Wege gehen und den Gehenden vergessen ...


"Ich bin viele religiöse und spirituelle Wege gegangen. Stets war ich dabei bemüht, den richtigen Weg zu finden. Meine Bewusstheit war gerichtet auf die Richtigkeit des Weges. Viele Menschen erzählen mir, dass sie Ähnliches tun. Dann werden wohl auch sie eines Tages bemerken, dass ihre Bewusstheit nicht auf sich selbst gerichtet war. Verlasse den Weg und finde dich - das ist wirklich befreiend."  


Holzwege sind wichtig. Wenn man alle Wege, die man gegangen ist, als Holzwege enttarnt hat, steigt die Chance, demnächst den richtigen Weg zu finden. Dies allerdings nur, wenn es diesen richtigen Weg auch tatsächlich gibt. Was aber, wenn alle Wege Holzwege sind? Was dann?

 

Es ist schon seltsam: Wenn es diesen einen, richtigen, wahren spirituellen oder religiösen Weg tatsächlich geben sollte (sagen wir einfach: Gott hat tausende Holzwege zugelassen und den einen, richtigen Weg irgendwo untergeschummelt ...), müssten wir diesen richtigen Weg nach 3.000 Jahren spiritueller Suche nicht schon längst gefunden haben? Müsste nicht schon längst wenigstens EIN einziger Mensch ausgerufen haben: "Hey, hier geht's lang ..." - und müssten wir anderen dann nicht auch sofort spüren können, dass dieser empfohlene Weg eben jener langgesuchter Weg ist, der uns alle erlösen wird, der uns alle befreien wird, der aus uns glückselige Menschen machen wird?

 

Doch irgendwie klappt das bislang nicht. Buddha rief, Jesus rief, dieser und jener rief - doch es scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben, dass dieser oder jener Weg der einzige, der richtige, der wahre Weg zum Heil ist - denn wenn es der wahre Weg gewesen wäre (derjenige, den Gott höchstselbst untergeschummelt hatte), dann sollte sich doch blitzschnell dieser gewaltige Unterschied zwischen dem richtigen Weg und den vielen Holzwegen herumgesprochen haben, nicht wahr? Dann könnte doch niemand mehr Zweifel anmelden, würde er nur endlich auf diesem richtigen Wege unterwegs sein - dann würde ein jeder von uns sofort spüren können: "Endlich. That's it. Gott sei Dank ..."

 

Passiert aber nicht. Ist noch nicht passiert. Wird auch nie passieren, fürchte ich. Und warum nicht? Nun, weil die Idee, "Wege zu gehen", vielleicht das Problem ist. Weil die Idee, doch bitte schön denjenigen Weg zu gehen, den ein Anderer verkündet hat als den einzig wahren Weg, vielleicht das Problem ist. Dann aber wären ALLE Wege sofort und automatisch Holzwege - und genau das erleben wir seit 3.000 Jahren spiritueller Suche. Dann hätte Gott gar keinen richtigen Weg irgendwo untergeschummelt und so gut getarnt, dass er sehr schwer zu entdecken ist. Dann gäbe es einen solchen Weg überhaupt nicht. Mist ...

 

Was gäbe es dann? Angenommen, wir würden definitiv wissen, dass es einen solchen Weg gar nicht gibt, was würde daraus folgen? Würden wir dann noch unseren Gehirnschmalz oder uns prüfendes Herz dafür einsetzen, herauszufinden, ob unser Weg nun der goldene ist oder nicht? Ich glaube, wir würden das nicht mehr tun. Wir würden nicht mehr auf den Weg achten - wir wüssten ja schon, dass es diesen Weg nicht gibt. Auf wen oder was würden wir dann wohl achten?

 

Viele, die irgendeinen spirituellen Pfad beschreiten, haben vergessen, wer diesen Pfad beschreitet - und würde es keine Pfade oder Wege mehr geben, würde nur noch der Gehende übrigbleiben. Dann würde sich unsere Bewusstheit nicht mehr mit dem Weg beschäftigen, sondern mit uns. Dann wäre nicht der Weg der Weg, sondern DU wärst der Weg. Genauer: DU wärst DEIN Weg. Der gesuchte Weg und das gehende ICH wären nicht mehr getrennt voneinander, sondern hübsch vereint: "ICH bin der Weg. ICH bin mein Weg und mein Weg bin ICH."

 

Seltsam, nicht wahr? Dann hätte man bei allen Anstrengungen, den richtigen Weg zu finden, die ganze Zeit denjenigen übersehen, der schon der Weg ist - sich selbst. Man hätte den Gehenden vergessen. Man hätte nur noch den Weg im Kopf gehabt. Nicht aber SICH SELBST.

 

Niemals wirst du DER WEG sein (für alle) - immer aber wirst du DEIN WEG sein. Folge DIR und deinen Erzeugnissen immer wacher, immer klarer, immer bewusster - und etwas sehr Erstaunliches geschieht (du wirst es dann sehen können): Der Weg, den du gerade gehst, wird von dir selbst verlegt, gepflastert, erzeugt. Da existiert kein richtiger Weg, den du nur finden müsstest - da existieren nur diejenigen Wege, die du gerade erschaffst. Und weil DU SELBST dieser Weg bist, stehst du sozusagen mittendrauf - und bemerkst es nicht, denn du suchst ja den richtigen Weg.

 

Herrje, wie kompliziert und wie einfach zugleich.