über das Absolute im Relativen


 

"Ich denke oft, dass das Absolute fähig sein sollte,

das Relative bemerken, erkennen oder wahrnehmen zu können 

- und zwar voll umfänglich.

Doch gilt dies auch umgekehrt?"  


Das Absolute im Relativen - oder ALS das Relative?

Ich habe mich dabei erwischt (ich bin mir bewusst geworden über ...), wie ich über das Absolute nachdachte und dabei stets Begriffe wie "Gott" oder "die Gottheit" benutzte. Ich fragte mich: "Warum? Warum wandern deine Gedanken stets vom abstrakten Absolutheitsbegriff weg hin zu dem subjekthafteren Gottheitenbegriff?" Anfänglich begründete ich diese meine Tendenz mit christlicher Prägung, mit den tiefsitzenden Projektionen eines Menschen, der die Gottheit gerne so ähnlich sehen würde wie sich selbst. Erst später wurde mir klar, dass ich einer ganz anderen Strömung in mir folgte, nämlich dem Unterschied zwischen Objekt und Subjekt. Mir fiel auf, dass ich immer dann, wenn ich über den Begriff "das Absolute" nachdachte, exakt so dachte wie über irgendein beliebiges Objekt: Meine Gedanken versuchten sich, das Absolute vorzustellen, es zu objektivieren, besser zu erkennen, ihm auf die Schliche zu kommen usw. Dieser Objektivierungsvorgang führte zu einer gewissen Trennung des von mir gedachten Absoluten VON MIR SELBST: Hier war ich, der nachdachte, und irgendwo "dort" war das Absolute.

 

Diese Subjekt-Objekt-Trennung bildete ich dann auch stets ab, wenn ich versuchte, mir das Absolute im Verhältnis zur relativen Welt vorzustellen. Es schwebte immer irgendwie "über" mir, über uns, über allem. "Oben" ruhte das unsagbare Absolute - und "drunter" das Relative. Natürlich tauchten dann spannende Fragen in mir auf: Wie wirkt nun das Absolute hinein in das Relative? Was bewirkt das Oben im Unten? Ich suchte also - aus dieser objekthaften Oben-Unten-Vorstellung heraus - nach Hinweisen für das Wirken des Absoluten im Relativen. Da das Absolute in meiner Vorstellung unmöglich getrennt sein konnte vom Relativen, musste (!) es Berührungen, Verbindungen, Wirkungen usw. geben - und diese Kontakte konnten auch durchaus wechselwirkend sein, was bedeuten würde, dass das Agieren des Relativen auch irgendwie auf das Absolute Einfluss nehmen könnte.

 

Doch, wie gesagt, all diese Überlegungen waren eine direkte Folge meiner anfänglichen hierarchischen und objekthaften Konstruktion, wonach das Absolute vielleicht irgendwie über dem Relativen schweben und in es hineinwirken könnte. Als mir meine inneren Vorgänge nun bewusster wurden, versuchte ich eine andere Denkfigur zu finden. Und der Impuls dazu kam, wie ich oben sagte, durch den Begriff "Gott", den ich so oft mitdachte, wenn ich über das Absolute nachdachte. Um mich selbst von christlichen Prägungen noch mehr zu befreien, verwendete ich nun immer öfter die philosophische Bezeichnung "die Gottheit". Dies schien mir eine gesunde Mitte zwischen dem abstrakten Absoluten und dem allzu menschlichen Christen-Gott zu sein. "Die Gottheit" - wieso dachte ich immer an diesen Impuls?

 

Mir fiel recht schnell Folgendes auf: Dachte ich an das abstrakte Absolute, erzeugte ich Objekte, die mehr oder weniger mit mir nichts zu tun hatten. Dachte ich hingegen an die Gottheit, schien sich meine denkende Perspektive zu verändern - mein suchender Blick wanderte nicht mehr zu irgendwelchen vorgestellten Objekten, sondern zu mir (!). An dieser Stelle wurde mir klar, dass ich innerlich einen Perspektivwechsel vollzog, einfach dadurch, dass ich einem anderen Begriff folgte. Ich blickte nun nicht mehr auf ein objekthaftes Absolutes, dass irgendwo "über" der relativen Welt existierte und irgendwie in das Relative hineinwirkte - ich blickte nun auf mich, in mich hinein, in dasjenige Subjekt, was zuvor noch fähig war, schöne Absolutheitsobjekte zu erkunden. Mir fiel eine völlig neue Frage ein: Könnte das Absolute nicht ALS das Relative wirken?

 

Diese Frage löschte meine bildhafte Vorstellung vom Absoluten, dass irgendwie und irgendwo "über" unseren Köpfen schwebte zu Gunsten einer Ahnung, dass das Absolute sich zeigen und manifestieren könnte ALS das Relative, und dieser Gedanke würde bedeuten: als alles, was irgendwie existiert. Das Absolute würde dann nicht in Gänze, aber wenigstens in einigen Teilen oder Facetten auch IN MIR anwesend sein, ebenso in dir, in allen Wesen, ja, in allen Formen von Energie und Materie. Diese Vorstellung (die ebenfalls eine gedankliche Konstruktion ist wie meine objekthafte Absolutheitsvorstellung) ging allerdings, wie gesagt, mit einer Richtungsänderung einher: Ich als agierendes Subjekt versuchte nun, Teile oder Facetten oder die wirkende Anwesenheit des Absoluten oder der Gottheit genau dort, im Subjektiven, zu finden. Diese Richtungsänderung führte dazu, dass ich mich selbst zum Objekt meiner Betrachtungen machte (Selbstreflexion, Selbstbemerkung): "Zeigte sich die Gottheit vielleicht in mir und meinen subjekthaften Vorgängen? Falls ja, würde sie sich dann auch in dir und in allen fühlenden Wesen in ähnlicher Weise zeigen? Nicht IM Relativen, sondern ALS das Relative?" Diesen Fragen ging ich fortan nach und folgte dabei etwas, was ich "Intuition" nennen möchte, einer sanft ziehenden inneren Kraft oder Stimme, die mich nun immer wieder in diese innere subjekthafte Richtung forschen ließ.   

    

100 % kann wissen, was 20 % sind - aber umgekehrt?

Wenn also die Gottheit SICH SELBST im Subjektiven zeigen sollte, also in mir, in dir, in uns allen, wie würde sie das wohl tun? Und wie würde ich das dann erkennen können? An dieser Stelle tauchte das 100-Prozent-Problem in mir auf. Das 100%-Problem besagt, dass man erst sagen kann, wie viel 20% sind, wenn man weiß, was 100 % sind. Diesen Satz kann ich jedoch nur sagen, weil ich eine Perspektive auf BEIDE habe: Ich objektiviere sowohl die 100% als auch die 20%. Erst dadurch kann ich wissen, dass man ohne Kenntnis der 100% nicht sagen kann, wie viel nun die 20% sind. Doch wie stellt sich dieser Fall dar, wenn ich selbst eines von beiden bin, also einmal die 100%-Perspektive einnehmen würde und dann die Perspektive der 20%?

Nehmen wir an, ich sei die 100% (hier: das Absolute, die Gottheit). Könnte ich dann wissen, wie viel 20 % sind? Gewiss doch, denn diese 20% wären 20 % von mir, sie beziehen sich ja auf mich. Das Absolute, so folgerte ich, wäre danach mühelos fähig, alle relativen Phänomen zu sehen, zu erkennen, einzuordnen usw. Doch was, wenn ich annehme, ich sei nun die 20% (ein relatives Wesen)? Könnten die 20% wissen, wie viel 100% sind? Meine Antwort ist klar: Nein, das können sie nicht. Mehr noch: Das Relative könnte niemals wissen, wie groß oder klein oder was auch immer es selbst relativ zu den 100% ist, wenn es diese 100% nicht kennt. Anders formuliert: Die 20% würden erst dann wissen, dass sie selbst 20% ausmachen, wenn sie 100% kennen würden. Das Relative müsste das Absolute voll umfänglich kennen müssen, um wissen zu können, was es selbst ist.

 

Diese Überlegungen verknüpfte ich nun mit meiner Suche im Subjekt selbst. Ich ging davon aus, ein solches 20%-Wesen zu sein, also begrenzt, limitiert, von Bedingungen abhängig. Ich spreche hier noch nicht von irgendwelchen Fähigkeiten dieses Wesens, sondern vom Wesen selbst, welches ich als begrenztes Wesen relativ zum Absoluten, relativ zu 100%, relativ zur Gottheit dachte. Mir wurde klar: Alles, was ich mir jemals vorstellen würde als das Absolute, würde maximal eine partielle Annäherung sein, mehr nicht. Und alles, was ich im eigenen Subjekt antreffen und mit dem Absoluten verbinden würde, wäre ebenfalls nicht 100%, sondern allenfalls Facette, Aspekt, Teil von ...

   

Welche Fähigkeiten ruhen im Subjekt?

Was aber treffe ich im Subjekt an, also in mir? Um diese Frage besser beantworten zu können, entschloss ich mich 1995 (angeregt durch Ken Wilbers opus magnum "Eros Kosmos Logos") zu intensiven Meditationen. Als früherer Leistungssportler war ich hartes, intensives und meine persönlichen Grenzen sprengendes Training gewohnt - ich freute mich darauf. Glücklicherweise hatte ich auch Zeit und Gelegenheit für intensive Meditationen. So begann ich, meine Aufmerksamkeit zu fokussieren, meinen "hüpfenden" Geist zu beruhigen, erst eine Minute, dann eine Stunde, dann eine ganze Nacht lang. Meine Träume wurden - wie von Ken vorhergesagt - zunehmend luzider, klarer, bewusster. Als einen "absoluten" Höhepunkt empfand ich eine Sequenz verschiedener Klarträume, die ich über mehrere Wochen genießen durfte. In diesen Träumen erlebte ich mich völlig mühelos in zwei Wesenheiten gleichzeitig, einmal als beobachtende Bewusstheit und dann als Carsten, der im Traum agierte. Die Klarheit dieser ICH-Bewusstheit ("ICH bin es, der sich selbst im Traum beobachtet.") war so stark, dass ich sie noch heute ganz genau erinnern kann. Als dieses Beobachter-ICH nahm ich das Traumgeschehen nicht nur wahr, sondern gestaltete auch aktiv (!) den Traum. Ich konnte Sequenzen wiederholen, das Geschehen verändern, wie ein Regisseur, der aktiv in das Geschehen eingreift. Eine wahnsinnig aufregende Erfahrung! Ich konnte auch mühelos die Innenperspektive wechseln und fühlen und leben als das Carsten-Ich innerhalb des Traumes - und beinahe zeitgleich konnte ich die Innenperspektive des "großen" ICHs einnehmen und "von außen" fühlen, was Carsten gerade im Traum erlebte. Ich erinnere, wie ich mich köstlich amüsierte über dieses geistige Spiel und sehr viel Freude daran empfand ... (und wenn ich hier "ich amüsierte mich" schreibe, dann meine ich damit das "große ICH", welches sich amüsierte, nicht das lebendige, fühlende, agierende Carsten-Ich innerhalb des Traumes).

 

Diese durch intensives Meditationstraining induzierten Selbsterfahrungen (und einige andere Erfahrungen, deren Schilderung hier zu weit führen würde) ließen mich glasklar erkennen, dass Bewusstheit nicht nur wahrnehmende Fähigkeiten hat, sondern auch sehr starke erzeugende Fähigkeiten. ICH war es, der das Traumgeschehen nach eigener Absicht änderte, ICH war es, der die Gefühle, die Carsten im Traum fühlte, verändern konnte usw. usf. Seit diesen Erfahrungen ist mir völlig klar, dass "Carsten" und alle meine irdischen Identitäten nichts anderes sind als meine Erzeugnisse. Und wer die erzeugende Quelle dieser Erzeugnisse ist, durfte ich ebenfalls erleben (weshalb ich oft vom "ICH-als-Ich" spreche).

 

Bewusstheit, Wahrnehmung, Erzeugung, Selbstbemerkung - es sind diese vier Worte, die ich seither MIT MIR (und mit dir, mit uns allen) verbinde, also mit dem Subjekt, welches ich zu erforschen suchte. Ich verbinde NICHT Begriffe wie Form oder Farbe oder einzelne spezielle Qualitäten mit dieser ICH-Erfahrung. Tatsächlich empfand ich dieses ICH als unendlich, grenzen- und formlos, als "durchsichtig", als "raumlosen Raum", denkend, fühlend, lebend - und zugleich klar und deutlich als "ICH", als etwas, was nicht das Absolute war. Natürlich war dieses ICH keine Person im irdischen Sinne, sondern eine "reine" Subjektivität oder ICHheit oder bewusste Wesenheit, eine mir sehr vertraute Individualität, unteilbar (wie das Wort besagt) - und der einzige Name, der mir einfällt, lautet simpel und einfach: "ICH". Mehr nicht ...

 

Wenn sich also, um meine Überlegungen zur anwesenden Gottheit im Subjekt wieder aufzugreifen, dieses Absolute ALS das jeweilige Relative zeigen könnte, warum dann nicht in genau denjenigen Fähigkeiten, die ich in diesen außergewöhnlichen Zuständen von Bewusstheit und Klarheit so intensiv bemerken durfte? Zeigt sich, so meine Folgerung, ein Teil des Göttlichen in unseren Fähigkeiten der Wahrnehmung, der Selbstbemerkung, der Bewusstheit und der Erzeugung? Woher haben wir eigentlich diese Fähigkeiten?

 

Als ich diesen Impulsen nachging, tauchte die Idee einer gewaltigen "Schöpfungskaskade" in mir auf: Weil das Absolute bewusst ist, kann ich es auch sein. Weil das Absolute wahrnehmend ist, bin ich es auch. Weil das Absolute erzeugend ist, kann auch ich erzeugen. Weil das Absolute SICH SELBST bemerken kann, kann auch ich mich bemerken, nicht so sehr als vorgestelltes Objekt, sondern als agierende Wesenheit, als wahrnehmende, selbstbemerkende und erzeugende ICHheit und all dies mit einer Tendenz hin zu immer mehr Bewusstheit über die EIGENEN Vorgänge ("Selbstbewusstheit").

 

So kam es, dass ich heute das Absolute überall dort wirken sehe, wo gewirkt wird. In mir, in dir, im ganzen Kosmos. Doch ich sehe nicht ein direkt wirkendes Absolutes, dass überall "herumfummelt" (lacht) und zentralistisch autoritär alles steuert, sondern Myriaden bewusster Einheiten oder Wesenheiten oder bedingte "ICHe", die allesamt über wahrnehmende und erzeugende Fähigkeiten verfügen, die allesamt ausgestattet wurden mit einer schöpferischen Freiheit, die aus der Sicht jedes Wesens stets nur eine bedingte Freiheit sein kann ("20%"), aus der Sicht der Gottheit jedoch eine dezentralisierte, gleichwertige, selbsttätige und myriadenfach vervielfältigte Freiheit darstellt, die alle nur denkbaren Möglichkeiten beinhaltet: viele Universen, viele Welten, viele Dimensionen, Myriaden erzeugender Wesen und Akte, die alle umeinander wissen, die alle einzeln und kooperativ erzeugen, Raum und Zeit erschaffen, lebende "Leinwände", in denen wir spielen dürfen und die wir selbst durch jeden erzeugenden Akt ein wenig verändern und mit neuen Möglichkeiten bereichern.

 

Und deshalb meine auch ich: Ja, Aspekte des Absoluten blitzen auf, in jedem Moment, in mir, in dir, einfach überall, und ich glaube, mit der Bewusstheit über unsere ERZEUGENDEN Akte kommen wir diesem Absoluten vielleicht ein wenig näher - weil wir uns selbst damit näher kommen. Genauer: Mit der Bewusstheit, sich selbst als erzeugende Quelle erkannt und akzeptiert zu haben ("ICH bin es, der erzeugt ...") kommen wir nicht nur unseren Erzeugnissen besser auf die Spur (Gedanken, Absichten, Wertvorstellungen, Gefühlen usw.), sondern auch einer subtilen Differenz in dem, was wir als Identität bezeichnen ("Wer bin ich?"). Es handelt sich dabei um die Differenz zwischen Quelle und Erzeugnissen: Das eine bin ich, das andere erzeuge ich, ist also Aspekt von mir, Teil von mir, ist ICH-Ausformung, ist Selbstausdruck.

 

Deshalb sage ich so gerne: "Die erzeugende Quelle, das ICH, ist wahrer als die jeweils erzeugten Wahrheiten." Das erzeugende ICH in Ken Wilber ist wahrer und "größer" als seine integrale Philosophie. Das erzeugende ICH des Kritikers ist wahrer und größer als die erzeugte Kritik. Dieses erzeugende geistige Wesen in seiner aktiven ICH-Bewusstheit ist es, welches ich zu lieben und zu würdigen und - falls gewollt - zu fördern versuche. Mir persönlich ist es beinahe egal, welche Erzeugnisse jemand in die Welt setzt, welchen Glaubenssätzen jemand folgt, welchen Wahrheiten jemand anhängt - nicht egal ist mir hingegen, ob dieses Wesen weiß, dass es sich dabei um seine Erzeugnisse handelt (!). Nicht egal ist mir die Selbstbewusstheit des Menschen ALS erzeugendes Wesen - denn wenn es sich auf solche Weise erkannt hat, dann ist es freier von seinen eigenen Gedanken und Überzeugungen, weil es seine erzeugende Freiheit erkannt hat.

 

Wer mir bis hierhin einigermaßen folgen konnte, wird in diesen Sätzen meinen Versuch, das Absolute anzudeuten, sicher herauslesen können. Nicht unsere relativen Wahrheiten künden vom Absoluten, sondern die simple Tatsache, dass wir solche Wahrheiten oder Erzeugnisse erzeugen können. Es ist, so meine ich, die erzeugende Quelle, das erzeugende Wesen, das schöpferische ICH, welches SELBST der Hinweis ist, nach dem so viele suchen, auch ich. Im "ICH bin erzeugend" zeigt sich eine Facette des Absoluten ...

 

So wage ich also zu sagen: "Suche dich, suche in dir, finde dich als erzeugendes Wesen und du berührst die Gottheit. Hast du sie in dir bemerkt, bemerkst du sie auch im Gegenüber." Und all das nenne ich IBANETIK, mein kümmerlicher Titel, der diese erzeugende ICH-BIN-Aktivität im Namen trägt ("IBA") und der mein subjektiver Versuch als bedingtes 20%-Wesen ist, das unfassbar Absolute sichtbarer zu machen, indem ich es in mir verorte, in dir, in allem, was kreucht und fleucht, im Seienden schlechthin.

 

Mit Dank für eure Aufmerksamkeit.

 

ICH-als-Carsten Rachow