zur höchsten Bewusstheit


"Glaubt nicht, dass es eine höchste Bewusstheit gibt, zu der ihr werden könntet. Glaubt nicht, dass ihr euch selbst verlassen könntet. Ihr könnt euch verändern, eure Bewusstheit erweitern, vertiefen, bereichern - doch niemals könnt ihr euch selbst verlassen. Jedes erzeugte Ich oder Ego wird verblassen, oh ja, doch das erzeugende ICH in dir ist heilig, unzerstörbar, unendlich wandelbar, und es agiert JETZT, aktiv wahrnehmend und aktiv erzeugend." (Carsten Rachow) 


Gibt es eine Bewusstheit, die ohne Perspektive ist?

Gibt es eine Bewusstheit, die selbst keine Perspektive ist, weil sie frei von jeder Perspektive ist? Gibt es eine „höchste“, eine „non-duale“ Bewusstheit, zu der wir gelangen können, aus der heraus wir wahrnehmen können?

 

Diese Fragen sind sehr wichtig, denn sie setzen voraus, dass es „höhere“ Formen oder Zustände von Bewusstheit tatsächlich gibt, dass es mithin auch eine spirituelle Entwicklung hin zu einem erreichbaren Zielzustand geben müsse, dass ergo auch geeignete spirituelle Wege oder Pfade existieren müssten, um „dorthin“ zu gelangen – und aus all diesen Voraussetzungen würde dann unvermeidbar noch folgen, dass es auch „wissende“ Lehrer oder Meister oder Erleuchtete geben muss, die einem diesen Weg weisen können. Leider muss es dann auch Menschen geben, deren Bewusstheit noch nicht diese „höchste“ Zustandsform erreicht hat, die also relativ „unerleuchtet“ agieren und vielleicht dringend unterrichtet werden sollten. Wer "höher" sagt, sagt immer auch "niedriger" - die unvermeidbare Schattenseite aller vertikalen Denkfiguren. Kurzum: Es taucht eine spirituelle Hierarchie oder Ordnung in diesen Fragen auf – und all dies nur, weil es angeblich eine solche „höchste“ Form von Bewusstheit geben soll.

 

Mit IBANETIK, der Botschaft vom erzeugenden Wesen, lehne ich derartige "objektiven" oder "höchsten" Setzungen kategorisch ab. Grund: Sie existieren nicht unabhängig von ihren geistigen Erzeugern. Sie haben keinen objektiven ontologischen Status UNABHÄNGIG vom subjektiven Bewusstsein. Sie sind Konstruktionen. Wir können vertikale Ordnungen erzeugen, ja, wir können sie konstruieren, an sie glauben usw. - doch wir sollten uns dabei stets bewusst sein über ihren relativen Status, über ihre Gebundenheit an das erzeugende Subjekt.

 

Immer wieder weise ich daraufhin, dass JEDE Form von Bewusstheit „bedingt“ ist, also niemals ohne bedingende Faktoren existieren und agieren kann. Die grundlegende Bedingung für jede Form von relativer Bewusstheit ist natürlich das geistige Wesen selbst - und sollte es tatsächlich eine absolute Bewusstheit geben, dann wäre auch hier die grundlegende Bedingung für diese "höchste" Bewusstheit das "Wesen" selbst, welches derart bewusst ist. All das bedeutet: Bewusstheit und Subjektivität sind untrennbar. Bewusstheit und Selbstbemerkung sind untrennbar. Auch das höchste, absolute Bewusstsein würde SICH SELBST bemerken. Es existiert keine Perspektive von nirgendwo. Es existieren überall Perspektiven von irgendwo - und dieses "irgendwo" ist stets eine individuelle Bewusstheit, die fähig ist, SICH SELBST zu bemerken.

 

Doch bevor ich hierzu einige Details näher ausführe, hier noch einmal eine Betrachtung der vermeintlich „höchsten“ Bewusstheit, von der eingangs die Rede war. Auf die Frage angesprochen, inwieweit persönliche Filter oder Projektionen noch vorhanden sind (also individuelle Subjektivität), erwähnt ein japanischer Zen-Meister den folgenden Text von Ken Wilber:

 

„Gibt es irgendeine Wahrnehmung, welche keine Perspektive ist? Meiner Meinung nach ja, und das hat etwas mit satori zu tun, dem nichtdualen Gewahrsein (oder der reinen Leere – Bewusstsein ohne ein Objekt, welches ein Bewusstsein ohne eine Perspektive ist). Die Schlussfolgerung aus dieser integralen Neuformulierung der Weisheits-Traditionen lautet, dass Samsara (die Welt der Formen) aus Perspektiven zusammengesetzt ist, und Nirvana (die Leere) reine Wahrnehmung ist, ohne Objekt und Perspektive. Die Vereinigung von Leere und Form ist daher die Vereinigung von Wahrnehmung und Perspektive, wo ich in meiner reinen Wahrnehmung eins bin mit allem was erscheint (wenngleich ich dies durch meine eigene individuelle Perspektive - mit der ich nicht mehr ausschließlich identifiziert bin - zum Ausdruck bringe). Durch das Finden der Leere wird man von allen Perspektiven befreit (ein Nirvana frei von Samsara); durch eine Vereinigung mit der Form findet man die Fülle der Perspektiven, welche allein diese Freiheit zum Ausdruck bringen können (die Nichtdualität von Nirvana und Samsara). Weisheit transzendiert die Perspektiven, Mitgefühl umarmt sie alle.“

 

Ken Wilber (den ich sehr schätze, dessen spirituelle Weltsicht ich aber nicht teile), stellt in diesem Text mehrere Behauptungen auf, die seiner Meinung nach keine Behauptungen, sondern recht "harte" Wahrheiten sind (Wilbers gesamtes Werk basiert darauf). Er sagt, dass es eine Form der Bewusstheit gibt, die fähig ist, ohne Perspektive, also ohne Subjektivität, wahrzunehmen. Er nennt dies „nichtduales Gewahrsein“. Dann führt er „zwei Welten“ ein (eine alte buddhistische Grundvorstellung): Die relative Welt der Formen („samsara“) und eine absolute Welt jenseits aller Formen („nirvana“). Die relative Welt sei zusammengesetzt aus „Perspektiven“; die absolute Welt hingegen sei „ohne Objekte und Perspektive“, sei „reine Wahrnehmung“.

Diese Unterscheidung ist für Wilber von größter Bedeutung, denn nur sie erlaubt es ihm, von einer höchsten oder absoluten Bewusstheit einerseits („nichtduales Gewahrsein“) und relativen Perspektiven andererseits zu sprechen. Zugleich muss er nun jedoch einen Weg finden, diese beiden unterschiedlichen Welten wieder zu einen, denn andernfalls würde ein ziemlich hässlicher Riss im Universum existieren. Und jetzt wird es spannend …

 

Das wahrnehmende und das erzeugende Ich

„Die Vereinigung von Leere und Form, von nirvana und samsara, von absoluter und relativer Welt ist die Vereinigung von Wahrnehmung und Perspektive.“

Mit dieser „technischen“ Erklärung wäre der hässliche Riss verschwunden und die Welt, wie Ken sie sieht, wäre wieder „nondual“, nicht-zwei, wäre „eins“ und ungetrennt. Doch Ken weiß natürlich, dass er hier von Menschen spricht und ihrer Bewusstheit – also muss er nun auch noch einen Weg finden, wie er individuelle menschliche Bewusstheit in diese „höchste Vereinigung“ integrieren kann. Er tut dies auch sofort: „In der Vereinigung von Wahrnehmung und Perspektive, von reiner Bewusstheit und relativer Perspektive, bin ich in meiner reinen Wahrnehmung eins mit allem, was erscheint.“  Hier taucht zum ersten Mal das Zauberwort „Ich“ auf. Hier versucht Wilber, seine nonduale Theorie auf den Menschen und auf sich selbst anzuwenden. Denn schließlich soll ja eine solche höchste, reine, absolute Bewusstheit existieren, und sie soll ja von Menschen erreicht und verwirklicht werden können. Doch was nun folgt, gleicht einem ziemlichen spirituellen Durcheinander: „Als diese höchste, reine, wahrnehmende Bewusstheit bin ich eins mit allem, was erscheint. Dieses Einssein mit allem, was erscheint, bringe ich jedoch durch meine eigene individuelle Perspektive – mit der ich nicht mehr ausschließlich identifiziert bin – zum Ausdruck.“

 

Diese Passage ist nicht leicht zu deuten. Was genau meint Ken? Ich beginne mit dem einfachen Teil: „Ich bin eins mit allem, was erscheint.“ Nehmen wir an, Ken sitzt als diese höchste Bewusstheit irgendwo herum und sieht eine Holztür. Dann sagt er, dass er eins ist mit dieser Tür – aber nur aus dieser höchsten Bewusstheit heraus. Die Tür „erscheint“, sie taucht auf in seiner reinen Wahrnehmung, er bemerkt sie, nimmt sie wahr – und er ist dann eins mit dieser Tür (und mit allem, was sonst noch von dieser Bewusstheit wahrgenommen würde). Schon hier möchte ich auf eine sehr subtile Egozentrik aufmerksam machen: Nehmen wir an, statt der Holztür wäre Carsten Rachow aufgetaucht und Ken hätte mich wahrgenommen aus dieser höchsten Bewusstheit heraus. Nach Ken wäre er dann "eins" mit mir. Leider hat Ken vergessen zu fragen, ob auch ich "eins" mit ihm (oder seiner wahrnehmenden Bewusstheit) sein möchte - und ich möchte das mit Sicherheit nicht (lacht). Eine angeblich "höchste" spirituelle Bewusstheit, die ohne mich zu fragen, mit mir "eins" wird, ist für mich keine sehr mitfühlende oder liebende Bewusstheit. Sie kommt eher arrogant, überheblich und eindeutig nicht an mich denkend daher ... 

Nehmen wir nun an, statt einer Tür (ein äußeres Objekt) würde ein Gedanke auftauchen oder „erscheinen“ (ein innerliches Objekt) – dann wäre Ken ALS diese höchste Bewusstheit auch eins mit diesem Gedanken. Er wäre dieser Gedanke, ungetrennt vereint „mit allem, was erscheint“, es gäbe keinerlei Unterschied zwischen Gedanke und Tür - und ihm. Egal, was diese reine Bewusstheit wahrnehmen würde, sie wäre eins mit dem jeweils Wahrgenommenen.

 

Dies war der einfache Teil. Doch schon hier tauchen große Probleme auf, die Ken verschweigt. Denn Ken spricht bei seiner höchsten Bewusstheit permanent von einer wahrnehmenden Bewusstheit („Wahrnehmung ohne individuelle Perspektive“) – nicht aber von einer erzeugenden Bewusstheit. Ich möchte, dass dies hier glasklar deutlich wird! Seine absolute, reine, höchste Bewusstheit ist eine wahrnehmende – und deshalb habe ich oben die Tür und den Gedanken eingeführt. Beide Formen können wahrgenommen werden von dieser reinen Bewusstheit, doch beide Formen unterscheiden sich fundamental: Die Tür ist ein wahrnehmbares Objekt außerhalb von Ken – der Gedanke ist Ken innerlich. Beide Objekte oder Formen tauchen in dieser Bewusstheit auf, beide können wahrgenommen werden, doch nur eine von beiden Formen wurde geistig erzeugt, konstruiert, geformt und somit wahrnehmbar gemacht – der innerliche Gedanke.

 

Weil geistige Wesen („individuelle Perspektive“) fähig sind, Gedanken zu erzeugen, können sie genau das auch nicht tun. Sie können den erzeugenden Aspekt ihrer Bewusstheit BEWUSST bremsen, unterdrücken, zurückhalten, auf Erzeugung verzichten – und erst dann sind bewusste Wesen überhaupt fähig, nur wahrzunehmen und in einer (scheinbar) höchsten Bewusstheit zu verweilen, die nur wahrnimmt, nicht aber erzeugt. Ich halte fest:

 

Das „nichtduale Gewahrsein“ von Ken Wilber ist nichts anderes als

die spirituelle „Halbierung“ von Bewusstheit.

 

Er betont den wahrnehmenden Aspekt und verschweigt den erzeugenden Teil. Es ist, als ob Ken sagen würde: „Ich bin eins mit der Sonne. Ich bin die Sonne. Doch ich leuchte nicht. Ich erzeuge keine Lichtstrahlen.“ Seltsam, nicht wahr?

 

Seltsam: Das "höchste" Bewusstsein erzeugt nicht.

Würde er den erzeugenden Aspekt von Bewusstheit nicht verschweigen, würde er allerdings erklären müssen, warum überhaupt ein innerliches Objekt wie ein Gedanke in dieser Bewusstheit auftauchen oder erscheinen kann. Er müsste erklären, woher der Gedanke kommt, denn zweifellos kann jeder Gedanke ebenso wahrgenommen werden wie eine Holztür in diesem „reinen Gewahrsein“ wahrgenommen werden kann. Doch wenn Ken sich selbst bzw. diese höchste Bewusstheit schon als eine wahrnehmende Bewusstheit definiert hat (eine Voraussetzung, eine „Setzung“), dann ist es für ihn ziemlich unmöglich, das Auftauchen eines Gedankens zu erklären. Woher kommt der Gedanke, wenn Bewusstheit nur wahrnimmt, nicht aber erzeugt? Oh, er taucht dann einfach auf, er kommt von irgendwo, vielleicht von nirgendwo – nur von dieser wahrnehmenden Bewusstheit kann er dann unmöglich kommen, denn diese Bewusstheit nimmt ja laut Wilber nur wahr. Mehr tut sie nicht ...

 

Wir erkennen: Bereits durch die konstruierte Definition einer „absoluten“ Bewusstheit, die sich lediglich auf den wahrnehmenden Teil konzentriert, wurde jedes aktivische und erzeugende Ereignis eliminiert. „Reines Gewahrsein“ kann per Definition nicht erzeugen – und ergo dürfte jeder Gedanke, der in dieser reinen Bewusstheit auftaucht, auch nicht von ihr stammen. Das nonduale Absolute erzeugt nicht – genau das ist die unvermeidbare Schlussfolgerung aus Wilbers Aussagen. Seltsam, nicht wahr?

 

Es ist extrem wichtig, diesen Punkt möglichst klar zu erkennen – denn nun folgt, was folgen muss, hat man sich erst einmal in diese spirituelle Zwickmühle der Nondualität begeben und von sich selbst behauptet, man könne diese höchste Bewusstheit verwirklichen, INDEM MAN NUR WAHRNEHME. Was nun folgt, ist, dass man erklären muss, woher dann der Gedanke kommt, den man wahrgenommen hat?

 

An dieser Stelle ist Ken gezwungen, von seiner „individuellen Perspektive“ zu sprechen: “Dieses Einssein mit allem, was erscheint, bringe ich jedoch durch meine eigene individuelle Perspektive – mit der ich nicht mehr ausschließlich identifiziert bin – zum Ausdruck.“ Und hier beginnt der schwierigere Teil der Deutung seiner Worte …

 

Ausdruck ist Erzeugung.

Die Schwierigkeit versteckt sich in den Worten „zum Ausdruck bringen“. Was meint Ken damit? Will er uns sagen (eine gängige nonduale Vorgehensweise), dass dieses Einssein, diese höchste Bewusstheitsform, dieser höchste ICH-Zustand (der eigentlich keinerlei ICH mehr kennt), leider nicht anders mitgeteilt werden kann als durch die Einnahme einer individuellen Perspektive? Will er sagen: „Leute, da gibt es wirklich dieses Höchste – doch sobald ich beginne, davon zu sprechen, muss ich leider dieses Höchste verlassen, muss zu einem Individuum werden, zu einem ICH, muss ich dieses höchste, unaussprechbare Einssein mit allem, was erscheint, durch meine individuelle Perspektive ausdrücken. Wahrnehmung und Perspektive sind zwar letztlich eins und ungetrennt, doch wenn ich von der höchsten Wahrnehmung berichten möchte, muss ich zu einer Perspektive werden. Anders geht es leider nicht, sorry.“

 

Exakt das sagen mehr oder weniger alle Menschen, die sich selbst als Mystiker oder Nondualisten oder Erleuchtete bezeichnen: „Ich habe das Göttliche erfahren. Ich bin das Göttliche gewesen. Ich bin das Höchste. Ich bin eins mit der Gottheit, mit dem Absoluten. Doch, sorry, leider kann ich euch diese unfassbare Selbsterfahrung nur verkümmert beschreiben. Worte können nur hindeuten, mehr leider nicht. Sobald ich wieder anfange zu denken und zu sprechen, bin ich nicht mehr eins mit diesem Höchsten, sondern bin subjektive Perspektive, bin scheinbar getrennt von diesem Einssein mit allem.“

 

Wenn das stimmen würde, welch‘ ein Drama! Da hat man nicht nur Gott geschaut, sondern ist die Gottheit gewesen – und kann davon nicht wirklich berichten, nur hinweisen, ist auf Glaube und Vertrauen angewiesen, kann nur hoffen, dass andere Adepten auch eines Tages diese unsagbare Einheitserfahrung machen werden, damit man hier auf Erden nicht mehr so allein dasteht mit seiner Gewissheit und dann Teil werden kann in einer spirituellen Gemeinschaft von Wissenden, Erleuchteten, Erhabenen. Welch‘ ein Drama!

 

Doch die Geschichte könnte auch völlig anders verlaufen, könnte auch ganz anders erzählt werden, ohne Behauptungen, die man glauben kann oder auch nicht. Nonduale Bewusstheit könnte sich als Konstrukt herausstellen, als der redliche Versuch spirituell Suchender, ihre höchste Sehnsucht, ihr größtes Anliegen endlich zu erreichen, zu erfüllen: die Vereinigung mit der Gottheit, die Vereinigung mit der höchsten Bewusstheit, mit allem, was erscheint. Doch was, wenn genau diese Wünsche unerfüllbar wären? Was, wenn die Vereinigung mit dem Absoluten eine Erzeugung, eine Konstruktion, eine Wunschvorstellung wäre? Was dann?

 

Nehmen wir einmal an, diese Vereinigung wäre tatsächlich möglich. Dann sollten wir uns sehr klar sein, worüber wir überhaupt sprechen. Wir sprechen – um Kens Worte zu benutzen – über eine relative Perspektive (der individuelle Mensch, die individuelle Bewusstheit), die fähig wäre, eine absolute Perspektive ZU WERDEN – mithin eine Perspektive OHNE Perspektive, reine Wahrnehmung. Wie aber könnte das Relative zum Absoluten werden (wohlgemerkt: dies immer unter der Annahme, eine solche Transformation sei überhaupt möglich)? Auf diese Frage kann es nur eine Antwort geben: All das, was das Relative zum Relativen macht, muss irgendwie abgelegt oder transzendiert oder verlassen oder überschritten werden – erst dann könnte aus dem Relativen das Absolute werden.

 

Im Klartext: Ein Mensch müsste all das ablegen oder transzendieren, was ihn VOR SICH SELBST und für andere zum Menschen macht. Er dürfte nicht mehr sein Körper sein, er dürfte nicht mehr seine Geschichte sein, er dürfte keine Person mehr sein, kein Ich oder Ego besitzen, keinerlei Individualität – und exakt dieser Linie folgen alle nondualen spirituellen Pfade, die sich zum Ziel gesetzt haben, die nonduale Bewusstheit zu verwirklichen. Das eigene „Selbst“ (oder „ICH bin“) müsste verblassen, verschwinden, aufgehoben werden – nur dann würde endlich hervortreten, was „schon immer ist“, würde die unfassbare Gottheit erscheinen, würde die Vereinigung von relativer Ich-Bewusstheit und höchster Bewusstheit möglich sein, würde "man" (wer soll das sein?) "die Welt wahrnehmen, wie sie ist".

 

Dieses "Ablegen" oder Transzendieren, was ist damit eigentlich gemeint? Auch das spricht Ken aus: "Ich bin nicht mehr ausschließlich identifiziert mit meiner individuellen Perspektive." Man legt also nicht wirklich seinen Körper ab, sondern nur seine Identifikation mit dem eigenen Körper. Man hört nicht auf zu denken, doch man identifiziert sich selbst nicht mehr mit seinen Gedanken. Man beginnt also, eine andere IDENTITÄT einzunehmen - man erkennt sich selbst als ein anderes Ich. Und in Kens Fall ist dieses andere Ich kein Ich, keine Person, keine Individualität, sondern reines Gewahrsein, wahrnehmende Bewusstheit, unpersönlich, Nicht-Ich, nicht-individuell, sondern "eins mit allem, was erscheint". Nondual eben ...

 

Gut, einverstanden, nehmen wir an, auch das würde geschehen können – doch wer verdammt nochmal ERZEUGT dann noch? Erinnern wir uns: Diese höchste Bewusstheit ist es nicht. Sie nimmt nur wahr („reines Gewahrsein“). Das Absolute erzeugt nicht. Die Gottheit erschafft nichts. – Dies sind nicht meine Deutungen, die ich in Wilbers Worte hineinlese. Dies sind Wilbers Worte, offen und klar zu Ende gedacht. Dies ist, was ich oben „spirituelles Durcheinander“ nannte: Wenn das Absolute „reines Gewahrsein“ ist – also wahrnehmend -, wer erzeugt dann irgendetwas?

 

Ken sagt, dass er selbst dieses Einssein "zum Ausdruck bringt", durch seine "individuelle Perspektive". Er, als Ken, als Individuum, "drückt etwas aus" - er versucht, das unfassbar Absolute durch das viel zu enge Gefäß der Individualität auszudrücken. Kommt hier Erzeugung ins Spiel? Bedeutet "etwas ausdrücken" vielleicht "ich erzeuge etwas"? Bedeutet es: "Ich forme und verforme das erfahrene Absolute." Nun, wie auch immer wir diese Stelle deuten wollen, eines sollte klar und deutlich aufleuchten: Wenn ein subjektives, individuelles Wesen etwas ausdrückt, durch seine individuelle Perspektive, dann "tut es etwas" - dann sortiert es seine Erfahrung, gewichtet sie, formt sie. All dies aber sind aktivische Prozesse (der eine könnte dieses betonen, ein anderer jenes), und mehr noch: individuelle aktivische Prozesse - und damit sind sie keine reine Wiedergabe, sondern erzeugte Formen. Wenn Ken also sagt, er bringe etwas "zum Ausdruck", dann sagt er, dass er selbst aktivisch erzeugt. Unsere Frage: "Wer erzeugt dann irgendetwas, wenn das wahrnehmende Absolute nichts erzeugt?" wäre damit beantwortet: Das individuelle Wesen würde erzeugen. Die individuelle Perspektive würde erzeugen, formen, ausformen, ausdrücken, aus sich selbst heraus, würde Gedanken erzeugen, Worte, Gefühle, Bilder, Vorstellungen usw.    

 

Da kommt er nun wieder ins Spiel, unser kleiner Gedanke. Ist ein Gedanke etwas, was erzeugt wurde? Falls ja, von wem? Falls nein, wie entsteht er dann? Das wahrnehmende Absolute scheidet ja aus – blieben nur noch die vielen Perspektiven der relativen Welt. Dieser Gedanke nun amüsiert mich sehr, denn zu Ende gedacht bedeutet er: „Nicht irgendeine Gottheit erschafft und erzeugt, sondern wir sind es, die relativen Wesen, die individuellen Perspektiven. Wir sind es, die Gedanken erzeugen können oder auch nicht. Wir sind es, die Perspektiven konstruieren, einnehmen und auch verlassen können.“ Interessant, nicht wahr? Und Ken sagt genau dies ... 

 

Woher kommt Erzeugung?

Doch wenn das stimmt, wenn wir tatsächlich erzeugende Wesen sind (was ich eindeutig bejahe), woher haben wir dann unsere erzeugenden Fähigkeiten? Von der absoluten Bewusstheit á la Wilber können wir sie unmöglich haben, diese nimmt ja nur wahr – woher also kommen unsere erzeugenden Fähigkeiten?

 

Es ist diese Stelle (und sie ist meiner Auffassung nach die wichtigste Stelle in jeder Spiritualität), wo ein extrem hässlicher Riss im Universum sichtbar wird. Ein Riss, den die Nondualisten nicht sehen (wollen?), nicht erklären können, worüber sie schweigen (weshalb ihre höchste Bewusstheit auch nur wahrnehmend sein darf), und den ich deshalb hier unverstellt sichtbar machen möchte: Wenn Erzeugung keine Fähigkeit des „reinen Gewahrseins“, des höchsten Bewusstseins („eins mit allem“) ist, woher kommt sie dann?

 

Haben individuelle Perspektiven (also Menschen, geistige Wesen) sich etwa selbst beigebracht, Gedanken zu erzeugen (und Gefühle, Bilder, Wünsche, Vorstellungen usw.)? Ein erstaunlicher Vorgang, nicht wahr? Denn dann könnten relative Wesen etwas, was das Höchste NICHT könnte: erzeugen!

 

Es gibt einen einfachen Weg, um diesem Dilemma zu entrinnen: Wir brauchen nicht unsere spirituellen Vorstellungen von einer Gottheit oder einem Höchsten aufzugeben – wir müssen lediglich hinzufügen, dass Erzeugung eine fundamentale Fähigkeit dieses Höchsten ist. Sofort wird klar, von wem individuelle Wesen ihre erzeugende Fähigkeit haben könnten: von diesem Absoluten. Doch dann wäre die von Wilber und den Nondualisten genannte „höchste Bewusstheit“ nicht nur wahrnehmend, dann wäre sie auch erzeugend - und Kens nonduale Spiritualität des "reinen Gewahrseins" würde in sich zusammenfallen.

 

Ein erzeugendes Absolutes könnte möglicherweise fähig sein, individuelle Wesenheiten zu erzeugen ("bewusste Einheiten") - und diese Einheiten ebenfalls befähigen, in erzeugender Weise zu agieren. Ein erzeugendes Absolutes - welches VON SICH gebend agieren würde - könnte Myriaden bewusster Wesen, Einheiten oder Individuen ("Perspektiven") in eine erzeugende Freiheit entlassen - und gleichzeitig für deren ewige Verbundenheit sorgen. In DIESEM Universum würde das Absolute niemals rufen: "Hey, werdet eins mit mir, werdet reine Wahrnehmung, und dann werdet ihr auch eins mit allem anderen." In diesem Universum würde das Absolute vermutlich denken: "Nun erzeugt mal schön. Niemand von euch ist allein. Ihr alle seid auf ewig verbunden, könnt euch bemerken, bereichern, beeindrucken, individuell und kollektiv erzeugen. Viel Spaß!"

 

Mit anderen Worten: Dieses Absolute hätte wahrnehmende UND erzeugende Agenten erschaffen, damit sie GENAU DAS auch sein dürfen - und würde niemals erwarten, dass einer dieser Agenten (Ken) sich selbst verengt auf "reine Wahrnehmung" und dann glaubt, eins mit allen anderen Agenten werden zu können ...    

 

Bewusstheit ist wahrnehmend und erzeugend.

"Bewusstheit ist erzeugend" - genau dies ist nun die Kernbotschaft von IBANETIK. Relative Wesen oder individuelle Perspektiven können nur deshalb erzeugen, weil sie diese geistige Fähigkeit erhalten haben von einer unfassbaren „Wesenheit“, die jede relative Perspektive übersteigt, weil sie selbst alle möglichen Perspektiven IN SICH vereinigt – die Gottheit, das Höchste, das Absolute. In anderen Worten: Weil GOTT erzeugend ist, bist du es auch.

 

Deshalb führt der Weg zu einer anderen Bewusstheit auch nicht – wie Wilber suggeriert – über die Verengung auf den wahrnehmenden Aspekt („Halbierung des GEISTES“), sondern über die Ergänzung durch den erzeugenden Part. Die spirituelle Anweisung lautet nicht: „Werde still. Ruhe gewahrend.“ Die spirituelle Anweisung lautet: „Erkenne, dass du erzeugend bist. Dann erzeuge bewusst.“

 

Erst dann bemerkt der Mensch BEIDES in sich: den wahrnehmenden Teil UND den erzeugenden Teil. Erst dann gelangt der spirituell Suchende auf einen erfüllenden, lebendigen, aktiven Pfad. Erst dann erweitert sich die individuelle Bewusstheit so, dass die innere und die äußere Welt tiefer, genauer, klarer und umfassender erkannt werden kann. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wenn ich erzeugend bin, bist du es auch. Wenn ich meine Gefühle erzeuge, kannst du sie nicht erzeugt haben. Wenn du deine Gefühle erzeugst, kann ich sie nicht erzeugt haben. - Wie viele Missverständnisse und Schuldzuweisungen würden aufhören, wenn wir uns alle als erzeugende Wesen erkannt hätten ...?

 

Und diese neue Tiefe, diese neue ERZEUGENDE Bewusstheit, sie beginnt tatsächlich im eigenen Wesen – man beginnt, SICH SELBST völlig neu, völlig anders wahrzunehmen: als eine erstaunlich kreative, erschaffende, erzeugende Kraft, als das erzeugende Kind einer unsagbaren Gottheit oder Absolutheit, die ebenfalls erzeugend ist, von Moment zu Moment, in allen Universen, allen Welten, allen Dimensionen. (Jeder Gedanke, der dir hier beim Lesen durch den Kopf geht, jedes zustimmende oder ablehnende Gefühl, welches du bemerkst, jeder spontane Impuls, den du gewahrst - all das sind deine ERZEUGNISSE, von dir ganz allein erschaffen, freigesetzt, erzeugt und bemerkt.)

 

Halbiere dich also nicht, wenn du dich und die Welt besser erkennen möchtest. Verenge dich niemals auf Wahrnehmung, auf reines Gewahrsein, auf stille Präsenz, auf Achtsamkeit. All das ist nett, hübsch, schön und richtig - doch es ist nur die eine Hälfte der unendlichen Wesenheit, die du bist. Ergänze dich selbst, bereichere dich selbst mit der Erkenntnis, dass DU ES BIST, der dich erzeugt – und du wirst beginnen, ein anderes Leben zu leben und eine andere Welt zu sehen. Zum Beispiel wirst du erahnen können, dass es ein wahrnehmendes UND erzeugendes ICH in dir gibt - und die von diesem ICH erzeugten Ich-Formen oder Ich-Identitäten, von welchen man sich lösen kann (oder auch nicht). Ob man dieses oder jenes tun möchte, hängt ganz simpel von der agierenden ICH-Bewusstheit ab. Ich empfehle: Genieße beides, nur genieße bewusst. Mal sei ein Ich oder Ego, mal sei es nicht. In beiden Fällen wirst du stets wissen, dass du das ICH "dahinter" bist, wahrnehmend und erzeugend ...

 

Dies ist IBANETIK, die Botschaft vom erzeugenden ICH in dir.