... über spirituelle Entwicklung


„Meister, gibt es Wege, die eigene geistige Reife und Stärke zu messen?“

 „Viele!“

 „Nenn uns einen.“

 „Findet heraus, wie oft ihr euch im Laufe eines einzigen Tages aufregt.“

 

Nun ja. So sprechen "Meister", die sich ihrer eigenen erzeugenden Natur noch nicht bewusst geworden sind.


Erzeugung statt Entwicklung?

In spirituellen Kreisen verbreitet sich immer mehr eine Sicht, die eine "Ich-Entwicklung" kennt. Inspiriert vor allem von der integralen Philosophie Ken Wilbers und seinem Stufen-Modell des Bewusstseins glauben immer mehr Spirituelle, dass bestimmte "Stufen" (oder Ebenen oder "levels") tatsächlich existieren - und zwar unabhängig vom konstruierenden Subjekt. Wo es "objektive" Stufen gibt, gibt es dann auch eine "objektive" Entwicklung - und wo es Entwicklung gibt, muss es auch eine Richtung, ein Ziel, ein Wozu, eine "höchste" Stufe geben. Es verwundert daher kaum, dass viele Menschen sich durch diese spirituellen Verlockungen angezogen fühlen. Wer möchte nicht von der höchsten Stufe aus die Welt betrachten?

 

Als eine solche höchste Stufe wird  z. Bsp. von vielen Forschern und Wissenschaftlern die auf dem Ich-Entwicklungsmodell von Loevinger aufbauende "zehnte Stufe" gehandelt. Diese "Stufe 10" scheint sich in spirituellen Kreisen zum Superstar schlechthin gemausert zu haben. Ihre Kennzeichen: ein spontanes "Leben im Fluss", prozesshaft, fluide, kontextual, situativ, annehmend, sich einlassend, nicht-fürchtend, nicht-bewertend, nicht-urteilend.

 

Weiter heißt es, dass ein Mensch, der einigermaßen stabil aus dieser vermeintlich höchsten Stufe heraus leben könne, sich dadurch charakterisiere, dass er sein früheres Bedürfnis, Menschen und Dinge und Erfahrungen zu bewerten, komplett aufgegeben habe. Er "verschmilzt" gewissermaßen mit der Welt "wie sie gerade ist". Er greift nach nichts, er hält nichts fest. Seine verschiedenen Bewusstseinszustände gehen fließend und mühelos ineinander über, sein Denken überschreitet ("transzendiert") die gewohnten Kategorien von Raum und Zeit. Der "Zehner" ist ein spiritueller Superstar, ein Illuminierter, ein wahrhaft Erleuchteter ...

 

Um sich selbst nun etwas besser innerhalb dieser spirituellen 10-Stufen-Hierarchie einordnen und eine genauere Ahnung erlangen zu können, wie denn ein erleuchteter Zehner so denkt und fühlt und lebt, wird oft die folgende kleine Kurzgeschichte zitiert: 

 

„Meister, gibt es Wege, die eigene geistige Reife und Stärke zu messen?“

 „Viele!“

 „Nenn uns einen.“

 „Findet heraus, wie oft ihr euch im Laufe eines einzigen Tages aufregt.“

 

Ganz offensichtlich regt sich der Erleuchtete immer seltener über irgendetwas auf - obwohl genau diese Annahme in obigem Dialog gar nicht ausgesprochen wird. Sie wird aber sofort hineingedeutet: Sich weniger aufregen ist gleichbedeutend mit spiritueller Reifung, ist ein Merkmal der Erleuchteten. Vermutlich kann der wahrhaft Erleuchtete an seiner steten Gelassenheit erkannt werden, ein Mensch, der sich nimmer mehr aufregt, der alle Kontexte und Situationen "fließend" nimmt, innerlich lächelnd, glückselig, von dieser Welt nicht mehr wirklich betroffen, über den irdischen Dingen schwebend, nicht von dieser Welt seiend. Nun ja ...

 

Im folgenden "Gespräch mit GOTT" werde ich aufzeigen, dass die theoretischen oder spirituellen Grundlagen dieser (und anderer) Ich-Entwicklungsmodelle keine wirkliche oder "feste" Basis in den unendlichen Räumen des GEISTES haben. Der "erleuchtete Zehner" existiert nicht, ausgenommen als subjektive Konstruktion. Stattdessen existiert etwas ganz anderes - und dieses Andere torpediert alle Stufenmodelle. Doch lesen Sie selbst:   


Hallo Gott, gibt es Wege, wie ich meine eigene geistige Reife und Stärke messen kann?

Nein. Keine Wege, aber Kriterien.

Bist aber wieder genau heute ... Also gut: Kriterien. Gibt es Kriterien oder Merkmale, mit denen ich meine geistige Stärke messen kann?

Viele.

Nenn mir bitte eines.

Nein.

Nein? Warum nicht? Wenn es doch so viele gibt, wie du sagst ...

Jedes Kriterium, welches du übernehmen würdest, wäre ein von dir selbst erzeugtes Kriterium, weil die Akzeptanz des Kriteriums einer von dir erzeugten Bewertung folgte. Du würdest dann deinem selbsterzeugten Glauben an das Kriterium folgen. Du würdest dieses Merkmal bevorzugen und andere nicht. Deshalb gibt es ja so viele Kriterien: Ihr alle folgt selbsterzeugten Kriterien ...

Oh, wie praktisch. Dann steht es mir ja frei, meine eigene spirituelle Reife zu definieren.

Genau das ist, was ihr alle tut.

Irgendwo habe ich gelesen, dass es erleuchtete Menschen geben soll. Eines ihrer Merkmale soll sein, dass sie sich kaum noch aufregen.

Prima.

"Prima" - ist das alles, was dir dazu einfällt?

Wenn einer Nicht-Aufregung als höchsten Wert erzeugt und fest daran glaubt, habe ich dagegen keine Einwände.

Du meinst, er könnte stattdessen auch "Aufregung" gewählt haben? Spirituelle Stärke wäre dann die Fähigkeit, sich über möglichst viele Dinge zu erregen?

Auch prima. Beide Merkmale sind erzeugte Merkmale. Sie existieren nicht unabhängig von demjenigen Geistwesen, welches sie bevorzugt. Und ICH liebe alle erzeugenden Wesen. Sind ja schließlich meine Erzeugnisse (lacht) ...

Aber das hieße doch, dass wir alle uns unsere sogenannte spirituelle Stärke selbst definieren, selbst erschaffen, selbst erzeugen würden.

Sagte ich doch.

Aber es muss doch verdammt noch mal irgendein höchstes Kriterium existieren, Gott?! Gelassenheit und Im-Fluss-Sein muss doch irgendwie besser sein als Aufregung, Aufwallung, Erregung, Bewertung oder Widerstand.

Ihr seid frei, dieses oder jenes zu erzeugen.

Es gibt also kein höchstes Kriterium, keinen höchsten spirituellen Wert oder Zustand?

Sagte ICH das?

Hmmh ..., nein, sagtest du nicht. Du sagtest: Wann immer wir ein solches Kriterium benennen, sei es selbsterzeugt.

Genau. Und deshalb solltet ihr alle nicht so sehr nach diesem oder jenem Kriterium suchen, sondern euch den Vorgang der Erzeugung genauer anschauen.

Erzeugung geht vor Kriterium?

Ohne erzeugende Akte keine Kriterien, ja.

Hmmh ... ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.

Auf erzeugende, erschaffende Bewusstheit, lieber Carsten. In diesem Falle auf deine ...

Langsam, nicht so schnell ... Ich denke mal laut und unordentlich: Angenommen, ich hätte in jeder Sekunde eine stabile Bewusstheit über meine erzeugende Natur, dann ...

... dann würdest du alle deine Kriterien als deine Erzeugnisse bemerken können - und diejenigen Kriterien, die eure Psychologen, Forscher und Wissenschaftler nennen, würdest du ebenfalls als deren Erzeugnisse erkennen.

Kriterien, die wir innerlich mit geistiger Kraft erzeugen und dann in die äußere Welt hineinlesen?

Hängt direkt von eurer Glaubenskraft ab. Je mehr ihr an eure eigenen Erzeugnisse glaubt, desto realer werden sie für euch in der äußeren Welt.

Und wenn ich diese stabile Bewusstheit über meine erzeugende Kraft hätte, dann würde ich genau diesen Vorgang immer bemerken, nicht wahr?

Du würdest dich selbst bemerken, wie du an der Erschaffung deiner inneren und deiner äußeren Welten aktiv teilnimmst, ja. Du würdest die lebendige Kraft oder Energie deiner Gedanken, deiner Gefühle, deiner Absichten usw. jederzeit voll bewusst bemerken - und ihre Wirkungen auf dich und auf deine Umwelt. Du würdest bewusst bemerken, wie du mit einem bestimmten spirituellen Kriterium eine völlig andere Ordnung in deiner Welt erschaffst als mit einem anderen. Und hättest du diese stabile ICH-bin-erzeugend-Bewusstheit, dann würdest du mit deinen Kriterien oder Erzeugnissen höchst freudig agieren, würdest sie spielerisch anwenden und würdest nicht mehr sklavisch an ihnen hängen. Du würdest bewusste Erzeugung als spirituelles Kriterium erkennen - bei dir und bei allen anderen Menschen.

Macht Sinn. Erzeuge ich bewusst, könnte ich mich aufregen UND nicht-aufregen. Dann könnte ich BEIDES erzeugen, je nach Impuls, Kontext, Absicht, Umgebung, Situation.

Ja, du würdest dann aus der Fülle des erzeugenden GEISTES heraus leben, würdest dich befähigen, den ganzen spirituellen Regenbogen zu leben, nicht nur einige Farben - sofern du dies möchtest. Doch du kannst natürlich auch deine Regenbogenfülle bewusst verengen, etwa durch die Nennung scheinbar höchster Kriterien und dich ein Leben lang in Gelassenheit üben.

Dann wäre ja ein Leben aus dieser erzeugenden Bewusstheit heraus ein viel fundamentaleres Kriterium als irgendein speziell herausgehobenes Merkmal.

Ein Leben aus dieser erzeugenden Bewusstheit heraus ist kein Leben entlang eines bestimmten Kriteriums, Carsten, sondern ein Leben aus der Quelle aller Kriterien. Es ist ein Leben ALS Quelle, als Erzeuger, als Schöpferin. Eine Lebendigkeit, die aus deiner eigenen Wesensfülle entspringt, wie frisches Wasser.

Wenn ich mich bewusst entscheiden würde, mich den Rest meines Lebens aufregen zu wollen, mit nichts mehr einverstanden sein zu wollen, überall Widerstand leisten und Abstand halten zu wollen, auf Kontexte, Situationen und äußere Einflüsse nicht mehr achten würde, dann wäre dies ...

... ein sehr spirituelles Leben, ja. Weil du es BEWUSST so erzeugt und so gewollt hättest. Um ein solches Leben führen zu können, musst du dir - wie schon gesagt - nur stets bewusst sein, dass DU ES BIST, der dieses Leben will.

Ein solches Leben wäre ein zutiefst spirituelles Leben? Doch warum nur? Ein solches Leben widerspräche doch völlig allen herkömmlichen Entwicklungspfaden ...

Mit einem solchen Leben würde sich das erzeugende Wesen selbst bestimmte Erfahrungen bescheren - und ganz bewusst auf viele andere Erfahrungen verzichten. Aufregung ist nicht besser oder schlechter als Gelassenheit: Beide Selbsterfahrungen sind ERFAHRUNGEN.

Dann wäre ja die Selbsterfahrung des erzeugenden Wesens ALS ein erzeugendes Wesen ein sehr hoher spiritueller Wert.

Ob sich einer als Mörder erfährt oder als Opfer, als gelassener oder erregter Mensch, als Mann oder Frau, als rechthaberisch oder nachgebend, als reich oder arm - alles ist von großem Wert für die Selbsterfahrung des einzelnen erzeugenden Wesens. Jede Erfahrung ist gleichwertig, ist willkommen, ist einzigartig. Doch Erfahrungen könnt ihr unbewusst erleben oder extrem bewusst.

Du meinst: Erfahrungen können erlebt werden, als ob sie nicht von uns erzeugt wären.

Richtig. Das wäre dann eine Erfahrung aus der Unbewusstheit über das eigene erzeugende Wesen heraus.

Dann glauben Menschen, der Zufall hätte sie getroffen oder ein Schicksalsschlag.

Ja. Sie haben dann noch nicht erkannt, wie sie selbst an der Realität ihrer Erfahrung in erzeugender Weise mitgewirkt haben. Sobald sie dies jedoch sehen können, agieren sie zunehmend bewusster für sich selbst. Und dann reifen sie wirklich, extrem schnell ...

Okay, soll reichen für heute. Erzeugung führt zu selbstgewollten Erfahrungen und Erfahrungen zu machen ist wichtiger als sich entlang irgendeines konstruierten Kriteriums spirituell entwickeln zu wollen.

ICH erfahre dauernd. Ohne Unterbrechung. ICH bin mal gelassen, mal erregt. ICH flüstere, ICH donnere - doch all dies stets bewusst, lieber Carsten. ICH erzeuge mein Flüstern, ich erzeuge mein Donnern, ich erzeuge meine Ruhe und meine Erregung. ICH erschaffe unfassbare Welten - und ihr erschafft eure Welten. Tut dies immer bewusster und ihr werdet nicht mehr leiden, nicht mehr jammern, nicht mehr verzweifeln - denn bewusst erzeugtes Leiden ist kein Leiden. Und bewusst erzeugte Aufregung ist keine Aufregung, sondern freudiger Selbstausdruck.

Danke.