Chinesisches Märchen: Die vierte Begegnung


Der alte Mann sah müde aus, wie er da so auf seiner Bank saß. Und traurig. Er bemerkte den Fremden gar nicht, als dieser ihn sanft berührte. "Hallo, mein Freund. Ich sehe, du hast mit den Dorfbewohnern gesprochen. Und sie haben dich nicht verstanden. Das kenne ich ..." Der Fremde setzte sich neben den Alten auf die Bank. "Sie sind noch nicht so weise wie du, alter Freund. Sie hängen noch fest an ihren Konzepten."

"Ja ...", murmelte der Alte. "Ich habe mir den Mund fusselig geredet, doch sie wollten mich nicht verstehen. Sie sagten, ich hätte einfach mein altes Konzept über das richtige Urteilen gegen ein neues ausgetauscht. Sie haben mich nicht verstanden ..."

Der Fremde nickte. "Was wolltest du ihnen zeigen?"

"Ich wollte ihnen zeigen, dass ich nun aus mir heraus, ohne jedes Konzept, urteile und bewerte. Und dass ich Freude dabei empfinde. Dass ich nun meinem Wesen folge und nicht mehr irgendwelchen Konzepten von richtig und falsch ... "

"Du folgst deinem Wesen? Was meinst du damit?" hakte der Fremde ein. Der Alte nickte: "Das ist der springende Punkt, Fremder. Ich sagte ihnen, dass es möglich sei, zu bewerten und zu urteilen, wenn man nur spontan und vertrauend seinem Impuls vertraut. Ich sagte ihnen, dass dieser Impuls aus dem eigenen Herzen aufsteigt und stets ein Gespür für die aktuelle Situation besitzt. Ich wies daraufhin, dass dieser Impuls umso stärker wird, je weniger man an starren Konzepten festhält. Ich rief ihnen aufgeregt zu, dass dieser Impuls nicht von irgendwoher kommt, sondern aus ihrem Herzen, aus ihrem Wesen." Der alte Mann schüttelte den Kopf. "Doch sie verstanden mich nicht. Einige sagten, jetzt sei der Alte wohl verrückt geworden. Kein einziger blieb bei mir und wollte mehr darüber wissen, kein einziger ..."

Der Fremde lehnte sich entspannt zurück und sagte: "Ja, sie kennen den Unterschied nicht zwischen Konzept und Wesen. Und du, mein guter Freund, du hast etwas vergessen, als du dich an die Dorfbewohner gewendet hast." Der Alte schaute den Fremden an. "Was habe ich vergessen?", fragte er.

"Erinnerst du dich: Der Schüler fragt, der Meister antwortet. Du aber hast erzählt, ohne Punkt und Komma. Du hättest sie fragen sollen, alter Mann?"

Der Alte nickte: "Ja, ich hätte sie fragen sollen, ob sie überhaupt interessiert sind an meiner Botschaft. Und ich hätte nicht so viel reden, sondern hätte mehr Fragen an sie richten sollen."

"So ist es", stimmte der Fremde zu. "Hättest du ihre Zustimmung gehabt, hätten sie sich selbst geöffnet für deine Worte. Hättest du sie befragt, wie ich dich befragte, dann hättest du auf ihren Antworten aufbauen können. Sie hätten dann die Begrenztheit ihrer Antworten daran bemerkt, dass sie auf deine Fragen keine Antworten mehr gehabt hätten. Dann hättest du den einen oder anderen gewinnen können. So aber glaubten alle nur, du wolltest Recht haben - ausgerechnet du, der niemals bewerten und niemals urteilen wollte. Da dachten sie natürlich, dass du ein wenig verrückt geworden sein musst ..."

Der Alte nickte zustimmend. "Ja, aber es wäre zu schön gewesen, wenn ich auf meine alten Tage noch hätte erleben können, wie alle in unserem Dorf mit Freude ihren Herzen folgen würden statt irgendwelchen Konzepten. Wenn ein jeder erkannt hätte, wonach der andere gerade urteilt und wie er gerade bewertet. Oh, was wäre dies ein schöner Traum ..."

Der Fremde lächelte und fragte: "Wonach richtet sich ein jeder und wie bewertet er?" Da richtete sich der Alte auf, schaute den Fremden freundlich an und sagte mit fester Stimme: "Nach der Liebe in ihren Herzen. Hinter allen Konzepten pulsiert unser Wesen, unsere tiefere Natur, und diese ist Liebe. Alle Bewertungen sind Bewertungen eines liebenden Wesens. Ohne jede Ausnahme. Wer nicht urteilt, wie ich jahrelang lehrte, der unterdrückt sein Wesen. Wer nicht bewertet nach seinem Herzen, unterdrückt sein Wesen. Konzepte verengen das Herz. Niemals mehr werde ich mich verengen, Fremder, niemals mehr." Die Stimme des Alten wurde immer lauter und kräftiger. Fast zornig fuhr er fort: "Niemals mehr werde ich nur leise und sanft flüstern. Meine Stimme wird auch donnern, wenn mein Herz mir dies vorgibt. Ich dachte immer, ich müsste gelassen und urteilsfrei agieren, doch Gelassenheit ist nur eine Farbe des großen Regenbogens in mir. Für den Rest meines Lebens will ich der Regenbogen sein, und ja, Fremder, ich freue mich darauf ..."

"Gut so", sagte der Fremde. "Ich werde jetzt gehen, weiser Mann, doch nächste Woche werde ich wieder kommen." Der Alte war etwas irritiert und fragte: "Noch einmal, Fremder? Ich glaubte, jetzt ein Meister zu sein. Ich fühle mich so gut wie lange nicht mehr, so lebendig, und bin dir so dankbar. Gibt es etwa noch etwas zu lernen für mich?"

"Nächste Woche", erwiderte der Fremde, der sich schon erhoben hatte. "Nächste Woche, mein Freund. Das war alles nur ein Vorspiel - nächste Woche geht es erst richtig los. Willst du weiterhin, dass ich dir Fragen stelle?" Der Alte antwortete sofort: "Na klar. Und wie. Dann bis nächste Woche, Fremder."   

Der Fremde verließ das Dorf. Als er am Waldrand angekommen war, blieb er stehen, schaute zum Himmel und sagte leise: "Helft mir weiterhin, meine Freunde im Himmel. Denn jetzt kommt der schwere Stoff für unseren guten Freund und ich möchte so sehr, dass er auch dieses noch wird erkennen können. Denn von nun an, wo er sein Herz mitten in das Dorf stellt, wird er verwundbar sein. Traurig wegen der Dorfbewohner war er schon. Und ich will ihm den geistigen Schutz geben, der ihm gebührt. Danke." Dann verschwand der Fremde in den dunklen Weiten des tiefen Waldes ...