Ethik oder "Bemerke dich"?


"Alle Ethik wird erfahren. Deshalb sollten wir Ethik nicht mit Kriterien für das Gute, Wahre und Schöne begründen. Wir sollten Ethik begründen mit demjenigen, der sie erfährt - denn vielleicht ist derjenige, der erfährt, zugleich derjenige, der sein Gutes, Wahres und Schönes erzeugt hat."


Und dann? Tja, dann würden wir vielleicht entdecken, dass das Gute und das Schlechte nicht um ihrer selbst willen existieren, sondern um erfahren zu werden. Dann würden wir erleben, dass das Gute, Wahre und Schöne ("GWS") erzeugte Qualitätsformen sind, die erfahren werden wollen. "Erzeugte Qualitätsformen" sind Ausdrucksformen eines erschaffenden Wesens, welches selbst voller Qualitäten ist, um einige davon ausformen zu können - wäre es frei von Qualität, könnte es keine erschaffen und empfinden. Soll also das GWS erfahren werden können (und es wird erfahren), dann wäre dem Kósmos nicht so sehr ein Zug hin zum GWS innewohnend, sondern vielmehr eine Strömung hin zur Erfahrung, die dann stets eine "bedingte" Selbsterfahrung ist, eine Erfahrung von erzeugenden Individuen innerhalb von Kollektiven. Dann aber wäre die Vermeidung des Schlechten eine Vermeidung von Möglichkeiten der Erfahrung. Dann wäre eine Welt, die nur nach dem GWS strebt, eine schwer lädierte Welt, halbiert, beraubt, verarmt um die schlechten Erfahrungen.

 

Sind wir hier, um endlich das höchste Gute, die wahre Wahrheit und die schönste Schönheit zu entdecken - oder sind wir hier, um UNS zu entdecken? Sind wir - diejenigen, die erfahren - hier für die Entdeckung des "göttlichen" GWS - oder ist das GWS hier, damit wir uns entdecken? Was ist Mittel, was ist Zweck?

Nun, wenn wir nicht der Zweck der ganzen Veranstaltung sind, dann könnte der Zweck tatsächlich darin liegen, dieses ominöse GWS eines schönen Tages vollends erkannt zu haben. Leider ist es bis hinein in unsere Tage so, dass das GWS stets geschwisterlich Hand in Hand erscheint mit dem SFH, mit dem Schlechten, Falschen, Hässlichen. Zufall? Oder Absicht? Vielleicht sollen wir ja beide erfahren, das GWS ebenso wie das SFH - weil wir erfahren sollen. Dann aber wären wir der sinnvolle Zweck - und das GWS wäre das hilfreiche Mittel. Wir alle wären hier, um UNS erfahren zu können, allein und isoliert, verbunden und in Gemeinschaft, liebend und weinend, lächelnd und wütend, schmollend und kämpfend, wahrnehmend ("fühlend") und erzeugend - könnte genau darin, in dieser Selbstbemerkung, eine große Kostbarkeit schlummern?

Wenn ja, wäre die ethische Halbierung der Erfahrungswelt, wäre die philosophische oder religiöse Definition anzustrebender "höchster" Werte, wäre die Konstruktion eines "göttlichen Weltethos" so ziemlich das Übelste, was wir UNS antun könnten. Deshalb sage ich: Beides, das Gute wie das Schlechte, ist vereint und "aufgehoben" in dir, im Erfahrenden. DU BIST DAS GESUCHTE GUTE, WAHRE UND SCHÖNE - das ICH im Menschen ist besser, schöner und wahrer als alle ethischen Konstruktionen. Erfahrungen kommen und gehen, Ethik kommt und geht, beides sind Erzeugnisse - doch DU bleibst, denn du bist die erzeugende und wahrnehmende Quelle.

 

So etwa würde es klingen, würden wir Ethik mit demjenigen begründen, der sie erfährt - und plötzlich wäre da diese sanfte Stimme der Liebe zu hören: "Sieh, was ICH für dich erschaffen habe? Sieh doch nur, diese Fülle. Bemerke dich darin. Bemerke dich. Bemerke dich. Und dann wirst du auch MICH bemerken ..."  - Gänsehaut, wouww ...