Chinesisches Märchen: Die zweite Begegnung


Eine Woche später kam der Fremde, wie versprochen, erneut in das Dorf und traf den alten Mann meditierend unter einem schönen Baum sitzend. "Darf ich mich zu dir setzen?" Der Alte erkannte die Stimme des Fremden sofort, öffnete die Augen und sagte: "Bitte. Ich habe dich erwartet. Ich habe viele Fragen für dich."

Der Fremde setzte sich neben ihn. "Dann hast du auch schon viele Antworten in dir, kannst dich aber nicht entscheiden." Der Alte nickte: "Stimmt. Mal scheint mir diese Antwort richtig zu sein, dann jene. Wie kann ich die richtige Antwort finden?"

Der Fremde lächelte: "Bereits deine Frage formt deine Antwort. Du fragst nach einer 'richtigen' Antwort. Warum tust du das?" Der Alte nickte anerkennend und sagte: "Schon wieder hast du mir geholfen mit einer einzigen Frage. Ich habe eine Woche meditiert über die Frage, wie meine Urteile richtig sein könnten. Doch ich habe nicht bemerkt, dass ich mir auch eine andere Frage hätte stellen können." Der Fremde nickte. Der alte Mann fuhr fort: "Ich suchte stets nach der richtigen Antwort und du hast mich bei unserer ersten Begegnung gelehrt, dass meine Urteile die Folge von Nicht-Wissen und eigener Bewertung sind. Auch ich kann nicht wissen, ob meine Form des Nicht-Urteilens ein Fluch oder ein Segen ist. Auch ich bewerte, wenn ich meine Form der Beurteilung besser finde als die Urteilsformen der Dorfbewohner. Doch wie kann ich wissen, dass meine Form besser ist als eine andere? Ich kann es nicht. Ich weiß es nicht. Nun sagst du mir, ich sollte mir eine andere Frage stellen, um dieses Geheimnis zu ergründen. Und ich ahne nun, was du meinst: Statt nach der richtigen Antwort zu suchen, sollte ich vielleicht nach einer Antwort suchen ..."

Der Fremde nickte erneut. "Du erkennst den Unterschied zwischen einer richtigen Antwort und einer Antwort?" Der Alte schwieg, schloß die Augen und atmete ruhig und entspannt. Nach einer Weile sagte er: "Der Unterschied zwischen einer richtigen Antwort und einer Antwort ... bin ich."

"Ich danke dir für deine tiefe Erkenntnis", erwiderte der Fremde. "Suche nicht mehr nach der richtigen Antwort. Diese wirst du niemals finden können, wie du die Dorfbewohner gelehrt hast. Suche dafür nach deiner Antwort."

Der Alte nickte zustimmend. "Meine neue Frage an mich lautet nun: Wie kann ich meine Antwort finden?" Er machte eine Pause. Dann sagte er leise: "Siehst du, und hier hänge ich fest ..."

Der Fremde bestätigte sofort: "Ja, hier hängen alle fest, weiser Mann. Sie hängen fest, weil sie noch immer nach der richtigen Antwort suchen statt nach der eigenen. Möchtest du noch tiefer gehen und auch dieses Geheimnis lüften?"

Der Alte antwortete nicht. Der Fremde fragte erneut: "Möchtest du dieses Geheimnis lüften?" Wieder antwortete der Alte nicht. Dann sagte er: "Ich will dieses Geheimnis lüften, ja. Doch ich möchte dies alleine tun. Ich will selbst herausfinden, wie ich meine Antwort finden kann statt einer richtigen. Für heute soll es genug sei, Fremder. Ich danke dir für deine Zeit und deine Zuwendung." Der Fremde erhob sich, dankte ebenfalls und sagte: "Nächste Woche komme ich wieder."