... auf richtiges Bewerten


"Richtiges Bewerten existiert nicht.

Wesenhaftes Bewerten existiert.

Wer richtig bewerten will, sucht im Richtigen.

Wer wesenhaft bewertet, sucht in sich.

Dort wird er auch fündig ..."

 

Der richtige Maßstab ist der falsche ...

Wo ist er? Zeige ihn mir. Richtig für wen, richtig wozu, richtig unter welchen Bedingungen? Zeige ihn mir. Wenn das geltende Recht richtig ist, wieso ändert es sich dann dauernd?

 

Der falsche Maßstab ist der richtige ...

Funktioniert auch nicht. Smart gedacht, diese Umkehrung, hätte ja vielleicht funktionieren können, aber wenn ich doch schon weiß, dass der Maßstab falsch ist, wie könnte er dann ...

 

Halt. Stopp. Ob der Maßstab richtig ist, kann ich nicht wissen - ob er falsch ist, kann ich denn wenigstens das wissen? Oh je ...

 

Die Idee des Maßstabes ist ...

... vielleicht das Problem. Ich kann nicht wissen, ob er richtig ist, ich kann nicht wissen, ob er falsch ist - vielleicht ist ja mit der Idee, es könne irgendwo einen solchen Maßstab geben, etwas faul? Hmmmh ...

 

Wo können Maßstäbe liegen?

Da gibt es zwei und nur zwei Möglichkeiten (eine dritte gibt es nicht): Ein Maßstab kann aus menschlicher Sicht heraus nur außen liegen - oder innen. Wenn er außerhalb von mir liegt, wo liegt er dann? In Büchern, in Gesetzen, in heiligen Schriften, in meinem Mann, in meiner Frau, im Internet, in dem, was die Mehrheit tut - wo verdammt noch mal liegt er bloß? Ach, da fällt mir ein, es spielt keine Rolle, wo er im Außen liegt, denn wo immer er auch liegt, dieses "mein Außen" ist immer und in jedem Fall, bevor es für mich im Außen bemerkbar wurde, im Innen eines anderen gewesen. Lustig, nicht? Jedes Buch ist, bevor ich es in meinem Außen bemerke, die direkte Folge der Gedanken eines anderen gewesen. Jedes Gesetz ebenso. Auch heilige Schriften wurden geistig erzeugt, waren also, bevor sie zur Schrift wurden, in der geistigen Innerlichkeit irgendeines anderen (und wenn dieser behauptet, Gott hätte ihm diktiert, dann war eben dieser Gedanke in dessen Innerlichkeit).

 

Der Maßstab, den ich im Außen suche, war das Innen irgendeines Menschen (oder mehrerer, was strukturell keinen Unterschied macht). Tja, wonach suche ich dann eigentlich, wenn ich im Außen suche? Ich suche die Innerlichkeit. Wenn das kein Witz ist ...

 

Dann sollte ich doch besser gleich in dieser Innerlichkeit suchen. Wohlgemerkt, in einer mir äußerlichen Innerlichkeit (also in einem Außen, dass zuvor Innerliches war). Doch da es sich nicht um meine Innerlichkeit handelt, weiß ich gar nicht, wie ich das machen soll? Ah, fragen ... gute Idee. Das Gespräch mit dieser anderen Innerlichkeit suchen. Prima. Und was bekomme ich dann? Dessen Maßstab, dessen Bewertung - hmmh ...

 

Da könnte ich ja auch gleich meine Innerlichkeit befragen. Wenn das Außen ohnehin Innerlichkeit war - nur eben nicht meine -, was spricht dagegen, dann auch meine Innerlichkeit zu befragen: "Hey, da drinnen, gibt es da einen Maßstab für mich?"

 

Der innere Maßstab

Wo zum Henker finde ich in mir einen Maßstab? Und wenn ich einen fände, von wem stammt er dann - denn ich suche ja "einen" Maßstab und nicht "meinen"? Geht das überhaupt? Oder finde ich in mir immer und stets nur meinen Maßstab? Und, verflixt nochmal, angenommen, das wäre so, angenommen, ich selbst wäre dieser Maßstab, was hätte ich dann? - MICH. Oh je ...

 

Und hier endet die Suche nach allen "richtigen" Maßstäben. Und hier beginnt zugleich die Suche nach dem wesenhaften Maßstab, die Suche nach mir und meinem Wesen. Hier endet die Suche nach richtig und falsch - und hier beginnt die Suche nach "bin ich das" oder "bin ich das nicht"?

 

Sich selbst zum Maßstab zu machen, galt und gilt als des Teufels. Wie kann man bloß? Doch wer spricht so? Wer erkennt sofort negativen Egoismus, Selbstüberschätzung und Anmaßung und warnt davor? Antwort: Egoisten, Selbstüberschätzer und Anmaßende. Auch lustig, nicht? Doch das blicken sie nicht, ist ihnen zu tief oder zu hoch. Denn wer so spricht, wer leugnet, sich selbst zum Maßstab zu machen, der muss erklären, welchen Maßstab er dann genommen hat, um zu seinem Urteil zu kommen? Na ja, dann wird er vermutlich siegessicher lächeln und antworten: "Na, den richtigen Maßstab ..." Aber da waren wir schon mal und da wollen wir nicht wirklich wieder hin, nicht wahr?

Unbewusstheit spricht so. Leute, die unbewusst sind für ihr eigenes Tun, warnen dich davor, dich selbst als Maßstab zu erkennen. Obgleich sie selbst genau dies die ganze Zeit auch tun - nur unbewusst eben. Deshalb müssen sie ja auch dauernd im Außen nach dem "richtigen" Maßstab suchen: Sie verleugnen ihn in sich selbst. Dann kommst du, bekennst dich und legst damit den Finger in ihre unbewusste, aber eiternde Wunde - und wirst gnadenlos verurteilt.

 

Lass dich von den Unbewussten nicht erschrecken, es reicht, dass sie sich selbst dauernd erschrecken.

 

Du bist dein Maßstab.

Folge dir. Anerkenne dich selbst als den richtigen Maßstab - und sonst nichts. Bewerte bewusst - und wenn dich jemand nach deinem Maßstab fragt, sage: "Ich. Ich denke so, fühle so, glaube so. Punkt." - Du wirst das, was du für richtig und angemessen hältst, in dieser Welt nicht immer durchsetzen können (weil andere ja das gleiche Spiel spielen), doch das macht nichts: Damit wirst du leben können. Womit du nicht wirst leben können, ist die lebenslange Suche nach einem Maßstab außerhalb von dir.

 

All dies schreibe ich hier nicht, weil es "richtig" ist. Es kann richtig sein, es kann falsch sein. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich schreibe dies, weil es meinem Wesen entspricht, meiner tiefen Überzeugung (die sich vielleicht schon morgen ein klein wenig verfeinert haben kann). Alle Ethiker oder Philosophen, die versuchen, dem Wesenhaften eine "richtige Form" zu geben (und dabei oft unterscheiden zwischen individueller Moral und kollektiver Ethik), wissen, dass diese Form stets nur eine vorübergehende, kontextuale, bedingte oder relative Form ist. Das Richtige ist bedingt. Das Recht ist relativ. Ethik ist relativ. Werte sind bedingt. Philosophischer Strukturalismus ist relativ. Nur das Wesen ist es nicht - es wurde zwar "individualisiert" erschaffen (in Myriaden verschiedener Formen), doch es ist "unteilbar" und insofern wesenhaft "unbedingt" (abgesehen von seiner Erschaffung). Es würde daher schon viel helfen hier auf Erden, wenn wir in unserer Sprache nicht dauernd nach dem "richtigen Weg" suchten, sondern nach dem bedingt richtigen Weg. Es würde helfen, wenn wir uns nicht fragten, was ist jetzt "richtig", sondern was ist jetzt "bedingt richtig"? Dies würde geistige Erstarrungen schon ein wenig lockern und so manchen bitteren Ernst im Streit um das Richtige in eine höhere Weite entlassen. Dort aber lächelt das Wesen ... 

 

Folge ich meinem Wesen, folge ich eher Eingebungen, Ahnungen, Impulsen als klaren Regeln. Ich folge einem "flüssigen Impuls" - der ich selbst bin, in vielen Momenten sehr verschieden und doch bemüht, in allen Momenten irgendwie "stimmig" anwesend zu sein. Und die anderen, das Kollektiv, die intersubjektiven Normen und Werte? Wo kämen wir denn hin, wenn jeder seinen Impulsen folgen wollte? Nun, wir kämen, entsprechende ICH-Bewusstheit vorausgesetzt, nicht hinein in Chaos, Anarchie und egoistische Willkür. Wir kämen direkt in Kontakt mit dem unsichtbaren "Korrektiv", welches im wesenhaften Impuls bereits existiert und ein sehr, sehr tiefes Wissen um die Belange der Anderen schon in sich trägt. Denn die Liebe weiß um das Du des Anderen, kennt den unsichtbaren Ausgleich, den wir "Gerechtigkeit" nennen und pulsiert unaufhörlich im Bemühen um Ausgleich, Verständigung, Kooperation und Miteinander. Alle Schrecken beruhigen sich vor der Liebe, alle Spaltungen werden geheilt, weil etwas in dir schon weiß um das größere Ganze, um den Sinn der ganzen Schöpfung in dir und um dich herum.

 

Dies ist wesenhaftes Bewerten,

ein Bewerten aus den Tiefen des eigenen Wesens heraus.

 

Woher ich das wissen kann? Nun ja, dann gehe in dich, lausche, fühle - und du wirst eine Antwort erhalten. Diese könnte sogar deine Gesundheit verbessern, wenn du ihr bewusst folgen würdest ...