zur Unbewusstheit der Moral


„Meister, ist moralisieren gut?“

 „Nein!“

 „Dann ist moralisieren schlecht?“

 „Ja.“

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So sprechen "Meister", die sich ihrer eigenen erzeugenden Natur noch nicht bewusst geworden sind. Und: "Moral" kann natürlich nicht "unbewusst" sein - nur derjenige, der über Moral spricht, kann dies sein.


Moral

"Moral ist - ganz simpel - das Gute und das Schlechte." - Diese Definition ist, ebenfalls ganz simpel, ziemlich dürftig und oberflächlich. Sie verschweigt das fühlende Subjekt. Vertiefen wir sie also Schritt für Schritt.

 

"Moral ist die Fähigkeit eines fühlenden Wesens, zwischen guten und schlechten Gefühlen und Verhaltensweisen unterscheiden und dann wählen zu können." - Schon besser. Jetzt hören wir vom fühlenden Wesen, von einer Fähigkeit, von Unterscheidungen und Wahlaktionen. Vertiefen wir nun auch diese Definition:

 

"Moral ist die Fähigkeit eines Wesens, gute und schlechte Bewertungen erzeugen zu können." - Jetzt lesen wir von einer "erzeugenden" Fähigkeit. Wir lesen von "Bewertungen". Das könnte interessant sein, denn wenn es die Bewertungen dieses Wesens sind, die ein Gefühl oder ein Verhalten zu einem "guten" bzw. "schlechten" Zustand machen, dann kann ein wahrgenommenes Ereignis nicht selbst moralisch gut oder schlecht (oder irgendetwas dazwischen) sein, sondern dann wird dieses Ereignis erst durch die bewertende Fähigkeit dieses Wesens zu einem guten oder schlechten Ereignis. Vertiefen wir auch diese Überlegungen:

 

"Moral nenne ich meine Fähigkeit, blitzschnell eigene Bewertungen zu erzeugen und meinen Wahrnehmungen hinzuzufügen." - Oha, hier spricht plötzlich ein solches Wesen in Ich-Sprache. Vorher hörten wir "objektivierende" Sätze: Moral ist dieses oder jenes ... Nun hören wir, wie ein wahrnehmendes, erzeugendes, fühlendes Wesen davon berichtet, eine ihm eigene Fähigkeit ("blitzschnell eigene Bewertungen erzeugen und hinzufügen") mit einem bestimmten Begriff zu beschreiben: "Moral." Wenn also dieses Wesen "moralisieren" würde, dann wüssten wir nun, was damit VON IHM SELBST gemeint wäre: "Wenn ich moralisiere, dann spreche ich einfach die von mir erzeugten Bewertungen aus." Sehr schön - vertiefen wir nun in einem letzten Schritt auch diese Beschreibung:

 

"Ich bin mir darüber bewusst, dass ich es bin, der aktivisch meine Bewertungen erzeugt, weil ich genau dies beabsichtige. Wenn ich dann meine Bewertungen ausspreche, moralisiere ich." - Nun lesen wir von "Bewusstheit", von Selbst- oder ICH-Bewusstheit. Dieses Wesen ist sich bewusst, dass es bewertet, dass es Bewertungen erzeugt und dass es wählen kann, seine Bewertungen für sich zu behalten oder auszusprechen ("moralisieren").

 

IBANETIK: Wer nicht moralisiert, moralisiert.

Nehmen wir nun einmal an, dieses Wesen wäre der eingangs befragte "Meister". Nehmen wir an, dieses Wesen würde gefragt werden: "Meister, ist moralisieren gut?" Welche Antwort würde dieses Wesen geben?     

 

„Meister, ist moralisieren gut?“

 „Ja.“

 „Dann ist nicht-moralisieren schlecht?“

 „Nein. Unmöglich.“

"Warum?"

"Weil nicht-moralisieren das Ergebnis einer Moral ist."

"Ich verstehe das nicht."

"Moralisieren ist Bewertung.

Wer nicht moralisieren will, will nicht bewerten.

Wer nicht bewerten will, musste bewerten, um dies nicht zu wollen.

Du siehst: Bewertung und Moral sind unvermeidbar."

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Nun, das war eine lange Antwort. Doch dieser "Meister" ist noch nicht fertig mit seiner Antwort. Da kommt noch was (lacht). Der Meister sagt ja bis hierhin, dass Bewertung und Moral "unvermeidbar" seien. Er sagt, dass Nicht-Bewertung oder Nicht-Moral "unmöglich" sind. Was meint er bloß damit?

„Meister, was empfiehlst du mir?“

 „Erzeuge das Unvermeidbare bewusst.“

 „Kann ich das Unvermeidbare denn auch unbewusst erzeugen?“

"Du bist fähig, unbewusst zu bewerten, ja.

Du bist fähig, dich selbst als die Quelle deiner Bewertungen zu übersehen.

Bewerte bewusst. Sei bewusst moralisch."

"Ich soll anderen Menschen sagen, was gut oder schlecht ist?"

Nein. Berichte einfach von deinen Erzeugnissen.

"Ich soll sagen, was ich gut und was ich schlecht finde?"

"Ja. Biete DICH an, ganz bewusst, mit den Bewertungen, die du erzeugt hast.

"Du unterscheidest zwischen unbewusster und bewusster Moral?"

"Unbewusste Moral ist gefährlich.

Bewusste Moral ist heilend."

 

Puuh ... Gerade heute habe ich ein Interview mit einem führenden deutschen Politiker gelesen, wo es über "die Moralisierung der Politik" geht. Dieser Politiker schlägt vor, die Moral aus der Politik zu nehmen. Ohne es zu bemerken, moralisiert er mit diesem Satz. Das nannte unser Meister "gefährlich". Er nannte es "unbewusstes Moralisieren". So sprechen Menschen, die sich noch nicht bewusst darüber sind, dass sie ihre eigenen Bewertungen erzeugen und "den Dingen hinzufügen". Wenn einer Politiker sagt: "Moral gehört nicht in die Politik", dann bewertet er. Er bewertet, was FÜR IHN SELBST gut bzw. schlecht ist. - Doch genau das spricht er nicht aus, deshalb liegt Unbewusstheit für das eigene Tun vor.

 

Unser "Meister der Bewusstheit" - so will ich ihn einmal nennen - sagt aber noch mehr. Er sagt: "Bewusste Moral ist heilend." Und er sagt: "Moral ist unvermeidbar." Was könnte er damit gemeint haben? Schauen wir also noch ein wenig tiefer hin ...

 

Bewertung ist unvermeidbar, weil das Wesen sich nicht vermeiden kann.

Der fragende Schüler ahnt etwas. Die Worte des Meisters haben etwas in ihm wachgerüttelt. Der Schüler hat bemerkt, wie er innerlich oft zustimmte, als der Meister sprach. Irgendwie kamen ihm die Hinweise des Meisters vertraut vor. Neugierig fragt er deshalb weiter:

 

„Meister, ich will aber nicht bewertend leben.“

 „Weil du das gut findest?“

 „Äh ... ja.“

 „Dann lebst du bereits bewertend.“

"Stimmt. Jetzt erkenne ich das auch ...

"Bewertung ist unvermeidbar, weil du dich nicht vermeiden kannst."

"Ich kann gar nicht anders, als zu bewerten?"

"Versuche, dich zu vermeiden, und du wirst erkranken."

"Weil ich mich dann selbst unterdrücke?"

"Nein. Das Wesen kann sich nicht selbst unterdrücken.

Es kann nur seinen Selbstausdruck unterdrücken."

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Erneut führt der Meister eine wichtige Unterscheidung ein. Offensichtlich unterscheidet er "das Wesen selbst" und "seinen Selbstausdruck". Er sagt, dass das Wesen sich selbst nicht sabotieren, unterdrücken oder blockieren könne - allerdings seinen eigenen "Ausdruck" in der Welt. Was meint er bloß damit? Und wozu diese Unterscheidung? Der Schüler fragt nach:

„Meister, was ist das Wesen?“

 „Das Wesen ist die erzeugende Quelle.“

"Und was ist Selbstausdruck?"

"Selbstausdruck ist das Erzeugnis der Quelle."

"Wenn ich denke, fühle, bewerte, dann ...

"... erzeugt die Quelle ihren eigenen Ausdruck."

"Aber ich bin doch mehr als meine Gedanken und Gefühle?"

"Exakt. Du bist die Quelle."

 

Wir wollen hier enden. Vieles könnte noch gesagt und aufgezeigt werden. Begriffe wie Identität, Gewissen, Unbewusstheit, Glückseligkeit, Liebe, Sinn des eigenen Lebens usw. könnten noch zur Sprache kommen, doch dies soll hier nicht das Thema sein. "Moral" war das Thema.

 

Hüte dich vor Menschen, die "nicht moralisieren" wollen. Sie agieren noch unbewusst für ihr eigenes erzeugendes Wesen. Sie haben SICH noch nicht so bemerkt, wie sie es könnten - deshalb bemerken sie auch dich nicht so, wie es möglich wäre. Sie lehnen z. Bsp. deine Bewertungen ab als "unmoralisch" oder als "moralisch" - beides trifft ziemlich daneben. Denn ihre eigenen Bewertungen sind ja ebenfalls "moralisch".

 

Höre jedoch aufmerksam zu, wenn dir ein Mensch begegnet, der aufrichtig ausspricht, dass ER ES IST, der bewertet, der dieses oder jenes fühlt (weil ER ES ERZEUGT), der versucht, SICH SELBST ganz offen zu zeigen durch seine Erzeugnisse. Diesem höre zu. Dieser wird dich nicht verurteilen für deine Bewertungen, für deine Erzeugnisse. Denn dieser sieht, was andere noch nicht sehen, weil sie SICH noch nicht tief genug erkannt haben. Dieser sieht: "Deine Bewertungen sind deine Erzeugnisse wie meine Bewertungen meine Erzeugnisse sind. Durch unsere Erzeugnisse zeigen wir, die erzeugenden Wesen, uns in dieser Welt."

 

Und lächelnd wird dieser denken: "Und wir können dies extrem bewusst tun oder relativ unbewusst. Welche Weise ist wohl die bessere?" Und, schwupps, schon wieder fragt das Wesen nach einer Bewertung und damit nach Moral. "Was könnte wohl besser sein, unbewusstes Moralisieren oder bewusstes?"

 

Nun, die Antwort existiert - und ein jeder kann selbst überprüfen, wie sie lautet.

 

„Meister, wer bist du?“

 „Nicht dein Meister.“