... auf Jesus und Gautama


"Joshua war erzeugend, Gautama ebenso. Was sie erzeugten, entsprang ihrem liebenden Wesen, welche die Quelle aller Erzeugungen ist. Geformt wurde ihre sich zeigen wollende Wesenhaftigkeit durch ihren Geist und ihre Bewusstheit für sich selbst. Der eine identifizierte sich mit seinem Gott, der andere mit seinem Nicht-Ich."  (Carsten Rachow)

 

Die Trennung

Nicht jeder wird mit mir übereinstimmen, wenn ich die Essenz der Botschaften von Jesus und Gautama so zuspitze wie unten. Doch beide Aussagen werden ihren Erzeugern zugeschrieben, scheinen also für eine weitere Betrachtung geeignet zu sein:

 

 

Jesus:"Gott ist. Und Gott ist Liebe."

Gautama: "Leere ist Form. Form ist Leere."

Beide Essenzen scheinen unvereinbar zu sein. Ich habe mich stets darüber gewundert, wie zwei so außergewöhnliche Persönlichkeiten "so weit" auseinander liegen können. Der eine kennt Gott, der andere nicht. Der eine kennt Substanzlosigkeit und Bedingtheit, der andere unbedingte Liebe. Der eine verneint unbedingte Individualität, der andere betont sie mit ICH-BIN-Sätzen.

 

In den überlieferten Lehren lassen sich bestimmt auch viele Gemeinsamkeiten finden; doch die Fundamente beider Botschaften könnten verschiedener und unverbundener nicht sein. Auch ich habe oft versucht, beide Essenzen zu verknüpfen und das verbindende Momentum zu finden, jedoch ohne Ergebnis. 

 

Beide Botschaften hatten und haben Kraft. Milliarden von Menschen wurden berührt, inspiriert und orientierten sich daran. Zwei große spirituelle Bilder, beide unvereinbar miteinander, ziehen die Menschen ihren Bann. Heute würden wir wohl stark verkürzend sagen: Christen hier, Buddhisten dort. Gott im Westen; Leerheit im Osten. Aber auch: Liebe hier, Mitgefühl dort - und eine erste sanfte Berührung beider Botschaften wird spürbar.

 

Mir hat diese Getrenntheit nie gefallen. Doch ich konnte sie nicht überwinden, konnte das größere Gemeinsame einfach nicht entdecken. Dies änderte sich allerdings, als ich mir selbst sagte: "Verlass' die Ebene der Erzeugnisse, der Worte, der Schriften. Betrete die Ebene der Erzeuger."

 

Dort würde ich fündig. Dort leuchtete mir das Gemeinsame so heftig entgegen, dass es mich "packte". Dort konnte ich das Verbindende sehen, die tiefere Einheit dieser beiden großen Bilder, ihren gemeinsamen Rahmen.

 

Das Verbindende

Solange Jesus als Gott gesehen wird und Buddha ebenso, kann nur einer von beiden richtig liegen. Entweder sind dann die geistigen Erzeugnisse Jesu' göttliche Worte - oder die Erzeugnisse Buddhas sind höchste Wahrheit. Beides zusammen geht nicht. Entweder Jesus steht höher oder Buddha. - In diesem Ringen kann es keinen Sieger geben. Es ist ein Ringen auf der Ebene der geistigen Erzeugnisse und dies aus einer (ebenfalls erzeugten) Sicht heraus, die beiden Akteuren Göttlichkeit oder Absolutheit (oder etwas sehr nahe daran) bescheinigt - und das heißt: voraussetzt, davon ausgeht.

 

Ich hätte nichts dagegen, den einen "über" den anderen zu stellen. Ich bin kein Gleichheitsfanatiker, der überall Einheit und Gleichheit findet, weil er sie voraussetzt. Ich hätte nichts dagegen, beide als irgendwie "gleich" zu empfinden. Ich bin kein Hierarchist, der überall Unterschiede des Wertes und des Ranges findet, weil er sie voraussetzt. Ich war und bin offen für beide Optionen - und wollte mich selbst überraschen.

 

Als ich Jesus und Gautama als erzeugende Wesen, als "Quellen", betrachtete, fiel mir sofort auf, dass alle ihnen zugedachten Worte von einer unsichtbaren Energie oder Qualität getragen wurden. Eine Qualität, die unsichtbarer Bestandteil ihrer Botschaften ist. Unsichtbar, aber nicht unbemerkbar. Beide, so scheint mir, machten exakt das, was jede erzeugende Quelle macht: Sie sendet SICH SELBST aus. Wir hören ihre Worte, doch diese sind unter der Oberfläche der hörbaren Symbole getragen von einer Qualität, die aus der Quelle selbst kommt. Jesus fügt jedem Wort etwas von seinem Wesen hinzu - und Gautama ebenfalls. Doch was könnte das sein, diese Qualität des eigenen Wesens?

 

In den Erzeugnissen verschieden und unvereinbar - als Erzeuger ähnlich und vereint? Wie ein Blitz durchfuhr mich die Idee, dieser Spur weiter zu folgen ...

 

Das liebende Wesen und seine erzeugende Bedingtheit

Wenn Jesus über die Liebe und von der Liebe spricht, spricht er von seinem eigenen Wesen. Exakt das tut Gautama: Wenn er von Substanzlosigkeit spricht, spricht er von seinem Wesen. Beide senden SICH aus - beide senden aus, was sie selbst innerlich als anwesend, existierend und wirkend bemerkten. Was sie dort bemerkten, ist, wie ich glaube, tatsächlich vorhanden ("ontologisch real", philosophisch gesprochen) - was sie dann aussprachen, ist ihr geistiges Erzeugnis.

 

Jesus betont nicht "die Liebe" - er betont SEIN liebendes Sein. Er betont Liebe als sein eigenes Wesen. Gautama betont nicht "die Bedingtheit" - er betont SEINE eigene Bedingtheit. Er betont "Bedingtheit" als seine eigene abhängige Verbundenheit. Zwei große Bilder, die sich nicht nur berühren, sondern herzlich umarmen, denn jetzt fehlt nur noch ein kleiner Schritt: Wir haben einmal die Liebe als das Wesen des eigenen Seins - und wir haben zum anderen die große Verbundenheit oder das ewige Miteinander des eigenen Seins. Wir haben, nun beide zusammen genommen, "liebende Wesen im Miteinander". Wir haben "verbundene Wesen der Liebe".  Und wir haben - meine Ergänzung - noch mehr: erzeugende Wesen, individualisierte Wesen, untrennbar miteinander verbunden. Wir haben erzeugende Vielfalt-in-Einheit. Wir haben erzeugende ICHs in Einheit. Erzeugende ICHs, deren Wesen Liebe ist und die stets nur miteinander, in Einheit, ihr Wesen voll und ganz ausdrücken und dadurch eine tiefere, umfassender Einheit erleben können.

 

Diese Vereinigung von Jesus und Gautama ruht in ihrem Wesen, nicht in ihren Worten. Beide senden nicht "Etwas" aus sich heraus, sondern SICH, ihre individualisierte, gebundene, liebende Natur. Der eine betont das liebende Wesen, der andere seine Eingebundenheit. Der eine hat sich selbst als Liebe erkannt, der andere sich selbst als "von Faktoren abhängig". Wenn wir beide Wesensbilder vereinen, entsteht das größere Bild. Und in diesem größeren Bild blitzt plötzlich auf, was über beiden (und über uns allen) steht: Diejenige Quelle, die BEIDES ermöglicht - Liebe und Miteinander. Diejenige Quelle, die Erzeugung ermöglicht, weil sie selbst erzeugt. Diejenige Quelle, die Bedingtheit und Einheit ermöglicht, weil sie selbst die Bedingung aller Bedingungen und die Einheit ist: die Gottheit, der Vater,  der Atman-Brahman der indischen Upanishaden.

 

Ich spreche dieses größere Bild aus dem Herzen meines Wesens aus: GOTT ist Liebe und Geist, erzeugt Myriaden einander bedingender ICH-Wesen, die ebenfalls erzeugen, und sich in Vielfalt-als-Einheit beeinflussen - und beide, Jesus wie Gautama, finden darin ihren angemessenen Platz.

 

Und du auch, nicht wahr?