ICH und Ich, Ko-Konstruktion und Selbstheilung


"ICH erzeuge meine relativen Ichs."

 

"Den geistigen Akt der Erzeugung verstehe ich stets im Sinne einer Ko-Konstruktion, niemals aber rein individualistisch, bar jeder Relationen oder Bedingungen. Verwende ich "Erzeugung", möchte ich die Kräfte des Individuums betonen und fördern - verwende ich "Ko-Erzeugung", akzentuiere ich mehr unsere Verbundenheit, unsere gemeinsamen Akte, unsere wechselseitigen Beeinflussungen, die durch erzeugende Akte in Gang kommen. Beide Akte oder Phänomene, die individuellen wie die kollektiven, können wir in verschiedenen Graden von Bewusstheit bemerken, überprüfen und dann auch nutzen oder anwenden. Wer nur seine individuelle Erzeugerkraft sieht, wird sich selbst überhöhen, wenn er diese Gabe nicht auch bei anderen Menschen sieht  - wer nur seine Abhängigkeiten, Eingebundenheiten und äußere Kräfte sieht, wird sich selbst abwerten, wenn er diese erzeugende Kraft nicht auch bei sich entdeckt."    


Wo erzeugende ICHs sind, ist stets Ko-Erzeugung.

Sollte Wilfried Ehrmann diesen Beitrag lesen, so möge er völlig zutreffend denken, dass ich hier besonders für ihn geschrieben habe, und zwar als eine kleine Geste des Dankes an Wilfried. Lieber Wilfried, für deine kommentierenden und konstruktiv-kritischen Blogs auf deiner Seite bitte ich dich, meinen Dank und meine Glückwünsche anzunehmen. Deine (von dir erzeugte) Art und Weise des geistigen Austausches schätze ich sehr. (Hinweis: Wilfried und ich sind uns nie persönlich begegnet.)

 

Wilfried hat in seinem Blog  "Die Ko-Produktion der Wirklichkeit und das Absolute" meine Aufmerksamkeit u. a. auf das Phänomen der "Ko-Produktion" gelenkt und ich kann nur empfehlen, seine Gedanken aufmerksam zu studieren. Ich verwende oft "Ko-Konstruktion", "Ko-Operation" oder "Mit-Erzeugung", und vermutlich haben wir beide hier ein ziemlich ähnliches Phänomen im Blick. In der Tat betone ich mit IBANETIK recht kräftig die individuelle Fähigkeit des ICH-Wesens zur Erzeugung geistig-seelischer Formen (wie Gedanken, Gefühle, Bilder, Vorstellungen, Impulse, Intentionen usw.) und diese (Über-)Betonung könnte zu einer Vernachlässigung des in meinen Augen ebenso wichtigen Phänomens der kollektiven Erzeugung oder, wie Wilfried schreibt, der "Ko-Produktion von Wirklichkeit" führen.

 

Deshalb möchte ich heute gerne noch einige Gedanken zu diesen intersubjektiven Aspekten von Wirklichkeit anbieten. IBANETIK soll nicht zu ICH-lastig erscheinen (lacht). Gerade im Kontext von Krankheit und Heilung spielen ja äußere Faktoren stets eine große Rolle. Das erzeugende ICH-Wesen ist "niemals ohne ...", ist niemals ohne Eingebundenheit, niemals ohne Beziehungen zu diesem oder jenem, ist niemals isoliert, total "abgetrennt" - und wer therapeutisch arbeitet, hat sicherlich schnell erkannt, dass es zumeist die Wechselwirkungen mit den engeren Bezugspersonen sind (aber nicht nur), die starke Kräfte in der gefühlten Innerlichkeit eines Wesens anregen, positive wie negative. Seelisches Leid und körperliche Erkrankungen haben oft sehr "familiäre" Kontexte.

 

Wer sich nun selbst heilen und kräftigen will, der wird auch stets einen wachen Blick haben für diese engen Beziehungen - und nicht nur für sich(!). Wie viele Leidende sind schon ermutigt und erfrischt von einem Meditations- oder Heilungskurs nach Hause gefahren, um dann dort binnen zwei oder drei Tagen erneut diejenigen Schmerzen zu fühlen, die sie doch loswerden wollten? Da wirken sie dann wieder, die alten Beziehungen, die gewohnten Muster und Reflexe, die anderen erzeugenden Wesen ...

 

Meine Worte über das individuelle erzeugende ICH-Wesen bedeuten daher stets: "Upps, wenn ich erzeugende Kräfte besitze, dann besitzt sie auch mein Gegenüber. Wie ich in erzeugender Weise agiere, so wird dies auch der andere tun." Hier blitzen Elemente wie "Ko-Produktion" und die kollektive Weise, wie wir wechselwirkend die von uns erfahrenen Wirklichkeiten erzeugen und bemerken, auf. Ein besseres Verständnis für diese wechselwirkende Beeinflussung erzeugender Wesen und deren Möglichkeiten, auf andere Menschen einzuwirken, sollte daher fester Bestandteil jeder Therapie oder Selbsttherapie sein - was ja ohnehin meistens passiert, denn worüber zerbrechen sich leidende Menschen denn dauernd ihren Kopf? Richtig, über enge Bezugspersonen und wie sie sich ihnen gegenüber verhalten könnten. 

 

ICH und Ich: die Erzeugungskaskade

Die Gottheit erzeugt mein ICH und dein ICH. ICH erzeuge meine vielen Iche. Meine vielen Iche erzeugen ihre Bilder, Gedanken, Gefühle usw. - In dieser "erzeugenden Kaskade" agiert mein ICH (und auch kein Ich) jemals "allein", ohne Bezogenheit und Eingebundenheit. Immer ist da irgendwo ein Kontext, eine andere erzeugende Quelle, etwas, was wahrgenommen, bemerkt und worauf nicht reagiert, sondern re-agiert werden kann (mit Betonung auf "agieren"). Und in dieser Kaskade hat jedes Erzeugnis seinerseits eigene Fähigkeiten, Möglichkeiten und Räume, um aus seiner Bedingtheit heraus ebenfalls zu erzeugen. Die Gottheit entlässt uns alle nicht nur in eine wahrnehmende, sondern vor allem in eine erzeugende Freiheit ...

 

Wie ich nun agiere auf einen äußeren Einfluss, kann ich stark beeinflussen, weil ich es erzeuge. Niemand MUSS fühlen, was er oder sie fühlt, quasi als unmittelbare Reaktion, als automatische Spiegelung oder Erwiderung eines äußeren Reizes. Ein simples Reiz-Reaktion-Schema existiert nicht dort, wo ein geistiges Wesen oder bewusstes Sein agiert. Stattdessen können wir ein Information-Bewertung-Aktion-Schema feststellen (ein "I-B-A"-Schema): Wir nehmen einen Reiz, eine Information auf (das ist der wahrnehmende Aspekt unser Bewusstheit), dann erzeugen wir "blitzschnell" (und daher von vielen nicht bemerkt, mithin unbewusst) eine individuelle, subjektive Bewertung (guter Reiz, schlechter Reiz) - und dann AGIEREN wir gemäß unserer Bewertung, unserer Absichten, unseres Wollens und Verlangens, unserer Gewohnheiten, Fähigkeiten, Erfahrungen und Möglichkeiten.

 

Die Reize oder Informationen, die wir wahrnehmen, müssen dabei nicht von außen kommen, sie können auch aus dem eigenen Wesen stammen. So informieren wir uns z. Bsp. selbst mit einem bestimmten Gedanken - und fühlen kurz danach (oder fast zeitgleich) bestimmte Gefühle. Was viele Menschen wahrnehmen und worüber sie dann auch berichten können, sind ihre "plötzlich" auftauchenden Gefühle - doch dass sie selbst dieses Gefühl mit einem einzigen Gedanken auslösten, bemerken sie oft nicht. Wird diese ICH-Unbewusstheit verwandelt in eine erkennende ICH-Bewusstheit, erlebt sich dieser Mensch nicht mehr als "Opfer" oder Gefangener seiner Gefühle, sondern als deren Erzeuger - für viele eine unglaubliche Befreiung! 

 

Doch Bezogenheit, Intersubjektivität und Wechselwirkungen mit dem Außen sind zumeist immer - und so werden die meisten meiner Konstruktionen und Aktionen eine Ko-Konstruktion sein, die im engen Verbund oder in Resonanz mit den wahrgenommenen Erzeugnissen anderer Wesen stehen. Ja selbst dann, wenn ich mich total isoliere (und etwa in einer Dunkelkammer meditiere) und keinerlei äußere Impulse mehr empfange, kann ich diese Eingebundenheit noch immer bemerken. Nur kommen dann die zuvor äußerlichen Einflüsse nicht von außerhalb der Körperhaut, sondern von "tief innen": Sie sind der völlig ruhigen und wahrnehmenden Bewusstheit innerlich "äußerlich", um es mal so zu formulieren. Dies trifft zu - wie oben schon skizziert - auf jeden Gedanken, den man selbst erzeugt und freisetzt, denn auch dieser Gedanke kann als geistige "Form" innerlich wahrgenommen werden und wird damit diesem Inneren "äußerlich". Dies trifft aber auch zu für Wahrnehmungen, die von "irgendwo" zu kommen scheinen - so, als ob man in Kontakt stünde mit einer anderen geistigen Dimension, die sich tief innerlich als wahrnehmbar erweist. Auch hier also wieder: Kontexte, Eingebundenheit, keine Lücken usw.

 

Wenn ich etwas wahrnehme, kann ich mich nicht mehr befreien von der Tatsache, dass ich etwas wahrgenommen habe - doch was ich dieser wahrgenommenen Information (oder "Energie") dann aus eigenen Stücken entgegensetze, kann das erzeugende Wesen in relativ großer Freiheit wählen, formen und gestalten. Damit komme ich zum Thema "Heilung" oder, woran ich besonders interessiert bin, zum Thema "Selbstheilung".

  

Selbstheilung ist bewusste Erzeugung.

Ein Mensch sitzt vor mir und weint. Ich ermutige ihn: "Weine noch mehr. Finde mal heraus, ob du dein Weinen verstärken kannst." Nach einer Weile lacht dieser Mensch. Ein anderer ist traurig oder gar schockiert. Ich ermutige ihn: "Verstärke deine Trauer. Verstärke deinen Schock." Nach einer Weile lacht auch dieser Mensch. Kurzum: Ich ermutige zur aktiven und voll bewussten Erzeugung dessen, was innerlich so schmerzt. Kaum agieren die Menschen aus dieser erzeugenden Bewusstheit heraus, lässt das miese Selbstgefühl nach. (Hinweis: Diesen Ermutigungen gingen vorbereitende Übungen voraus. Diese Menschen wirkten aus einem von mir erzeugten Kontext heraus, den sie bereits kannten. Ohne diesen therapeutischen Kontext sollte man diese Übung besser nicht anwenden.)

 

"Bewusstheit heilt" - okay, doch ich ergänze: "Erzeugende Bewusstheit heilt." Noch genauer: Die Bewusstheit, dass es das eigene ICH ist, welches hier geistig agiert, heilt. Um zu dieser Möglichkeit oder Einsicht gelangen zu können, müssen in aller Regel zuvor einige einführende und helfende Vorübungen gemacht worden sein: So existieren oft einige Glaubenssätze, die genau diese Selbstheilung für unmöglich halten. Manche Patienten glauben so wenig an sich, aber so stark an den externen Arzt, dass sie zunächst in ihrem Glauben bestätigt, dann aber allmählich auf ein neues Szenario vorbereitet werden müssen. Irgendwann ist der Glaube, dass man sich selbst tatsächlich heilen könnte, wenigstens erwacht (eine kleine Flamme) - und dann wird immer kräftiger "erzeugt" (lacht) ...

 

So heilte ich, wie ich irgendwo auf dieser Page beschrieben habe, meine eigenen Erkrankungen und Verletzungen allesamt selbst, ohne Medikamente und ohne Ärzte. Die Menschen, die sich hilfesuchend an mich wenden, erleben Ähnliches. Bei denjenigen, die regelmäßig den Heilkreis besuchen, um dauerhafter an ihrer Bewusstheit zu arbeiten, haben sich stabile und deutlich bessere Ich-Zustände eingestellt. Sie alle sind freier, stärker, unabhängiger, mutiger, liebevoller, weniger ängstlich, gesünder und beruflich teilweise auch erfolgreicher geworden. Und ein wesentlicher Aspekt dieser Heilungen war stets die eigene Beziehung zur Welt und zu den Erzeugnissen anderer Wesen, mithin zu ko-operativen oder ko-produzierenden Faktoren.

 

Mit Dank.