IBA-Sichtweise auf ... die Psychologie


Die erzeugten Sichten von Psychologen und Patienten

Karl Theodor Jaspers, Psychiater und Philosoph von internationaler Bedeutung, schrieb 1919 in seinem Vorwort zu seiner "Psychologie der Weltanschauungen" sein Buch mache „ ... nur Sinn für Menschen, die beginnen, sich zu verwundern, auf sich selbst zu reflektieren, Fragwürdigkeiten des Daseins zu sehen, und auch nur Sinn für solche, die das Leben als persönliche, irrationale, durch nichts aufhebbare Verantwortung erfahren“.

Ersetzen wir "für Menschen" durch "für Psychologen und Patienten", dann nähern wir uns der therapeutischen Botschaft von IBANETIK. Würden beide Parteien "sich selbst reflektieren" und würden beide Seiten "ihr Leben als persönliche Verantwortung erfahren", dann wären wir nahe daran, um mit IBA sagen zu können: "Würden beide Seiten sich selbst als erzeugende Wesen erkennen und ihr persönliches Leben als eine durch nichts aufhebbare Erfahrung, dann ...", ja, was dann? Ich will zeigen, dass dann günstigere Bedingungen für Selbstheilungsprozesse hergestellt wären. Bedingungen, die nicht hergestellt sein würden, wenn "Selbstreflektion und persönliche Erfahrung" auf beiden Seiten (!) fehlen oder als wenig bedeutend vermutet würden.

 

In meiner Zeit als "Geistiger Heiler" durfte ich aus vielen Gesprächen mit Menschen, die psychologisch und auch psychiatrisch behandelt wurden, erfahren, dass die von Jaspers (und auch von mir) erwünschte Selbstbewusstheit nicht sehr verbreitet war (jedenfalls in diesen Fällen). Mit IBA will ich sofort ergänzen: die von mir erwünschte "erzeugende Selbstbewusstheit" war nicht sehr weit verbreitet. Ich erinnere besonders ein Gespräch, in dem der Klient sich als Mitglied des Direktoriums einer führenden psychiatrischen Klinik vorstellte und mir mutig gestand, dass er glaube, depressiv zu sein - aber keine Ahnung hätte, was eine Depression sein könnte. In der Klinik würde man regelmäßig nur Tabletten verschreiben und an der Universität hätte er auch nichts anderes gelehrt bekommen als neurologische Erklärungsansätze samt psychopharmazeutischer Behandlung. Ich war einigermaßen verwundert. Viele Klienten schilderten ähnliche Erfahrungen: keine "Seelen-Gespräche", keine vertrauensvollen Verbindungen, keine Dialoge "auf Augenhöhe", und leider auch überhaupt keinen Austausch über "Ich bin aktiv", über das eigene erzeugende Wesen.   

Schon 1913 hatte Jaspers in seiner "Allgemeinen Psychopathologie" (Springer, Berlin 9. Auflage 1973, S. 643) ausgeführt: "Mancher Psychiater hat ausgesprochen, er wolle sich nicht mit Philosophie belasten, seine Wissenschaft habe mit Philosophie nichts zu tun. Dagegen ist nichts zu sagen, insofern die Richtigkeit wissenschaftlicher Einsichten überhaupt, und auch in der Psychiatrie, durch Philosophie weder begründet noch widerlegt wird. Aber die Ausschaltung der Philosophie wird trotzdem für die Psychiatrie verhängnisvoll." Warum "verhängnisvoll"? Er fährt fort: "Die Praxis im Umgang mit Menschen, und daher auch in der Psychotherapie, erfordert mehr als wissenschaftliches Wissen. Die innere Haltung des Arztes ist abhängig von Art und Grad einer Selbsterhellung, von der Kraft und Klarheit seines Kommunikationswillens, von der Gegenwärtigkeit einer führenden, menschenverbindenden, gehaltvollen Glaubenssubstanz." (Hervorhebungen von mir)

 

Ich verstehe IBANETIK als eine solche Philosophie, in der innere Haltung, Selbsterhellung und Glaubenssubstanz von zentraler Bedeutung sind - nicht nur für den Arzt, sondern auch für den Patienten. Beide sollten sich begegnen können auf der Basis einer fundamentalen "Glaubenssubstanz". Ich schlage "IBA-Bewusstheit" als eine solche verbindende Substanz vor. Was das bedeuten könnte und welche Wirkungen damit erreichbar werden, will ich nun skizzieren. Dabei setze ich voraus, was ich in meiner Botschaft immer wieder beschrieben habe, dass Arzt und Patient sich mit ihren jeweils selbst-erzeugten Sichtweisen begegnen - und genau das nicht hinreichend bemerken.

 

Die heilende Kraft der schöpferischen Freiheit

Jeder Arzt, Therapeut oder Coach könnte den heilenden Dialog eröffnen mit der Sichtbarmachung einer "führenden, menschenverbindenden, gehaltvollen Glaubenssubstanz" (Jaspers), in dem er zunächst günstige Bedingungen für diese verbindende Substanz erschafft. Etwa so: "Ich bin ein erzeugendes Wesen. Du bist das auch in meinen Augen. Ich erzeuge dieses, du erzeugst jenes. Ich möchte, dass wir uns hier einander so begegnen. Glaubst du das auch?" Da Arzt und Patient sich in fast allen Fällen in einem konstruierten hierarchischen Gefälle begegnen (der wissende Arzt, der unwissende Patient), versucht diese Eröffnung sofort und konsequent, diese unsichtbare Hierarchie abzubauen. Wozu? Um einen deutlich erweiterten inneren Raum zu ermöglichen, einen "Raum der schöpferischen Freiheit". Gelingt das, fühlen BEIDE Parteien sich wohler, gelöster, ursprünglicher. Viele Ärzte leiden unter der konstruierten Hierarchie, weil sie glauben, "mehr wissen zu müssen", "Stärke zeigen zu müssen", "überlegen" und "distanziert" erscheinen zu sollen. Viele Patienten leiden unter der konstruierten Hierarchie, weil sie annehmen, das befolgen zu sollen (zu müssen), "was der Doktor sagt" - ein Glaubenssatz, der den Patienten sofort und augenblicklich von seiner erzeugenden Natur entfernt. Denn natürlich soll er nicht tun, was der Arzt sagt, sondern soll verstehen lernen, dass er tut, was er sich selbst mit seinen Konstrukten sagt.

 

Vieles bei IBA ist "geistige Vorbereitung", konzentriert sich anfänglich - vor der eigentlichen Kraftentfaltung - auf die Herstellung günstiger Bedingungen. Der geistige Heilungsprozess wird umso erfolgreicher, je eher und je klarer sich beide Seiten als erzeugende Wesen sehen und sich ohne konstruiertes hierarchisches Gefälle "auf Augenhöhe" begegnen. Mir ist bewusst, dass schon diese IBA-Empfehlung für viele Beteiligte wie eine Provokation anmutet, und mir ist auch bewusst, dass verfestigte kollektive Glaubenssätze nicht von heute auf morgen verändert werden können - doch ein schwer zu lösendes Problem zu haben ist besser als ein unmöglich zu lösendes Problem, nicht wahr? Es ist der Therapeut, der die Verwandlung dieses Gefälles, dieses geglaubten Konstrukts, mit aller Klarheit und Konsequenz vorantreiben muss. Tut er es nicht, blockiert er durch sein Unterlassen die Entfaltung der selbstheilerischen Kräfte des Patienten.

 

Nehmen wir an, es gelingt und nach einigen Wochen sitzen sich zwei Menschen gegenüber (nicht mehr Arzt und Patient), die beide glauben, erzeugende Wesen zu sein. Was dann? Nun, es wird noch immer ein Gefälle geben: In der Regel wird der Therapeut einen höheren Grad an erzeugender Selbstbewusstheit erreicht haben als der Patient, weil er sich schon länger mit IBA befasst und eigene Überprüfungen vorgenommen hat. Doch dieses IBA-Gefälle ist kein hierarchisches Oben-Unten-Gefälle, weil die "gehaltvolle Glaubenssubstanz" (Jaspers) eine Substanz der Gleichwertigkeit im Wesen ist. Und das ist, was fundamental bei der therapeutischen Anwendung von IBANETIK ist: Nicht Gleichheit in der Selbstbewusstheit, sondern die beidseitig gespürte Gleichwertigkeit als erzeugende Wesen (oder "Seelen"). Es ist so, dass sich diese gleichwertige Substanz durch die zu Beginn konstruierten günstigen Bedingungen immer spürbarer "melden wird", unvermeidbar. Dann kommen wir zum "heilenden Punkt", wie ich gerne sage, zu einem Moment, ab dem beide Seiten sich gegenseitig (!) unterstützen, weil beide ihre jeweiligen Konstrukte erzeugen und anbieten - und genau das wissen. Jetzt befinden sich beide in einem unsichtbaren, aber spürbaren "Raum der schöpferischen Freiheit". Nichts ist verboten, alles ist erlaubt, weil konstruierbar. Beide wissen: "Wir erzeugen, wir erschaffen, wir tauschen unsere geglaubten Konstrukte aus." Und beide fördern sich gegenseitig in dieser Überzeugung.  

      

"Wo zwei von euch vertrauend zusammen sind, ist der Geist Gottes anwesend und spürbar."

In den IBA-Merksätzen habe ich unter Nr. 7 obigen Satz geschrieben. In ich-aktiver Sprache liest er sich so: "Wenn wir einander vertrauen, spüre ich eine zusätzliche Kraft in meinem Wesen." Ich empfehle, diesen Satz nicht einfach zu glauben, sondern ihn zu überprüfen. Spürst du eine zusätzliche Kraft? Vielleicht nicht, vielleicht nicht sofort, denn diese Kraft kommt sehr fein, sehr subtil, kaum spürbar daher, als wolle sie nicht stören (lacht). Man kann im IBA-Dialog auf diese zusätzliche Kraft aufmerksam machen, sie sich bewusst machen, als Möglichkeit, als etwas, was geschehen könnte. Der Therapeut etwa kann sie ansprechen, nicht als objektive Wahrheit, sondern hübsch ich-aktiv als seinen Glauben, sein Gefühl oder seine Erfahrung. 

 

Um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: Ich spreche hier nicht davon, dass "Gott" sich meldet, bemerkbar macht oder gar als "innere Stimme" gehört werden könne. Das wären neuerliche Konstruktionen, die zwar geglaubt werden können (und dadurch auch helfen und stärken), die aber nicht "Selbstbemerkung" wären. Ich spreche hier davon, dass man SICH SELBST mehr als jemals zuvor zu vertrauen beginnt - und in diesem starken, wesenhaften Selbstvertrauen, so beschrieb ich in Kap. 10 "Welt-Ethos?", könnte tatsächlich eine "göttliche Berührung" enthalten sein. Die "zusätzliche Kraft", die ich zugleich als eine "heilende Kraft" beschrieb, äußert sich in einem spürbaren Plus an Selbstvertrauen. Worauf? Nun, dass man eine schöpferische Wesenheit ist und dass man sich mittels neuer geistige Erzeugnisse selbst heilen kann - wenn man diesen neuen Erzeugnissen vertraut, wenn man an sie glaubt. Und nur darauf kommt es bei der geistigen Selbstheilung an. Nur darauf.

 

Unnötig zu bemerken, dass in dieser IBA-Begegnung keine "Krankheit" existiert. Der Glaube des Arztes und des Patienten, dieser sei "krank", wird kompromisslos abgelöst durch die beidseitige Überzeugung, der Patient sein "glaubend schöpferisch". Er agiert nicht als erkrankter Mensch, sondern als konstruierender. Er ist nicht krank, er erfährt SICH durch seine Konstrukte hindurch. Und sein Glaube an Krankheit erschafft diese Wirklichkeit und hält sie lebendig.

 

Ich glaube, Karl Jaspers erahnte dieses vielleicht, als er 1919 schrieb, dass sein Buch nur Sinn mache für Menschen, die ihr Leben "als persönliche, ... durch nichts aufhebbare Verantwortung erfahren". Für IBANETIK gilt entsprechend, dass meine Botschaft nur Sinn macht für Menschen, die ihr Leben "als selbst-erzeugte Konstruktion erfahren" und sich selbst "als erzeugende Wesenheit". Eben darin liegt, wenn ich das mit allem Respekt vor dem großen Jaspers sagen darf, vielleicht eine Weiterentwicklung: Die persönliche Verantwortung für das eigene Leben kann "aufgehoben" werden (nicht: geleugnet werden), und zwar "hineingehoben" in das eigene Wesen, hinein in die erzeugende Quelle. Dort ruht viel schöpferische Kraft, viel wesenhafte Freude, viel heilendes Vertrauen in die eigenen Konstrukte, in das selbst-erschaffene Leben.

 

Neu? Vielleicht, vielleicht nicht, aber wirkend, und darauf sollte es ankommen, nicht wahr?