... auf Ethik: Wie soll ich mich verhalten?


"Die Ethik sucht nach etwas, was sie nicht finden kann (und hat deshalb permanent Kopfschmerzen). Sie sucht nach einem Maßstab, einem Kriterium, einer Orientierung für menschliches Verhalten, für gutes und schlechtes Verhalten. Sie möchte helfen, diejenigen Fragen zu beantworten, die jeder Mensch nur allzu gut kennt: Was soll ich jetzt bloß tun? Wie soll ich mich verhalten? Tue ich das Gute, tue ich das Richtige?"

 

Alte Sichten und das Dilemma der Ethik

 

 

"ICH-Bewusstheit ist wichtiger als Ethik."

(Carsten Rachow)

 

 

 

Eine sichere Letztbegründung gibt es nicht. Ein absoluter, höchster, objektiver Maßstab wurde nie gefunden und wird nie gefunden werden. Viele Menschen leiden bei ihren Entscheidungen an dieser Ungewissheit. Nirgendwo eine Orientierung, ein Fixstern, ein Halt - und der pseudo-spirituelle Vorschlag, dann doch überhaupt keine Urteile oder Entscheidungen mehr zu treffen, hilft auch nicht wirklich, weil erstens auch dieser Vorschlag die Folge eines bewertenden Urteils ist und nicht wissen kann, ob damit nun Gutes oder Schlechtes bewirkt wird und weil zweitens jede geistige Aktion damit "getötet" oder unterdrückt würde. Doch der lebendige Geist kann nicht unterdrückt werden - ein Leben in meditativer Gedankenlosigkeit ist kein Leben, sondern Qual.

 

Ich wundere mich darüber, dass die herkömmlichen oder "alten" Sichtweisen auf Ethik angesichts ihrer konsequenten Ergebnislosigkeit nicht längst auf die Idee gekommen sind, die Blickrichtung zu verändern. Wenn der Dalai Lama mit seinem Satz "Ethik ist wichtiger als Religion" meint, die Suche nach dem ethischen Maßstab sei wichtiger als traditionelle Religionsausübung, dann bin ich ganz bei ihm. Das "gute Kriterium" zu entdecken, das wäre was, nicht wahr?! Wenn er aber meint, dieses Kriterium durch kollektives, demokratisches oder "mitfühlendes" Nachdenken irgendwo in einer Regel, einem Gebot oder gar einer Vorschrift ausdrücken zu können, dann werde ich ihm nicht folgen können. Denn wonach er vielleicht sucht, das steckt bereits in ihm - und wie könnte der Mensch selbst in eine Regel gegossen werden ...

 

Der Weg hinaus ist der Weg hinein.

Es gibt einen Weg hinaus aus dem Dilemma des fehlenden Kriteriums, der fehlenden Letztbegründung. Er führt nicht zu einer plötzlich auftauchenden "höchsten" Letztbegründung, nicht zu einem in Stein gemeißelten höchsten Kriterium - all dies existiert nicht. Er führt zu einer "Erst-Begründung", um in der Sprache zu bleiben. Er führt dorthin, wo geistige Akte geschehen, wo Urteile und Entscheidungen erzeugt werden. Er führt mitten hinein in den Geist, in sein Wesen, in seine Natur. Und er endet auch dort: im Momentum des erzeugenden Aktes. Dort, nirgendwo anders, löst sich alles ethische Ringen, alles ethische Suchen ganz einfach auf in ein befreites Erkennen, in ein zutiefst freudiges Erahnen. Dort leuchtet das Gute, ohne Pause, in jedem erzeugenden Akt.

 

Deshalb sollten wir dort einmal hineinschauen, nicht wahr? Ach, und ich sollte vielleicht vorausschicken, dass meine Ausführungen für die Zartbesaiteten unter uns anfänglich stark nach "Egoismus" duften könnten (nach dem garstigen, negativen) und bei manchem daher tiefsitzende Ablehnungen antriggern werden. Doch dieser vermeintlich negative Egoismus wird sich allmählich verwandeln in köstliches Rosenwasser und seinen verborgenen Geschmack freisetzen, und dieser wird nach Liebe schmecken, nach Mitgefühl, Freude und Freiheit, Sicherheit und tiefer Geborgenheit. Ich sage das hier nicht, weil es so sein könnte - ich sage dies, weil es so ist (lacht ...).

 

Erzeugende Akte können bemerkt werden.

Der Geist in dir ist zur Erzeugung fähig. Er erzeugt Gedanken, Bewertungen, Entscheidungen. Jede geistige Aktion ist die "Teilung eines Urgrundes" - ist ein "Ur-Teil", ein aus dem eigenen Urgrund hervorgebrachtes Teil. Jeder Gedanke entspringt diesem Urgrund, der du selbst bist. Jede Bewertung entspringt diesem Urgrund. Jede geistige Aktion ist ein "Ausdruck" dieses Grundes, eine Facette, ein Lichtstrahl, ein Erzeugnis. Der Urgrund, der sich in jeder Aktion zeigt, bist du. All dies bedeutet: Du zeigst DICH in deinen geistigen Erzeugnissen. Du drückst etwas von deinem Wesen aus.

 

Wenn das Wesen dieses Urgrundes nun "schlecht" ist, würdest du bei jedem erzeugenden Akt diese wesenhafte Schlechtigkeit spüren können - und jedes deiner geistigen Erzeugnisse hätte dann auch diesen faden Beigeschmack von Schlechtigkeit. Wenn aber das Wesen dieses Urgrundes "gut" ist, würde jede geistige Aktion genau danach duften: Jede Erzeugung wäre dann ebenfalls gut. Wie kannst du nun herausfinden, wonach dein Wesen duftet, welche Qualität ihm innewohnt? Bist du Kind des Teufels oder Gottes? Bist du erzeugende Dunkelheit oder aussendendes Licht? Bist du wesenhaft schlecht oder gut?

 

Nun, du kannst dies herausfinden (sagte ich nicht, dass scheinbarer Egoismus sich allmählich verwandeln wird in Rosenwasser?) - es ist möglich! Dazu benötigst du nicht mehr als eine wache Bewusstheit, die auf dich gerichtet ist. Dann ERZEUGE. Erzeuge irgendeinen Gedanken. Oder stell dir irgendeine Entscheidungssituation vor, meinetwegen: "Soll ich jetzt denken oder nicht-denken?" (lacht). Dann wähle aus, entscheide dich, treffe ein Urteil - und achte dabei nur auf den Akt der Entstehung dieses Urteils (und nicht so sehr darauf, was du gewählt hast). Achte nur darauf, wie du fähig bist, diese Wahl zu treffen, dich zu entscheiden. Und dann frage dich sofort: "Wie konnte ich das erzeugen? Was war in mir: Schlechtheit oder Gutheit? Welche Energie trägt meinen erzeugenden Akt?"

 

Neue Sicht: ICH-Bewusstheit nimmt subtilste Strömungen wahr.

Diese Form der auf sich selbst gerichteten Bewusstheit nenne ich ICH-Bewusstheit (oder auch IBA-Bewusstheit: IBA steht für "ICH-bin-aktiv".) Sie sollte trainiert sein, nur dann wird sie fähig sein, sehr feine, sehr subtile Strömungen wahrzunehmen. Wenn du noch nicht fähig sein solltest, deine eigenen Gedanken zu beobachten, musst du zunächst diese Fähigkeit trainieren. Erst danach wirst du allmählich immer subtilere Strömungen wahrnehmen können (meine Wachheit ist nach 20 Jahren Meditation so trainiert, dass ich z. B. auch einzelne Lichtphotonen wahrnehmen kann - eine Fähigkeit, die erst kürzlich wissenschaftlich bestätigt wurde, von der ich aber schon seit Jahren im IBA-Heilkreis berichte, siehe dazu:

http://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/medizin/das-menschliche-auge-kann-ein-einzelnes-photon-sehen-13372338).

 

Die trainierte ICH-Bewusstheit spürt glasklar, dass jeder erzeugende Akt von einem sehr feinen Impuls "getragen" oder ermöglicht wird. Ohne diesen Impuls keine Erzeugung, nur Stille, nur Gedankenleere, keinerlei Aktivität (außer der anwesenden Wachheit des Bewusstseins). Dieser Impuls ist sehr fein, ist eine minimale Eigenbewegung oder eine extrem zarte Regung im eigenen Geist und setzt kurz vor oder mit dem Auftauchen eines Gedankens ein. Es ist, als ob dieser Impuls den Gedanken "tragen" würde. Ich erzähle meinen Kursteilnehmern seit Jahren, dass sie fähig sein werden, ihre Gedanken schon vor ihrer Entstehung ganz schwach zu bemerken, wie ein diffuses Gemisch aus vielen Optionen, die an die Oberfläche strömen wollen. Die Forschungen von Benjamin Libet zum "Conscious Mental Field" bestätigen meine Hinweise (siehe: "CMF - das Conscious Mental Field").  

 

Ich habe leider kein passendes Wort, um diesen "tragenden" Impuls zu beschreiben, denn dieser Impuls gleicht reinstem Wasser, scheint "flüssig" oder "oszillierend" zu sein und zeigt sich in jedem erzeugenden Moment mit einer etwas anderen Intensität. Sicher weiß ich nur, dass er existiert und "formlos" ist, also nicht als Symbol oder Bild auftaucht. Dieser Impuls ist formlos, aber nicht qualitätslos. Vielleicht ist "Gutheit" ein passendes Wort für diesen tragenden Impuls, vielleicht "Liebe", vielleicht ganz neutral "Energie" - doch in jedem Falle handelt es sich dabei um ein wesenhaftes Phänomen, welches im eigenen ICH-Geist lebendig wird. Da nun jedes erzeugende ICH immer in anderen Kontexten und verschiedenartigen Momenten agiert (Momente sind niemals identisch), agiert auch diese Energie in jedem ICH anders und ich bezeichne sie insofern als individualisierte Impuls-Energie oder Träger-Energie. Diese Energie hat einen ganz feinen Geschmack, eine Qualität: Sie schmeckt nach Gutheit. Ich denke, dass sich hier eine alles transzendierende und allen Wesen immanente GUTHEIT in der individuellen Form regt. Im Akt der Erzeugung regt sich auf individualisierte Weise eine transzendierende und das komplette Sein umfassende und durchdringende "Wesenheit" mit ihrer Wesensqualität - und "Gutheit" als nun schon bedingte Ausdrucksform ensteht in uns aus diese unfassbaren unbedingten LIEBE heraus. Wir alle agieren aus LIEBE heraus als liebende Wesen, selbst dann, wenn wir nicht lieben ...

 

Neue "Erstbegründung": Jedes Erzeugnis ist wesenhaft gut.

Diese "gute Qualität" ist natürlich in jeder geistigen Form eine relative, eine bedingte Gutheit, keine absolute. Und diese relative Gutheit in mir zeigt sich in bemerkbarer Weise in und mit jedem Moment einer Entscheidung. Bei jeder Bewertung, bei jedem Urteil, selbst bei jedem Nicht-Urteil zeigt sich diese relative Gutheit (weil Nicht-Urteile auch Urteile sind). Sie zeigt sich im Tun ebenso wie im Nicht-Tun, in der Aktivität ebenso wie in der Passivität (weil Nicht-Tun und Passivität aktiv herbeigeführt werden müssen). Sie zeigt sich dadurch, dass sie den Akt der Entscheidung erst ermöglicht. Ohne innewohnende Gutheit könnte kein geistiges Wesen auch nur eine einzige Abwägung vornehmen, auch nur eine einzige Bewertung durchführen. Selbst ein nur dumpfes, unbestimmtes Gefühl der Hinwendung oder Abwendung wäre nicht möglich, gäbe es nicht einen inneren Sensor, eine innere Matrix, eine innere Grundschwingung, an der sich das Gefühl orientieren könnte. Schon einzellige Lebewesen agieren auf dieser Basis ...

 

Jedes Urteil, jede Entscheidung, jede Bewertung, egal welchen Inhalts, ist daher eine gute Bewertung. Jede Entscheidung ist gut. Sie ist ihrem Wesen nach gut - der Akt der Entscheidung setzt Gutheit voraus. Die spätere Bewertung einer bereits getroffenen Entscheidung kann zu einem negativen Urteil kommen - doch dabei wird oft vergessen, dass das spätere Urteil rückblickend aus einem anderen Momentum heraus entsteht und insofern Äpfel mit Birnen abgleicht.

 

Neue Ethik: Vom ICH-will zum Auch-DU-willst

Im Moment der Entscheidung ist jede Entscheidung gut, sonst würden wir sie nicht erzeugen können. Der an einer Regel interessierte Ethiker fragt: "Soll ich küssen oder ohrfeigen?" Der am eigenen Impuls interessierte ICH-Bewusste fragt hingegen: "Will ich küssen oder ohrfeigen erzeugen?" Der Ethiker fragt nach einer Vorschrift, einer Norm, einem Maßstab - der ICH-Bewusste nach seinem Wollen, seiner Absicht. Der Ethiker sagt: "Küssen ist besser als ohrfeigen." Der ICH-Bewusste sagt: "Was ich will, ist gut: Küsse ich, tue ich Gutes. Ohrfeige ich, ebenso." Mir ist bewusst, wie absurd und egoistisch (im negativen Sinne) dies auf den ersten Blick klingt. Doch es wird genau dieses bewusste "ICH-will" sein, dass den Weg öffnet für eine Ethik, die auch das erzeugende Wesen des Anderen glasklar im Blick hat.

 

Es handelt sich dabei um eine Ethik, die nicht auf der Ebene der Erzeugnisse, der Gedanken oder der Bewertungen irgendeine Letztbegründung finden möchte (das unmögliche Projekt "Weltethos"), sondern auf der geistigen Ebene der Erzeugung eine fundamentale Erstbegründung offenlegt. Und auf diesem Fundament kann nun ein sicheres "gutes Haus" erbaut werden ...

 

Hat der geschulte ICH-Geist erst einmal erkannt, das er bei jedem erzeugenden Akt einer innewohnenden Träger-Energie mit guter Qualität folgt, dann erkennt er SOFORT, dass genau dieses dann auch für jeden anderen Menschen gilt. In einem Menschen mit IBA-Bewusstheit erwacht SOFORT die Erkenntnis: "Wenn mein bewusstes Wollen stets gut ist, dann will auch der Andere stets Gutes." Die Betonung liegt hier auf "bewusst", denn neben dem bewussten Wollen existiert auch ein weit verbreitetes unbewusstes Wollen. Mit dieser Sicht bahnt sich eine Ethik an, die vom "ICH-will-Gutes" ausgeht und beim "Auch-Du-willst-Gutes" landet.

 

Das unsichtbare ethische Korrektiv

Dies nur als schnelle Einführung, als provozierende Hinweise. Nun will ich zeigen, dass im menschlichen Geist ein erstaunliches "Korrektiv" eingebaut ist, wenn die Bewusstheit für das eigene ICH hinreichend entwickelt ist. Dieses Korrektiv wird erst dann lebendig, wenn die Bewusstheit für das eigene ICH zugleich eine Bewusstheit für das eigene erzeugende Wesen ist. Erst dann, wenn ein Mensch voll und ganz erkannt hat, dass er von Moment zu Moment aktiv erzeugend ist, erst dann wird dieses Korrektiv lebendig. Es wirkt dann wie eine unsichtbare geistige "Hand", wie ein unsichtbares inneres Wissen, wie ein superfeiner Magnet, der deine aktiven Erzeugnisse in eine bestimmte Richtung orientiert - IN JEDEM MOMENTUM. Dies bedeutet: Je nach Lage, je nach Kontext, je nach Situation folgst du möglicherweise völlig verschiedenen Entscheidungen - doch INNERHALB des Momentums folgst du stets dem gleichen Impuls einer alle Entscheidungen tragenden Gutheit.

 

Wer jedoch eine Bewusstheit entwickelt hat, die das eigene ICH negiert oder die glaubt, Gott höchstselbst würde durch den eigenen Geist agieren, erzeugen, denken und sprechen, der wird alles Skizzierte nicht entdecken, weil er SICH dann nicht entdeckt. Und er wird auch das unsichtbare Korrektiv nicht bemerken.

 

Dieses Korrektiv zeigt sich umso stärker, je stärker die ICH-Bewusstheit entwickelt ist. Dieses Korrektiv führt dazu, dass bestimmte Handlungen, Entscheidungen oder Bewertungen, die auf der Ebene der Gedanken problemlos vorgenommen werden können, nicht vorgenommen werden. Wie eine unsichtbare "Sperre" sorgt dieses ethische Korrektiv dafür, dass die immer guten Akte nicht beliebig ausfallen, sondern gerichtet - aber, noch einmal, nur dann, wenn Bewusstheit für die eigenen Akte vorliegt. Liegt stattdessen Unbewusstheit vor, sind alle erzeugten Akte immer noch gute Akte, doch sie sind dann auch innerlich "unkorrigierte" Akte - und es sind weltweit diese geistigen Akte, die Übel und Leid verursachen. Wenn hier einer glauben sollte, dass etwa Kriege nicht durch anderes Denken vermieden werden könnten, soll er sich bitte fragen, ob Kriege nicht erst durch Denken erzeugt wurden - und zwar durch das unbewusste, innerlich nicht-korrigierte Denken.

 

Exkurs: In vielen AKEs oder NTEs (außerkörperliche Erfahrungen und Nahtoderfahrungen) berichten Menschen von einem "Lebensfilm", den sie extrem bewusst erleben. Dabei werden sie nicht von außen verurteilt - sie urteilen selbst. Ihnen wird "etwas" bewusster, was ihnen vorher nicht so bewusst war. Diese durch den Lebensfilm induzierte neue Bewusstheit geht einher mit einer plötzlich auftauchenden Frage. Diese Frage lautet nicht: "Siehst du nun, was du getan hast?" Diese Frage lautet in Ich-Sprache: "Was habe ich getan?" Alles, was mit dem Lebensfilm bezweckt wird, ist ein zusätzliches Erkennen, Begreifen, Verstehen - mehr nicht. Oder doch? Gibt es für diese zusätzliche Bewusstwerdung einen Zweck, eine Absicht? Sicher gibt es sie, und alle solchermaßen Beschenkten sprechen dies auch aus: "Jetzt weiß ich, was ich Gutes oder Schlechtes angerichtet habe. Jetzt weiß ich, was ich anders machen werde. Jetzt kann ich mich selbst korrigieren. Jetzt erkenne ich das Wirken der Liebe ..."

 

Ein Beispiel soll verdeutlichen, was ich mit diesem unsichtbaren Korrektiv meine: Ein denkender Ethiker (oder ein philosophierender Relativist) könnte locker denken: "Töten oder Nicht-töten? Was ist besser?" und zu dem Ergebnis kommen, dass je nach Kontext durchaus beide Optionen "gut" sein könnten (folgerichtig ist töten als Akt der Notwehr auch nicht strafbewehrt). Er würde das ethische Gewicht vom Kontext, von der aktuellen Lage, abhängig machen - und dann kann durchaus mal dieses und mal jenes gewichtiger sein.

Ein IBA-Bewusster würde dem zunächst zustimmen, da beide Akte, sowohl das Töten wie auch das Nicht-Töten, geistige Erzeugnisse und insofern "gut" sind: Jedes Erzeugnis ist wesenhaft gut. Doch ein IBA-Bewusster würde auch um das unsichtbare Korrektiv wissen: "Ah, jetzt weiß ich, was ich zu tun habe ..." und daher sagen: "Nicht-Töten ist besser als Töten - und zwar in jedem Kontext." Er würde lieber um der Liebe willen sterben als jemanden zu töten. Sein Urteil würde einem kontextunabhängigen inneren Impuls entspringen: "Übe keine Gewalt über andere aus, aber walte mit anderen". Sein Urteil käme nicht aus der Ebene des Denkens, nicht aus der Ebene des Gefühls, sondern aus der "tieferen" Ebene des intuitiven, inneren Wissens. Es käme mit dem erzeugenden Akt an die Oberfläche, käme gemeinsam mit dem "guten Erzeugnis" in den menschlichen Geist und käme als bereits ausgerichteter Impuls - und all dies nur dann, wenn die erzeugenden Akte aus einer wachen ICH-Bewusstheit heraus aktiv erzeugt werden.

 

All dies mutet unerhört an, sprengt das menschliche Denken und scheint kaum praktikabel zu sein. Ist nicht die Selbstverteidigung des eigenen Lebens geboten, wenn mich jemand töten will? Ja, selbstverständlich. Dann kämpfe um dich und dein Leben. Werde ich verurteilt, wenn ich dabei absichtlich oder versehentlich meinen Gegener töte? Nein, wirst du nicht. Nicht von irdischen Gerichten ("Notwehr") noch von himmlischen Gerichten. Doch du wirst selbst über dich urteilen - und dein Wesen wird deine Handlung nicht vergessen und nicht bejubeln wollen. Niemals wirst du mit leuchtenden Augen davon berichten, wie du erfolgreich um dein Leben kämpftest und dabei den Anderen getötet hast. Diese Seelen-Wunde wird geheilt werden, denn du und dein Kampfpartner, ihr werdet euch begegnen, in einer anderen Welt, werdet euch schweigend umarmen, sofort wissen und vereint sein durch die innere Liebe eures Wesens und eingehüllt von einer LIEBE, die euch sanft, aber unmissverständlich führen wird.

 

ICH-Bewusstheit ist wichtiger als Ethik.

Wer im Bewusstsein, ein erzeugendes Wesen zu sein, in jedem Moment agiert, agiert zugleich ausgestattet mit diesem ethischen Korrektiv. Er agiert liebend. Doch zeigt sich diese wesenhafte Liebe je nach Kontext in verschiedenen Formen: Diese Liebe kann streicheln, kann wütend werden, kann flüstern oder laut werden, kann annehmen und ablehnen. Da sie jedoch stets aus der Bewusstheit "ICH-will-Gutes und Auch-DU-willst-Gutes" heraus agiert, wirkt sie nicht verletzend, sondern helfend. Unbewusste Wut verletzt - bewusste Wut hilft. Unbewusster Ärger verletzt - bewusster Ärger hilft. 

 

Die tragende Impuls-Energie, von der ich oben sprach, fließt durch und mit der wachen Bewusstheit hinein in alle geistigen Erzeugnisse. Dann wird auch Wut (und jede andere Regung) von ihr getragen und dadurch zu einer guten Wut, zu einer guten Ausdrucksform einer Liebe, deren Facetten unfassbar sind.

 

Deshalb ist ICH-Bewusstheit wichtiger als Ethik. Das Wesen ist wichtiger als Regeln. Schon Jesus brach die strengen Sabbath-Gesetze. Das eigene Wesen finden bedeutet, das innewohnende Gute zu finden. "Fürchte dich nicht" bedeutet: "Fürchte dich nicht vor deinem Wesen, denn es ist zutiefst gut. Fürchte dich nicht vor deinen Urteilen, denn sie sind wesenhaft gut. Fürchte dich nur vor deiner Unbewusstheit." Doch dazu muss man es erst entdecken, dieses eigene Wesen, und ICH-Bewusstheit ist der einzige Weg dorthin.

 

Die Dilemma der Ethik wird nicht durch definierte gute und schlechte Werte gelöst - es wird gelöst durch die Veränderung von agierender Unbewusstheit hin zu erzeugender ICH- Bewusstheit.

 

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Dies ist, was ich kurz loswerden wollte. Noch so vieles könnte ich berichten, doch für heute soll es genug sein. Doch wer ohne allzu große Einengungen und Vorurteile gelesen hat, der hat vielleicht schon bemerkt, dass ich das nächste Thema schon vorbereitet, schon eingeschmuggelt, angedeutet und berührt habe:

 

ICH-Bewusstheit ist wichtiger als Ethik.

Liebe ist wichtiger als ICH-Bewusstheit.