Buddhismus verurteilt Ken Wilber


"Das International Buddhist Ethics Committee (IBEC) hat ein vernichtendes Urteil über die Integrale Lehre von Ken Wilber veröffentlicht und klagt ihn unter anderem an, den Buddhismus zu verfälschen. Das ist ziemlich starker Tobak und sollte wenigstens in einschlägigen spirituellen Kreisen wie eine Atombombe einschlagen und zu intensiven Diskussionen führen. Ich hoffe ja, dass dann allen Beteiligten, die hier um die richtige Lehre ringen, die Augen geöffnet werden für eine tiefere Erkenntnisebene, die ich in einen simplen Satz gegossen habe: 'Erzeugung geht vor Wahrheit'. Und ja, ich hoffe dann natürlich auch, dass ein neuer Raum für neue Impulse und für eine neue Spiritualität entstehen kann - eine Spiritualität, in deren Zentrum das erzeugende Wesen stehen wird." (Carsten Rachow)


Das buddhistische Urteil

Ich zitiere hier die offizielle Zusammenfassung des Urteils. Sie lautet:

 

Following the Path of Master Gautama, who sowed the foundations of the Adequate Integral Spirituality through the Noble Path, the International Buddhist Ethics Committee supervises that writers and masters of Spirituality are righteous and ethical, never distorting or manipulating the Cultural Heritage of the Buddhist Peoples, so that Ken Wilber has been sentenced as Responsible for Academic Dishonesty, Spiritual Scam and False Buddhism, Violation of Buddhist Law, Crime against Buddhist Cultural Heritage and Violation of Human Rights.

In pursuit of reconciliation (maitri),
Master Maitreya Samyaksambuddha
President and Spiritual Judge of the International Buddhist Ethics Committee (IBEC) and Buddhist Tribunal on Human Rights (BTHR)

Für Feinschmecker hier der Link zum IBEC-Urteil (wer dort stöbert, wird auch noch eine sehr umfangreiche Urteilsbegründung finden):

http://buddhisttribunal.blogspot.de/2017/09/judgment-on-case-ken-wilber.html?m=1

Und hier der Link zum "Governing-Council", also zu denjenigen Menschen, die dieses Urteil erzeugten: https://buddhistcourt-gov.net/2016/12/21/governing-council/

 


Die von mir erzeugte Sicht auf dieses Ereignis

Ich möchte das IBEC in seinen Zielen durchaus mit der katholischen Glaubenskongregation vergleichen, die ebenfalls über die Reinhaltung der Lehre wachen soll. Das IBEC wurde gegründet, um die vielen buddhistischen Schulen und Strömungen in einem "Integralen Buddhismus" zu vereinigen. So weit mir bekannt, ist das Urteil des IBEC also keine isolierte Einzelmeinung irgendeiner buddhistischen Teilströmung, sondern vereinigt hinter sich so etwas wie den "gesamten" modernen Buddhismus und würde damit eine spirituelle Kritik von sehr hohem Gewicht darstellen. 

 

Deshalb, wie ich oben schon sagte: starker Tobak - eine spirituelle Hinrichtung ersten Ranges, gewissermaßen eine buddhistische Exkommunikation für den "Häretiker" Ken Wilber. Ich vermute, dass Ken und seine integralen Anhänger diese fundamentale Kritik eher als Bestätigung und indirekte Adelung ihrer Arbeit sehen werden ("Viel Feind', viel Ehr' ..."), weil natürlich wieder einmal eine "niedere" Bewusstseinsstufe (hier: das IBEC) nicht fähig ist zu erkennen, was nur eine "höhere" Stufe schon erkennen kann (hier: Wilber und Fans).

 

Wer IBANETIK schon ein wenig studiert hat, den wird nicht wundern, wenn ich mich in diesen spirituellen Disput zwischen IBEC und Wilber um die "richtige Wahrheit" nicht einmischen will, sondern stattdessen versuchen möchte, diesen Disput zu nutzen, um eine tiefere Ebene von Spiritualität sichtbarer zu machen. Diese tiefere Ebene drücke ich mit einem einfachen Satz aus:

 

"Erzeugung ist wahrer als die jeweils erzeugte Wahrheit."

 

Schauen wir uns doch mal an, was wir mit diesem Satz anfangen können ...

  

Spirituelle "Tiefe"

Ich selbst benutze das Wort "Tiefe" und damit eine vertikale Denkfigur. Wo Tiefe ist, ist auch Höhe, wo Höhe ist, ist Höheres und Niedrigeres. Auf den ersten Blick unterscheide ich mich damit in keiner Weise von denjenigen, die von "höherem Bewusstsein", von höheren Ebenen und von höheren Wesen sprechen. Doch wie so oft, macht der Kontext die Musik - und mein geistiger Kontext beinhaltet Begriffe wie Relativität, Bedingtheit und Gleichwertigkeit.

 

Höhe und Tiefe sind relationale Begriffe, sie erscheinen gemeinsam. Das ist relativ einfach zu erkennen. Wo es ein höheres Bewusstsein geben soll, muss es dann auch zwangsläufig ein niedrigeres geben - wer solchermaßen A sagt, muss dann auch B sagen. Doch es gibt nicht nur diese Relativität oder Bezogenheit dieser beiden Begriffe zueinander, es gibt auch eine Bezogenheit (oder Relativität) dieses Begriffspaares zu demjenigen Subjekt, das es erzeugt und benutzt. Dies bedeutet: Die Höhe oder Tiefe, die ich benutze, muss nicht identisch sein mit der Höhe oder Tiefe, die andere Erzeuger benutzen. Nur weil in beiden Fällen identische Worte benutzt werden, müssen nicht automatisch die gleichen Bedeutungen transportiert werden.

In Ermangelung besserer Begriffe benutze daher auch ich Worte wie Höhe und Tiefe. Ken Wilber etwa - um ein bekanntes Beispiel zu nennen - verwendet "Höhe" mit der Bedeutung von "besser, umfassender, angemessener, integrierender" und zieht daraus den Schluss, dass ein Bewusstsein, welches immer umfassender und einbeziehender "integrieren" könne, ein besseres Bewusstsein darstelle als ein Bewusstsein, welches stärker in trennender, ausschließender und egozentrischer Weise agiert. Von diesem Höhe-Gedanken ist es dann nur noch ein kleiner Schritt hin zu einer hierarchisch gestuften Ontologie ("Seinslehre"): Dann müssen auch diejenigen Wesen oder Selbste, die über ein solches höheres Bewusstsein verfügen, irgendwie bessere Wesen sein, in der Ordnung allen Bewusstseins höher stehen - und damit zugleich näher am höchsten Bewusstsein, am Absoluten, an der Gottheit.

Doch zu dieser vertikal gestuften Höher-Ordnung existierender Wesen kann man natürlich nur gelangen, wenn man zuvor bestimmte Kriterien für "höher" (oder "tiefer") gefunden hat. Bei Wilber lauten sie, wie gesagt, stark verkürzt: "Eine mehr einbeziehende, einschließende, umarmende Bewusstheit ist besser als eine ausgrenzende, ausschließende und trennende." Wilber versucht daher zu beweisen (er beruft sich oft auf wissenschaftliche Studien, die seine Sicht scheinbar bestätigen), dass er diese Kriterien "gefunden" hat - sie existieren also irgendwo "da draußen und da drinnen", sie sind damit keine Konstruktionen seines erzeugenden Geistes, sondern reale Ontologie, es gibt sie wirklich, man muss nur richtig hinschauen (etwa so wie er). Und diese Vorgehensweise lehne ich mit IBANETIK radikal ab.

Denn Ken hat nicht einfach nur "gefunden", hat nicht nur "wahrgenommen", er hat auch erzeugt, erschaffen, konstruiert. Mit anderen Worten: Er hat Teile seiner individuellen Innerlichkeit äußerlich gemacht - er hat SICH sichtbar gemacht (wofür ich ihm sehr dankbar bin), hat ausgeformt, was IN IHM existiert, woran ER glaubt und was FÜR IHN voller Bedeutung ist. Dagegen habe ich überhaupt nichts - doch diesen individuellen Vorgang der Selbstentäußerung zu verschweigen oder ihn als wahrgenommene oder gefundene Wahrheit zu verkaufen, dagegen habe ich sehr viel. 

 

Die Bedeutungen, die ich nun mit "Tiefe" bzw. "Höhe" verbinde, sind nicht verbunden mit einem Werte- oder Rangunterschied hinsichtlich derjenigen Wesen, die diese Worte benutzen. Meine "Tiefe" bezieht sich allein auf das Maß an Selbsterkenntnis, also auf das Wissen ÜBER SICH SELBST. Tiefer geschaut hat danach jemand, der sich selbst klarer und genauer erkannt hat - im Vergleich ZU SICH SELBST und zu seinen früheren Selbstsichten. Meine Tiefe hat nichts zu tun mit einem höheren Werterang relativ zu anderen geistigen Wesen, sondern beschreibt ausschließlich das Maß an individueller Selbstbewusstheit. Nehmen wir an, Carsten Rachow hätte nach diesem Merkmal eine große Tiefe erreicht. Wäre er dann wertvoller oder "höher" als ein anderer Mensch, der all das, was CR in sich entdeckt hat, noch nicht entdeckt hat?

Meine Antwort ist klar und eindeutig: Nein, CR ist um keinen Deut ein höheres oder tieferes Wesen als ein anderer Mensch. CR ist tiefer (oder höher) als noch vor einem Jahr in seiner Selbstbemerkung. Ich führe Selbstvergleiche durch, keine Quervergleiche. Genau das lehre ich meine Studenten (und Klienten und Patienten): "Vergleiche dich mit dir. Du bist dein eigener Maßstab. Wenn du dich innerlich heute besser erkannt hast als gestern, dann hast du IN DIR eine tiefere Ebene von Selbstbewusstheit erreicht."

Wie tief oder hoch diese erreichte Ebene im Vergleich mit anderen Menschen ist, ist für mich völlig bedeutungslos. Ich bin kein besserer Mensch als du, weil ich mich heute klarer erkenne als noch vor 10 Jahren. Und du bist kein höherer Mensch als ich, weil du heute über eine tiefere Bewusstheit FÜR DICH SELBST verfügst als noch gestern.

 

Eine "tiefere" Ebene der Spiritualität ist danach schlicht und einfach eine intensivere Ausrichtung der eigenen Bewusstheit auf sich selbst, hinein in die eigene Innerlichkeit, in die subjektive Innenwelt. Doch niemand muss das tun, um ein "gutes Wesen" zu werden, um ein guter Mensch zu sein - man kann auch seine Aufmerksamkeit weiterhin auf die äußere Welt richten, kann Blumen erforschen, die Natur, die Sterne, kann dies und jenes in seinen Fokus nehmen - nichts daran ist falsch, weniger wertvoll oder "niedriger"!

Mein Bruder Thomas weiß - relativ zu mir - so viel über Tennis und Kinder, dass ich dagegen wie ein Unwissender aussehe. Ich weiß dagegen mehr über meine Innerlichkeit als er über meine Bewusstheit weiß. Bin nun ich "höher" als er oder ist er "höher" als ich? Diese Quervergleiche habe ich nicht im Herzen. Für mich ist ein Mensch mit geringer ICH-Bewusstheit um keinen Deut schlechter oder wertvoller als ich. Für mich ist der Experte in Quantenphysik um keinen Deut wertvoller als ich. Wir alle sind gleichermaßen voller Wert, sind kostbare Wesen, jedes auf seine Weise. Deshalb: Eine "tiefere" Ebene der Spiritualität hast du dann erreicht, wenn DU sagen kannst: "Heute verstehe ich mich besser, klarer, genauer als gestern."

 

Ich denke, nun sollte klarer sein, warum meine subjektive Tiefe nichts mit der quervergleichenden Tiefe von Ken Wilber und anderen Stufen-Denkern zu tun hat und warum ich die ontologischen Aufstiegsgeschichten hin zu einer "höheren Bewusstheit", zu der wir alle werden könnten, kategorisch ablehne (und damit den buddhistischen Ansatz). Was wir statt dessen, wie ich glaube, tatsächlich erlangen können, ist eine tiefere oder höhere Selbstbewusstheit, ein besseres Erkennen des eigenen Wesens, des eigenen Daseins, des eigenen Wirkens - doch auch hier ist "besser" ein rein individueller Maßstab, ein subjektives Maß, erzeugt und bemerkt in den Tiefen des eigenen Geistes, angelegt an die eigene Bewusstheit und niemals, ich wiederhole: niemals angelegt im Quervergleich zu anderen Menschen. Wenn - verkörpert durch uns alle - mehr Liebe in die Welt kommen soll, müssen alle ontologischen und quervergleichenden Stufenkonzepte als erzeugte und konstruierte Selbstvorstellungen enttarnt werden. Mein Gott, wie gehen wir nur miteinander um ...?!

  

Geistige Wesen erzeugen.

Gautama (der spätere "Buddha") erzeugte. Wie alle geistigen Wesen, die sich hinein in die Bedingungswelt von Raum, Zeit und Materie begeben, war er kraft seines individuellen Bewusstseins fähig zur Wahrnehmung und zur Erzeugung. Er wurde geboren, wurde groß, dachte über sich und die Welt nach, studierte die ihm verfügbaren religiösen und sonstigen Lehren seiner Zeit, schüttelte seinen Kopf, grübelte und meditierte, tat dies und jenes - und öffnete dann seinen Mund. Er sprach Worte aus, neue Worte. Worte sind hörbare Gedanken. Er sprach seine Gedanken aus. Gedanken sind Erzeugnisse. Er sprach seine geistigen Erzeugnisse aus. Er sprach sich aus. Gautama erzeugte aus dem Fundus, der ihm innerlich war. Er schöpfte aus sich. Er hätte tausend andere Gedanken erzeugen und tausend andere Worte aussprechen können - doch er entschied sich für diejenigen Worte, die er dann aussprach (und von denen kein einziges damals aufgeschrieben oder auf Tonband mitgeschnitten wurde).

 

2500 Jahre später erzeugte auch Ken Wilber. Auch er fand Schriften vor, stöberte im Wissen seiner Zeit, dachte nach, schüttelte seinen Kopf und erzeugte etwas Neues, seine "Integrale Philosophie". Im Unterschied zu Gautama jedoch schrieb Ken seine Gedanken auf und veröffentlichte viele Bücher mit seiner Originalstimme.

 

Beide Stimmen wären nicht in die Welt gekommen und nie gehört worden, wären sie nicht von zwei individuellen Wesen erzeugt worden. Doch seltsam, seltsam, genau darüber, dass beide ihre Gedanken erzeugten, informierten sie uns nicht. Der eine, Gautama, ging sogar so weit, die Existenz eines individuellen Wesens in Frage zu stellen. Er folgte einer "Anatman"-Sichtweise, der zu Folge es ein agierendes, erzeugendes und individuelles "Wesen" eigentlich gar nicht geben dürfte. Da macht es natürlich Sinn, seine eigene erzeugende Rolle nicht zu betonen und den Eindruck zu verwischen, dass man der Welt eine subjektive Sicht angeboten hat.

 

Das Verschweigen der eigenen, erzeugenden Subjektivität (oder "ICH-heit") bringt noch einen großen "Vorteil" mit sich: Beim spirituell suchenden Zuhörer oder Leser kann schnell der Eindruck entstehen, hier verkünde jemand objektive Wahrheit (und nicht subjektive Sicht oder Perspektive oder Erzeugnisse). Dieser Effekt stellt sich insbesondere dann ein, wenn man als Erzählender selbst glaubt, eine ungeheuer wichtige, objektive, hohe und große Wahrheit "entdeckt" zu haben. Verschweige ich dann meinen erzeugenden Part und bemühe ich mich um wissenschaftliche Belege, dann kann ich meine Leser leichter an dasjenige glauben lassen, woran ich selbst glaube. Diese Methode benutzt Ken Wilber. Schrieb er anfänglich (1995 in "Eros, Kosmos, Logos") noch: "Ich werde hier so tun, als ob die Geschichte, die ich hier erzähle, so passiert wäre ...", so verschwindet er als das agierende und erzeugende Subjekt in seinen späteren Büchern immer mehr - und statt dessen lesen wir immer öfter und immer stärker, wie "wahr" doch seine Botschaft sei.

 

Auch das IBEC erzeugt. Besser: Diejenigen Menschen, die das IBEC ausfüllen, erzeugen. Und so erleben wir mit obigem Urteil zunächst nur das Aufeinanderprallen geistiger Erzeugnisse, mehr nicht. Buddha hat diese Meinung, Ken hat jene Meinung, die IBEC-Leute haben auch eine Meinung. Mit anderen Worten: Wir erleben Selbstausdrucke. Alles Weitere könnte nun relativ locker über die Bühne gehen, wäre da nicht diese verschwiegene Subjektivität, diese Verleugnung der eigenen erzeugenden Fähigkeiten und diese behauptete Objektivität oder "höchste Wahrheit".

 

Spirituelle Unbewusstheit erzeugt Leid und Schmerz.

Als "unbewusst" bezeichne nun ich diejenigen Geister, die ihre eigene erzeugende Rolle nicht erkennen oder diese verschweigen, weil sie gerne "höchste Wahrheiten" anbieten möchten (was zumeist zur Folge hat, dass dann der Anbieter dieser höchsten Wahrheiten ebenfalls als ein hohes Wesen gesehen wird - vermutlich genau das, was man innerlich selbst begehrt).

 

Unbewusstheit bedeutet hier also eine gewisse "Blindheit" für das erzeugende Wesen, das man selbst ist. Buddha und weite Teile des heutigen Buddhismus negieren - so weit ich dies beurteilen kann - gleich ganz ein erzeugendes Wesen, sind also nach meinem Kriterium in hohem Maße "blind" für das eigene Wesen und für das eigene Tun. Ken hingegen lässt hin und wieder durchblicken, dass er es ist, der dieses und jenes so sieht - doch da im Zentrum seiner Lehre der EINE GEIST steht, von dem involutiv alles ausgeht ("Agape") und zu dem evolutiv alles hinstrebt ("Eros"), sogar das eigene Ich, welches sich irgendwann und irgendwie und irgendwo in diesen GEIST hinein auflösen wird, spielt das individuelle Wesen und seine erzeugende Kraft auch bei ihm keine große Rolle. Seltsam, nicht wahr? Denn, wie Ken selbst sagt, vor ihm hat noch niemand diese "Integrale Philosophie" aufgeschrieben, denn vor IHM hat sie noch niemand ERZEUGT ...

 

Alle drei also, Gautama, IBEC und Ken, sind ein wenig blind oder unbewusst für die eigenen erzeugenden Aktivitäten - und es ist diese spirituelle Unbewusstheit, die großes Leid in die Welt bringt (!) und zugleich verhindert, dass schon bestehendes Leid reduziert werden kann. Denn wir, die ERZEUGENDEN Wesen, sind es, die leidvolle Selbstgefühle erzeugen und leidvolle Handlungen in dieser Welt begehen. Wer nun diese subjektiven, individuellen (und dann auch kollektiven) Erzeugnisse spirituell verwässert, leugnet oder negiert, der bringt Blindheit in die Welt und verdunkelt diejenige leuchtende Kraft, die Leiden, Elend und Not lindern könnte - und diese leuchtende Kraft pulsiert NICHT in den wahrnehmenden und fühlenden Fähigkeiten des bewussten Wesens, sondern in seinen erzeugenden Gaben.

  

Kaum etwas ist schlimmer als die Verleugnung erzeugender Individualität, denn dann streiten Menschen um "absolute Wahrheiten" (siehe IBEC). Kaum etwas ist verletzender, als wenn Menschen sich selbst ontologisch auf einer höheren Stufe von Sein und Bewusstheit vermuten als andere. Diese vermeintlich "höheren Wesen" scheinen nicht zu erkennen, dass wir alle Kinder der einen Gottheit sind - und diese Gottheit würde niemals auf die Idee kommen, jenes Wesen wertvoller und höher einzustufen als dieses. Warum also tun es diese Stufen-Denker und behaupten, ihre Sicht und ihr Sein würde "näher" an der göttlichen Sicht liegen als die Existenz "niederer" Wesen? Und kaum etwas trägt mehr zur Erhaltung des Leids bei, als Menschen zu suggerieren, sie hätten gar kein Ich, sie seien gar kein Individuum und ein erzeugendes Wesen schon gar nicht.

 

Denn Leiden ist individuell erzeugt. Punkt. Da es individuell erzeugt wird, kann es auch in kollektiver Form erscheinen (in Familien, Gruppen, Nationen usw.), nämlich überall dort, wo viele Individuen geistig interagieren. Jedes erzeugende Wesen fühlt nicht nur seine jeweilige Umwelt (weil es wahrnehmend ist), jedes Wesen fühlt vor allem seine eigenen geistig-seelischen Erzeugnisse (der erzeugende Aspekt von Bewusstheit) - und wenn es Leiden fühlt, dann deshalb, weil es exakt dieses Leid-Gefühl erzeugte. Doch wozu erzeugt ein Wesen sein Leiden? Könnte es nicht leidfrei leben, könnte es nicht auf die Erzeugung des eigenen Leidens verzichten, wenn es erst einmal entdeckt hätte, dass es die eigenen Gedanken und Gefühle sind, die es da in sich bemerkt?  (Angesichts des Leidens in der Welt und unserer wahrnehmenden oder fühlenden Fähigkeiten werden wir immer fähig sein, das Leiden anderer Wesen zu bemerken - doch daraus folgt nicht, dass ich deshalb auch noch an mir selbst leiden muss. Ich muss nicht "automatisch" selbsterzeugtes Leiden dem wahrgenommenen Leiden hinzufügen ...) 

 

Der Sinn des Leidens ist die Selbstbemerkung.

Geteiltes Leid ist nicht halbes Leid, wie der Volksmund meint. Geteiltes Leid ist gar nicht geteilt, sondern allenfalls mit-geteilt. Und dann verdoppelt es sich eher, es halbiert sich nicht. Ich leide, teile mein Leiden sichtbar und hörbar mit, jemand anders nimmt es wahr - und freut er sich dann? Nein, nun leidet auch der andere. Warum? Weil er selbsterzeugte Gedanken und Gefühle hinzufügt ...

 

Mein Leid ist immer und unteilbar mein Leid. Ich fühle es, ich muss es tragen und ertragen, ich werde es nicht los, wenn ich nicht etwas tue. Viele Menschen wollen nicht, dass ihr Leiden gesehen wird, sie wollen nicht, dass andere Menschen ebenfalls leiden oder sich Sorgen machen müssen. Zu Recht - denn wozu sollte es gut sein, wenn noch jemand leidet? Dennoch lässt sich Leiden, insbesondere großes Leiden, kaum verbergen und leistet dem Rest der Welt einen großen Dienst, denn dieses Wesen informiert uns mit seinen seelischen Qualen über irgendetwas, was nicht in Ordnung ist, was nicht mehr geschehen sollte.  

 

Leiden also hat Sinn, sonst gäbe es das Leiden auch nicht. Wer leidet, informiert die Welt. Wer leidet, informiert aber auch sich selbst. Er bemerkt sich. Niemand ist sich näher und niemand fühlt sich selbst intensiver als derjenige, der gerade leidet. Das eigene Leiden ist nicht die Ursache, sondern die Folge eines sehr starken anderen Empfindens, eines zuvor erzeugten sehr starken Impulses. Und dieser lautet: "Ich will das nicht mehr." Jedes Leid ist der informierende Selbstausdruck über dasjenige, was dieses Wesen nicht mehr will. Doch daraus allein würde noch kein Leid entstehen. Allein aus dem Gedanken oder geistigen Impuls: "Das will ich nicht mehr haben, nicht mehr erleben, nicht mehr erdulden ..." entsteht noch kein Leid. Leid entsteht erst dann, wenn das geistige Wesen zusätzlich seine eigene Ohnmacht bemerkt. Ohnmacht aber gleicht einem Seinsgefühl von "Ohne-Macht-Sein" - und das bedeutet nichts anderes als die Verletzung des erzeugenden Aspekts in dieser Wesenheit. Geistige Wesen WOLLEN aktiv sein, wollen erzeugen, erschaffen, konstruieren, SICH SELBST einbringen in der göttlichen Gemeinschaft - und wenn sie sich als ohnmächtig erleben, wenn sie nicht mehr wissen, was sie tun könnten, wenn ihre wunderbaren schöpferischen Fähigkeiten unterdrückt werden, wenn sie nichts mehr Gutes bewirken können, dann leidet das Wesen, dann weint die Seele und der ganze Kósmos hört mit und leidet mit.  

 

Wer solchermaßen leidet, macht die eigene Ohnmacht innerhalb des eigenen Körpers zu einem fühlbaren Gefühl. Wer leidet, kann schon negativ oder negierend denken, was er nicht mehr will, doch er kann noch nicht positiv oder aktivisch sagen, was er tun könnte. Niemand würde an seiner Arbeitslosigkeit leiden, würde er wissen, wie er schon morgen an einen neuen Job kommt. Niemand würde am Tod eines geliebten Menschen leiden, wüsste er nur, wie er schon morgen mit dem Verstorbenen sprechen könnte, ihn sehen und umarmen könnte. Niemand würde leiden, würde er in jeder Lebenslage wissen, was er selbst aktiv tun könnte. Doch dieses positive Wissen existiert nicht für alle Lebenslagen. Der Mensch wird daher immer an irgendetwas leiden, denn er wird immer in irgendeiner Lage seine eigene Ohnmacht spüren. Und deshalb müssen wir einander helfen, müssen wir Anlässe für Ohnmachtsgefühle verringern, müssen wir uns umeinander kümmern, müssen teilen, was wir schon besitzen und sind wir verpflichtet (von Gott) die BEDINGUNGEN für leidvolle Zustände zu korrigieren. Die "Ermächtigung" des Individuums kann von außen erleichtert werden - vollzogen werden kann sie jedoch nur innerlich, durch die eigene erzeugende Bewusstheit.

 

Das Leiden als ein jederzeit aktivierbares Phänomen abzuschaffen - das spirituelle Kernanliegen Buddhas -, würde bedeuten, die Möglichkeiten der Selbstbemerkung und der Notwendigkeit für soziale Gemeinschaftsanstrengungen zu verringern - und dies kann nur im Interesse derjenigen liegen, die ohnehin glauben, dass es kein individuelles Ich gäbe (siehe die daher völlig unzureichenden Sozialpolitiken in buddhistisch geprägten Ländern). Diejenigen jedoch, die sich selbst als ein erzeugendes Wesen erkannt haben, wollen das Leiden ALS SINNVOLLES GEFÜHL gar nicht abschaffen - sie wollen es nutzen. Sie wollen BEWUSSTER das eigene Leiden an diesem und jenem erzeugen, um sich selbst dabei als ein erzeugendes Wesen zu bemerken - und weil ihnen genau dies umso besser gelingt, je öfter sie dies versuchen, werden sie eines Tages damit beginnen, die Erzeugung von Leiden zu verringern. Soweit, bis sie selbst gar nicht mehr AN SICH leiden - und damit dem Leiden in der Welt mit einer nicht-leidenden inneren Kraft begegnen und soziale Verbesserungen erzeugen können.

 

Dann, erst dann, wenn man sich selbst klipp und klar als erzeugende Quelle entdeckt hat, wird man beginnen können, das Leiden AN SICH SELBST zu reduzieren - oder es bewusst zu erzeugen, um damit einen anderen, einen informierenden Zweck zu erreichen. So verwandelt bewusste Erzeugung die Ohnmacht am Leiden in eine erzeugende Macht für das Leiden - und erst dann kann noch tiefer liegend erkannt werden, dass die erzeugende Quelle und das bewusst erzeugte Leiden NICHT IDENTISCH sind. Da gibt es ein völlig leidfreies ICH-Wesen, und DU BIST DAS ... 

 

Unbewusst gefühltes Glück ist daher schlechter als bewusst erzeugtes Leid - dies ist so, weil alles, was das erzeugende Wesen BEWUSST erzeugt, nicht mehr schmerzt, sondern mit einer leisen kreativen Freude daherkommt. Eine schöpferische Freude, die im Übrigen im Wesen aller erzeugenden Geschöpfe schlummert, würden sie nur um ihr erzeugendes Wesen wissen ...

 

Erzeugung befreit - Wahrheit engt ein.

Das also könnte alles gemeint sein, wenn ich sage: "Erzeugung geht vor Wahrheit." Wer sich selbst als ein erzeugendes Wesen erkannt hat, hat sich im gleichen Moment von den angebotenen "objektiven Wahrheiten" anderer Menschen befreit - und damit vom Druck, die richtige Wahrheit, die höchste Wahrheit oder den richtigen Weg finden zu müssen. Das erzeugende Wesen erkennt: "Alle mir angebotenen Wahrheiten sind erzeugte Wahrheiten und auch ich verkünde keine absoluten oder objektiven Wahrheiten, sondern teile lediglich meine Erzeugnisse mit, biete sie an, als Geschenk, als Mit-Teilung, als Teil meines ICH-Ausdrucks."

 

Hätten Buddha und Ken Wilber und die IBEC diese erzeugende Sicht, sie könnten sich lächelnd umarmen mit ihren kreativen Erzeugnissen, so jedoch verurteilen sie, kämpfen sie, verletzen einander. Das alles wird so lange weitergehen, wie Menschen unbewusst bleiben für ihr erzeugendes Wesen, wie Individualität negiert wird, wie höhere Seins-Stufen postuliert werden, wie höhere Wahrheiten verkündet werden und nicht bemerkt wird, dass es sich dabei stets und immer nur um subjektive Konstruktionen handelt. Der Grund: Jedes Wesen, welches in den Bedingungen von Raum, Zeit und Materie agiert, ist durch diese Bedingungen zugleich in seinen Fähigkeiten bedingt, limitiert, gebunden und begrenzt. Wir können nicht nur nicht fliegen mit unseren Körpern, wir können dann auch unsere wahrnehmenden und erzeugenden Fähigkeiten stets nur in einer bedingten Weise anwenden. Niemand, der hier verkörpert ist, sieht daher die Welt "objektiv", niemand sieht sie so "wie sie ist". Und spricht ein solches bedingtes Wesen aus, was es sieht, dann ist auch das Ausgesprochene (das geistige Erzeugnis) niemals "objektiv wahr", sondern partielle subjektive Sicht. Das Verschweigen der eigenen erzeugenden Anwesenheit ist daher seelisches Gift für die Gemeinschaft aller Wesen - und Buddha, Jesus, Wilber, Steiner und viele andere Wahrheitssucher hätten gut daran getan, ihre eigene Rolle klarer darzustellen.

Jesus soll gesagt haben: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Licht." (Anmerkung: Ich glaube, dass er als jüdisch geprägter Gottsucher so niemals auch nur gedacht hätte und dass es sich hier um christlichen Spin handelt, später absichtsvoll hinzugefügt von anderen erzeugenden Wesen. Psychologischer formuliert: Projektion oder Übertragung der eigenen Sehnsüchte auf ein anderes Wesen.) Besser wäre gewesen, er hätte statt dieses absolutistischen Satzes SICH SELBST als erzeugendes Wesen in diesen Satz eingefügt und gesagt: "Als Geschöpf Gottes bin ich mein Weg, meine Wahrheit und mein eigenes Licht. So auch du." Und es wäre der zweite Satz gewesen ("So auch du."), der allen egoistischen Selbstüberhöhungsversuchen die Kraft genommen und das einzelne Wesen in eine gleichwertige Gemeinschaft erzeugender "Lichtwesen" gestellt hätte, in eine wahrhaft göttliche Gemeinschaft ("Wir alle sind Kinder des EINEN.") und in eine Hierarchie oder Ordnung, die nur eine einzige ontologische Stufe oder Differenz kennen würde: nämlich diejenige zwischen Erzeuger und Erzeugnis, zwischen der Gottheit und allem Erschaffenen.

 

Ich verkünde: Nur EINER ist wahrhaft gut, nur EINER ist wahrhaft wahr, nur EINER ist wahrhaft göttlich - und ich bin es ganz sicher nicht (!). Ich verkünde: Dieses unfassbare EINE ist zutiefst subjektiv, bemerkt unentwegt SICH SELBST, ist dermaßen atemberaubend liebend, bewusst, wahrnehmend und erzeugend, dass kein bedingtes Wesen - kein Buddha, kein Jesus, niemand - auch nur ansatzweise fähig wäre, "objektive und höchste" spirituelle Wahrheiten über diese unfassbare Gottheit auszusprechen. Daraus folgere ich: Sprich DICH aus, zeige DEINE erzeugende Subjektivität, getraue DICH (denn wozu sonst wurdest du erschaffen?), offenbare DEINE Version der Liebe, biete DEINE Wahrhaftigkeit an, folge DIR und DEINEN Talenten - denn dann bist du dieser Gottheit näher als auf allen anderen Wegen.       

 

Das ist IBANETIK, eine von mir erzeugte Botschaft über das erzeugende Bewusstsein in dir und in mir und im ganzen Kósmos, welchem eine kreative Fülle eigen ist, für die mir die Worte fehlen. Eine Botschaft, die ich nicht allein nur in mir entdeckt habe, sondern die als mein geistiges Werk auf den Erzeugnissen vieler anderer Wesen aufbaut, auf deren Wissen, Erfahrungen und Berichte, die ich aufnehmen, betrachten und prüfen durfte. Doch das, was dann aus meinem Munde fließt, das ist allein MEIN Erzeugnis, genährt von vielen, doch geformt und ausgedrückt allein von mir und damit mein Versuch, mit subjektiver Wahrhaftigkeit nicht nur mich, sondern zugleich das lebendige Gewebe des göttlichen Lebens zu bereichern und zu befruchten - und damit zugleich die subjektive Bewusstheit der Gottheit selbst. Denn nichts ist hier getrennt, wir alle sind EIN lebendiges Wesen, einander kennend, und doch als Eigenes gewollt, zur kreativen Freude des EINEN und zum Wohle aller. 

 

So sehe ich, so versuche ich zu agieren: Alle individuellen und bewussten Einheiten (oder Wesen, Individuen, ICHe) sind Kinder einer einzigen EINHEIT, einer einzigen Gottheit, einer einzigen LIEBE, welche SICH SELBST zeigen will in allen bewussten Einheiten und sie deshalb erschaffen hat, mit einer von dieser Gottheit gewollten und bedingten Eigenheit, die sich vor allem in der unfassbaren Vielfalt erzeugender Fähigkeiten manifestiert. Kinder gleichen Wertes, auf einer Seinsstufe stehend, ein jedes Wesen vollkommen und vollkommen richtig an seinem Platz, mit seinen Fähigkeiten, Neigungen, Eigenarten, geliebt von einer Kraft, die in deinem Herzen atmet und die du selbst aussendest, wenn du bei DIR bist, wenn du ein ICH bist, wissend um deine Geborgenheit in Gott, wissend um deine Einheit mit allem Leben, welches der EINE fühlbare Gott selbst ist, mit dir mitten drin, als seinem individuellen Akteur ...