... zur Meinungsfreiheit und Erdogan


"In meinem Haus existiert Meinungsfreiheit. Jeder darf sagen, was er will. Plötzlich sagt einer, dass er mein Haus zerstören und stattdessen sein Haus errichten will. In seinem Haus dürfe man dann nicht mehr alles sagen, sondern müsse sich an das halten, was der Hausherr vorgibt. Was tue ich?  Lasse ich ihn reden, lasse ich ihn handeln, verweise ich ihn des Hauses? Was tue ich?"


Ich lasse ihn reden. Ich sage ihm: "Du kannst gerne versuchen, mein Haus zu zerstören. Doch hast du auch die Macht dazu?" Der Gast lächelt: "Noch nicht. Aber bald werde ich sie haben. Denn meine Gedanken haben Kraft. Und morgen werden sich alle anderen Hausbewohner mir angeschlossen haben - und gemeinsam werden wir dann dein Haus einreißen."

"Das könnte dir gelingen", stimme ich zu. "Denn mein Haus ist tatsächlich nicht mein Haus, sondern unser Haus. Wir alle, die wir hier leben, haben es gemeinsam errichtet. Und diejenigen, die ein Haus der Meinungsfreiheit erschaffen haben, haben auch die Macht, ein gemeinsames Haus der Unfreiheit zu erschaffen."

Der Gast nickt. "Ich sehe, du verstehst mich. Genau so wird es kommen. Denn meine Gedanken haben Kraft. Sie werden deine Mitbewohner magisch anziehen, denn deine Mitbewohner haben keine Kraft." Siegessicher lächelt er mich an ...

"Du meinst, meine Mitbewohner sehnen sich nach jemandem, der ihnen sagt, wo es lang geht, was richtig und falsch ist, weil sie selbst orientierungslos in unserem Haus der Freiheit agieren?"

"So ist es. Sie sind schwach, ohnmächtig, orientierungslos - ein gefundenes Fressen für mich. In drei Tagen werde ich dieses Haus abgerissen und mein Haus errichtet haben ..."

 

Schwer beeindruckt von der Kraft dieser Worte begleite ich meinen Gast zur Tür, reiche ihm zum Abschied die Hand und sage:

"Doch auch meine Gedanken haben Kraft. Ich werde meine Mitbewohner daran erinnern, wie gut doch ihr Leben in diesem Haus der Freiheit ist. Dann werden sie mir folgen und nicht dir."

Mein Gast grinst: "Siehst du nun, was ich meine? Entweder sie folgen dir oder sie folgen mir. In beiden Fällen tun sie das, weil sie schwache Lämmer sind. Doch wenn sie dir folgen, dann betreten sie ein Haus, in dem sie lernen müssen, sich selbst zu folgen. Und genau das können sie nicht." Mein Gast lächelt. "Deshalb werden sie mir folgen ..."

"Ja", sage ich. "Deshalb spielen wir beide ja dieses Spiel. Wir bieten ihnen einen Kontrast, damit sie lernen können, sich selbst zu folgen. Du bietest Herrschaft und Unfreiheit, ich biete Gleichheit und Freiheit. Mal schauen, was sie wählen werden."

Mein Gast nickt. "Ja, wir werden sehen. Übrigens: Erinnerst du dich, wie wir beide das gleiche Spiel schon in anderen Leben spielten? Und erinnerst du dich, dass ich stets der Sieger war? Sie sind immer mir gefolgt. Solange sie nicht an sich glauben können, werden sie an mich glauben. Ich fürchte, du wirst auch dieses Spiel verlieren ..."

"Ja, das fürchte ich auch", antworte ich lächelnd. "Deshalb werden wir im nächsten Leben mal die Rollen tauschen, hörst du? Dann will ich die Unfreiheit als Freiheit ausgeben und du wirst die Freiheit anbieten, die so mühsam für die meisten ist."

"Okay, einverstanden. Doch jetzt noch nicht. Jetzt darf ich nochmal gewinnen. Also, bis bald. In drei Tagen werde ich wiederkommen ..."

 

*****

 

Der gewählte türkische Präsident UND große Teile der türkischen Bevölkerung wollen sich GEMEINSAM ein "Haus" nach ihren Vorstellungen erschaffen. Das ist kollektive geistige Erzeugung - und zugleich eine relativ unbewusste Erzeugung, denn die tieferen Begründungen für dieses Haus, welches ein geistig-ideelles Haus ist bevor es soziale Realität ist, holen alle Beteiligten NICHT AUS SICH SELBST. Sie sind sich ihrer eigenen geistigen Erzeugnisse nicht bewusst. Stets nennen die beteiligten Erzeuger Gründe, die scheinbar außerhalb von ihnen liegen: Allah, Umfeld, Terroristen, der Präsident hat gesagt usw. usf.  Viele unbewusst agierende Menschen sind zugleich "schwache" Menschen in dem Sinne, dass sie selbst glauben, äußeren Faktoren "folgen zu müssen". So erschaffen sich diese Schwachen (ihre Schwäche liegt in der ICH-Unbewusstheit) einen starken Führer und gemeinsam erschaffen sie sich das für sie passende Haus.

 

In exakt dieses Haus, welches ich ein "Haus der Unfreiheit" nannte, könnten sie "mein Haus" verwandeln. Sie könnten das "deutsche Haus" der Meinungsfreiheit ebenso verwandeln. Sie könnten unser Haus verwandeln. Die Voraussetzung dafür: hinreichend viele Menschen in Deutschland, die sich - ähnlich wie in der Türkei - aus unbewusster Schwäche heraus nach einem starken Führer sehnen. Wie schnell dies geschehen kann, und wie viel Menschen tatsächlich ich-unbewusst agieren, konnten wir in den USA sehen, wo das gleiche unbewusste Muster sich äußerlich manifestierte und Donald Trump zum Sieger machte.

 

Ich sehe also nicht nur ein "Spiel", nicht nur ein geistiges Spiel, bestehend aus den Wahlmöglichkeiten Freiheit und Unfreiheit, sondern vor allem ein geistiges Spiel entlang der Regel "Unbewusstheit versus Bewusstheit". Doch ich sehe auch ein Wozu: Wozu dieses Spiel? Erfüllt es einen Zweck? Worin könnte der Sinn dieses Spiels liegen? - Nun, eine mögliche Antwort wurde in obiger Geschichte schon genannt: "... damit sie lernen können, sich selbst zu folgen." Läuft das große Spiel des Lebens, das Wahrnehmen von Kontrasten, die Möglichkeit, durch eigene Wahl dieses oder jenes erfahren zu können, auf dieses Ziel hinaus? SICH SELBST ZU BEMERKEN, sich selbst immer besser folgen zu können - mag sein, mag nicht sein. Doch in jedem Falle hätte diese "Selbstbemerkung" verdammt viel Ähnlichkeit mit zunehmender Selbstbewusstheit, nicht wahr?!

 

Mein individuelles Haus der Freiheit, in dem Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt geschehen dürfen, ist tatsächlich mein Haus - doch es existiert innerhalb eines kollektiv erschaffenen Hauses. DIESES Haus ist unser gemeinsames Haus. Es wird nur erhalten bleiben, wenn genügend Hausbewohner SELBSTBEWUSST agieren - was immer heißt: das eigene erzeugende Wesen wahrnehmen und sich dazu bekennen. Ist diese Voraussetzung erfüllt, kann mein Gast zusammen mit seinen Gefolgsleuten überall auf der Welt seine Häuser errichten - doch unser Haus wird er nicht zerstören können. Und mein Haus ohnehin nicht, denn ICH bin immer frei, egal wo, egal mit wem ...

 

Doch das gemeinsame Haus wird er zerstören können - sie alle werden es gemeinschaftlich zerstören können -, wenn die Bewohner unseres Hauses selbst danach streben, geführt zu werden und anderen zu folgen. Wer die innere Freiheit noch nicht tragen kann, will getragen werden. Ich hoffe und bete dafür, dass wir alle selbstbewusster agieren lernen. Dann wird unser Haus der Freiheit unzerstörbar sein.

 

Doch sicher bin ich mir da nicht ...