Wahrheit, Kontext, Therapie und Erzeugung


"Wenn ich sage, dass Wahrheit niemals ohne Kontext sein kann, und einen Absatz später hinzufüge, dass ein solcher Kontext vor allem das erzeugende Wesen selbst ist, dann darf man diesen Absatz nicht verschweigen, wenn man meinen Beitrag diskutieren möchte. Tut man dies dennoch, dann verändert man meinen Kontext und diskutiert - ohne genau dies zu bemerken - nicht meinen, sondern seinen eigenen Kontext, welcher dann natürlich ein selbsterzeugter Kontext ist."  


In seinem Blog geht ein Psychotherapeut auf meinen Beitrag "Kommentare: zur Wahrheit" ein und diskutiert unter anderem die Frage, ob das Absolute sich uns nicht doch irgendwie zeigen kann. Ein gut geschriebener Blog in meinen Augen, für mich flüssig zu lesen und sofort verständlich. Doch leider (oder glücklicherweise, je nach Perspektive) macht der Autor unbewusst (d.h.: ohne es zu bemerken) exakt das, was ich mit meinem Beitrag sichtbarer machen wollte: Er selbst erzeugt seine Sicht, seine Wahrheit und, mehr noch, seine eigenen Kontexte, die er dann diskutiert.

 

Deshalb lohnt es sich vielleicht an dieser Stelle, noch einmal anhand eines konkreten Beispiels nachzuvollziehen, was ich meine, wenn ich die erzeugende Natur unseres Wesens einen Kontext nenne. Wer hier noch keinen geschulten Blick hat, wird wohl erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennen können, wo der Hase im Pfeffer liegt (lacht). Beginnen wir mit meinem O-Ton. Dieser lautet:

 

"Wahrheit existiert stets kontextual.

Wahrheit kann deshalb mal dieses und mal jenes sein,

doch niemals kann sie ohne Kontext sein.

Ohne Kontext gäbe es nirgendwo Wahrheit."

 

Und hier der ergänzende Absatz:

 

"Nun ja, ich wage nun zu sagen, dass es viele geistige und materielle Kontexte gibt, die ein Mensch in sich und außerhalb von sich bemerken kann. Doch bemerkt er auch SICH SELBST als einen solchen Kontext?"

 

In Fettdruck und blau hervorgehoben frage ich klar und deutlich, ob der jeweils Sprechende sich selbst als einen möglichen Kontext erkannt haben könnte. Mit "Kontext" meine ich hier vor allem Begrenzung, Limitierung, Bedingung, wirkender Faktor. Ich will also sagen: "Ohne Bedingung gäbe es nirgendwo Wahrheit", und weiter: "Eine solche Bedingung ist das erzeugende Wesen selbst." Daraus folgt dann: Jede Wahrheit, die ein solches Wesen ausspricht, kann selbst nur eine bedingte, eine limitierte, eine begrenzte Wahrheit sein - niemals aber eine absolute Wahrheit. So weit, so klar ...

 

Der Blogautor ergänzt nun meine Bemerkungen über bedingende Kontexte und zeigt unter anderem sehr schön formuliert auf, dass bereits die jeweils benutzte Sprache eine solche limitierende Bedingung darstellt, mithin einen Kontext. Ja, selbst die "Struktur der Kommunikation", der alle Menschen nicht entgehen können, wenn sie miteinander reden, erweist sich für ihn als ein solcher Kontext. Deshalb sagt der Autor mit meiner vollen Zustimmung: "Allein aus der einfachen Struktur von Kommunikation, nach der jede Mitteilung vom Sender codiert und vom Empfänger decodiert werden muss, geht hervor, dass es im Rahmen der Kommunikation keine kontextunabhängige, also keine absolute Wahrheit geben kann."  Doch dann fügt er ein kleines "Fenster" für das mögliche Erscheinen des Absoluten hinzu und sagt: "Allerdings wird durch diese Struktur die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit nicht prinzipiell ausgeschlossen. Die Struktur der Kommunikation verhindert allerdings, dass absolute Wahrheiten im kommunikativen Raum als solche auftreten können."

 

Was den meisten Lesern hier wohl nicht auffallen wird (und vermutlich dem Autor auch unbewusst geblieben ist), ist nun Folgendes: Ich weise auf das erzeugende und sprechende WESEN hin und nenne es "bedingt", nenne es einen Kontext. Der Autor aber diskutiert die Frage, dass die "Struktur der Kommunikation" einen bedingenden Kontext darstellt - zwei völlig verschiedene Baustellen, nicht wahr? Die Struktur der Kommunikation ist in meinen Augen gar nicht das Problem - das Problem ist die "Struktur des sprechenden Wesens" (!). Es mag ja sein, wie der Autor meint, dass durch diese Kommunikationsstruktur die "Möglichkeit einer absoluten Wahrheit nicht ausgeschlossen wird" - doch durch die Wesensstruktur, so meine Argumentation, WIRD DAS ABSOLUTE AUSGESCHLOSSEN. Der Autor diskutiert nicht meine Kontexte, sondern seine eigenen. Diese habe nicht ich erzeugt, sondern er selbst. Die Bedingung für "Wahrheit" ist das erzeugende Wesen selbst - quod erat demonstrandum. 

 

Weil er also hier Kommunikation diskutiert, nicht aber das Wesen selbst, kann er nun den folgenden Satz notieren: "Insofern ist die Aussage, dass jede Wahrheit einen Kontext hat, trivial: Jedes Medium sperrt jede Äußerung in einen kontextuellen Kasten, und ohne vermittelndes Medium existiert keine Wahrheit." - Mir gefallen diese Sätze, doch haben sie mit meinem Beitrag herzlich wenig zu tun. Der Autor diskutiert sich selbst ...

 

Abgesehen davon, dass solche Erkenntnisse vielleicht nicht für jeden Menschen "trivial", sondern auch hilfreich sein können (der Autor hätte besser in erzeugender Ich-Sprache gesagt: "Für mich sind solche Aussagen trivial."), bemerkt der Autor auch hier nicht, wie er zunehmend seinen eigenen Kontext diskutiert und nicht meine Sichtweise. Der Autor zeigt, dass "jedes Medium jede Äußerung in einen kontextuellen Kasten sperrt" - doch ich wollte zeigen, dass jedes Medium bereits ein solcher "Kasten" ist. Ein himmelweiter Unterschied (und daher vielleicht auch nicht ganz so "trivial" ...)

 

Statt also meine Sicht zu diskutieren, hat der Autor still und leise begonnen, seine eigenen Konstruktionen zu erörtern. Das Medium, so meine Ausführungen, muss Wahrheit gar nicht mehr in irgendeinen kommunikativen Kasten sperren und dadurch zwangsläufig verengen - es ist selbst bereits der verengte Kasten, das limitierende Gefäß, der bedingende Kontext. Weil auf dieser Ebene der Betrachtung des agierenden Wesens bereits die wirkende Ursache zu finden ist, braucht sie nicht mehr auf der Kommunikationsebene angesiedelt werden. Wahrheit wird, wie ich glaube, nicht durch Kommunikation verändert - Wahrheit wird bereits durch das agierende Wesen verändert. Es ist das limitierte Wesen selbst - also ich, du, wir alle -, welches Wahrheit zu einem relativen Phänomen werden lässt, und zwar in jedem Moment seines Seins ALS RELATIVES WESEN - also praktisch immer. Es spielt keine Rolle, was das Wesen tut, wie es spricht, ob es meditiert, selbstbewusst oder unbewusst für sich agiert - immer und stets kann es seine eigene fundamentale Begrenztheit nicht überwinden.

 

Das Aufblitzen oder Erkennen absoluter Wahrheiten könnte also nur dann denktheoretisch möglich sein, wenn die Natur des Wesens selbst (seine Wesensstruktur) genau dies ermöglichen könnte. Dies halte ich für ausgeschlossen. Sollte - wie auch immer gedacht - das Absolute wirklich einmal die Absicht haben, sich selbst DURCH ein bedingtes Wesen zu zeigen oder zu äußern, so müsste es sich dafür gewaltig "verengen" - oder eben nur gewisse verdauliche Teile von sich präsentieren, andernfalls würde das viel zu kleine Gefäß namens "Wesen" oder "ICH-Bewusstheit" explodieren angesichts der Fülle und unfassbaren Größe des Absoluten.

 

Doch dieser Hinweis sei nur am Rande erwähnt. Viel wichtiger ist mir, auf die Bedeutung von "Wahrheit" aufmerksam zu machen, wenn das Wesen selbst als ein limitierender Kontext erkannt wurde. Denn das Wesen, so meine immer wiederholte Hauptbotschaft, ist ein ERZEUGENDES Wesen (!) - und diese Fähigkeit könnte nun aus "Wahrheit" etwas ganz anderes machen als das, was wir üblicherweise darunter verstehen: richtige Abbildung, korrekte Repräsentation, objektives Erkennen usw. "Erzeugung" könnte der erste spirituelle Hinweis darauf sein, dass wir nicht Wahrheiten "erkennen" oder "entdecken" oder "wahrnehmen", sondern aktivisch formen, konstruieren, aus UNS SELBST herausholen und DANN in kommunikative Symbole gießen, in Sprache, Gedanken, Sichtweisen. Deshalb lehre ich: "Wahrheit ist der Selbstausdruck des erzeugenden Wesens." Und dieser kann niemals "falsch" sein ...

 

Es ist das bedingte und erzeugende Wesen, welches sich zeigt, wenn es selbst glaubt, repräsentative Wahrheiten auszusprechen, also etwa so, wie der Autor SICH zeigte, als er begann, SEINE Kontexte zu diskutieren und damit SEINE Wahrheiten sichtbarer machte. Dies ist im Übrigen ein spiritueller Vorgang, den ich in keiner Weise kritisiere oder für wenig wertvoll erachte. Im Gegenteil: Die Offenlegung unseres erzeugenden Wesens halte ich für dringend geboten(!) - das Verschweigen der eigenen erzeugenden Natur ist das, was ich kritisiere.

 

Was tut ein Mensch, der sagt, er sähe dort hinten einen Baum? Vorausgesetzt, dass dort hinten tatsächlich ein Baum steht, sagt er dann etwas Korrektes? Bildet er in erkennender Weise Wirklichkeit ab? Ist seine Aussage objektiv wahr? - Die meisten von uns würden hier spontan nicken und zustimmen. Wenn ich selbst dann den Baum auch noch sehen kann, sind wir uns sicher, hier eine objektive Wahrheit erkannt zu haben.  Doch ich behaupte nun, dass diese Wahrheit "der Selbstausdruck des erzeugenden Wesens ist". Wie kann das sein? - Nun, tatsächlich sieht der Mensch nicht nur einen Baum, wie er meint, sondern ein großes, ungeteiltes Bild: links vom Baum steht ein Busch, dahinter ein Auto, oben drüber ruht der Himmel usw. Zu sagen: "Ich sehe dort einen Baum", ist vollkommen zutreffend - doch diese Beschreibung ist nichts anderes als der sprachliche Ausdruck der eigenen Brennweiteneinstellung, der eigenen Aufmerksamkeit, der eigenen Ausrichtung. Dieser Ausdruck ist nicht "objektiv", er ist ein subjektives Konstrukt, eine partielle Fokussierung auf einen frei gewählten Ausschnitt. Mit anderen Worten: Das, was das erzeugende Wesen blitzschnell und aktiv schon getan hat ("Aufmerksamkeitsfokus"), ist schon geschehen, bevor dieser Mensch zu sprechen begann. Und das, was innerlich bereits geschah, DAS sprechen wir dann aus, nennen es "Wahrheit" und glauben dann, diese Wahrheit wäre unabhängig vom eigenen Wesen eine "objektive" oder "wahre" Repräsentation von Wirklichkeit. Tatsächlich jedoch ist diese Wahrheit ein subjektives Erzeugnis, eine Aus-Formung der Innerlichkeit desjenigen geistigen Wesens, welches hier agiert.

 

Psychotherapeutisch hätte diese Erkenntnis große Folgen: Was immer ein Patient auch sagt, kann niemals "falsch" sein, kann niemals verzerrte Realität sein, kann niemals "krank" sein - sondern informiert uns Außenstehende regelmäßig über seine inneren Akte von Erzeugung und Konstruktion. Der Therapeut sollte daher den Patienten ermutigen, alternative Bilder zu konstruieren und deren Wirkungen AUF SICH SELBST einmal zu überprüfen. Der Patient wird, wie wir alle, stets SEINEN EIGENEN Bildern folgen wollen, selten aber nur den von außen angebotenen Wahrheiten über die Wirklichkeit.       

 

Wenn, wie ich hier sage, Wahrheit Selbstausdruck ist, dann hat Einstein die große Relativität NICHT "außerhalb" von sich entdeckt - er hat sie zunächst IN SICH gefunden und sie DANN im Außen überprüft (weshalb zukünftige Generationen auch andere "Gesetze" da draußen finden werden, was ja schon begonnen hat, weil sie innerlich fündig geworden sind). Wir erkennen nicht die äußere Welt - wir erschaffen sie, wir formen sie, und wir bemerken genau dies so selten. Wir erkennen im Außen, was wir ZUVOR innerlich konstruierten. Wir SIND DIE BEDINGUNG, sind der erzeugende Kontext ...

 

Selbst der Raum um uns herum ist nicht das, wonach er aussieht (lacht). Ich will hier noch einen weiteren Hinweis aussprechen über eine Erfahrung, die ich selbst in einer außerkörperlichen Bewusstheit hatte: Der Raum, den wir alle sehen, ist NIEMALS identisch für zwei Personen, sondern stets ein individueller Raum-im-Raum, erschaffen und konstruiert und "lebendig" gehalten durch das Wesen selbst. Siehst du den Raum, siehst du nicht "den Raum", sondern deinen Raum, deine eigene Schöpfung. Gleiches gilt für die Zeit. Wir haben alle ein sehr ähnliches Raumempfinden, können uns mühelos über "den Raum" verständigen - doch dies ist bloß eine gewollte Schnittmenge, damit wir hier ähnlichen Bedingungen ausgesetzt sind und interagieren können. Die Raumkonstruktion wird lebendig gehalten von Myriaden kooperierender Bewusstseinseinheiten, mit uns mittendrin, ein wahrhaft göttliches Gemeinschaftswerk, wo energetische Prozesse die Illusion eines gemeinsamen Raumes schaffen und jedes Bewusstsein tatsächlich stets nur seinen subjektiven Raum wahrnimmt (und seine Eigenzeit) - und beide, Raum und Zeit, werden unbewusst von Moment zu Moment erzeugt und erschaffen. Wer aus dem Körper austritt, tritt auch sofort aus diesem Konstrukt heraus ...

 

Nun bin ich ein wenig vom Thema abgekommen. Zeigen wollte ich, wie schnell und von uns unbemerkt (daher: unbewusst) wir alle als erzeugende Wesen arbeiten, so schnell, dass wir oft nicht bemerken, welche Sicht wir gerade diskutieren und wie leicht wir die eigenen Erzeugnisse hineinschmuggeln in die erzeugte Welt eines anderen Menschen. Mir geht das auch so, und ich bemühe mich, dies immer seltener zu tun ...

 

Wir sind großartige Wesen, schöpferisch und kreativ und kooperierend in einer erzeugenden Weise, die unter den irdischen Bedingungen zu ganz speziellen Selbsterfahrungen führen, die nur hier und nirgendwo anders gemacht werden können. Bedenke: Im Himmel gibt es keine Currywurst ... (lacht)