... zur Liebe versus integrale Unterdrückung


"Die Bilder mögen schöner werden, doch sie bleiben Bilder. Entwickelt sich die menschliche Bewusstheit über Stufen - oder sind "Stufen" ein Bild, eine Konstruktion, ein geistiges Erzeugnis? Bilden Bilder die Natur ab - oder ihren Erzeuger? Werden Bilder erkannt oder werden sie erzeugt?"


Konstruierte Stufen

Ken Wilber und "die Integralen" glauben, dass es universelle "Stufen der Bewusstheit" gibt. Folglich glauben sie, dass dieser auf Stufe 3 und jener auf Stufe 5 steht. Folglich empfehlen sie dir, dies und jenes zu tun, um auch auf Stufe 5 zu landen. Was ihnen entgeht, ist ihre eigene Konstruktion, ihre eigene Erzeugung: Die Stufen, die sie verkünden, haben sie erzeugt. Sie existieren nur dort, wo jemand an sie glaubt - und dann sieht er sie auch draußen in der Welt.

Ken Wilber ist es gelungen, seine eigene subjektive Weltsicht so faszinierend darzustellen (und pseudo-wissenschaftlich abzusichern), dass viele Menschen ihm folgen. Auch das ist, was ich "Unterdrückung" nenne - denn zu hören, du würdest von Stufe 4 aus die Welt wahrnehmen und leider noch nicht von Stufe 5, 6 oder 7, kann ich beim besten Willen nicht als Würdigung desjenigen Ichs erkennen, welches gerade vor mir steht. Ich sehe nur die Herabwürdigung von Menschen durch Menschen, die sich selbst hinaufgewürdigt haben - und dabei ziemlich blind für ihre eigene erzeugende Subjektivität gewesen sind.

 

Verschwiegene Subjektivität

IBANETIK lehnt solche scheinbar "objektiven" Stufenmodelle kategorisch ab. In der Welt "da draußen" existieren solche Bewusstseinsstufen nicht, sehr wohl aber innerlich, in der erzeugenden Perspektive desjenigen, der sie verkündet. Wer Stufen sagt, muss nicht nur Kriterien für die qualitativen Wertunterschiede zwischen allen Stufen benennen, er muss sie auch hierarchisieren, ordnen, priorisieren, also eine Rangfolge definieren von niederen und höheren Werten, von gewünschten und unerwünschten - und spätestens hier kann erzeugende Subjektivität nicht mehr verborgen bleiben. Ich kritisiere nicht die anwesende Subjektivität - ich kritisiere das Verschweigen dieser Subjektivität zu Gunsten einer nur scheinbar subjektfreien Objektivität. Ich kritisiere, dass "erkennen" ausgegeben wird als "wahre Repräsentation" statt als "subjektives Erzeugnis". Philosophischer formuliert: Erkenntnis wird ontisch, wird Ontologie. "Ich erkenne, also ist es". Dabei wird stets großzügig übersehen, dass der Erkennende selbst bedingt und begrenzt ist und ergo auch das von ihm erkannte Seiende (hier: die Stufen des Bewusstseins) die begrenzte Wiedergabe eines beobachteten Seins darstellt. Mehr noch: Übersehen wird auch, dass "Wiedergabe" oder Abbildung oder Repräsentation niemals eine "reine" Wiedergabe ist (niemand sieht die Natur so, wie sie ist ...), sondern vielmehr eine geistige Schöpfung, eine geistige Konstruktion, ein inneres Abbild der eigenen Weltsicht, Absichten, Vorzüge und Bewertungen, mithin ein subjektives Erzeugnis, zusammengestellt und kreiert aus den unergründlichen Tiefen der eigenen Seele. - Und genau das sollten wir alle offenlegen, wie ich meine.

 

ICH-Bewusstheit ist selbst begrenzt und bedingt.

Ich glaube, dass sich alle Stufenkonzepte daher schnell erledigen werden. Sie haben kein Sein unabhängig vom erzeugenden Bewusstsein. Sie mögen hilfreich sein, spannend, nützlich, inspirierend usw., doch sie bleiben Konstruktionen. Deshalb wird ihnen stets "etwas" fehlen - und dieses Etwas liegt ziemlich genau hinter den Grenzen derjenigen Bewusstheit, die konstruierend aktiv geworden ist, also hinter den unsichtbaren Grenzen des eigenen Selbsts. Das eigene Selbst IST eine Begrenzung - die eigene Bewusstheit ist eine Grenze. So betonen Wilber und alle mir bekannten non-dualen oder zen-buddhistischen Schulen immer wieder, dass es eine für Menschen erreichbare "höchste Bewusstheit" gäbe (ihr non-dualer Seinszustand) und dass diese Bewusstheit eine "wahrnehmende", gewahrende, unbewegte sei (oft als "Beobachter-Geist" oder "Zeuge-Bewusstheit" beschrieben) - doch dass DIESE Bewusstheit in erheblichem Maße individualisiert, "erzeugend", aktivisch und insofern erschaffender ICH-Ausdruck ist, betonen sie nicht. Deshalb betonen sie auch nicht die so wichtige erzeugende Qualität von Selbstbewusstheit und das daraus folgende gigantische kooperierende Zusammenspiel von Myriaden erzeugender Quellen, die gemeinsam ganze Erfahrungswelten erschaffen.

Die Anerkennung der eigenen erzeugenden Selbst- oder ICH-Bewusstheit dekonstruiert augenblicklich alle scheinbar objektiven Stufenkonzepte, weil jetzt die angeblich nur "erkennende" oder "wahrnehmende" Betrachtung der Natur ergänzt wird um den aktiven, erzeugenden Betrachter. Die leitende Frage ist dann nicht mehr, auf welcher Stufe du gerade "objektiv" stehen könntest, sondern wie ausgeprägt dein individuelles Maß an ICH-Bewusstheit ist. Was weißt du über deine eigenen innerlichen Akte, über deine Erzeugnisse? Wie viel VON DIR fließt hinein in deine Naturbeobachtung?

 

Selbstbewusstheit und die Liebe zum Unterschied

Manche Menschen wissen recht wenig über ihre erzeugende ICH-Aktivität, manche etwas mehr, manche sehr viel - und so spricht auch IBANETIK von verschiedenen Graden der ICH-Bewusstheit und von relativer Unbewusstheit. Die relevante Bezugsgröße ist dabei nicht ein konstruiertes Stufenkonzept, welches über alle Wesen gelegt wird, sondern stets das Individuum selbst: Wessen Maß an Selbsterkenntnis nach eigenem Urteil (!) größer geworden ist, der ist auch selbstbewusster als vorher. Ob diese gestiegene ICH-Bewusstheit - nun im Quervergleich - "insgesamt" bewusster ist als bei diesem oder jenem, kann niemand wissen, weil niemand "insgesamt" kennt ...

 

Keine Quervergleiche, keine Einstufungen, keine Wertunterschiede ("Ich bin höher als du, denke integraler, bin bewusster ..."), sondern einfach erzeugende Selbstbewusstheit als Leitstern und Gradmesser für die eigene Entwicklung. Keine Unterdrückung durch Glaubenskonstrukte Dritter, die - wie bei den Integralen - als vermeintlich universelles Maß über alle gelegt werden, sondern innerlich pulsierende Freiheit, Schöpferkraft und eine individuelle Wertzumessung ("Liebe dich selbst."), welche stets kontextual und damit im Fremdbezug, also relativ zur äußeren Welt, vorgenommen wird. Doch wenn bei diesem Fremdbezug ("Ich und du. Ich für dich und du für mich.") der jeweils Andere nicht ebenfalls als erzeugende geistige Quelle gesehen wird, deren Wert und Daseinsberechtigung vollkommen identisch oder gleich ist mit dem eigenen Sein, dann entstehen schnell "vertikale" Relationen, Rangfolgen des Wertes oder eben vermeintlich "höhere" Bewusstseinsstufen, die niemals verbergen können (selbst wenn sie in edler Absicht erzeugt wurden), dass sie stets selbsterzeugte Höherstufungen einerseits und selbsterzeugte Herabstufungen Anderer andererseits sind. Legt "die Liebe" aber verschieden Maß an - oder legt sie gleiches Maß an für Verschiedenes?

 

Ich glaube, sie umarmt alles Verschiedene (weil Differenz und Anderssein göttlich gewollt sind, angefangen mit den vielen Formen von Energie und Qualität bis hin zu Atomen, Molekülen, Pflanzen, Tieren und Menschen) - und liebt zugleich alles, was ist, auf gleiche Weise und mit gleichem Maße - und dies bedeutet glasklar: ohne Rangunterschiede im Wert. "Die Liebe" - wer oder was immer das auch sein könnte - konstruiert also nicht selbst subtile Wertunterschiede, die sie dann in der Welt zu "erkennen" glaubt. Ich vermute: Sie würde stattdessen über eine unfassbar fühlende, bemerkende, wahrnehmende und zugleich erzeugende Bewusstheit verfügen, die überall erzeugendes Sein bemerken kann und sich daran permanent erfreut, denn war nicht genau dies ihr eigenes Werk, die atemberaubende Absicht und Gabe einer unfassbaren Liebe, die das Erschaffene selbst erzeugen lassen möchte? Höre ich nicht Gottes ureigene Stimme, wenn ich höre:

 

"Was sie erzeugen, ist ihr Werk.

Dass sie alle erzeugen können, ist MEIN Werk."

 

Deshalb sage ich: Du kannst exakt so bleiben, wie du gerade bist, musst nicht "integral informiert" oder akademisch gebildet oder religiös dogmatisch leben, um irgendwann einmal gut und wertvoll zu sein, sondern brauchst lediglich zunehmende Wachheit für deine erzeugenden Aktivitäten, um glücklicher sein zu können. Gerüstet etwa mit IBANETIK, wirst du dann auf die Frage, warum du tust, was du tust, selbstbewusster antworten: "Weil ich es will, weil ich dies erzeuge." Du wirst nicht mehr sagen: "Weil Jesus das von mir erwartet" oder "weil ich von Stufe 7 aus agiere". Du wirst, was dich und dein Sein betrifft, keinerlei Schuldzuweisungen an andere erzeugen, wirst keine Opferattitüde verinnerlichen, wirst dich nicht mehr selbst erhöhen oder selbst erniedrigen - doch du wirst deine gestaltende Geistigkeit voller und bewusster anerkennen, wirst DICH SELBST aktivischer freisetzen und dein Leiden wirst du nur noch dann fühlen, wenn du es absichtsvoll erzeugst.

 

Und stuft dich dann ein Integraler voller "wissendem Mitgefühl" auf Stufe 4 ein, nein, sind wir etwas großmütiger, sagen wir: auf Stufe 5, dann gönne ihm sein Spielzeug. Jenseits aller konstruierten Stufen-Brillen strahlt das erzeugende ICH, wesenhaft voller Liebe, ohne fertige Konzepte, voller Erfahrungsdurst, unschuldig, freudig,  immer und überall SICH SELBST ausdrückend, formend, gestaltend. Und genau dies erkennt ein solches ICH dann auch "im Fremdbezug", beim Anderen, im Du, welches nichts anderes ist als ein erzeugendes ICH, und so kommt es, dass eines Tages eine unfassbar tiefe Verbindung "gesehen" werden kann, eine ko-operierende und ko-fühlende, sich wechselseitig wahrnehmende Gemeinschaft von erzeugenden Quellen oder Wesenheiten, deren Anzahl die Anzahl der Sterne bei weitem übersteigt. So etwa ...

 

Und wenn du nun eine "heilige" Religion suchst, eine Verbindung zu irgendeiner gefühlten, geglaubten, erhofften Gottheit, dann findest du sie ganz gewiß nicht in scheinbar objektiven Stufen-Konzepten, sondern im erzeugenden ICH-Ausdruck. Denn was, bitte schön, könnte die unfassbare Gottheit anderes tun, als SICH SELBST auszuformen, jetzt und jetzt und jetzt?

 

Eine liebende Schlussbemerkung

Damit nun nicht ein unbeabsichtigter Zungenschlag in diesem Kommentar zu Ken Wilber und seinen integralen Fans sein Unwesen treiben kann, will ich gerne schließen mit einer liebevollen Bemerkung: "Größer" oder "höher" als die Integrale Philosophie Ken Wilbers ist ... Ken Wilber. Warum? Weil die erzeugende Quelle (das Ken-ICH) stets größer ist als ihre Erzeugnisse - und die "Integrale Philosophie" ist nun mal sein Erzeugnis. Würde Ken also nicht nur über wahrnehmendes oder "gewahrendes" Bewusstsein schreiben (und wegen seiner zen-buddhistischen Prägung vermuten, dass es nur ein solches Bewusstsein gibt), sondern auch über erzeugendes Bewusstsein, dann würde er sofort stärker über sein erzeugendes ICH schreiben müssen - und sicher bemerken, dass alle Stufenkonzepte die direkte Folge seiner eigenen Erzeugungen sind. Er würde lächeln und erkennen: "ICH bin der Erzeuger aller Stufen." Das erzeugende Ken-ICH hat uns allen viel (aber nicht alles) von seinem Wesen mitgeteilt, hat sich dazu der Form "Ken Wilber" bedient, und mir scheint daher sehr viel Liebe zum GEIST GOTTES, zur Schöpfung und zu uns allen durch seine Erzeugnisse zu leuchten. (Weshalb Ken auch so aggressiv und verletzend reagiert hat, als seine Philosophie Anfang 2000 so heftig kritisiert wurde, denn Ken fühlte seine Liebe kritisiert - und wer kann das schon ertragen?)

 

Damit nun nicht auch du ähnlich leidest, empfiehlt IBANETIK dir nicht einen spirituellen Pfad von "Stufe zu Stufe", sondern zur ICH-Werdung. Folge nicht so sehr den Erzeugnissen anderer - nutze sie und dann lerne, dir zu folgen, deinem ICH-Wesen, welches sich zu zeigen versucht in den eigenen Erzeugnissen. Ist es nicht das, was diejenige Gottheit, die über allem und in allem schwebt, auch getan hat und dauernd tut?