Das chinesische Märchen vom Urteilen


In einem chinesischen Dorf lebte ein alter Mann, der ein wunderschönes Pferd besaß. Darum beneideten ihn selbst die Fürsten. Der Greis lebte in ärmlichen Verhältnissen, doch sein Pferd verkaufte er nicht, weil er es als Freund betrachtete.

Als das Pferd eines Morgens verschwunden war, erzählte man sich im ganzen Dorf: „Schon immer haben wir gewusst, dass dieses Pferd eines Tages gestohlen würde. Welch ein Unglück für diesen alten Mann!“  - „So weit dürft ihr nicht gehen“, erwiderte der alte Mann. „Richtig ist, dass das Pferd nicht mehr in seinem Stall ist, alles andere ist Urteil. Niemand weiß, ob dies ein Unglück ist oder ein Segen.“ Nach zwei Wochen kehrte der Schimmel, der nur in die Wildnis ausgebrochen war, mit einer Schar wilder Pferde zurück. „Du hast recht gehabt, alter Mann“, sprach das ganze Dorf, „es war ein Segen, kein Unglück!“ Darauf erwiderte der Greis: “Ihr geht wieder zu weit. Tatsache ist nur, dass das Pferd zurückgekehrt ist.

Der alte Mann hatte einen Sohn, der nun mit diesen Pferden zu arbeiten begann. Doch bereits nach einigen Tagen stürzte er von einem Pferd und brach sich beide Beine. Im Dorf sprach man nun: „Alter Mann. Du hattest recht, es war ein Unglück, denn dein einziger Sohn, der dich im Alter versorgen könnte, kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen.“  Darauf antwortete der Mann: „Ihr geht wieder zu weit. Sagt doch einfach, dass mein Sohn die Beine gebrochen hat. Wer kann denn wissen, ob dies ein Unheil ist oder ein Segen?

 

Bald darauf brach ein Krieg im Lande aus. Alle jungen Männer wurden in die Armee eingezogen. Einzig der Sohn des alten Mannes blieb daheim, weil er ein Krüppel war.  Die Bewohner des Dorfes meinten: „Der Unfall war ein Segen, du hattest recht.“  Darauf entgegnete der alte Mann: „Warum seid ihr vom Urteilen so besessen? Richtig ist nur, dass eure Söhne ins Heer eingezogen wurden, mein Sohn jedoch nicht. Ob dies ein Segen oder ein Unglück ist, wer weiß?“ 

(aus: TZI – Die Kunst, sich selbst und eine Gruppe zu leiten, Cornelia Löhmer/Rüdiger Standhardt , Klett-Cotta,  Stuttgart 2006, S. 46)

 


Der unbekannte Fremde

(eine ebenso märchenhafte Fortsetzung von Carsten Rachow)

Da gingen die Bewohner des Dorfes nachdenklich weg. Der alte Mann schüttelte den Kopf und dachte lächelnd, aber ein wenig traurig: „Verstanden haben sie immer noch nicht …“ 

Plötzlich stand, wie aus dem Nichts kommend, ein fremder Mann direkt vor ihm, lächelte ihn an und sagte: „Darf ich dich etwas fragen, weiser Mann?“

Wer bist du?“ fragte der alte Mann zurück, denn diesen Fremden hatte er noch nie zuvor in seinem Dorf gesehen. Ruhig antwortete der Unbekannte:  „Ich bin dein Schüler, der dich zum Meister machen möchte.“ Da hob der alte Mann seinen Kopf und blickte dem Fremden direkt in die Augen. Etwas irritiert, aber nicht beunruhigt, fragte er zurück: „Du bist mein Schüler und willst mich zum Meister machen? Wie soll das gehen?

 

Der Fremde hockte sich neben ihn und sagte: „Der Schüler fragt, der Meister antwortet. Also erlaube mir, dich zu fragen: Als du die Leute des Dorfes fragtest, warum sie vom Urteilen so besessen seien, hast du da mit dieser Frage nicht ebenfalls geurteilt?“

Hmmh …“, grübelte der alte Mann, „ja, natürlich habe auch ich geurteilt. Ich nannte deren Urteilen ‚besessen‘ …“

„Und wie kannst nun du, weiser Mann, wissen, ob diese Besessenheit ein Segen oder ein Unglück ist?“ fragte der Fremde.

Oh, das kann ich nicht wissen. Es kann dieses sein oder jenes, wer weiß das schon …“, antwortete der alte Mann, nun schon etwas nachdenklicher geworden.

 

Der Fremde nickte und fuhr fort: „Kann es sein, dass du geurteilt hast, als du deine Urteile als 'richtig' und die der Dorfbewohner als 'nicht-richtig' bezeichnet hast?“  Der alte Mann schwieg eine Weile. Dann nickte er und sagte: „Ja, jetzt wo du mich danach fragst, kann ich auch dies sehen. Ich selbst urteilte und zog meine Form des Urteilens der Form der Dorfbewohner vor …“  Da lächelte der Fremde: „Siehst du, ich sagte dir doch, dass ich dein Schüler bin, der dich zum Meister machen wird.“ Der alte Mann nickte: „Ja, das sagtest du“.

 

„Nun möchte ich dir noch eine Frage stellen“, sagte der Fremde und seine ruhige Stimme wurde ein wenig ernster. „Als du deine Form des Urteilens anderen Formen vorgezogen hast, musstest du da für diesen Vorgang eine Bewertung vornehmen?“

Der alte Mann stöhnte ein wenig, denn er ahnte bereits, worauf der Fremde hinaus wollte. „Ja, das musste ich. Ich habe meine Form des Urteilens als die richtige, die bessere Form bewertet.

„Danke“, sagte der Fremde, „und woher weißt du nun, ob deine Form besser ist, ob sie ein Segen oder ein Unglück ist?“  Der alte Mann blieb eine Weile stumm. Schließlich schüttelte er den Kopf und murmelte: „Das weiß ich nicht. Das vermute ich.

„Bist du nicht auch von deiner Form des Urteilens so besessen wie die Dorfbewohner von ihrer Form“, fragte der Fremde ganz leise und vorsichtig.  „Ja, es scheint so …“, murmelte der alte Mann.

 

Da erhob sich der Fremde, legte eine Hand auf die Schulter des alten Mannes und sagte: „Nächste Woche werde ich wiederkommen. Dann möchte ich wieder dein fragender Schüler sein dürfen. Erlaubst du mir dies?“

Gerne“, erwiderte der Alte. „Gerne. Mache mich zum Meister, mein lieber Schüler …“    Der Fremde stand auf und ging seines Weges. Eine Woche später kehrte er, wie versprochen, zurück und … (hier endet die Geschichte nicht. Wer ihre Fortsetzung lesen möchte, lasse sich auf die zweite, dritte und vierte Begegnung ein …)