Dialog zur USA und Hierarchien


"Private Dialoge und Kommentare zu meinen Texten veröffentliche ich nicht, weil dies nicht ihre Absicht war. Hier nun eine anonymisierte Ausnahme, weil ich aus den USA eine Mail erhielt zu meinem Kommentar über "Donald Trump und Amerikas versteckte Hierarchie" und ich glaube, dass dieser Dialog allgemein sehr hilfreich sein könnte ..."


Sind Hierarchien subjektive Konstruktionen relativ zur eigenen Bewusstheit?

Auf meiner Kommentar-Seite sage ich mit dem Titel „Wie Donald Trump Amerikas versteckte Hierarchie offenlegt“ recht bestimmt, dass Hierarchien vom sehenden Bewusstsein nicht einfach wahrgenommen werden, sondern dass Hierarchien subjektiv und kollektiv konstruiert werden – weil Bewusstsein erzeugend ist. Als Beweis führe ich meine eigenen wertenden Konstruktionen an, indem ich sie offenlege und damit bewusst mache. Hierarchien benötigen "Rangfolgen des Wertes" - Werte aber entstehen relativ zum erzeugenden Bewusstsein.

 

Ich erhielt daraufhin einige Kommentare, unter anderem einen aus den USA. Der Autor vertritt die These, dass es „naturhafte“ Ordnungen oder Hierarchien gäbe und ich insofern „falsch“ liegen würde. Dankbar für diese andere Sichtweise schrieb ich einige erläuternde Anmerkungen zu meiner Sicht. Daraus wurde dann der folgende Text, den ich für so interessant halte, dass ich ihn hier veröffentlichen möchte. Den Autor aus den USA kürze ich ab mit „A“, mein Basistext ist der in schwarzer Schriftfarbe und meine Anmerkungen zum englischen Kommentar des Autors sind in blauer Farbe geschrieben.

 

Machen Sie sich bitte selbst ein „Bild“ …


Dialog über natürliche Hierarchien

A: Here's my response to Rachow's essay:

1. In der irdischen Welt scheint Ordnung und Struktur zu existieren und diese Ordnung scheint auch eine vertikale Struktur zu haben, mithin Hierarchie.

A: We see what we want to see. Ja, und wenn wir dann das Wort “Hierarchie” benutzen, sehen wir dann auch, was wir subjektiv sehen wollen – oder bilden wir eine objektive, von uns unabhängige naturhafte Hierarchie einigermaßen getreu ab? In Erkenntnistheorie und Philosophie ist diese Frage bis heute mehrdeutig beantwortet worden: ausgehend mit Descartes und dann Kant über die deutschen Idealisten hat es eine Denkbewegung bis hin zum modernen subjektiven Konstruktivismus gegeben, die verschiedene Aspekte betont, im Kern jedoch behauptet: „Es existiert ontologisch keine subjektfreie Objektivität. Niemand sieht die Dinge “an sich” (Kant), jeder fügt etwas hinzu, lässt etwas weg, besitzt partielle Bilder von der Natur. Die Repräsentation der Natur erfolgt niemals “rein”, sondern stets mit subjektiven Konstruktionen.“ – Dies ist meine Position.

A: Russell Means (1939-2012), one of the leaders of the American Indian Movement (and a friend), told me that before the “white man” came, most tribes did not have chiefs. Instead, they had grandmother councils which were non-hierarchical. When the “white man came,” and said in essence, “Take me to your leader,” most tribal people were confused—the concept of “leader” did not exist. Then, when the people took the “white man” to the grandmother council, the “white man” refused to talk to “these women.” So the women said, “OK, if these idiots insist on talking to a man, let’s send one,” and with this, chiefs were born. So, no, not all structures are hierarchical. Ja, und ich gehe hier noch weiter und meine: Keine Struktur ist hierarchisch – weil auch schon der Begriff „Struktur“ eine erzeugte Konstruktion ist und ein partielles Bild liefern könnte. Hilfreich, nützlich, ganz gewiss, doch das war nicht meine Ausgangsthese. Diese kommt jetzt …

 

2. Ohne unsere selbsterzeugten Hierarchien enthielte der Kósmos, wie ich aus guten Gründen glaube, keinerlei Rangfolgen des Wertes.

A: There certainly are hierarchies in nature: Wolves have alpha males; chickens have pecking orders, and so on. "We see what we want to see ..." Meine These besteht aus zwei Teilen: 1. Sind Hierarchien konstruiert, partielle Bilder, hineingelesen statt repräsentativ erkannt? und 2. Wenn wir Hierarchie zu sehen glauben, verstehen wir dann darunter „Rangfolgen des Wertes“ – ohne zu bemerken, dass wir auch diese Wertigkeiten konstruieren?

 

3. Die von Menschen nach bestimmten Kriterien erzeugten Hierarchien sind daher allesamt absichtsvolle Erzeugnisse, aber keine naturhaften Ordnungen. Jetzt füge ich noch das subjektive Merkmal „Absicht“ hinzu. Mein (schwarzer) Satz ist selbst eine von mir erzeugte Hierarchie, indem ich wertend behaupte, das eine sei so und das andere nicht. Ich erzeuge eine Rangfolge des Wertes, meiner Werte. Dies scheint mir unstrittig. Ist nun meine Hierarchie eine von mir konstruierte – oder ist sie eine objektive Repräsentation, ein getreues Abbild von Natur? Man beachte meine obige Aussage, dass Hierarchien „absichtsvolle Erzeugnisse“ sein könnten. Danach war auch in mir eine „Absicht“, als ich bewertete und dann sagte, die Natur enthält keinerlei Rangfolgen des Wertes? Welche Absicht war in mir? Nun, es war die Absicht, die Möglichkeit eines „hierarchie- und wertfreien“ Kósmos` ins Blickfeld zu rücken. Dabei ist mir bewusst: Ob die Natur tatsächlich so ist, kann ich nicht wissen. Das Ding „an sich“ bleibt mir verschlossen. Doch ich kann vielleicht meinen Blick öffnen für diese Möglichkeit, weil mir die wertebeladene Begrenztheit meiner eigenen Konstruktionen bewusst ist. Ich selbst bin begrenzt, erkenne begrenzt, erzeuge begrenzte Sichten und füge der Natur damit vielleicht Bewertungen hinzu, die so dort nicht existieren, weil ich niemals das große Ganze erkenne, sondern stets nur partielle Abläufe und Prozesse. Bewertungen, die vielleicht nur in mir existieren, als subjektive Konstrukte …

 

Ich frage also absichtsvoll: Ist begrenzte Erkenntnis und Bewusstheit der tiefere Grund für unsere subjektiven Bewertungen und für die Annahme, es existierten natürliche Rangordnungen? Diese Frage beinhaltet ebenfalls eine Absicht und verfolgt einen Zweck. Ich will andeuten, dass möglicherweise nur ein „Wesen“ mit unbegrenzter Erkenntnis und Bewusstheit dazu fähig wäre, die Natur „an sich“ zu sehen. Was würde dieses Wesen („Gott“) sehen? Hierarchien des Wertes – oder was?

 

Die These: Je weniger begrenzt unsere Sicht durch unsere eigenen Konstruktionen, desto mehr erweist sich die Natur und alles natürliche Geschehen als „gleichwertig“, als hierarchiefrei.

 

Anders gefragt: Wird die Natur, je bewusster wir für uns selbst werden, für unsere eigenen Konstrukte, dann vielleicht zunehmend „gleichwertiger“? Diese Frage soll nicht einmünden in die Empfehlung, auf Bewertungen zu verzichten, um dann sagen zu können: „Seht her, wie schön gleichwertig oder wertfrei die Natur doch ist, wenn ich einfach aufhöre mit meinen Bewertungen.“ Dies halte ich für keine gute Idee. Ich bereite stattdessen die Idee vor, Bewertungen BEWUSSTER vorzunehmen, nämlich in der Bewusstheit, dass wir sie aktiv erzeugen. Diese Idee führt direkt zu einer "größeren Ganzheit", nämlich der Verbindung von erzeugendem Subjekt, erzeugten Werten und betrachteter Natur. Welche Werte würden wir erzeugen, wenn WIR uns erweitern würden, wenn das erzeugende Subjekt erkennender FÜR SICH wäre?

 

A: See under #2 above. Therefore, Rachow’s statement just above is false; natural hierarchies do exist. Wölfe haben Alphatiere. Sind sie wertvoller als der Rest des Rudels? Schlummert in ihnen – also ohne unsere hinzugefügten Konstruktionen – eine wertvollere Existenz oder Fähigkeit als in den anderen Tieren, mit denen das Alphatier in Beziehung steht? Ist der fressende Wolf wertvoller als das gefressene Opfer? Oder benötigen beide einander? Nach welchen Kriterien stufen wir den Wolf als wertvoller ein? Sorgt er besser für das Überleben der Gruppe als andere? Nun, ohne Tiere, die sich fressen lassen, würde auch das Alphatier nicht für das Überleben sorgen können. Hat dann nicht das Opfertier einen hohen Wert für sein Überleben? Was ist der Starke ohne einen, der den Schwachen darstellt?

 

Anders und philosophischer gefragt: Wenn etwa der Wert „Stärke“ nur entstehen kann im Kontext von Relationen, Beziehungen und Wechselwirkungen, also von Bedingungen abhängig ist, wie kann dann dieser bedingte Wert wertvoller sein als seine Bedingungen? Nochmal: Was wäre Stärke „an sich“, ohne Bedingungen, ohne Kontexte, ohne Wechselwirkungen, ohne Schwäche? Ich sage: „Stärke“ würde gar nicht existieren. Ohne wechselwirkende, relationale Kontexte würde das Alphatier gar kein Alphatier sein. Die erziehende „Mutter“ würde ohne „Kind“ gar nicht existieren. Wie kann sie dann wertvoller sein und im Rang höher stehen, ohne Kind?

 

Ich frage erneut: Sind es unsere partiellen Betrachtungen, die Kontexte und Bedingungen übersehen und ausblenden – und uns dann zu der Annahme führen, dort würde eine naturhafte Hierarchie „des Wertes“ existieren? Und würden vielleicht diese Werterangfolgen entfallen, wenn unsere Sichtweisen sich öffnen würden, weiter werden würden?

 

4. Ich will das [Hierarchie] nicht akzeptieren, habe aber auch (noch) kein besseres Modell.

A: See the grandmother council above; it provides a viable alternative model. Add to this that most tribes on the North American continent lived in a cooperative federation. As another example of a possible organizational model see Catherine Austin Fitts and how her “Solari Group” is organized. There is a growing number of American corporations that are run by women and that are not organized as hierarchies, and Austin Fitts is one of the pioneers.

 

5. Meine Empfehlung: Lasst uns bewusst Hierarchien konstruieren mit der Absicht, sie allmählich abzuschaffen zu Gunsten einer Ordnung, die tatsächlich von gleichen Rechten und gleichen Werten ausgeht. „Gleiche Werte“ meint hier: Erkenne Beziehung, Abhängigkeit, Bedingtheit, Begrenztheit, Verbundenheit, Intersubjektivität und Kooperation – denn dies scheint mir wahrlich „naturhaft“ zu sein. Nichts und niemand existiert OHNE BEDINGUNGEN. Ohne Beute kein Jäger. Je mehr du deine relative Verbundenheit (die stets auch eine Begrenztheit ist) erkennst, desto „flacher“ wird dein individueller Wert, weil er zunehmend als relativer Wert erkannt wird, ohne dabei „wertlos“ zu werden. Denn für alles andere um dich herum bist auch du eine Bedingung, ein Kontext, der den relativen Wert des Anderen erst ermöglicht. Kein Führer ohne Geführte, kein Lehrer ohne Schüler – sie alle brauchen einander, gehören untrennbar zusammen, bedingen einander, bilden eine lebendige Gemeinschaft, interagierend, sich wechselseitig bewegend, und niemals könnte der eine ohne den anderen sein. Wer nun steht hier hierarchisch höher, naturhaft gewollt, ohne unsere Konstruktionen und partiellen Bilder?

A: See my statement above to #4. It is not necessary to build hierarchies in order to destroy them since other organizational models are available and growing. Of course, the political structure is still a hierarchy, but the more corporations organize differently, the more the political system will also change. On the local level in the U.S., many, many small communities are organizing in cooperative ways rather than hierarchically. This is a growing national movement and it increasingly provides local communities with food, while some even issue their own currency. Of course, nothing changes overnight, but there are positive changes in the wind. And Trump certainly reveals what is wrong with the current system. Mein Vorschlag, Hierarchien abzuschaffen zu Gunsten einer neuen Ordnung, basiert einzig und allein auf dem Prozess zunehmender Bewusstwerdung. Meine „Abschaffung“ ist keine plötzliche Abschaffung, sondern ein allmähliches erweitertes Erkennen. Ich meine: Konstruieren wir unsere Ordnungen bewusster, haben wir sie bereits „abgeschafft“, weil wir bewusst erkennen, dass wir der Natur etwas Konstruiertes hinzugefügt haben. Wir würden erkennen, dass wir quasi ein kollektives geistiges Erzeugnis auf die Natur legen oder in sie hinein – doch dies würden wir dann wissend tun. Der Prozess der allmählichen Abschaffung würde sich dann als ein fließendes Bemühen um mehr Verbundenheit, Interaktion usw. erweisen. Fairer Handel statt von Macht verzerrtem Handel. Anerkennung und Mitwirkung und Integration statt Ablehnung, Ausgrenzung und Isolation. Sobald der Reiche erkannt hat, dass er die Armen benötigt für sein Reichsein (und umgekehrt), braucht er sich nicht mehr schützen gegen diejenige Bedingung, die seine reiche Existenz erst ermöglicht. Er kann also dann anerkennender agieren, weniger brutal, verbundener – und wird gerne von seinem Reichtum abgeben, sobald diejenigen, die die Armen darstellen, zu laut stöhnen. Nicht, um das Spiel „Arme und Reiche“ zu beenden, sondern einfach, um es weiter spielen zu können, nur eben bewusster, anerkennender, ohne die schmerzenden Elemente.

 

In der Tat offenbart Donald die andere Richtung – und befeuert hoffentlich so unbewusst und unbeabsichtigt die von mir angeregte Erkenntnis, dass der Wolf ohne Beute kein Wolf sein könnte und daher beide einander bedingen in ihrem Sein. Will ich die Wölfe oder die Beute abschaffen? Nein. Ich will nur die naturhaften Zusammenhänge anders lesen, anders erkennen, um dann etwas zu tun, was nur bewusste Wesen tun können: daraus lernen für ihr eigenes bewusstes Agieren. Der Wolf würde sich selbst töten, würde er seine Beute abschaffen. Der Starke würde sich selbst töten, würde er die Schwachen abschaffen. Doch wir Menschen, wir können diese Bedingtheiten, dieses große Spiel des Lebens, immer bewusster erkennen, wie ich meine. Und uns dann fragen, was dies wohl alles für unser eigenes Spiel bedeuten könnte? Natur als Hinweisschild.

 

Mein Vorschlag: Spielen wir einfach etwas bewusster, etwas wissender. Doch lasst uns so spielen, dass die Bewusstheit aller Mitspieler für das Spiel durch das gemeinsame Spiel selbst befördert wird. Warum sagen wir nicht: „Du spielst jetzt mal Opfer. Damit ich Täter sein kann. Morgen wechseln wir. Dann bist du die Starke und ich der Schwache.” Oder: “Oh, du hast dich als Frau geboren. Okay, dann willst du jetzt dieses Spiel spielen. Im nächsten Leben solltest du dann Mann spielen, wird auch lustig.“ So etwa (lacht …)