... auf den Tanz der guten Erzeuger


"Eine Weltsicht, die überall die Relativität der Phänomene zueinander erkennt ('Alles ist mit allem verbunden.'), sollte nicht übersehen, dass diese Sicht selbst ein relatives Phänomen ist: Sie steht in Relation zu demjenigen Geist, der sie die seine nennt. Diese Verbindung wurde stets eine wahrnehmende Verbindung genannt. Doch das ist sie nicht: Sie ist vielmehr eine erzeugte und eine erzeugende Relation. Sie ist die tief empfundene Liebe der erzeugenden Quelle zu ihren Erzeugnissen."

 

Ethik: Geist erzeugt seine eigene erzeugende Perspektive.

Und diese Eingangsthese führt direkt zur Frage der Ethik, zum Wahren, Schönen und Guten. Viele Menschen glauben, sie hätten eine Weltsicht (etwa so, wie sie Augen haben). Sie glauben nicht, dass sie ihre Sicht von Moment zu Moment erzeugen. Viele Menschen glauben, ihre Weltsicht sei eine Sicht, die durch Akte der Wahrnehmung geformt sei (und suchen daher "die richtige, objektive" Wahrnehmung). Sie glauben nicht, dass ihre Sicht durch erzeugende Akte von ihnen selbst geformt wurde. Mehr noch: Sie glauben, ihre Sicht sei, einmal vorhanden, nicht-erzeugend. Sie glauben nicht, dass ihre Sicht ihrerseits erzeugend ist.

 

Teste bitte selbst: Schau dir die Kinder an - was siehst du? Wenn du etwas "Schönes" siehst, dann hast du diese Schönheit erzeugt, denn du könntest auch (blitzschnell übrigens; deshalb oft unbemerkt und damit unbewusst) eine Sicht ohne Schönheit haben. Siehst du tanzende Kinder vor weißem Hintergrund? Auch dies ist dein Erzeugnis, denn dann siehst du nicht den Hintergrund des Bildes, diese Webseite, siehst nicht deinen Bildschirm, siehst nicht dessen Umgebung (das Zimmer) usw. Der "Lichtkegel" deiner Bewusstheit wurde von dir selbst (wiederum zumeist unbemerkt) auf den Fokus "tanzende Kinder" justiert - und genau das siehst du dann auch.

 

Diese Hinweise sollten genügen, um zu verstehen, warum eine Weltsicht nicht nur eine wahrnehmende, sondern vor allem eine geformte Wahrnehmungssicht ist. Sie wurde erschaffen, erzeugt, blitzschnell - von dir. Und wurde sie erst einmal erzeugt, dann erzeugt diese Sicht ihrerseits geistige Phänomene: Wenn die von dir erzeugte Sicht einen "schönen" Kindertanz erblickte, dann wirst du aus dieser Sicht heraus weitere Gedanken, Bilder, Argumente usw. erzeugen. Du wirst z. B. die Schönheit der Kinder verteidigen oder beweisen wollen. Mit anderen Worten: Du wirst dein eigenes Erzeugnis verteidigen wollen! Du wirst DICH verteidigen wollen. Du agierst aus selbsterschaffenen Kontexten heraus - und da dies alle tun, erschaffen wir einzeln und kollektiv geistige Welten der Wahrnehmung und der Erzeugung.

 

Genau dies tun Menschen unentwegt. Sie erzeugen geistig, dann teilen sie ihre Erzeugnisse einander mit, freuen sich über Lob und Ähnlich-Sehende und fürchten Kritik und Anders-Sehende. So erzeugen etwa religiöse Menschen eine Fülle religiöser Symbole, Bedeutungen, Rituale, Gebote usw. und suchen Gleichgesinnte für die Gemeinde, doch dass ihre religiöse Sicht selbst bereits eine erzeugte Sicht sein könnte, bleibt ihnen unbewusst. Ganz zu schweigen von der überprüfbaren Tatsache, dass SIE SELBST in jedem Moment die aktiven Erzeuger ihrer eigenen Religiosität sind. Dieses Spiel würde "wahrer, schöner, besser" werden, würden wir es bewusster spielen, also im Bewusstsein, daran in erzeugender Weise beteiligt zu sein.

 

Spirituelle Ethik: Erzeugnisse sind relativ zur Quelle gut.

In der Welt streiten Menschen oft über richtig und falsch. War diese Handlung richtig, war jenes Wort falsch, ist Tolle wahr und Rachow unwahr, hat Wilber Recht oder Jesus oder Buddha oder der Dackel des Nachbarn (lacht)? Oder niemand, was das Schlimmste wäre, nicht wahr? Die Internet-Foren sind voll davon.

 

Menschen ringen um die Wahrheit, um das Gute, um das Bessere. Sie bemerken gar nicht, dass dieses Ringen und Suchen ein Tanz an der Oberfläche des Geistes ist, ein Tanz mit Erzeugnissen. Es ist nicht der Tanz der bewussten Erzeuger miteinander.

 

In den geistigen Erzeugnissen wird niemand jemals eine höhere, eine absolute, eine unbestechlich objektive, eine letzte Wahrheit oder ein bestes Gutes entdecken können. Denn geistige Erzeugnisse (und dazu zählen ALLE Weltsichten, alle Worte, alle Taten) sind ihrer Natur nach bereits relativ(!): Sie existieren allesamt nur relativ zu ihren erzeugenden Quellen. Wie aber könnte etwas, was bereits als Relatives geboren wurde, jemals absolut, objektiv, zweifelsfrei, subjektfrei, wahrer, höher oder besser sein? Dies ist unmöglich - und gilt natürlich auch für meine Worte, für diese Sicht hier. Wenn da nicht ein klitzekleiner Unterschied wäre: Denn diese Sicht hier deutet nicht auf die vielen miteinander ringenden Erzeugnisse wie etwa verschiedene Wertvorstellungen - sie deutet auf die erzeugenden Quellen. Und vielleicht kann ja dort etwas gefunden werden, was in den vielen Erzeugnissen einfach nicht gefunden werden kann ...

 

Sind erzeugende Quellen gut?

Auf die Idee, dass alle Erzeugnisse relativ zu ihren Erzeugern geboren wurden, kommen die wenigsten. Wenn die ersehnte ethische Orientierung, der gesuchte Maßstab, nun in der Welt der relativen Phänomene so schwer zu finden ist, wie sieht es dann aus, wenn wir unseren Blick von den Erzeugnissen abwenden - und die erzeugenden Quellen selbst ins Visier nehmen (was nur geschieht, wenn man "erzeugende Wesen" sehen kann)?

 

Finden wir vielleicht dort, in den Erzeugern, das höhere Gute, das moralische Maß, ein besseres Kriterium? Also nicht auf der Ebene der Worte, der Gedanken, der Gefühle, der Sichtweisen, der Taten, der Überzeugungen, des Wissens - all dies sind geistige Erzeugnisse -, sondern gewissermaßen auf einer anderen Ebene, dort, wo alle Erzeugnisse geboren werden, blitzschnell, zumeist unbewusst: bei den erzeugenden Wesen selbst.

 

Ich glaube, ja. Dort erwartet uns eine vielleicht überraschende Antwort. Sie könnte etwa so klingen: "Alle Erzeugnisse sind relativ zu ihrem Erzeuger stets gute Erzeugnisse. Relativ zu anderen Erzeugnissen können sie als schlechter oder besser bewertet werden, niemals aber relativ zu ihrer Quelle. Denn für die Quelle sind alle eigenen Erzeugnisse gute Erzeugnisse."

 

Dies aber bedeutet, dass die von der Quelle empfundene Gutheit ihrer Erzeugnisse nicht durch die Erzeugnisse entsteht, sondern ihnen mitgegeben wurde. Die Quelle gibt etwas von ihrer wesenhaften Gutheit durch ihre eigenen Erzeugnisse weiter, drückt SICH SELBST damit aus und macht sich dadurch sichtbarer.   

 

Kann der Akt der Erzeugung schlecht sein?

Erzeugnisse können relativ zueinander verglichen, bewertet und eingestuft werden (was ziemlich hilfreich ist für das irdische Überleben). Wir alle tun dies jeden Tag. Da ist dann dieses besser, geeigneter, angemessener als jenes, wir streiten oder wir lachen. Doch die Frage, die ich hier stelle, lautet, ob Erzeugnisse relativ zu ihrem Erzeuger bewertet und eingestuft werden können?

 

Diese Frage kann nur der Erzeuger selbst beantworten. Deshalb "richte nicht" an Stelle des Erzeugers über dessen Erzeugnisse - richte über deine eigenen. Jeder Mensch sollte sich daher selbst befragen: "Wenn ich geistig erzeuge, wie mache ich das eigentlich? Ist dazu in mir eine bestimmte Qualität nötig? Würde ich ohne diese innere Qualität überhaupt erzeugende Akte vollbringen können?" So etwa ...

 

Dazu muss der Akt der geistigen Erzeugung selbst betrachtet werden. Selbstbeobachtung: Ist mein geistiger Akt, der Prozess des Hervorbringens, ein guter oder ein schlechter Akt? Oder keines von beiden: Ist er einfach, ist er neutral, wertfrei, ohne Wert, findet einfach statt? Noch einmal: Ich frage hier nicht danach, ob ein gesprochenes Wort gut oder schlecht, richtig oder falsch sein könnte, ich frage danach, ob der Akt, der zur Erzeugung des Wortes führte, gut oder schlecht oder was auch immer sein könnte?

 

Spirituelle Übung: Dein Geist ist vollkommen ruhig (nicht so leicht; nur wenige Menschen schaffen dies länger als 10-20 Sekunden). Du bist wach, bewusst, präsent, ohne jeden Gedanken. Pure Wahrnehmung. Dann die Erzeugung: ein einziges Wort taucht in dir auf. Was benötigst du, um diese Erzeugung überhaupt geschehen zu lassen? Kann ein Gedanke, egal welchen Inhalts, überhaupt nur erzeugt werden, weil die erzeugende Quelle fühlte, meinte, glaubte: "Es ist gut"? Was geht in dir vor, wenn du erzeugst? Ist da eine innere Qualität, ein innerer Wert, der Erzeugung erst ermöglicht?

 

Ich lehre, dass geistige Akte überhaupt nur deshalb geschehen können, weil der erzeugende Geist innerlich "Gutheit" fühlt - andernfalls passiert Erzeugung nicht. Selbst das "schlimmste" Wort kann danach nur deshalb gedacht werden, weil die Quelle den Akt der Erzeugung dieses Wortes mit "gut" bewertete. Diese "gute Bewertung" setzt aber voraus, dass der erzeugende Geist eine innere Wahl gehabt haben musste, denn nur dann könnte er eines entstehen lassen und vieles andere nicht. Was dann erzeugt und gezeigt und ausgedrückt wird, wäre dann immer und stets das subjektiv gewählte Gute - was nicht gedacht, nicht gefühlt, nicht gewählt wurde, das subjektiv weniger Gute.

 

Weltsichten: Der gute Tanz der guten Erzeuger.

Diese mit der uns allen innewohnenden "Kraft der Erzeugung" begründete spirituelle Ethik führt zu der Erkenntnis, dass ALLE Erzeuger stets "Gutes" tun, wenn sie erzeugen (und zwar auch dann, wenn ihr Erzeugnis in Relation zu anderen Erzeugnissen anschließend als schlecht bewertet wird). DIESER Tanz ist der spirituelle Tanz der guten Erzeuger, nicht der relativen Erzeugnisse. Und dieser Tanz ist zutiefst gut, überall, weil die erzeugenden Quellen stets aus tief empfundener Gutheit tun, was sie tun. Weshalb sie auch so stark leiden, so empfindsam fühlen, wenn ihre guten Erzeugnisse anschließend von anderen (oder von ihnen selbst) als schlecht bewertet werden. Sie können gar nicht anders: Denn sie erkennen oder identifizieren sich über ihre Erzeugnisse und fühlen daher: Attackiert jemand meine Sicht, meine Meinung, dann attackiert er MICH - und das tut weh.

 

Dieses Leiden hört sofort auf, wenn die erzeugende Quelle SICH SELBST als erzeugende Quelle erkannt hat - und ihre Anhaftung an die eigenen Erzeugnisse etwas gelockert hat. Wer den minimalen Unterschied zwischen Erzeuger und Erzeugnis in sich wahrgenommen hat, bewegt sich heraus aus dem Leid und hinein in eine völlig leidfreie Welt der erzeugenden Gutheit. Er bewegt sich ZU SICH SELBST, zu seinem guten Wesen.

 

Dies ist meine Weltsicht, von mir erzeugt, mit der ich die Welt und mich mitten drin sehe und aus der heraus ich meine Worte erzeuge. Überall sehe ich gute Menschen, gute Erzeuger, mag mir auch so manches Erzeugnis (meine eingeschlossen) befremdlich vorkommen, in meinen Augen falsch sein, schlecht und völlig daneben. "Dahinter" sehe ich das Gute agieren, überall, weil ich die Erzeuger sehe, nicht so sehr ihre Erzeugnisse.

 

Deine Erzeugnisse mögen manchmal schlecht sein,

dein Wesen ist unaufhörlich gut.

(flüstert die Liebe)

 

Ist ein IS-Terrorist ein guter Erzeuger?

Selbstverständlich ist er das. Seine Erzeugnisse sind es nicht. Seine Worte und Taten sind fern von Gott, fern der Liebe, fern des guten Wesens, grauenhaft, müssen verhindert und korrigiert werden. Doch in seinem Wesen agiert die gleiche fundamentale Gutheit wie in dir oder mir. Was er denkt, beabsichtigt, sagt und dann auch tut entspringt erzeugenden Akten, die nur deshalb erfolgen können, weil sie allesamt als "gut" bewertet wurden.

 

Doch da ist noch mehr, in diesem Menschen. Da ist etwas, was das erzeugende Wesen dieses Menschen nicht geweitet, sondern verengt hat. Da sind geistige Strukturen, die das Wesen dieses Menschen deformieren. Und genau diese innere Deformation fühlt jeder Terrorist. Er kann gar nicht anders ...

 

Diese geistigen Strukturen sind ohne jede Ausnahme verinnerlichte und daher tief geglaubte Konstruktionen, die wie formende Kräfte auf dem eigenen Wesen liegen. Strukturen des Geistes unterdrücken das eigene liebende Wesen - die Folge ist innerer Schmerz, den diese Leute irrigerweise durch noch mehr Hinwendung zu dem, was sie bereits glauben, heilen wollen. Fanatismus ist dann die geistig erzeugte Folge. Jeder Terrorist, der andere ermordet oder sich selbst in die Luft bombt, fühlt einen inneren Schmerz, den auch kein noch so intensiver Glaube an das von hübschen Jungfrauen bewohnte Paradies Allahs beseitigen kann. Die Intensivierung dieses Glaubens ("Ich erschieße die Ungläubigen lächelnd und mit Freude.") beseitigt nicht den fühlbaren Schmerz, denn dieser Glaube IST DIE STRUKTUR, die das eigene Wesen verletzt.

 

Die Heilung des Planeten von Terrorismen jeglicher Art kann nur geschehen, wenn die selbsterzeugten (und kollektiv am Leben gehaltenen) geistigen Strukturen ALS SOLCHE erkannt und korrigiert werden. Jede Religion ist geistig erzeugte Struktur - und liegt als Last auf dem eigenen Wesen, mal mehr, mal weniger. Innerhalb des eigenen Wesens jedoch liegt das, was sich wirklich zeigen möchte, auch im IS-Terrorristen: seine Liebe. Denn Liebe IST das Wesen aller Dinge - und Geist ihr Diener, um sie in die Welt zu bringen.

 

Wenn der Diener schlecht ausgebildet wurde, werden seine Dienste nicht erfreuen - und er selbst wird dies spüren (aber sich nicht erklären können). Ich bete dafür, dass diese unseligen geistigen Konstrukte zerbersten und aufbrechen mögen. Dies kann durch Akte der Liebe und der Ausbildung gefördert werden - zumeist jedoch bedarf es vieler leidvoller Akte, bis Menschen ihren eigenen Glauben als schmerzvoll empfinden und dann nach Neuem, nach Besserem, nach Leichterem suchen. Dann, erst dann, wird das Licht der wesenhaften Liebe stärker leuchten können: wenn unbewusste Erzeugnisse als solche erkannt wurden.