Chinesisches Märchen: Die dritte Begegnung


Eine Woche später kam der Fremde erneut in das Dorf. Der alte Mann sah ihn und ging ihm freudestrahlend entgegen. "Willkommen, Fremder, willkommen." Sein Gesicht strahlte, seine Stimme klang laut und fest. "Lass uns heute ein wenig spazieren gehen, Fremder. Ich fühle mich so gut wie lange nicht mehr."

Als beide das Dorf verlassen hatten, eröffnete der Fremde das Gespräch: "Du hast dich gefunden, alter Mann. Deshalb strahlst du so, nicht wahr?" Der Alte nickte. "So ist es, so ist es. Ich habe mich gefunden, Fremder. Ich habe mich gefunden, endlich ..." und klatschte mit den Händen. "Willst du mir erzählen, wie du das gemacht hast, weiser Mann?" fragte der Fremde, die Antwort schon wissend.

"Oh ja, das will ich gerne. Ich habe meine Form des Urteilens als eine Form erkannt. Ein geistiges Konzept. Ich glaubte stets, dieses Konzept sei das richtige Konzept. Doch es ist ein Konzept, mehr nicht. Ich habe mein Konzept und die Dorfbewohner haben ihre Konzepte. Du hast mir dafür die Augen geöffnet. Und als du mir sagtest, ich solle nicht mehr nach einer richtigen Antwort suchen, sondern nach meiner Antwort, da batest du mich einfach, die Ebene der Konzepte zu verlassen." Der Alte war ganz aufgeregt und wollte schon weiter erzählen, doch der Fremde fragte ihn: "Prima. Was findest du denn jenseits aller Konzepte?"

 

Der Alte hüpfte vor Freude. "Das ist es ja, was ich endlich entdeckte. Deshalb freue ich mich ja so seit einer Woche und fühle mich lebendig wie nie zuvor. Jenseits aller Konzepte, mein Freund, bin ich. Und nun kommt das, was ich entdeckte ..." Der Fremde lächelte: "Na, da bin ich aber gespannt ..."

"Ich entdeckte", fuhr der Alte aufgeregt fort, "dass Konzepte keine Erweiterung meines Wesens sind, sondern eine Beengung. Ein Leben lang suchte ich im richtigen Denken meine Erfüllung. Doch ich fand nie heraus, was nun richtig und was falsch ist. So lange ich innerhalb der Konzepte suchte, konnte ich nicht finden. Nun aber habe ich diese Verengung abgestreift. Jenseits aller mentalen Konzepte konnte ich kein weiteres Konzept entdecken. Nur noch mich. Du glaubst nicht, wie befreit ich auflachen konnte, als ich dies entdeckte ..." Der alte Mann grinste vergnügt und legte nach: "Stimmt's oder habe ich recht?" Und beide lachten vergnügt über seinen köstlichen Witz.

"Ja ja", sagte der Fremde. "Natürlich hast du recht. Das hattest du immer schon ..." Der Alte nickte: "Ja, und alle anderen ebenso. Denn wir alle urteilen in Wahrheit nicht auf der Ebene der Konzepte, sondern von einer viel tieferen Ebene her. Wir urteilen aus uns selbst heraus. Die Konzepte verdunkeln dies lediglich. Ist das nicht lustig, Fremder? Da streiten wir uns über Konzepte und bemerken nicht, dass wir alle nur uns selbst ausdrücken wollen ..."

Der Fremde nickte. "Hast du auch herausgefunden, wie du das machst, alter Freund, dich selbst ausdrücken? Was bedeutet das?" Der alte Mann lachte laut und sagte: "Na und ob. Auf diese Frage habe ich eine Woche gewartet. Natürlich habe ich herausgefunden, wie ich mich selbst ausdrücke. Und kaum hatte ich das erkannt, erkannte ich sofort, was alle Dorfbewohner auch die ganze Zeit machen. Oh, wie war das schön, Fremder, wie war das schön ..."

Und dann berichtete der glückliche alte Mann seinem fremden Freund, wie er all dies herausgefunden hatte. Dann gingen beide zurück ins Dorf, tranken gemeinsam einen Tee und schauten vergnügt in die milde Sonne. "Ich möchte den Dorfbewohnern gerne erzählen, was ich entdeckt habe", sagte der Alte. "Ja, das möchte ich. Jahrelang habe ich ihnen erzählt, sie sollen nicht so besessen sein von ihren Urteilen - und es wird höchste Zeit, dass ich ihnen eine bessere Geschichte anbiete."

Der Fremde nickte, stand auf und sagte: "Tue das. Nächste Woche komme ich wieder und dann berichte mir bitte, was du ihnen erzählt hast und ob sie dich verstanden haben. Ich danke dir für deine Freude, die du heute ausgestrahlt hast." Der Fremde drehte sich um und entfernte sich von dem alten Mann. Da rief dieser laut und für jeden hörbar hinter ihm her: "Ich weiß nicht, Fremder, ob du ein Fluch oder ein Segen bist - doch ich weiß, dass du für mich ein Segen bist ..." und lachte und lachte und lachte. Der Fremde nickte kurz, lächelte und verschwand ruhigen Schrittes in den Wäldern jenseits des Dorfes.