... auf die Existenz eines buddhistisch bedingten "ICHs"


"Gautama und später Nagajurna haben uns ein großes Geschenk gemacht: Ihre Sichten auf das "bedingte Entstehen" der Dinge und Phänomene legen wichtige Fundamentalbedingungen des Seins offen. Doch da es sich bei diesen Sichten um erzeugte Sichten handelt, sehen auch diese beiden nicht das ganze Bild (niemand sieht das), sondern nur Teile davon, Aspekte.

 

Ein kleines Mosaiksteinchen möchte ich deshalb gerne hinzufügen: Eine theoretische Erklärung, warum das "ICH" existiert. Neugierig? Bitte schön ..."  


Bedingte Bedingungen, überall.

„Bedingtes Entstehen“ ist eines der Zentralargumente der buddhistischen Philosophie, und ich unterstütze diese Sicht. Nirgendwo existiert etwas ohne bedingende Faktoren. Nagajurna spricht daher zutreffend allen Dingen eine "unbedingte" Eigenexistenz, ein unabhängiges Eigensein, komplett ab. Die Dinge (oder dharmas) sind nicht ein „Selbst“ – aber auch kein „Nicht-Selbst“. Weder das eine noch das andere …

Bestätigt wird diese geistige Sicht in der Moderne durch die Quantenphysik, die "ganz unten", in den subatomaren Bereichen, Ähnliches entdeckt, nämlich überall wenigstens ein 3-Komponentensystem, bestehend aus zwei Objekten plus deren Wechselwirkung - und keine dieser Komponenten kann technisch irgendwie isoliert werden, aber auch geistig nicht isoliert betrachtet werden. Zu haben sind alle drei nur gemeinsam, niemals aber getrennt. Überall Bedingungen, Faktoren, Wechselwirkungen ...

 

Das negierte bedingte Selbst

Philosophisch wurde daraus der Schluss gezogen, dass auch ein „Ich“ nur existieren kann im Rahmen seiner Bedingungen und seiner Wechselwirkungen mit eben jenen bedingenden Faktoren - nicht aber unabhängig davon, quasi "aus sich selbst heraus". Gedankliche Direktive: Entferne die Faktoren, und es gibt kein Ich mehr, keine unabhängige Eigenexistenz. Insofern scheint es naheliegend zu sein, bei strenger Betrachtung das "Ich" oder "Selbst" als etwas Illusionäres zu erkennen und, noch besser, sich von dieser Selbst-Illusion möglichst schnell zu verabschieden. Weg vom Ich, weg vom Ego, weg vom Selbst ... alles maya, Täuschung, Illusion.

 

Den ersten Teil dieser Sicht begrüße ich ("keine unabhängige Eigenexistenz") und nenne diese Sicht eine „negierende Sicht“. Denn sie fragt: Was ist, wenn Faktoren nicht sind? Antwort: keine Eigenexistenz. Den zweiten Teil dieser Sicht ("illusionäres Ich, weg davon ...") begrüße ich nicht. Und hier nun beginnt mein kleines Mosaiksteinchen, welches ich gerne hinzufügen möchte ...

 

Das bejahte bedingte Selbst

Die Frage, die nicht gestellt (oder nicht beantwortet) wurde, entspringt einer Sicht, die ich „bejahende Sicht“ nennen möchte. Sie fragt positiv: Was ist, wenn Bedingungen sind? Antwort: bedingte Eigenexistenz. Dies ist offensichtlich, denn wir alle sind ...

 

Der Schluss, den Nagajurna und andere im Rahmen von negierenden Dekonstruktionen offenkundig nicht gezogen haben, lautet hier nun positiv formuliert: Solange Bedingungen existieren, existiert auch ein bedingtes Ich. In Wechselwirkung mit bestimmten Bedingungen hat dieses Ich dann ein gewisses Spektrum an Möglichkeiten, eine „bedingte Eigenkraft“, gewisse Aktivitätsspielräume. Von diesem „bedingten Ich“ spreche ich hier. Auch mein großgeschriebenes „ICH“ ist ein solches "bedingtes Wesen", ausgestattet mit einer bedingten Eigenkraft. Für beide „Iche“ gilt: Vieles ist uns möglich, aber nicht alles. In meinen Ich-Begriffen tauchen daher stets auf: Bedingungen, Wechselwirkungen und Aktivität …

 

Wechselnde Bedingungen, überall.

Eine (aber vielleicht nicht die wichtigste) Bedingung für menschliches Leben ist offenkundig die Anwesenheit des „wunderbaren menschlichen Körpers“ (dessen Existenz seinerseits von vielen Bedingungen abhängig ist). Entfällt diese "körperliche" Bedingung, so verschwindet auch das uns vertraute selbstbewusste Ich, so die negierende Sichtweise. Unsere alltäglichen Beobachtungen scheinen diese Sicht auch zu bestätigen: Stirbt der Körper, stirbt das Ich. Noch nie ist ein Ich, dessen Körper verstarb, lächelnd wiedergekehrt. Bedingung weg – Ich weg. Schluss, aus, Ende.

 

Die Frage, die nicht gestellt wird, lautet: Wenn ein Bündel von bedingenden Faktoren wegfällt (der Körper), verbleiben dann noch weitere Bedingungen? Bedingungen, die weiterhin die bedingte Existenz eines selbstbewussten Ichs ermöglichen und mit denen dieses Ich dann in permanenter Wechselwirkung stünde?

Nahtoderfahrungen (NTE) und außerkörperliche Erfahrungen (AKE) sind kräftige Hinweise darauf, dass es solche „tieferen“ und unsichtbaren Bedingungen geben könnte. Warum? Nun, weil die unstrittig erlebte Beobachtung des eigenen Körpers von außen eine Wahrnehmung ist, die vollkommen unmöglich ist innerhalb der normalen Bedingungen von Körperlichkeit – aber offensichtlich möglich ist, wenn der Körper tot oder beinahe tot ist oder die wahrnehmende Bewusstheit durch andere Mittel ihren Standort verlagerte. Dies bedeutet, dass es andere, noch unerkannte Faktoren geben muss, die eine solche außerkörperliche Beobachtung überhaupt erst ermöglichen (es sei denn, wir leugnen die vielen und äußerst plastischen Schilderungen über außerkörperliche Wahrnehmungen generell und erklären sie weg als Einbildungen und subjektive Konstruktionen).

 

Halten wir fest: Bedingende Faktoren können wegfallen (der Körper stirbt) - doch andere Bedingungen können an deren Stelle treten. Im Ergebnis hätten wir erneut ein "bedingtes Ich", nur diesmal abhängig und wechselwirkend mit "anderen Bedingungen". Ein solcher Bedingungswechsel oder - austausch ist uns nicht unbekannt. Wir kennen solche Prozesse bereits aus unserem irdischen Bedingungsgefüge: Ein Eiskristall etwa besteht aus Wassermolekülen, existiert aber nur unter bestimmten Bedingungen (reines Wasser gefriert bei -48,3 ° Celcius). Fallen diese Bedingungen weg (es wird wärmer), verschwindet der Kristall. Er beendet seine bedingte Existenz. Doch die Wassermoleküle verschwinden nicht. Sie zeigen sich nun in einer anderen Form, nämlich als flüssiges Wasser, weil andere Bedingungen existieren. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass der Wegfall oder der Austausch von bedingenden Faktoren durchaus möglich ist - und die Wassermoleküle immer noch existieren. Einmal in der Form "Kristall", dann in der Form "Wasser", je nach bedingenden Faktoren. 

 

Andere Bedingungen, anderes Ich.

Bezogen auf den Menschen glaube ich daher, dass es noch unerkannte weitere Bedingungsfaktoren oder –räume oder -felder geben kann, die eine veränderte bedingte Existenz weiterhin erlauben. Die NTE- und AKE-Berichte sind überhaupt nur denkbar, weil "andere Bedingungen" anwesend waren. Da sich außerkörperlich die Bedingungen verändert haben, muss sich dann zwangsläufig auch die Ich-Erfahrung deutlich verändern. Genau dies berichten Menschen mit einer NTE oder einer AKE.

 

Physiker sprechen seit kurzem von „dunkler Energie“ und damit ebenfalls von neuen Bedingungen oder Faktoren, die bislang nicht zu existieren schienen. Wir werden solche grundlegenderen Bedingungen allmählich immer öfter entdecken, weil die Entdeckung eines neuen Bedingungsbündels sofort viele Spuren legt zu denjenigen Bedingungen, die wiederum dieses Bündel bedingen (puuh …). Da wirklich „alles mit allem“ verbunden ist, entdecken wir auch dauernd neue Verbindungen, wenn wir Neues entdecken. Jede Antwort ist zugleich der Geburtsort für neue Fragen …

 

Bedingungen sind zugleich Begrenzungen. Ändern sich die Bedingungen (NTE), ändern sich auch die Begrenzungen und es öffnen sich neue Räume, wir blicken „hinter“ die ursprünglichen Bedingungen (die entfallen sind) und stellen erstaunt fest: „Mich gibt’s ja noch immer.“ Warum? Neue Bedingungen, neue Wechselwirkungen, ein neues bedingtes Ich. Daher sage ich in positiver Ergänzung zu Buddha und Nagajurna: Es existiert bereits jetzt positiv ein bedingtes "ICH", weil diese anderen Bedingungen ebenfalls bereits jetzt existieren. Ein Teil von uns existiert und agiert daher bereits jetzt aus "anderen Bedingungen" heraus. Ein anderer Teil (das irdische "Ich") agiert aus den körperlichen, irdischen Bedingungen heraus.

 

Das andere, ebenfalls bedingte "ICH"

Dieses „ICH" ist kein „höheres“ Wesen, sondern einfach ein agierendes Wesen in anderen Bedingungen. Es existiert bereits jetzt und kann teilweise auch erfahren werden, weil auch diese „anderen Bedingungen“ jetzt bereits existieren und teilweise erfahren werden können (deshalb sind NTE und AKE überhaupt nur möglich). Die für die Existenz des ICH benötigten „anderen Bedingungen“ werden, wie ich glaube, nicht erst dann geschaffen, wenn unsere aktuellen Seinsbedingungen wegfallen. Sie existieren bereits. Denn diese „anderen Bedingungen“ könnten ihrerseits zu denjenigen bedingenden Faktoren gehören, die unsere aktuellen Bedingungen (Körperlichkeit) erst ermöglichen. Eine vielleicht nur geringfügige Veränderung dieser "anderen Bedingungen" könnte theoretisch schon genügen, um den Körper sterben zu lassen. Diese Veränderung könnte etwa eine geistige Information sein.

 

Welche Bedingungen und Faktoren hier in welchem Maße miteinander wechselwirken, ist ziemlich unbekannt. Eine sich hartnäckig haltende Idee ist, dass zu den Bedingungen des Körperlichen auch eine „geistige Information“ oder „Energie“ gehört. Psychosomatik und Placebo-Forschung erkunden dieses weithin unbekannte Terrain.

 

Diese Hinweise auf tiefere Felder und "andere Bedingungen" werden auch in Wissenschaft und Forschung mit hoher Konzentration erkundet - allerdings nur mit Blick auf materielle Phänomene. Die Vorstellung fester Teilchen („Atome“) musste aufgegeben werden zu Gunsten wechselwirkender Komponenten („Quantenphysik“), die nur gemeinsam existieren. Was nicht erkundet wurde, waren geistige Felder, geistige Bedingungen. Forschung wollte „objektiv“ sein – das agierende Subjekt wurde streng isoliert und durfte keine Rolle spielen. Mit der Quantenphysik und der Entdeckung des "Beobachtereinflusses" kam das beobachtende Subjekt jedoch durch die Hintertür wieder ins Spiel. Irgendeine „seltsame“ Wechselwirkung zwischen geistigen Absichten und subatomaren Quantenphänomenen scheint da zu bestehen …

 

Ich nenne diese seltsame Wechselwirkung in ganz allgemeiner Weise die noch unerforschte Wechselwirkung von „anderen Bedingungen“ auf das uns besser bekannte materielle Bedingungsnetz. Geistiges beeinflusst irgendwie Materie. Da Materie bereits als „verdichtete Energie“ enttarnt wurde, sollten wir genauer sagen: Geistiges beeinflusst Energieformen. In meinen Worten: Der aktive und bedingte ICH-Geist in-formiert die Energie (was immer das auch ist) – und so entstehen geistig geformte Formen, Wechselwirkungen, Vielfalt, Fülle, Lebendigkeit.

 

„Der ICH-Geist“ meint natürlich nicht EINEN Geist, sondern viele bedingte geistige Quellen, die allesamt von bedingenden Faktoren abhängig und deshalb nicht identisch sein können.

 

Die Bedingung aller Bedingungen

Wenn Bedingungen ihrerseits bedingt sind, wer oder was bedingt dann die Bedingungen aller Bedingungen? An dieser Frage scheitern alle denkenden Wesen, auch ich. Manche sagen "Gott" oder "Gottheit", andere "Energiefeld", was auch immer. Auch die erste Bedingung benötigte ihrerseits eine Bedingung - und der Tanz der Faktoren hört einfach nicht auf, findet keine Ruhe, keinen Beginn, keinen Anfang und kein Ende.

 

Wichtiger als die unlösbare Lösung der Gottesfrage scheint mir die simple Erkenntnis zu sein, dass Bedingungen SIND. Und solange sie sind, existiert überall "Bedingtes". Erst dann, wenn alle Bedingungen wegfallen würden, würde nichts mehr existieren können. Doch diese Option ist eine rein gedankliche Konstruktion ohne jede Verankerung in unserer Erfahrungswelt. Man kann Bedingungen denkerisch negieren - doch "real" ist, dass Bedingungen SIND. Und mit ihnen das bedingte "Ich".

 

Bedingungen können wegfallen und ausgetauscht werden, wie wir gesehen haben. Aus einem bedingten "Ich" kann ein bedingtes "ICH" werden. Solange irgendwo Bedingungen existieren, existiert auch ein bedingtes Wesen, in welcher Form auch immer. Deshalb sollten wir nicht den Tod des ICH-Wesens fürchten, sehr wohl aber auf deutliche Veränderungen eingestellt sein. Menschen mit NTE und AKE haben ein völlig anderes "Ich" erlebt, weil sie sich in völlig anderen Bedingungen erlebten.

 

Mit IBANETIK ergänze ich also Gautama und Nagajurna und füge eine bejahende Sichtweise hinzu. Ich sage ja zum bedingten Entstehen, sage ja zur bedingten Veränderung, sage ja zur veränderten Ich-Erfahrung. Solange die für uns unfassbare und unbekannte "Bedingung aller Bedingungen" existiert, existiert auch ein bedingtes ICH-Wesen.

 

Gott tötet nicht, erlaubt aber Veränderungen ...