden, wenn Menschen miteinander reden? Wer ist das sprechende Ich? Wir wissen: Das Ich, was gerade spricht, verändert sich zu Lebzeiten. Das Du, von welchem es sich unterscheidet, verändert sich ebenso. So spricht eine Variable mit einer anderen Variable. Und immer sind beide verschieden. Eine Variable ist, wie schon der Name sagt, nicht statisch, nicht konstant, sondern veränderlich. Eine Variable scheint von Faktoren oder Bedingungen abhängig zu sein - deshalb verändert sie sich. Doch wie geschieht diese Veränderung? Wie wandelt sich das aktuelle Ich? Wie es scheint, wird das sprechende, variable Ich verändert (passivisch) durch diejenigen äußeren Teil-Realitäten, die es erfährt - aber auch von inneren Faktoren (aktivisch), die es ebenfalls erfährt. Wie es scheint, wirken das Innere und das Äußere (eine größere Realität als das aktuelle Ich) gemeinsam verändernd auf das Ich, und es wird dadurch zu einer Variablen (zu einem bedingten Selbst, wie Buddha sagte).

 

Veränderung ist aktivisch und kommt von innen.

Nun schauen wir uns "Veränderung" an. Das Ich "wird verändert" bedeutet, dass es selbst dies nicht tut, sondern durch die Aktivität einer Kraft, die nicht dieses variable Ich ist, verändert wird. Kommt diese das Ich verändern könnende Kraft von außen oder von innen? Bereits das variable Ich kann bemerken, wie es trotz seiner Beeinflussung von äußeren Faktoren ein gewisses Maß an Konstanz an den Tag legen kann: Es kann die äußeren Faktoren bemerken, kann aber zugleich so bleiben, wie es ist. Dies ist ein Hinweis darauf, dass der Ort derjenigen Kraft, die das variable Ich verändern kann, vielleicht nicht von außen, sondern von innen kommt. Viele Menschen machen die Erfahrung, dass mit zunehmendem Lebensalter die äußeren Einflüsse nicht mehr so ein Gewicht haben. Demnach müsste es innerlich, im eigenen geistigen Wesen, eine Kraft geben, die das aktuelle Ich verändern kann. - Diese Kraft nenne ich "das erzeugende ICH".

 

Das ICH ist diejenige Instanz im Menschen, die grundsätzlich alle irdischen Einflüsse und Erfahrungen wahrnimmt. Das ICH ist zugleich diejenige erzeugende Instanz, die veränderte geistige Formen oder Strukturen erzeugt, um sich mit seinem inneren Geschehen möglichst gut an die jeweilige äußere Realität anzupassen. Das ICH erzeugt so zu Lebzeiten die vielen variablen Ichs, die wir von uns kennen - und sie sind allesamt geistige Konstrukte oder Schöpfungen aus dem eigenen Wesen heraus. Diese Erzeugnisse oder Aspekte oder Facetten des wesenhaften ICHs sind allesamt Versuche, das eigene WESEN in der jeweils vorgefundenen Realität sein zu dürfen. In jedem Ich strömt daher immer der Puls des ureigenen ICHs, des eigenen Wesens.

 

Da das ICH erzeugen kann, können auch alle erzeugten Ichs erzeugen. Da im ICH das eigene Wesen pulsiert, pulsiert auch in jedem Ich das eigene Wesen. Jedes Kind-Ich erzeugt seine Gedanken, Bilder, Träume und Wünsche - und dies tut es stets aus seinem pulsierenden Wesen heraus. Nur eines kann das erzeugte Ich nicht: Identitäten erzeugen.

 

Die Identitätskette endet beim Ich.

Die vom ICH erzeugten Ichs sind etwas sehr Besonderes: Sie sind einerseits geistiges Konstrukt, eine Struktur oder Form des ICHs (aus dessen Sicht) - doch sie besitzen auch eine eigene Sicht, eine wirklich lebendige Ich-Geistigkeit. Das Ich eines Kindes weiß nichts vom ICH, es kennt nur sich ALS das aktuelle Ich - doch schon dieses Kind-Ich fühlt sein tieferes Wesen, und dieses Wesen hat sehr viel zu tun mit Unschuld und Liebe und Miteinander. Das Besondere liegt darin, dass das erzeugende ICH jedem seiner variablen Ichs die Fähigkeit zur SELBST-IDENTITÄT mitgibt. Jedes Ich glaubt daher völlig natürlich, es selbst zu sein: "Ich bin ich und nicht du." Diese Mitgift geschieht nicht in der Absicht, eine "Illusion" oder "Täuschung" in der Welt zu sein, sondern um in der Welt überhaupt existieren zu können. Würde ein 5-jähriges Kind kein Ich-Gefühl haben und nicht daran glauben, was wäre es dann? Wir kennen die Antwort: ein strukturloser "Haufen" von Gefühlen und Gedanken, eine gestörtes Ich (ein "Borderline-Kind" ohne gefestigte Ich-Grenzen), unfähig, die Welt mit seinem Wesen zu bereichern.

Das ICH kann das Identitätsgefühl so glaubhaft mitgeben, dass das variable Ich den Unterschied nicht erkennt. Das erzeugte Ich hingegen kann KEINE neue Identitäten erzeugen: Es kann sich zwar vorstellen, Held zu sein oder Heilige, Cowboy oder Indianer, doch innerlich weiß dieses Ich stets, dass diese vorgestellten Bilder keine eigene Identität haben. Die Identitätskette endet beim personalen Ich (und glaubt ein erzeugtes Ich tatsächlich, eine andere Identität erzeugen zu können, wird es stets bemerken, dass dies nicht funktioniert: Rolle ja, Identität nein). Genau dies spüren Menschen immer klarer mit zunehmendem Alter: Sie spüren, wie sie ihr ganzes Leben irgendwelche Rollen, Funktionen, Traumgestalten usw. angenommen haben, doch sie spüren auch, wie ihre aktuelle Ich-Identität davon nicht wirklich verändert wird. Sie spüren den Unterschied zwischen Ich und Rolle - doch die wenigsten spüren den Unterschied zwischen Ich und ICH.

 

Das Wesen zeigt sich.

Nimmt ein Kind-Ich viele ängstigende Eindrücke auf, versucht es (nicht das ICH), sich zu schützen - dabei schützt es nicht so sehr sein Ich, sondern sein Wesen. Es will sich selbst schützen vor Schuld, Hass und Gegeneinander. Dies kann es, weil es selbst erzeugende Fähigkeiten besitzt. Dies tut es, indem es unbewusst eigene Identitäten zu erschaffen sucht (was es nicht kann, weil das erzeugte Ich nur Rollen, Bilder oder Vorstellungen erzeugen kann, nicht aber geglaubte Identitäten): Es schützt sich durch Kleinmachen, durch Weglaufen, was auch immer. Es macht sich selbst zum Mamma-Kind oder Pappa-Kind, zum Zappelphilipp, zum stillen Mäuschen, und all dies stets in dem Bemühen, das Beängstigende, Störende und Verletzende abwehren zu können. Und die ganze Zeit bleibt sein aktuelle Kind-Ich-Identität dabei unverändert - doch die von diesem Ich erzeugten Anpassungsrollen oder Abwehrkonstrukte kommen hinzu, legen sich als geistig erzeugte Strukturen auf das eigene Wesen, welches nur unschuldig, liebend und miteinander agieren möchte. Das Kind-Ich flüchtet sich in Rollen, nicht in eine neue Identität.

 

Doch das erzeugende ICH "hört mit", nimmt alles wahr, was das eigene Ich da so treibt - und eines Tages bemerkt das Kind, wie es sich selbst verändert wahrnimmt (wir nennen das dann personales oder Ich-Wachstum): Irgendetwas IM KIND hat sich verändert - und diese Veränderung kommt vom erzeugenden ICH, ganz leise, kaum bemerkbar, in fließender Weise: Eine neue Ich-Identität, etwas reifer, gespeist aus den gemachten Erfahrungen und gespeist aus dem eigenen Wesen, welches sich stets zeigen will. Mit der Pubertät ist dann ein erster Zeitpunkt erreicht, wo die Erfahrungen des ICHs mit dem Körper und mit der Welt (vermittelt durch die vielen Ich-Identitäten, die bis dahin existierten) ausreichen, um nun eine deutlich veränderte Ich-Identität zu erzeugen - jetzt wird auch von außen leichter erkennbar, welches Wesen dort heranreift. Der Körper wächst deutlich, das erzeugte Ich wächst ebenfalls, und beide zusammen helfen dem ICH-Wesen, noch aktiver in der Welt zu sein.

 

Je weniger Ich, desto mehr ICH.

Wer zum ICH will, wird daher seine Ich-Identitäten erkennen und "loslassen" müssen. Dann wird er immer mehr zu seinem eigenen Wesen (Unschuld, Liebe, Miteinander). Je mehr erzeugte Selbstkonstrukte als erzeugt erkannt werden, umso besser. Je weniger Ich, desto mehr ICH. Dann beginnt das eigene Wesen zu leuchten - und dieses Wesen wird nicht ohne Ich durch die Welt laufen, sondern sich freudig wahlweise mal in dieses, mal in jenes ergießen. Immer aber wird das eigene Wesen leuchten, in Wort und Tat.

 

Um dieses tun zu können, muss das aktuelle Ich aktiv werden. Denn wer ist es, der "seine aktuelle Identität loslassen" soll? Wer ist es, der auf den unerhörten Gedanken kommen muss, sich selbst loszulassen? Wer ist es, der zu Lebzeiten "sterben" soll? Dies ist nicht das ICH-Wesen, sondern das aktuelle Ich. Wer ist es, der sich selbst besser erkennen möchte, der Sehnsucht nach sich hat, der wissen will: "Wer bin ich?" Wer fragt, wer sucht, wer leidet, wer ist verzweifelt, wer wendet sich an Religionen, Gurus, Priester, Therapeuten? Stets ist dies das erzeugte Ich - und was nun passiert, ist ein wahres Wunder in diesem größeren Wunder, welches das Leben selbst darstellt.

 

Das Wunder der "Erlösung"

Denn das aktive ICH hört mit. Das suchende Ich bereitet durch seine Fragen, durch seine Sehnsucht, durch sein Leiden und seine ahnende Bereitschaft dasjenige Wunder mit vor, welches nun passieren kann ("Erlösung"): Nun nimmt das aktive ICH den Glauben des suchenden Ichs, eine Identität zu haben, behutsam zurück. Das ICH hat Identität gegeben, nun nimmt es sie. Die Folge davon ist stets Angst beim Ich. Angst vor der Selbstauflösung - doch das aktive ICH strömt sich auch hinein in das zitternde Ich, und dieses fühlt eine innere Stimme, ein tieferes Vertrauen in den Prozess, der sich hier anbahnt. Das Ich fühlt nun stärker als je zuvor sein eigenes Wesen und beginnt, ihm völlig zu vertrauen - und wird belohnt. Ich-Identität verschwindet - und was nun lebt, im gleichen Körper, ist das aktive ICH, ist das unschuldige Wesen, ist Liebe und Miteinander.

 

Transpersonale und buddhistische Traditionen fassen diesen Prozess häufig so zusammen: "Man muss erst jemand sein, um niemand werden zu können." Doch diese Schulen basieren auf Nicht-Ich-Konzepten. Sie sehen in der Erlangung eines Nicht-Ich-Zustands das "höchste" Ziel. Danach ist ein "Niemand" die vollendete Form des Ich - und das lehne ich freudig ab. Hier meine pointierte Zusammenfassung:

 

"Man muss erst viele Ichs gewesen sein, um ein ICH werden zu können."

 

Dieses nach irdischen Kategorien "identitätslose" ICH kann von außen nicht erkannt werden, denn Menschen benötigen Ich-Identitäten, um einander zu erkennen. Deshalb nimmt das nun anwesende ICH-Wesen gerne und mühelos passende Identitäten kurzzeitig an: Mit diesem spricht es so, mit jenem so. Mal verkörpert es dieses, mal jenes - doch in allen Verkörperungen kann das Wesen als solches bemerkt werden: Seine Freude, seine fehlende Angst, seine Weite, Offenheit, Liebe und Fähigkeit zum Miteinander. Wo das ICH-Wesen agiert, kann Verständnis geschehen - doch gegenseitiges Verständnis ist kein einseitiges Geschehen. Viele Menschen, die noch verankert sind in irdischen Ich-Identitäten, fühlen sich daher sehr wohl in der Nähe eines agierenden ICH-Wesens, doch sie können es nicht richtig "fassen", verstehen, begreifen. Die Schublade der Identität fehlt. Intuitiv fühlen sie Verständnis, doch geistig verstehen sie nicht. Dies wird erst besser geschehen, wenn auch sie begonnen haben, ihre Ich-Identität aufzugeben - und zu einem ICH geworden sind.

 

In Liebe und aus Liebe.

CR