... auf Regeln, Burka und das liebende Wesen


"Ist die Regel für den Menschen da oder der Mensch für die Regel?

Wenn Regeln den Menschen formen, wer formt dann die Regeln?

Wenn dein erzeugendes Wesen größer ist als jede Regel,

welche Regeln wirst du dann erzeugen?"

(Carsten Rachow)

 

Tiefer: von der Regel zum Geist zum liebenden Wesen

Ich will hier zeigen, dass das erzeugende Wesen eines jeden Menschen "größer" ist als diejenigen Regeln, denen es folgen möchte und die es zum Mitglied einer Regel-Gemeinschaft werden lässt: Die erzeugende Quelle ist größer als ihre eigenen Erzeugnisse. Das Wesen des Menschen ist größer als sein formender und konstruierender Geist. Wir sehen Regeln, doch dahinter agiert stets der denkende Geist und das fühlende Wesen.

Damit bereite ich den Boden vor für eine viel tiefer und freiheitlicher begründete Gemeinschaft aller erzeugenden Wesen. Denn ich bereite eine ethische Freiheit vor, die der Liebe entspringt und die wir nicht werden entdecken können, solange wir nur die Regeln oder die Regel-Gemeinschaften diskutieren. Eine Freiheit, die nicht in der Regel und auch nicht im erzeugenden Geist, sondern einzig im liebenden Wesen jedes einzelnen Menschen zu finden ist.   

 

In allen obigen Bildern sehe ich Menschen, die sich selbst orientieren an bestimmten Regeln. Die verschleierten Frauen, die fundamentalistischen Christen, die eifernden Islamisten, die orthodoxen Juden, die meditierenden Buddhisten, die feiernden Hindus, die diskutierenden Politiker - in allen Fällen sehe ich Menschen, die es mehr oder weniger lieben, sich selbst an bestimmte Regeln zu halten. Wer dies tut, betritt als Individuum sofort einen unsichtbaren Raum der Gemeinschaft: Er wird Mitglied einer Gemeinschaft, die die gleichen Regeln teilt. Diese Mitgliedschaft wird häufig durch Rituale, Zeremonien oder andere Formalien bekundet und damit sichtbar gemacht. Doch es sind nicht die sichtbaren Initiationsrituale oder Anmeldeformulare, die einen Menschen zu einem Mitglied in einer Regel-Gemeinschaft werden lassen, sondern unsichtbare geistige Verbindungen. Die "wahre" Mitgliedschaft liegt nicht im Ritual, sie entsteht schon im Geist. Man ist im Geiste verbunden und wäre dies auch ohne Ritual, ohne Formular. Die unsichtbare geistige Verbindung sind diejenigen Regeln, an die sich das Wesen zu halten versucht. Doch hinter der unsichtbaren geistigen Verbindung liegt noch etwas: das erzeugende Wesen. Und dieses liebt, was es erzeugt, andernfalls würde es nichts erzeugen ...

 

Der Impuls des Wesens: Liebe.

Wozu tut ein Mensch dies? Wozu versucht er, sich an bestimmte Regeln zu halten und damit sofort, ob ihm dies nun bewusst ist oder nicht, Mitglied einer Gemeinschaft im Geiste zu werden? Nun, ich sagte bereits, dass Menschen ihre Orientierung an Regeln "lieben". Damit lieben sie zugleich die unsichtbare Mitgliedschaft. Menschen tun all dies, weil sie selbst liebende Wesen sind. Und das, was sie tun - sich an bestimmte Regeln halten und Mitglied einer Gemeinschaft werden - ist nichts Geringeres als das von ihnen ausgesendete Licht ihrer individuellen Liebe. Deshalb sehe ich in allen obigen Bildern liebende Menschen, die lieben, woran sie glauben und die ihre Gemeinschaft lieben. Und wie könnte ich dagegen etwas einzuwenden haben?

 

Wir alle lieben. Ich auch. Sich an Regeln zu halten, ist nicht das Problem. Gemeinschaft zu finden in einem Regel-Kollektiv ist auch nicht das Problem. Alle integralen Ken Wilber-Fans tun dies, alle Sportler tun dies, alle verfassungstreue Kulturdeutsche tun dies. Auch diejenigen, die sich an gar keine Regel halten wollen, folgen einer Regel (eben dieser) und werden auf unsichtbare Weise Mitglied einer Gemeinschaft. Doch ebenso offensichtlich führt dieses liebende Verhalten immer wieder intersubjektiv zu Streit, Konflikt und Unwohlsein: Menschen diskutieren Burka-Verbote, töten einander wegen ihrer religiösen Zugehörigkeiten, oder - das gleiche Muster - hassen wirklich den Fußball-Fan der gegnerischen Mannschaft. Und all dies nicht nur, weil der Andere Mitglied einer anderen Regel-Gemeinschaft ist, sondern weil dieser Andere in seinem Tun und seiner Gemeinschaft als eine Bedrohung für das eigene Tun empfunden wird. Seltsam, nicht wahr? Überall Liebende, doch überall auch Bedrohung und Kampf. Wie kann die Liebe des Anderen dasjenige bedrohen, was ich liebe? Wo liegt das tiefere Problem?

 

Das Spektrum der Bewusstheit über das liebende Wesen

Das tiefere Problem liegt in der Bewusstheit über das eigene erzeugende Wesen, welches ein liebendes Wesen ist. Menschen können sich ihrer eigenen liebevollen Bindung an Regeln und Gemeinschaften in verschiedenen Graden bewusst sein. Manche bemerken noch nicht eimmal, dass sie irgendwelchen Regeln folgen. Noch weniger bemerken, dass sie erzeugende Wesen sind und ihren eigenen Erzeugnissen folgen. Und praktisch niemand, so scheint mir, bemerkt, dass sein eigenes Wesen liebend und aus dieser Liebe heraus erzeugend ist - denn wer dies in sich wirklich stabil erkannt hat, erkennt dies sofort in allen anderen Menschen.

 

Gemessen an diesem Maßstab, sehe ich ein geistiges Spektrum der Bewusstheit in dieser Frage, welches von total unbewusst bis extrem bewusst reicht. Keine "vertikal" geschichtete Bewusstheit, wo "integral Informierte" ein "höheres" Bewusstsein hätten als all die armen Menschen, die Wilber noch nicht verstanden haben (wie Wilber u.a. meinen), sondern eine Fülle oder ein Miteinander von Bewusstheitsgraden, die sich nur in einem Merkmal unterscheiden: dem Grad der Selbst- oder ICH-Bewusstheit. Wie in einem Regenbogen im Spektrum der vielen Farben nicht blau über rot steht oder gelb besser ist als grün, stehen alle Bewusstheitsgrade völlig "hierarchiefrei" Seite an Seite und bilden gemeinsam den bunten Regenbogen. Analog dazu existieren innerhalb dieses Spektrums Menschen mit individuell verschiedenen Bewusstheitsgraden, die von "Farben-Bewusstheit" bis hin zur "Regenbogen-Bewusstheit" reichen kann (und dies auch tut, wie ich meine): Manche Menschen meinen, überhaupt keine Farbe zu sein, andere glauben nur an ihre spezielle Farbe, andere anerkennen schon zwei oder drei Farben - doch wie vielen ist bewusst, dass sie selbst der Regenbogen sind? 

 

Was also meine ich mit "Bewusstheit"? Bewusstheit worüber? Ich meine einzig und allein die Bewusstheit über die eigenen, persönlichen, individuellen und subjektiven Akte der geistigen Erzeugung. Ich frage daher nicht nur: Wie bewusst bist du dir, dass du Regeln folgst? Ich frage nicht nur: Wie bewusst bist du dir, dass du selbsterzeugten Regeln folgst? Ich frage vor allem: Wie bewusst bist du dir, ein Wesen der Liebe zu sein? Oder, um im Bild zu bleiben: Wie bewusst bist du dir, ein Regenbogen zu sein?

 

Die Unterschiede zwischen diesen Fragen sind die graduellen Unterschiede zwischen Himmel und Hölle, zwischen Glück und Leid. Und deshalb möchte ich hier gerne etwas genauer hinschauen ...

 

Die Regel der Liebe

Ich selbst brauchte einige Zeit, um erkennen zu können, dass ich alles, was ich tue, aus Liebe tue. Meine Wut? Liebe. Meine Gedanken? Liebe. Meine Regeln? Liebe. Meine Traurigkeit? Liebe. Meine Begeisterung? Liebe. Meine Enttäuschung? Liebe. Meine Ängste? Liebe. Meine Liebe? Liebe. Mein Hass? Liebe. Doch all dies kann ich relativ unbewusst oder extrem bewusst tun ...

Und du ebenso. Liebende Wesen erzeugen aus Liebe heraus, was sie erzeugen und tanzen intersubjektiv und kollektiv den "Tanz der Erzeuger", den Tanz der Liebe. Ich umarme dich - aus Liebe. Ich lehne dich ab - aus Liebe. Du umarmst mich - aus Liebe. Du lehnst mich ab - aus Liebe. Doch all dies können wir relativ unbewusst oder extrem bewusst tun ...

 

All dies kann leicht überprüft werden: Jede innerliche Regung oder Aktivität kann auf einen inneren Impuls der Liebe zurückgeführt werden. Jeder Gedanke kann nur deshalb erzeugt werden, weil der innere Impuls "gut, wertvoll, okay" flüstert - weil der Erzeuger diesen Gedanken zu erzeugen liebt. Ebenso Gefühle: Wut entsteht in Folge von Ohnmachtsgefühlen, die in Folge von Gedanken der Sorte "Keine Ahnung, was ich jetzt tun soll" entstehen. Das erzeugende Wesen liebt es aber, erzeugend zu sein, agieren zu können und insofern Mit-Macht zu sein und nicht Ohne-Macht. Ebenso Trauer: Wo Wut oder Zorn als innere Energie nach außen geschleudert werden, um sich von der eigenen Anspannung zu entlasten, wird diese Energie nach innen gerichtet, gegen sich selbst, und das Wesen fühlt dann Trauer. Es betrauert seine Ohnmacht. Viele trauernde Angehörige beweinen nicht so sehr den Weggang des Verstorbenen als vielmehr ihre erlebte Ohnmacht, diesen Weggang nicht verhindern zu können. Und Angst oder Furcht? Angst und Furcht wurden schon immer beschrieben als die "Abwesenheit von Liebe" - doch das trifft es nicht, denn ängstliche Menschen sind nicht ohne Liebe, sie sind voll davon. Sie lieben SICH (sehr wichtig) so sehr, dass sie auf keinen Fall bedroht werden wollen (was wir alle nicht wollen) - doch ihr liebendes Wesen scheut davor zurück, sich robuster und widerstandsfähiger zeigen zu wollen. Ängstliche Menschen glauben, sie würden die Liebe selbst verraten, wenn sie Verhaltensweisen zeigen, die anderen irgendwie schaden könnten. So schaden sie lieber sich. Mehr Liebe geht praktisch kaum. Angst ist eine unbewusste Form der Blockierung des eigenen liebenden Wesens.

 

Deshalb heißt das Heilmittel in allen Fällen auch "mehr erzeugende Bewusstheit". Wer seine Wut aktiv und bewusst erzeugt, sendet mit dieser "dosierten" Erregung sofort einen Impuls der Liebe aus: Diese Wut will dann helfen, nicht zerstören, will anregen, nicht unterdrücken, will kräftig Energie zuführen, nicht wegnehmen. Ebenso Trauer, Angst und alle anderen Emotionen: Werden sie aktiv und bewusst erzeugt, verlieren sie ihren dunklen Geschmack und erscheinen als Ausformungen einer hellen Liebe, die lebendig werden möchte. Kaum einer möchte mehr leben als ein Depressiver - nur weiß er nicht mehr, wie er seine Liebe ausdrücken könnte.

 

Kennt die Liebe eine Regel? Ich habe gezeigt, dass das liebende Wesen des Menschen untrennbar verbunden ist mit seiner erzeugenden Bewusstheit. Mit dieser ICH-Bewusstheit wächst nicht nur die Liebe in der Welt, sondern auch all das, was Liebe wachsen und gedeihen sehen will, zum Beispiel Fülle, Vielfalt, Freude, Individualität und Gemeinschaft.

 

Fülle, Freude, Individualität, Kooperation, Gemeinschaft

Nehmen wir an, alle Menschen weltweit hätten diese meine Sicht auf die Welt. Was hätten wir dann? Nichts Gutes (lacht), denn auf den ersten Blick würden Vielfalt und Fülle nachlassen ("Alle sehen gleich.") und damit Lernerfahrungen, Herausforderungen und Kreativität. Doch stellen wir uns für eine Sekunde vor, es wäre so: Alle Menschen würden individuell recht schnell hineinwachsen in eine dann auch kollektiv gelebte Bewusstheit, die das liebende und erzeugende Wesen des Menschen erkannt hätte - und auf DIESER Basis jedes Anderssein als vollkommenen ICH-Ausdruck wertschätzen würde. Würden Vielfalt und Fülle dann wirklich abnehmen - oder vielleicht sogar zunehmen, weil nun individuelle Ängste vor dem eigenen Selbstausdruck nicht mehr in dem Maße bestehen würden, wie das heute weltweit noch der Fall ist? Ich glaube, ja, die Menschen würden sich "angenommen" fühlen, würden Bestrafung, Unterdrückung, Verachtung usw. nicht mehr so stark fürchten, würden daher noch mehr Facetten ihres Wesens zeigen, kreativer und freudiger agieren.

 

Ich z. Bsp. erfreue mich an allen Tänzen, an allen Erzeugnissen, an allen Regeln, an allen Gemeinschaften. Vielleicht würden wir uns dann alle miteinander erfreuen. Doch stimmt das denn? Erfreue ich mich wirklich am Terror-Tanz der Islamisten, am Nicht-Ich-Tanz der Buddhisten, am Kleider-Tanz der verschleierten Frauen, am fundamentalistischen Tanz um das goldene Kreuz ("Jesus rettet dich"), an den demokratischen Politiker-Tänzen? Oder gibt es eine "Regel der Liebe", die mir erlaubt, mich daran nicht zu erfreuen? Gibt es eine von der Liebe selbst kommende Regel, die mir gestattet zu sagen: "Stopp. Bis hierhin und nicht weiter. Du verstößt gerade gegen die Liebe selbst ..."?

 

Fördere die Bewusstheit der liebenden Erzeugung.

Kennt die Liebe eine Regel, kennt das liebende Wesen eine tiefere Regel? - Um etwas "kennen" oder "erkennen" zu können, benötigen wir alle das, was wir als "Bewusstheit" bezeichnen. Ohne Bewusstheit über etwas kein Erkennen. Ohne Erkennen kein Kennen. Deshalb kennt die Liebe, wie ich zutiefst glaube, wirklich eine Regel: Werde dir bewusster über dein erzeugendes liebendes Wesen! Denn nur dann wirst du dich selbst allmählich offenbaren als ein Wesen der Liebe. Alles Verborgene wirst du dir selbst offenbaren - du wirst dich im Grunde deines Wesens als ein Geschöpf der Liebe erkennen, wenn du nur beginnst, dein erzeugendes Wesen zu erkennen - und dann wirst du immer bewusster als dieses Wesen und aus deiner Liebe heraus erzeugen und leben.

 

Diese "Regel der Liebe" ist - wie leicht erkennbar - keine moralische oder ethische Regel des Kalibers "Tue dieses und jenes tue nicht". Sie ist kein Gebot, welches dich bittet, an bestimmte Regeln zu glauben und an andere nicht. Diese Liebesregel flüstert dir zu: "Folge dir. Du bist bereits die Regel. Erkenne dich als liebendes Wesen und folge deiner Liebe." Ein inneres Flüstern, eine sanfte Orientierung, ein liebendes Gebot, welches dich in jedem deiner Gedanken und Gefühle daran erinnern möchte, wer du bist.

 

So kommt es, dass ich tatsächlich am IS-Terror, an der Verschleierung, an Nicht-Ich-Konzepten, kurz: am ganzen Weltgeschen, die agierende Fülle liebender und erzeugender Wesen ablesen kann. Denn ich sehe hinter all diesen regelgebundenen Formen das schöpferische und liebende Wesen derjenigen, die tun, was sie gerade erzeugen. Doch ich sehe auch den Grad der Bewusstheit bei jeder Erzeugung - UND DARAN ERFREUE ICH MICH NICHT.

 

Ich verurteile den Terroristen nicht wegen seines Tuns. Ich verurteile nicht sein erzeugendes Wesen (von dem ich ja sage, dass es ein liebendes Wesen ist). Ich verurteile auch nicht dessen Bewusstheit - aber ich urteile klar und laut und begründet über seine Bewusstheit. Und deshalb rufe ich allen Regel-Tänzern zu: "Du bist dir über dein erzeugendes Wesen nicht so bewusst, wie du es sein könntest." Dies ist keine Verurteilung des Wesens, dies ist ein Urteil über die anwesende Bewusstheit dieses Wesens. Würde der mordende Terrorist voll und ganz erkannt haben, dass er nicht "göttlichen" Geboten folgt (passivisch), sondern aktivisch seinen eigenen Erzeugnissen, er würde sofort sein Tun verändern. Er könnte nirgendwo mehr Deckung nehmen, keinerlei Alibi benennen, nicht in seiner Gruppe, nicht in den Regeln der Gruppe, nicht bei seiner schwierigen Kindheit, nirgendwo. Er würde glasklar wissen: "Ich bin es, der aktiv erzeugt, was ich tue." Und der Spuk des Terrors wäre beendet ...

 

Und würden wir alle dies tun, welche Welt könnten wir dann gemeinsam erschaffen? Ich wage gar nicht, daran zu denken, wie schön eine Welt sein könnte, wenn bewusste liebende Wesen miteinander tanzten. In Burka, ohne Burka, mit Bibel, ohne Bibel, mit Konzepten oder ohne - all diese Phänomene wären enttarnt als seichte Oberflächen, als Ausformungen liebender Wesen, die einfach nur miteinander spielen und tanzen wollen. Die Regel der Liebe lautet daher nicht: "Liebt einander." Sie lautet: "Werde dir bewusster über dein erzeugendes Wesen und du wirst MICH entdecken in dir. Als du."

 

"Tiefer" fühlen kann ich nicht, weiter sehen auch nicht. Möge Gott meinem erzeugenden Wesen daher gnädig sein, falls ich hier Bullshit geschrieben habe ...