Erzeugende Ich-Bewusstheit und die Konstruktion der Welt


"Dass subjektive Eigenarten die Wahrnehmung der äußeren Welt beeinflussen (manche sagen: "verzerren"), dürfte ein wohlbekannter Gemeinplatz sein. Dass subjektive Eigenarten die Wahrnehmung der Umgebung konstruieren, dürfte hingegen eine gewöhnungsbedürftigere Nachricht sein, weil dann nämlich "Wahrnehmung" selbst zu einer Konstruktion, zur individuellen Perspektive wird. Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Nicht nur die wahrnehmende Perspektive scheint mir von uns selbst konstruiert zu sein, sondern ebenso die jeweils wahrgenommene Umwelt (!). Ich frage daher: Wenn zwei Menschen das gleiche Zimmer betrachten, sehen sie dann ein "objektives" Zimmer - oder sehen beide ihre jeweilige Konstruktion des Zimmers? Erschafft sich jeder, ohne dies recht zu bemerken, seine eigene Umwelt?  Wie weit reicht die erzeugende Kraft des aktiven ICH-Geistes?" 


Forscher sind überzeugt: Die Welt ist für jeden eine andere.

In diesem Beitrag möchte ich einen Artikel aus ZEITOnline diskutieren. Der Artikel führt zahlreiche Belege und Hinweise für die subjektive Konstruktion von "Ich und Welt" auf, weshalb er meinem Anliegen sehr dienlich ist. Ich werde ab und zu den ZEIT-Text ergänzen (in blauer Farbe) mit einigen IBANETIK-Hinweisen, um das mir Wichtige sichtbarer machen zu können. So ist insgesamt hier ein etwas längerer Beitrag entstanden, der, wie ich meine, eine hübsche Portion geistiger Nahrung enthält. Viel Spaß!

 

Der ZEIT-Artikel: Ich-Bewusstsein

Die Ich-Perspektive

Wie wir unsere Umgebung und unsere Mitmenschen wahrnehmen, ist das Ergebnis einer sehr subjektiven Konstruktion. Forscher sind überzeugt: Die Welt ist für jeden eine andere. (von Claudia Wüstenhagen, 10. April 2012, 8:00 Uhr, editiert am 25. Mai 2012, 13:39 Uhr, ZEIT Wissen Nr. 3/2012)

(Schon hier möchte ich eingreifen, denn was es besser zu erkennen gilt, basiert phänomenologisch und methodisch auf den geistigen Fähigkeiten zur Differenzierung. Je subtiler die Dinge werden, desto genauer, unterscheidender und damit klarer sollte der eigene Blick sein. Der Artikel beginnt mit: "Wie wir Umgebung und Mitmenschen wahrnehmen, ist subjektive Konstruktion." Betont wird, dass "Wahrnehmung" subjektive Konstruktion ist - ich hingegen möchte noch weiter gehen und mit meinen Anmerkungen den Blick öffnen für die Möglichkeit, dass auch "Umgebung und Mitmenschen" subjektive Konstruktionen sind, und zwar in der Form von intersubjektiven Ko-Konstruktionen. Dies soll nicht bedeuten, dass meine Umwelt und meine Mitmenschen verschwinden, wenn ich nicht mehr hingucke, sondern - positiv gewendet -, wenn ich Umwelt und Mitmenschen wahrnehme, dann als meine Ko-Konstruktion. "Ko-Konstruktion" soll bedeuten, dass ich im Außen nur etwas wahrnehmen kann, was andere erzeugende Quellen von sich aussenden als Bild oder Information, was also deren Eigen-Konstruktion darstellt - und dann füge ich mein eigenes Bild hinzu (Ko-Konstruktion).

Diese Ko-Konstruktion (oder: gemeinschaftliche Erzeugung) liegt nicht vor, wenn es sich um wahrgenommene innerliche Phänomene wie Gedanken, Gefühle, Absichten usw. handelt. Diese Erzeugnisse sind keine intersubjektiven Ko-Konstruktionen (sie bedürfen keines weiteren Erzeugers, um wahrnehmbar zu werden), sondern eigene Konstruktionen, Erzeugnisse oder ICH-Ausdrucke, -Aussendungen, -Ausformungen.     

Wer zu Sally Linkenauger und ihren Kollegen ins Labor kommt, kann sein Ich eintauschen. Die Forscher am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen lassen Versuchspersonen in Avatare schlüpfen und durch virtuelle Welten streifen. Sekundengenau ahmt der Avatar jede Bewegung nach, und doch ist etwas ungewöhnlich. Linkenauger kann Menschen schrumpfen oder wachsen lassen, als wären sie Alice im Wunderland, sie kann ihnen riesige Hände oder Arme verpassen wie einer Zeichentrickfigur. Sie kann zeigen, dass etwas so Grundlegendes wie der Körper, gleichsam der Wohnsitz des Ichs, den Blick auf die Welt beeinflusst. (IBANETIK: Der eigene Körper ist bereits ein eigenes Erzeugnis. Die vorgeburtlich gewollte Wahl der Eltern sowie die geistig gewollte Ausformung des eigenen Körpers führen zu einer gewollten Bedingtheit des individuellen Seins. Das erzeugende ICH erschafft sich selbst diejenigen Bedingungen, aus denen heraus es dann wahrnehmen und erzeugen wird. Das erzeugende ICH erschafft weiterhin aus den gewollten Rand- und Startbedingungen heraus im Laufe eines Lebens viele subjektiv angemessene Ich-Identitäten, die dann jeweils als eine verdichtende "Linse" oder als eine hochspezialisierte Ausdrucksform von individueller ICH-Energie dienen. All dies dient dem Zweck, SICH SELBST in immer wieder neuen Aspekten, Rollen, Identitäten, Formen und Situationen erfahren zu dürfen - und damit für andere Wesen gleichzeitig zu einer erfahrbaren "Situation" zu werden. So kommt eine unglaubliche Fülle ins Leben, eine gigantische sich gegenseitig beeinflussende Vielfalt von Energien und Formen ...)

Der eigene Körper, sagt Linkenauger, helfe Menschen dabei, die Welt zu vermessen. Er sei so etwas wie ein Lineal-Sortiment. Geschrumpften Probanden erscheinen die Stühle und Tische der virtuellen Umgebung größer, wer dagegen mit riesigen Händen ausgestattet wird, hält Gegenstände plötzlich für kleiner. "Was wir wahrnehmen, ist nicht die Umwelt an sich, sondern die Beziehung, in der sie zu unserem Körper steht", sagt Linkenauger.

 

Es ist schon eine erstaunliche Leistung, die das Gehirn (Nicht das Gehirn, sondern der erzeugende ICH-Geist. Die Gehirnmaterie macht von sich aus nichts. Sie setzt innerhalb der Materie lediglich um, was der Geist macht. Diese Umsetzungsleistung ist wahrhaft erstaunlich.) bei der Konstruktion der Welt vollbringt. Es sorgt dafür, dass jeder Mensch sich sein ganzes Leben lang für ein konstantes Individuum hält und dass verschiedene Personen einen Augenblick gemeinsam erleben – und zwar in dem Bewusstsein, ihn gemeinsam zu erleben ("Ko-Konstruktion"). Abgesehen von wenigen Ausnahmen, können alle sich schnell darauf einigen, ob ein Haus schwarz oder weiß, groß oder klein ist. Und doch ist das Bild der Welt, das in unserem Kopf entsteht, kein originalgetreues Abbild. Es ist weit mehr als die Summe der sensorischen Reize. Es ist das Ergebnis einer höchst subjektiven Konstruktion. (Ja. Sensorische Reize liefern keine Abbilder. Das "Abbild" ist ein individuelles geistiges Erzeugnis, keine sensorische oder wahrgenommene Vermittlung.) Ob simple räumliche Maße oder komplexe soziale Eindrücke, etwa von dem Wesen unserer Mitmenschen oder dem Ablauf einer Situation – was wir wahrnehmen und wie wir es interpretieren, beeinflussen individuelle Faktoren: die Persönlichkeit, der eigene Körper, sogar Wünsche, Gefühle und Lebensumstände. Was immer das Ich ausmacht, prägt auch seinen Blick. Zu einem gewissen Grad ist die Welt, in der wir leben, für jeden eine andere. (Bedeutet unter anderem: Wie du einen anderen Menschen "siehst", wie du über ihn sprichst, legt mehr innerliche Information ÜBER DICH offen als über den von dir wahrgenommenen und beschriebenen Menschen. Drum wähle deine Worte behutsam. Sei dir deiner Erzeugnisse bewusst so gut es geht ...) 

 

Das Ich und seine Umwelt

Schon die Wahrnehmung von etwas scheinbar objektiv Erfassbarem wie der räumlichen Umgebung unterliegt zum Teil einer ichbezogenen Verzerrung, wie die Studien der Max-Planck-Gruppe Perception and Action in Virtual Environments zeigen (Bedeutet: Selbst der Raum ist nicht reine Wahrnehmung, sondern "relativistisch", was bei mir stets bedeutet, abhängig vom erzeugenden Subjekt.). Schrumpfen Probanden auf Zwergenmaß, nehmen sie nicht etwa ihren Körper als kleiner wahr, sondern die Dinge um sich herum als größer. Ihr Körper bleibt in ihrer Wahrnehmung konstant – wenn sich etwas verändert, dann muss es die Welt sein. Die Psychologin Sally Linkenauger ist überzeugt, dass der Körper eines Menschen auch außerhalb manipulierbarer Kunstwelten die Wahrnehmung beeinflusst – dass etwa eine zierliche Frau mit kleinen Händen Distanzen und Gegenstände als größer wahrnimmt als ein hochgewachsener Mann mit Pranken: "Ich behaupte, die beiden sehen jeweils eine ganz andere Welt." Und das sei auch wichtig.

"Unsere Wahrnehmung ist auf unsere individuelle körperliche Leistungsfähigkeit zugeschnitten." (Ich ergänze: Unsere Wahrnehmung ist nicht nur auf unseren Körper zugeschnitten, sie ist insgesamt "maßgeschneidert", weil von uns gewollt erzeugt. Der Körper stellt dabei nur eine von vielen Bedingungen dar. Angenommene Weltsichten, Glaubenssätze und Selbstbilder sind weitere Bedingungen, mit denen wir unsere Wahrnehmung "zuschneiden".) Wer weniger leisten könne, schätze Entfernungen oder Gegenstände als größer ein. Studien zufolge überschätzen Schmerzpatienten Distanzen, halten ältere oder erschöpfte Personen einen Hügel dem Anblick nach für steiler. Die verzerrte Wahrnehmung, vermuten Forscher, schütze sie vor Überlastung. Andererseits scheint sie uns auch zur Anstrengung zu motivieren, wenn es sich lohnt. Sie lässt sich nämlich durch Wünsche beeinflussen. (IBA: Wir können nicht nur unsere Wahrnehmung "durch Wünsche" beeinflussen, sondern auch das jeweils Wahrgenommene. Voll bewusst erzeugte Heilungsabsichten verändern tatsächlich den eigenen Körper - und dies gilt auch für die eigene Psyche.)

 

"Wir sehen, was wir sehen wollten", behauptet David Dunning von der Cornell University im US-Bundesstaat New York. Der Psychologe erforscht die Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen und hat sich mit kuriosen Studien zur egozentrischen Wahrnehmung einen Namen gemacht. Um Belege für das "wishful seeing" zu liefern, hat er sich etwas einfallen lassen.

 

Das Ich und die anderen

In seinen Versuchen lässt er Probanden zum Beispiel schätzen, wie weit ein 100-Dollar-Schein von ihnen entfernt liegt. Manchen verspricht er, sie könnten das Geld gewinnen, anderen sagt er, der Schein bleibe im Besitz der Forscher. Probanden, die den Schein zu gewinnen hoffen, deren Wunsch also aktiviert wird, unterschätzen eher die Distanz – das Geld scheint ihnen näher. (Hinweisende Differenzierung: Der Wunsch, das Geld gewinnen zu können, wird bei den Wünschenden nicht von außen "aktiviert", sondern entsteht innerlich in den Wünschenden. Wünsche können von außen induziert, angeregt, angetriggert, doch niemals verursacht, erzeugt oder aktiviert werden. Sie werden innerlich erzeugt. Weil das so ist, haben wir auch die Freiheit und die Möglichkeit, diesen Wunsch nicht zu erzeugen.) In einer Abwandlung des Experiments müssen die Probanden einen mit Bohnen gefüllten Sack nach unterschiedlichen Dingen werfen. Auch hier unterschätzen sie besonders häufig die Distanz zu begehrten Objekten und werfen nicht weit genug. "Begehrte Dinge erscheinen uns näher, damit wir Energiereserven mobilisieren, um sie zu erreichen", spekuliert Dunning über die Ursache.

Selbst das, was Menschen im Detail sehen, werde durch ihre Wünsche beeinflusst. Festgestellt hat Dunning das mithilfe optischer Illusionen – Zeichnungen, in denen zwei rivalisierende Bilder stecken, die abwechselnd ins Bewusstsein dringen, etwa ein B, das auch eine 13 sein kann, oder ein Pferdekopf, der zugleich eine Seerobbe darstellt. Eine ausgeklügelte Studie, bei der die Probanden entweder Orangensaft oder einen stinkenden, dickflüssigen Trank bekommen sollten, ergab: Die meisten Teilnehmer sahen genau das, was ihnen den O-Saft versprach. "Das visuelle System passt sich unseren Bedürfnissen an", sagt Dunning. Schummelei habe er ausschließen können. (Ein starker Beleg für den großen Einfluss unseres erzeugenden Wesens auf unsere Wahrnehmung: Was innerlich schon existiert (mein Bedürfnis), weil es geistig schon erzeugt wurde, beeinflusst sofort "das visuelle System", mithin Wahrnehmung.) 

 

Es sind einfache Wünsche, die hier wirken (ja, und oft genug sind sie uns nicht bewusst). Doch möglicherweise haben auch existenziellere Bedürfnisse einen Effekt. Das legt eine Studie von Jennifer Whitson von der University of Texas nahe: Menschen, die glauben, keine Kontrolle über ihr Leben zu haben, sehen demnach eher Dinge, die es gar nicht gibt. Whitson traktierte Probanden zunächst mit Aufgaben, die ihnen das Gefühl von Machtlosigkeit geben sollten. Zeigte sie ihnen dann willkürlich gemusterte Flächen, meinten sie, darin bestimmte Muster zu erkennen – anders als eine Kontrollgruppe. Sie waren auch eher empfänglich für Verschwörungstheorien und Aberglauben. Der Wunsch, Ordnung zu schaffen, so die Erklärung, bringe sie dazu, sich Strukturen einzubilden. Lässt sich die Wahrnehmung derart von Motiven beeinflussen, tut sie uns nicht immer einen Gefallen. Unangenehme Gefühle können sich so verstärken, Spinnenphobikern etwa erscheinen die gefürchteten Tiere größer als anderen Leuten, und sie bilden sich häufiger ein, die Kreaturen krabbelten ausgerechnet auf sie zu. Wer unter Höhenangst leidet, auf den wirkt der Abstand zum Boden besonders groß, wenn er über eine Balkonbrüstung lugt. Das visuelle System erweise auch ihm einen Dienst, meint Dunning. "Es sagt: Verschwinde von hier!" Doch macht dies manchen erst recht das Leben schwer.

 

Wenn sich schon die visuelle räumliche Wahrnehmung so verzerren lässt, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie subjektiv Menschen komplexe Situationen wahrnehmen. Das Ich lebt nicht allein auf der Welt, es begegnet ständig anderen Menschen, und was es dabei sieht, ist ebenfalls gefärbt. Etwa durch die eigene Persönlichkeit (IBA: durch die eigenen Erzeugnisse). Dem Hirnforscher Kevin Pelphrey von der Yale University zufolge beeinflusst sie eine der grundlegendsten sozialen Verhaltensweisen: das Betrachten von Gesichtern.

So beobachten etwa neurotische Menschen die Mimik anderer anders als gelassenere Personen. Darauf deutet ein Experiment hin, bei dem Pelphrey die Augenbewegungen von Testpersonen maß, während sie Fotos von Gesichtern ansahen. Probanden, denen ein Test neurotische Züge bescheinigte, fixierten geradezu die Augen der Fotografierten, während der Blick anderer Probanden dort nur kurz verweilte. Je mehr die Mimik auf dem Foto von Angst zeugte, desto weniger konnten sich neurotische Probanden von dem Anblick lösen. Dabei waren sie nicht krank, sie hatten ein gesundes Maß an Neurotizismus.

 

Persönlichkeitsmerkmale könnten demnach womöglich schon beeinflussen, welche Informationen wir überhaupt beachten. "Wir alle können das gleiche Bild ansehen und ziehen doch sehr unterschiedliche Informationen daraus, je nachdem, worauf wir uns konzentrieren und wie wir die Teile zusammensetzen", sagt Pelphrey. Anscheinend setzen Menschen die Teile wirklich unterschiedlich zusammen: Neurotische Personen interpretierten selbst neutrale Gesichter vergleichsweise häufig als wütend oder ängstlich, sagt Pelphrey. Studien anderer Forscher deuten darauf hin, dass verträgliche Menschen Gesichter generell eher als freundlich wahrnehmen, aggressive Leute sich hingegen häufiger einer unfreundlichen Person gegenüber wähnen. (Die eigene Welt eine subjektive Konstruktion? Ja, was denn sonst? Diese Nachricht kann eigentlich nur für diejenigen Menschen "unglaublich" (oder problematisch) sein, die besonders gerne an die Glaubenssätze der Richtigkeit, der Objektivität und der absoluten Wahrheit glauben.)

 

Ob die verzerrte Wahrnehmung nur Folge oder womöglich auch Ursache der Persönlichkeit ist, sei nicht klar. Wahrscheinlich treffe beides zum Teil zu. In jedem Fall könnten beide einander verstärken. (IBA: Erzeugnisse verändern Wahrnehmung - Wahrnehmung verändert Erzeugnisse. Ein eng umschlungener Tanz geistiger Fähigkeiten ...). Wer ängstlich in die Welt schaut, findet auch eher Grund zur Sorge und schaut künftig noch genauer. Es scheint unfair, aber vielleicht können sich ängstliche Menschen mit einer Illusion trösten – dass sie nicht allein sind. Das legen zumindest die Erkenntnisse der Sozialpsychologie nahe: Denn wenn wir uns ein Bild von anderen Personen machen, projizieren wir ständig von uns auf sie und erliegen so dem Irrtum, unsere Mitmenschen seien genau wie wir. Welche Persönlichkeit, Moralvorstellung oder politische Orientierung man anderen unterstellt, hängt stark von den eigenen Merkmalen ab. Wer selbst oft lügt oder gern Gedichte liest, überschätzt den Anteil jener Menschen in der Bevölkerung, die so etwas ebenfalls häufig tun. Und wer andersherum selbst kein Lügner oder Lyrikliebhaber ist, der unterschätzt ihre Zahl in der Bevölkerung.

 

Die egozentrische Projektion

Die egozentrische Projektion ist ein altbekanntes Phänomen in der Sozialpsychologie. Auch Joachim Krueger von der Brown University in Rhode Island erforscht sie. Er sagt: "Das Selbst ist eine wichtige Quelle, um andere einzuschätzen." (Bei IBA: Das aktive ICH ist die erzeugende Quelle und mit ihren Erzeugnissen konstruieren bzw. ko-konstruieren wir unsere Welten, die innerlich gefühlten Welten wie die äußerlich wahrgenommenen Welten.) Naturgemäß habe jeder mehr Informationen über sich selbst als über andere. "Da wir davon ausgehen können, dass Menschen einander grundsätzlich ähnlich sind, ist es nicht die schlechteste Strategie, von sich selbst auszugehen, wenn man wenig über andere weiß." (Sehr wichtig. Doch dann könnte es auch eine sehr gute Strategie sein, das Wissen ÜBER SICH SELBST durch zunehmende ICH-Bewusstheit zu erweitern, UM DADURCH zugleich mehr über andere wissen zu können. Zum Beispiel: "Wenn ich meine Gefühle aktivisch erzeuge, dann gilt dies wohl auch für den anderen.") 

Die Folgen sind allerdings kurios (wenn man wenig über sich selbst weiß, wenn man ich-unbewusster agiert). Wir übertrügen mitunter ganze Persönlichkeitsprofile von uns auf andere, sagt David Dunning. Seine These: Eigenschaften, die in der eigenen Persönlichkeit kombiniert sind, betrachten Menschen als zusammengehörig und legen diese Schablone auch bei anderen an. "Angenommen, ich bin introvertiert, nervös und lese außerdem nicht gern", sagt Dunning, "dann werde ich, wenn ich jemanden treffe, der ebenfalls introvertiert ist, ihn womöglich auch für nervös halten und davon ausgehen, dass er keine Bücher mag." Es ergibt keinen Sinn, aber Experimente mit Bewohnern eines Studentenwohnheims stützen die These. (Derartige Übertragungen lassen in dem Maße nach, wie man bewusster für "Erzeugnisse" geworden ist, zunächst in einem selbst, dann auch in anderen.)

 

Das Ich und seine Taten

Andere etwas besser kennenzulernen hilft womöglich nur bedingt. Denn auch die Erinnerung an Personen ist egozentrisch verzerrt. Zu diesem Ergebnis kommt der Sozialpsychologe John Chambers von der University of Florida in einer noch nicht veröffentlichten Studie. Sie legt nahe, dass Menschen sich eher an Gemeinsamkeiten mit anderen erinnern als an Unterschiede. "Angenommen, wir beide mögen Cola, aber nur Sie lieben Ausflüge an den Strand", sagt Chambers, "dann werde ich mich später sicher daran erinnern, dass Sie Cola mögen, aber vermutlich vergessen, dass Sie gern an den Strand gehen." Angesichts solcher Studien liegt die Frage nahe, wie Menschen überhaupt übereinkommen, wenn der Blick jedes Einzelnen so verzerrt ist. Die Antwort lautet vermutlich: gerade deshalb.

"Wer andere für ähnlich hält und daher davon ausgeht, dass sie auch ähnliche Entscheidungen treffen, ist möglicherweise eher bereit, mit ihnen zu kooperieren", sagt Joachim Krueger. In einer Studie zum Gefangenendilemma, einem Strategiespiel aus der Verhaltensökonomie, konnte er zeigen: Je mehr die Probanden davon ausgingen, andere Menschen seien ihnen ähnlich, desto eher waren sie bereit, mit einem unbekannten Partner im Spiel zu kooperieren. Manchmal jedoch sorgt der egozentrische Blick für Zwist: wenn es um Leistungen geht. (Bei IBA schulen wir die Bewusstheit für eine sehr fundamentale Ähnlichkeit, nämlich für die Ähnlichkeit der erzeugenden Wesen: "Als erzeugende Quellen sind wir alle sehr ähnlich, mit unseren Erzeugnissen unterscheiden wir uns." Wer gelernt hat, diese "große Ähnlichkeit" zu sehen, kooperiert dann auch leichter mit unbekannten Partnern - weil er "hinter" den verschiedenen Erzeugnissen eine große Gemeinsamkeit oder Ähnlichkeit wirken sieht (das erzeugende Wesen). Im Ergebnis werden Neugier auf den anderen, Kontaktfreude und kooperative Gemeinschaft gefördert, Beziehungsängste und ausgrenzende Neigungen hingegen abgebaut. Die gefundene innere Weite und Freiheit wird zunehmend zu einer äußeren, gelebten Freiheit - nicht durch Abschottung vom Leben, sondern durch Verbindung mit dem Leben, egal, in welcher Form es einem begegnet. Die Freiheit, sich mit diesem oder jenem nicht verbinden zu wollen, bleibt dabei natürlich voll erhalten - sie nimmt sogar zu ...)   

 

Studien belegen, was sicher viele schon mal im Stillen ihren Kollegen vorgeworfen haben: Menschen überschätzen oft den Beitrag, den sie zum Erfolg eines Projekts geleistet haben. Berühmt wurde eine Untersuchung, der zufolge Ehepartner ihren jeweiligen Anteil an der Hausarbeit für so hoch halten, dass das Paar zusammen auf mehr als 100 Prozent kommt – was natürlich nicht sein kann. Das Phänomen gilt als einer der häufigsten Konfliktgründe in Teams. Dass wir uns oft irrtümlich für fleißiger oder besser halten, liegt nicht nur daran, dass wir uns in einem guten Licht sehen wollen. Auch hier kommt zum Tragen, dass Menschen oft mehr Informationen über ihre eigenen Fähigkeiten und Anstrengungen haben und diese leichter aus dem Gedächtnis abrufen können. Wer notiert sich schon jeden genialen Einfall der Kollegen oder zählt mit, wie oft der Partner den Müll runterbringt?

 

Mit manchen Menschen, die ihre Fähigkeiten überschätzen, muss man geradezu Mitleid haben. David Dunning und sein Kollege Justin Kruger stießen vor einigen Jahren auf einen fast schon tragikomischen Zusammenhang: Je inkompetenter jemand ist, desto mehr überschätzt er sich. "Wer völlig unfähig ist", sagt Dunning, "kann oft nicht einmal erkennen, dass er es ist." Und er vermag auch das Talent eines echten Könners nicht zu erkennen. Psychologen sprechen heute vom Dunning-Kruger-Effekt. Zwar kann es einem auf die Nerven gehen, wenn sich Kollegen zu Unrecht rühmen. Und wer sich selbst für unersetzlich hält, sollte sich angesichts dieser Erkenntnisse gut überlegen, wie hoch er bei der Gehaltsverhandlung pokert. Doch hat die Selbstüberschätzung der Einzelnen durchaus Vorteile für das Team. Studien von Wirtschaftsforschern legen nahe, dass Mitarbeiter, die sich selbst überschätzen, motivierter sind und engagierter arbeiten. (Bei IBANETIK halten wir alle Menschen grundsätzlich für kompetent. Ihre fundamentale Kompetenz nennen wir eine spirituelle Fähigkeit: die Fähigkeit zur Erzeugung geistig-seelischer Formen. Kompetenz-Urteile nach irdischen Leistungskriterien mögen ihren relativen Wert in bestimmten Kontexten haben, doch leider werden sie oft genug mit einer quervergleichenden und wertmindernden Bedeutung vorgetragen - das Wesen selbst wird dann abgewertet oder beginnt, sich selbst weniger wertvoll zu fühlen. Und wie viele Menschen fühlen sich weltweit abgewertet, wurden von Vätern, Vorgesetzten oder "Freunden" als falsch, unnütz und wertlos bezeichnet? Dieses innere Leiden bleibt niemals innerlich, irgendwann wird es manifestiert, wird es als sichtbares Erzeugnis ausgeformt, als körperlicher Schmerz, als Krankheit, in Form verletzender Sprache, als Wut, Gewalt und Machtstreben über andere. Verschiedene Erzeugnisse oder Konstrukte kann man diskutieren, konstruktiv kritisieren, erkunden, hinterfragen usw. - doch das erzeugende Wesen sollte dabei stets als wertvoll, kostbar, wichtig und absolut einzigartig gesehen und gewürdigt werden. Ich nenne diese würdigende Haltung eine liebevolle Haltung ...)   

 

Die egozentrische Voreingenommenheit wirkt sich auch auf die Wahrnehmung von Personen und sogar Gegenständen aus, denen man sich verbunden fühlt. Harvard-Forscher fanden heraus, dass Menschen Möbel, die sie selbst aufgebaut haben, und sogar Papierfrösche, die sie selbst gefaltet haben, für wertvoller halten als die Möbel und Origamiwerke anderer Personen. Fans einer Sportmannschaft nehmen einer australischen Studie zufolge die Aktionen ihres Teams unbewusst anders wahr als die Spielzüge der Gegner. In ihren Augen bewegen sich die Spieler des Lieblingsteams schneller, auch reagiert ihr Gehirn auf deren Anblick anders. Es beurteile die Handlungen des eigenen Teams wohlwollender, folgern die Forscher. Ärger bei Fußballspielen ist, so gesehen, programmiert. Wohl aber auch die gegenseitige Bestärkung unter den jeweiligen Fans.

 

Der Sozialpsychologe Gerald Echterhoff von der Universität Münster kann das Phänomen erklären: "Das Ich hat keine starre Grenze. Offenbar schließt unser Selbstkonzept auch andere Menschen ein, mit denen wir uns verbunden fühlen." (Ja, und unser "Selbstkonzept" ist genau das, eine Konzeption, ein Konstrukt, ein Erzeugnis.) 

 

Das Ich im Wandel

Zeitlich gesehen, ist das Ich keineswegs starr. Schon körperlich sind Menschen einem Wandel unterworfen. Forscher betrachten es daher als Meisterleistung des Gehirns, einem das Gefühl zu vermitteln, stets dasselbe Ich zu sein. (IBA: Eine Meisterleistung nicht des Gehirns, sonders des erzeugenden ICHs.) Tatsächlich sind wir sogar blind für Veränderungen. Wandeln sich die eigenen Lebensumstände, meint man oft, die Welt habe sich verändert, schreibt der US-Psychologe Thomas Gilovich in einer Studie. Stellen Menschen Veränderungen fest, tendierten sie dazu, "auf der falschen Seite der Haut" nach einer Erklärung zu suchen. Manchmal ist es leicht zu durchschauen, etwa wenn ein Erwachsener nach vielen Jahren wieder das Haus seiner Kindheit betritt und ihm alles klein vorkommt. Andere Zusammenhänge sind schwerer zu erkennen. Nimmt der eigene finanzielle Spielraum durch sinkende Einkünfte ab, scheint einem auch die Freiheit in der Welt zu schwinden. Bekommen Menschen ein Baby, meinen sie oft, die Welt wäre gefährlicher geworden. Sie sind sensibler für Gefahr und sehen sich prompt stärker damit konfrontiert. Vielleicht hat sich ihre Aufmerksamkeit verschoben, damit sie ihr Kind gut behüten.

 

Ein Optimist könnte nun sagen, die subjektive Wahrnehmung hat ihren Zweck. (Ein "IBANER" würde sagen: "Die subjektive Konstruktion ist voller Sinn, ist stets "gut". Erzeugnisse sind gut, richtig und wertvoll. Doch "wahrer" als die jeweiligen Erzeugnisse ist die erzeugende Quelle, bist du, das erzeugende Wesen. Du selbst bist ein einzigartiger Wert, eine gewollte Individualität, erzeugt von einer unfassbaren göttlichen Quelle, die ihre erzeugende Freiheit und ihr erzeugendes Wesen an dich weitergereicht hat.") Sie schützt vor Gefahr oder Anstrengung, und sie motiviert dazu, nach Zielen zu streben oder mit anderen zu kooperieren. Man könnte sagen, sie sorgt dafür, dass das Ich auf sich und andere achtgibt. Dennoch hat sie ihre Tücken. Dunning rät daher zu etwas mehr Misstrauen gegenüber der eigenen Ansicht. "Ich bin heute nicht mehr so erstaunt, wenn ich mit einer Einschätzung falschliege. Und ich bin eher bereit, mir die Meinung anderer anzuhören. Es gibt ja so vieles, was ich nicht weiß." Wer das erkennt, der findet seine Mitmenschen vielleicht umso interessanter.

Zu erkennen, dass man "falschliegen" könnte mit der eigenen Ansicht ÜBER ANDERE oder über die äußere Welt, ist sicher ein hilfreiches Mittel für zunehmende Toleranz, für die zunehmende Wertschätzung anderer Sichten und für den Wert gemeinschaftlicher Aktionen. Doch IBA-Bewusstheit führt, wie ich zu zeigen versuche, noch weiter: Wer sich selbst UND ALLE ANDEREN als eine erzeugende Wesenheit erkannt hat, diskutiert nicht mehr so sehr die Falschheit von subjektiven Erzeugnissen (und sucht daher nicht mehr so sehr nach subjektunabhängiger Richtigkeit, nach objektiver Wahrheit), sondern erkennt und anerkennt ÜBERALL subjektive Konstruktionen, die ja schon, wie der ZEIT-Artikel ausführt, in der wahrnehmenden Perspektive (!) einen "verzerrenden" Einfluss ausüben. Der IBA-Bewusste befindet sich mit dieser Bewusstheit dann plötzlich in einer Vielfalt geistig erzeugter Welten wieder, in denen überall nach "Wesenslust" kräftig erzeugt wird (jedoch zumeist ohne genau diese Bewusstheit dafür zu haben). Und so, wie man selbst seine eigenen Gedanken, Gefühle und Absichten usw. IM MOMENT ihrer Entstehung niemals als "falsch, schlecht oder unwahr" empfindet, so geht es dann auch allen anderen: Auch sie glauben VOLLKOMMEN ZUTREFFEND, etwas "Gutes" erzeugt zu haben, wenn sie etwas erzeugen - und umso schlimmer wird dann empfunden, wenn wir uns von anderen anhören müssen, wie falsch und schlecht doch unsere Erzeugnisse seien. Nein, sie sind es nicht - und der tiefere spirituelle Grund liegt, wie ich meine, in einer überprüfbaren Erfahrungstatsache:

Der Akt der geistigen Erzeugung findet stets nur im "guten Glauben" statt - andernfalls würde gar keine Erzeugung vorgenommen werden(!). Niemand erzeugt auch nur einen Gedanken aus der inneren Bewertung heraus, dieser Gedanke sei schlecht oder falsch. Erzeugung kündet - als Vorgang - von der wesenhaften Gutheit derjenigen Quelle, die da aktiv ist. Selbst dann, wenn jemand sich vornehmen würde, eine falsche Behauptung aufzustellen, könnte er dies nur erzeugen, weil er an die Gutheit dieser Aktion glaubt. Wer lügt, lügt stets aus guten Gründen, niemals aus schlechten.  

Erst im kollektiven Raum, erst dann, wenn sich unsere subjektiv guten Erzeugnisse begegnen, erst dann SIND WIR ES, die das eine richtig und das andere falsch nennen, das eine wahr und das andere unwahr - ohne zu bemerken, wie sehr wir damit die erzeugende Gutheit des Wesens gegenüber berühren (und oft verletzen) und wie sehr wir damit bemüht sind, uns selbst in ein schöneres Licht setzen zu wollen. Wir wollen als GUTE WESEN erscheinen und so auch erkannt werden - das scheint mir der völlig berechtigte und vielleicht  auch der stärkste innere Impuls zu sein, dem wir alle folgen. Dieser schon im Wesen liegende "gute Impuls" ist in meinen Augen nichts anderes als der direkte Abglanz derjenigen lebendigen Liebeskraft, die uns alle am Leben hält, der lebendigen Liebe der Gottheit.

 

Und dennoch ist es auch für mich täglicher Kampf, in allen Menschen ein liebendes und geliebtes Kind dieser Gottheit zu sehen. Immer dann, wenn ich mich auf die Ebene der Erzeugnisse einlasse, verliere ich meinen Glauben an das gute Wesen - doch sobald ich MICH SELBST als die erzeugende Quelle erinnere, beginne ich wieder das erzeugende Wesen im anderen zu sehen (und nicht so sehr seine Erzeugnisse, seine Worte und Taten). Und dann vergeht aller Schmerz, verglüht alles Leiden, wird mir warm ums Herz und ich kann wieder sein, was wir alle sein wollen: Liebe!

 

Mit Dank.