Spirituelle Meister, Hierarchie und Erzeugung


"Hierarchien fallen nicht vom Himmel. Sie liegen auch nicht da draußen objektiv herum. Wir konstruieren sie, individuell wie kollektiv. Spirituelle Meister sind das Ergebnis individuell wie kollektiv geglaubter Konstruktionen.  Ich habe nichts gegen Meister und Hierarchien - ich wende mich nur entschieden dagegen, beiden einen objektiven oder naturgegebenen Status einräumen zu wollen.

Der Akt der Erzeugung ist wichtiger als die jeweils erzeugten Wahrheiten - und würden wir alle bewusster mit unseren erzeugenden Fähigkeiten und unseren Konstruktionen umgehen, wir würden zu einer neuen Kraft erwachen, die nicht so sehr im Meister, nicht so sehr in der jeweiligen Hierarchie und auch nicht in bestimmten spirituellen Botschaften steckte als vielmehr in uns selbst, die wir an die Realität dieser Konstrukte glauben. Wer jedoch sein erzeugendes ICH noch nicht entdeckt hat, wird all dies nicht 'sehen' können, wird sein eigenes kostbares Sein permanent mit den Botschaften heiliger Meister begründen, wird diese zitieren, statt auf sich zu deuten, und wird an deren Konstrukte glauben statt an die eigene erzeugende Individualität." (Carsten Rachow) 


Hierarchien sind gemeinsame Spielwiesen.

Hierarchien, ob wir sie nun "heilig" oder "unterdrückend" oder "befreiend" nennen, sind geistige Ordnungssysteme, von geistigen Wesen erschaffen. Als solche sind sie nützlich, hilfreich, Erzeugnisse, die einem Zweck folgen, einer Absicht. Eine der wichtigsten Absichten, denen jede Form von Hierarchie folgt, ist die, geistig-energetische Wirkungen zu verstärken und sie somit sichtbarer für uns alle werden zu lassen. Hierarchien verstärken Energien.

 

Absichten stecken nicht in der Hierarchie, sondern in denjenigen Wesen, die sie erschaffen. Hierarchien sind Mittel zum Zweck; sie selbst beabsichtigen nichts, denn sie besitzen kein erzeugendes Kraftzentrum. Hierarchien sind geistig erzeugte Formen, mit denen ihre Erzeuger bewusst oder unbewusst hantieren, spielen, üben. Hierarchien sind, mit anderen Worten, kollektiv erschaffene Spielwiesen, mit denen wir selbst uns die Folgen unseres geistigen Tuns verstärken und sichtbarer machen.

 

Ein hübsches Beispiel für diese verstärkende Funktion von Hierarchien ist etwa die in jedem Unternehmen existierende Ordnung: Dort gibt es eine Hierarchie vom CEO an der Spitze bis hinab zum Pförtner am Werkstor. Sagt nun der Pförtner: "Scheiß-Firma, ich habe die Schnauze voll", so hat dieses geistige Erzeugnis erkennbar schwächere Wirkungen auf das Unternehmen, seine Mitarbeiter und sein Umfeld, als wenn der CEO diesen Satz erzeugen würde (lacht). Würde er so sprechen, hätten die gleichen Worte deutlich stärkere Wirkungen auf andere Individuen, auf die gemeinsame kollektive Welt.

 

Doch warum ist das so? Verfügt derjenige Mensch, der den CEO spielt, über stärkere geistige Kraft als derjenige Mensch, der den Pförtner spielt? Hier nun kommt die von uns konstruierte Ordnung oder Hierarchie ins Spiel: Wird der Satz von einem Menschen ausgesprochen, der von einer höheren hierarchischen Position heraus agiert, hat er größere Wirkungen als wenn er von den unteren Rängen heraus ausgesprochen wird. Es ist die hierarchische Ordnung, die verstärkend oder schwächend wirkt - und wir haben diese Ordnungen erschaffen.

 

Deshalb scheint auch jeder Satz, den ein spiritueller Meister ausspricht, eine ungleich größere Kraft zu besitzen als diejenigen Sätze, die die zuhörenden Schüler aussprechen. Tatsächlich ist genau dies "wahr" für Meister und Schüler, solange beide die Hierarchie, die hier verstärkend wirkt, nicht als eine konstruierte Hierarchie erkennen können und sie deshalb an deren harte Realität glauben (und ergo auch ihren Glauben nicht erkennen können). Beide, Meister und Schüler, erkennen dann nicht, dass sie eigenen Konstruktionen folgen, dass sie individuell wie kollektiv diejenige Welt erschaffen, an die sie dann fest glauben.

 

Würden sie jedoch ihren erzeugenden Part erkennen, würden sie auch die hierarchische Meister-Schüler-Ordnung als eine ko-konstruierte Ordnung erkennen - und erst dann könnten beide Seiten beginnen, ein anderes Spiel zu spielen. Dieses andere Spiel müsste nicht die Abschaffung der Hierarchie bedeuten - aber sie würde zu einem sehr viel bewussteren Umgang mit dieser Hierarchie führen.

 

Von Hierarchien verstärkte Wirkungen

Hierarchien verstärken Wirkungen, die guten wie die schlechten. "Wirkungen" aber sind Erzeugnisse. Das vom CEO erzeugte Wort wird durch die ebenfalls erzeugte Hierarchie verstärkt. Ist das Wort ein gutes Wort, wird es ebenso verstärkt werden wie das schlechte Wort. Das gilt auch für das vom spirituellen Lehrer gesprochene Wort, für die Wirkungen seiner spirituellen Botschaft - weshalb alle spirituellen Lehrer stets und bevorzugt in hierarchisch strukturierten Kollektiven auftreten. Das Indien, welches Gautama vorfand (der spätere "Buddha"), war extrem hierarchisch. Das Israel (Judäa und Galiläa), welches Jesus vorfand, war extrem hierarchisch. Beide bedienten sich der existierenden Konstruktionen, um diese selbst in Frage zu stellen. Gautama verurteilte das Kastenwesen; Jesus die jüdische Priesterkaste und ihre Opferrituale (mit wenig Erfolg, wie man seit 2.000 Jahren sehen kann). Und beide, so nehme ich an, wussten wohl, dass sie ihrerseits neue Ordnungen, neue Hierarchien würden erschaffen müssen, um die schon bestehenden Konstrukte zu verändern, zu verbessern. Die geistigen und kulturellen Welten, die beide vorfanden, konnten ohne Hierarchie einfach nicht gedeihen ...

 

Gurus und Hierarchie sind untrennbar. Beide brauchen einander, beide bedingen einander. Gurus entfalten nur in hierarchischen Ordnungen ihre größte Wirkung, nur dort treffen sie auf unbewusste Kollektive, die genau DAS wollen. Der Schüler will einen Größeren, Stärkeren, Bewussteren, Erhabeneren sehen und spüren, denn er glaubt fest an diese Wirklichkeit - ohne zu bemerken, dass er selbst diese Wirklichkeit mit-konstruiert und am Leben hält. Der Gläubige glaubt fest an seinen Heiligen, und auch er ist blind für seine eigene erzeugende Rolle. Welcher Guru oder Meister hat schon die Kraft und die Gabe, seinem hörigen Publikum zuzurufen: "Ich bin nicht wertvoller als du."? Er würde unsichtbare geistige Konstrukte verletzen, einreißen, zerstören - und genau dafür keinen Beifall bekommen.

 

Nehmen wir einmal an, innerhalb einer bereits bestehenden Hierarchie (die als konstruierte Ordnung aber nicht erkannt wurde) würde irgendein Schüler sagen: "Leerheit ist Form und Form ist Leerheit und das ist die höchste Wahrheit." Welche Wirkungen würden diese Worte entfalten? Nun lassen wir die gleichen Worte denjenigen sagen, der nicht "unten" steht innerhalb der konstruierten Ordnung, sondern ganz "oben", vom Meister selbst. Und, schwupps, schon ist "Wahrheit" in der Welt, höchste Wahrheit - und der Schüler glaubt gut daran zu tun, durch scheinbare Selbstauflösungsprozesse diese höchste Wirklichkeit der "Leerheit" erreichen zu müssen. Auf die Idee, dass der Meister seine Wahrheiten erzeugt haben könnte, dass sein angeblich "selbst-loses" Selbst gar nicht existiert außer als selbst-erzeugtes Konstrukt, auf diese Idee kommt der hierarchisch gebundene Schüler nicht. Er bleibt blind für sich, für den Meister und für die unsichtbare Ordnung, in der all dies geschieht.  

 

IBANETIK: "Die Befreiung von Hierarchien liegt nicht in deren Abschaffung, sondern in deren Bewusstwerdung."

Die von uns geformten Hierarchien sind nützlich. Sie dienen uns - nicht wir ihnen! Wir haben sie erschaffen - und sobald wir dies erkennen können, sind wir schon befreit von jeder Hierarchie, weil wir nun beginnen können, ihre relative Natur zu verändern oder sie bewusster zu nutzen. Diktaturen können verwandelt werden in Demokratien (und umgekehrt) - und wir, die erzeugenden Wesen, sind dafür verantwortlich. Doch beide Formen sind Hierarchien, sind Ordnungen, und verstärken deshalb diese oder jene Wirkungen, führen uns somit die eigenen Konstruktionen vor Augen, machen sichtbar, woran wir glauben, was wir kollektiv verdichten wollen, formen so unsere Erfahrungen und sind deshalb geistige-energetische Spielwiesen, uns dienlich, von uns erschaffen.

 

Könnten wir uns auch ohne hierarchische Ordnungen begegnen? Könnten wir eine Gemeinsamkeit erschaffen, in der das Wort des Pförtners die gleiche Kraft entfaltete wie das Wort des Vorstandsvorsitzenden? Könnten wir uns als erzeugende Wesen begegnen ohne Meisterimpuls, ohne Schülerimpuls, ohne Führer und Geführte - oder ist all dies unvermeidbar?

 

Diese kollektive Welt oder Gemeinsamkeit existiert tatsächlich. Sie ist möglich. Sie ist keine Welt der "Gleichheit" - sie ist eine Welt der "Gleichwertigkeit". Eine Welt, in der jedes erzeugende Wesen um seinen individuellen Wert weiß - und um den aller anderen Wesen, die an dieser gemeinsamen Welt teilhaben. Denn dies wäre die Bedingung, die geistige Eintrittskarte für diese Welt: Jedes Wesen müsste wirklich erkannt haben, wie unglaublich gleichwertig, kostbar und individuell wir doch alle sind - und wie verschieden zugleich. Dieses spirituelle Paradoxon - Gleichwertigkeit im Wesen, ungleichwertig in den Fähigkeiten - ist so schwer zu meistern, so schwer zu erkennen, dass wir (zumeist unbewusst) nach einer Ordnung suchen, nach einer Hierarchie, um nicht nur reale funktionale Unterschiede einstufen zu können (was ich okay finde), sondern auch, um scheinbare Wertunterschiede im Wesen ordnen zu können (was ich ablehne). Dort, in der "Hierarchie der Wesenheiten", scheinen dann die "ungleichen Werte" ihren angemessenen Platz bekommen zu haben, und dort scheinen dann auch einige Wesen "höher" zu stehen als andere und "wertvoller" zu sein (weshalb sie auf Erden auch besser bezahlt werden und wir gigantische Einkommensunterschiede feststellen, die mit rein funktionalen Merkmalen kaum zu begründen sind). Doch wehe, ein von uns als höher eingestuftes Wesen verhält sich nicht gemäß unseren Vorstellungen, dann werden Könige geköpft, Vorstände vom Hof gejagt und spirituelle Meister mit Häme überzogen. Welch armseliges Spiel ...

 

Mich schmerzt unentwegt (ich verursache einen Schmerz in mir), wenn ich geistige Wesenheiten bemerke, die sich selbst einen höheren Wert ALS WESEN zumessen oder die von anderen zu höheren Wesen erkoren werden und dies nicht behutsam zurückweisen. Am übelsten verhalten sich dabei diejenigen, die ihren angeblich höheren Werterang mit "höherem Bewusstsein" begründen (und genau mit dieser Behauptung beweisen, dass sie gerade nicht von irgendeiner Rosensorte höheren Bewusstseins geküsst wurden). Völlig anders verhalten sich die Dinge, wenn erlerntes und erfahrenes Wissen (inklusive Nicht-Wissen) weitergegeben wird an Kinder, Schüler, Studenten, Wissbegierige: Hier haben wir teil an funktionalen Differenzen, an Unterschieden im Können, am Wissenstransfer, nicht aber an Differenzen verschieden wertvoller Wesen oder Menschen.    

 

Ein spiritueller Meister ist erst dann ein Meister, wenn er innerlich keiner ist, sich selbst also wesensmäßig um keinen Deut wertvoller einstuft als alle anderen Menschen - und nun aus dieser Haltung heraus versucht, sein Wissen, seine Erfahrungen, seine Deutungen und vor allem die erzeugende Natur seines eigenen bewussten Wesens seinen Schülern begreiflich zu machen. Nur dann werden Schüler allmählich erkennen, dass sie von gleichem wesensmäßigen Wert sind, weil auch sie erzeugende Wesenheiten sind. Nur dann werden Schüler allmählich begreifen, dass sie selbst ihre eigenen Lehrer und Meister sind und immer schon ihren eigenen Gedanken und Überzeugungen folgten.

 

Ein spiritueller Meister versucht also nicht nur Wissen und Können zu vermitteln, sondern auch unsichtbare Werte-Hierarchien sichtbarer und bewusster zu machen. Mit welchem Ziel? Um sie durch Bewusstheit abzuschaffen, was sonst - nur so können Schüler schließlich ihre Gleichwertigkeit IM WESEN erkennen. Solange sie jedoch noch unbewusst an Hierarchien glauben, an ranghöhere Wesen und dergleichen, bleiben sie Opfer eines kollektiven Spiels, welches oft genug von den angeblichen "Meistern" nur allzu gerne am Leben gehalten wird ...

Diese unseligen Hierarchien als erzeugte Konstrukte zu enttarnen, als vorübergehende Mittel zu einem höheren Zweck, das wäre mal eine spirituelle Botschaft, nicht wahr? Und würde man dann noch hinzufügen, dass dieser höhere Zweck DU BIST, dein kostbarer Wert, welche Gnade wäre in der Welt, welche Liebe? DU, das geistige Wesen, kostbar, einzigartig, unfassbar wertvoll, um keinen Deut besser oder schlechter als andere Wesen, aber total verschieden, nach eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen strebend, verbunden mit allen anderen Wesen durch eine individuelle Bewusstheit, die auf ewig und unauflösbar Teil einer einzigen Bewusstheit ist, für deren Brillanz mir jedes Wort fehlt ...

 

Und diese EINE unfassbare Bewusstheit will nicht, wie mir scheint, dass du deine kostbare Einzigartigkeit leugnest oder loszuwerden versuchst. Dieses EINE will ja gerade DICH, will ja gerade die VIELEN ICHs, will deine und unsere erzeugende Kreativität, will unsere gemeinsamen Erzeugnisse - weshalb glaubst du, wurdest du sonst erschaffen, wenn nicht zur Freude dieses EINEN?

 

Mit Dank.