ULG: Das unantastbare Lebensgeld


Absicht und Ziel

Eines der wirkmächtigsten Systeme der Gegenwart ist zweifellos das moderne Geldwesen. Wir Menschen haben es erdacht, entwickelt, verfeinert, kurz: erschafft. „Wirkmächtig“ deshalb, weil Geld und das Bemühen um einen Geldzufluss für Milliarden Menschen (!) zu einer kaum vermeidbaren Bedingung ihres Lebens geworden ist. In diesem Essay denke ich darüber nach, wie sich wohl unsere Welt, unser Leben und unser Miteinander ändern könnte, wenn wir diese mächtige Bedingung verändern würden. Wir haben sie erschaffen – wir können sie verändern.

 

Unser individuelles Leben erfolgt stets innerhalb gewisser Bedingungen. Manche können wir einzeln beeinflussen; andere können wir nur kollektiv verändern. Das Geldsystem kann nur kollektiv verändert werden. Mein Ziel ist nicht, das Geld abzuschaffen, weil es für unser Miteinander sehr wichtige Funktionen hat. Mein Ziel ist, diejenigen Wirkungen, die vom Geldsystem ausgehen und alle Menschen weltweit erfassen, neu zu justieren. Mein Vorschlag wird darauf hinauslaufen, ein völlig neues Geld zu konzipieren, welches parallel zum bestehenden Geld in den monetären Kreislauf eingespeist werden soll. Dieses neue Geld nenne ich „das unantastbare Lebensgeld“ oder kurz: ULG.

 

Geld und der Glaubenssatz der "Schuld"

Weil Geld zu einer global wirkenden Bedingung geworden ist, ist es wichtig, einige systemtragende Glaubenssätze sichtbarer zu machen. Denn: ohne Veränderung dieser kollektiven Glaubenssätze werden wir das bestehende Geldsystem nicht weiterentwickeln können. Daraus folgt zugleich, dass das neue ULG aus einer geistigen Überzeugung „jenseits“ der gegenwärtigen Grundüberzeugungen entspringen wird. Diese neue Überzeugung oder dieser neue Glaubenssatz muss sich erst entfalten dürfen. Ich will mit diesem Essay den ersten Schritt dafür tun.

 

Die tief in uns allen festsitzende Grundüberzeugung, die ich hier sichtbarer machen möchte, lautet: „Geld muss Schuldgeld sein.“ Oder: „Wenn wir Geld erschaffen, können wir es nur als Kredit verteilen.“ Wir erschaffen jedes Geld, weltweit, in Form einer Schuld und wir verteilen Geld anschließend in Form von Schulden. Unser modernes Geldsystem ist – bei allem, was es sonst noch ist -, ein gigantisches, weltumspannendes Schuldenverteilungssystem. Und getragen wird es von einem einzigen Glaubenssatz: „Geld muss Schuldgeld sein“.

Ich fragte mich nun: „Wieso eigentlich? Warum können wir Geld nicht anders erschaffen und verteilen? Warum stets nur als Schuldgeld, als Kredit?“ Ich versuchte, eine neue Grundidee, eine neue Überzeugung auszuformen: „Warum nicht auch als Wertgeld, als abrufbares Guthaben, als Lebensgeld?“ Mit diesen Fragen überschreite ich bewusst die herkömmlichen Übereinkünfte. Mir ist wichtig, dass beim Thema „Geld“ erkannt wird: Der Mensch hat sich seine Geldform erschaffen. Weil das so ist, kann der Mensch auch eine neue Geldform erschaffen und eine neue Geldordnung aufrichten. Anders gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mensch in 500 Jahren noch immer der aktuellen Geldordnung folgen wird. Auch diese Ordnung wird sich verändern – und vielleicht ist die Zeit jetzt reif genug für einen ersten Impuls. 

 

Beim jetzigen Geld ist es tatsächlich so, dass alle Menschen – ohne jede Ausnahme – eine Schuld eingehen müssen (!), wenn sie Geld haben wollen. Es geht nicht anders: Jeder Euro, jeder Dollar ist ab dem Moment seiner Erschaffung durch die Notenbank „mit Schuld belastet“. Unser Glaubenssatz klebt unsichtbar an jedem Schein, an jeder Münze, an jedem Giral- oder Buchgeld. Die klassischen Schulden, die Menschen dann machen müssen, sind die eines Arbeitsverhältnisses (wo sie ihre Arbeitskraft schulden) und die eines Kreditverhältnisses (wo sie werthaltige Sicherheiten abtreten, das Geld später zurückzahlen und "schuldendienstfähig" sein müssen). Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – weder arbeiten noch kreditwürdig sind, sind vom Geldzufluss innerhalb des Schuldenverteilungssystems nahezu ausgeschlossen. Das ist eine der großen Wirkungen dieser globalen, systemischen Bedingung „Geld“.

 

Neues Geld und der Glaubenssatz des "Wertes"

Früher war die „Geldschöpfung“ tatsächlich mit hohen Kosten verbunden: Gold- und Silberminen mussten ausgebeutet werden, die Herstellung von Münzen und Scheinen kostete Geld, und bis August 1971 war jede Währung weltweit an die Goldreserven eines Landes gekoppelt: Es durfte nur so viel im Umlauf sein, wie Gold als Sicherheit vorhanden war. Der US-Präsident Richard Nixon beendete diese Goldbindung des Geldes.

Heute kostet uns das Geld kaum noch etwas, wenn es als digitales Geld erschaffen wird. Ein Knopfdruck, und die EZB hat 60 Milliarden Euro aus dem Nichts erschaffen. Wo Kaiser und Könige tatsächlich noch sagen konnten: „Das Geld kostet uns etwas, wenn du es haben willst, schuldest du uns etwas“, kann das heute weder die EZB noch die us-amerikanische FED. Diese technologische Veränderung bereitet den Boden für die Weiterentwicklung unseres Geldsystems.

 

Denn nun wäre die Notenbank in der Lage, neu erschaffenes Geld nicht mehr als Kredit zu vergeben, sondern als „abrufbares Guthaben“. Die „Abrufbarkeit“ dieses von jeder Schuld befreiten Geldes würde natürlich demokratisch vereinbart werden. Es würde nach definierten Kriterien direkt von der Notenbank an die Bürger ausgezahlt werden; die Bürger würden es „abrufen“. Die EZB würde also „Werte“ verteilen statt Schulden. Die Banken, die die Konten der Bürger führen, würden als Verteilerstationen fungieren. Es käme ein frisches, schuldenfreies neues Geld in die Welt, das „unantastbare Lebensgeld“.

 

Ich möchte gerne einige Anmerkungen zum ULG machen: Es soll lebenslang fließen, mithin eine existenzielle Sicherheit und Gewissheit darstellen. Es soll nicht Eigentum der Notenbanken sein, sondern der Bürger. Sie sind es, die ihr „Lebensgeld“ treuhänderisch der EZB als „abrufbares Guthaben“ zur Verfügung stellen. Ein Beispiel für Deutschland: Nehmen wir an, wir hätten demokratisch beschlossen, dass jeder Bürger ab dem 18. Lebensjahr monatlich 1.000,- Euro ULG erhalten soll. Dann wären das 12.000,- € jährlich. Nehmen wir an, dass von 80,0 Mio. Deutschen etwa 60 Mio. bezugsberechtigt wären, dann benötigen wir eine ULG-Geldmenge von 720 Milliarden oder 0,72 Bio. Euro pro Jahr.

Der „Wert“ eines Bürgers wäre symbolhaft monetarisiert worden. Ein Bürger, der vom 18.-80. Lebensjahr das ULG beziehen würde, hätte somit lebenslang einen Anspruch auf eine Bezugsdauer von 62 Jahren x 12.000,- € = 744.000,- €. Jeder Bürger wüsste, dass er so viel erhalten wird, wenn er 80 Jahre alt wird (entsprechend weniger oder mehr bei anderer Lebensdauer). Dieser Geldwert wäre nun zugleich eine „Sicherheit“ für jede Bank (ähnlich des staatlich garantierten Einkommens eines Beamten, der genau deshalb bei Banken sehr „kreditwürdig“ und sehr beliebt ist) und könnte beliehen werden. Der neue Glaubenssatz könnte lauten:

 

„Wir glauben an die Würde jedes Bürgers. Deshalb stellt er für uns symbolisch einen Gegenwert von 744.000,- dar. Diesen Wert wollen wir ihm lebenslang abrufbar in Form eines unantastbaren Lebensgeldes auszahlen.“

 

ULG ist nicht bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)

Der wichtigste gedankliche Unterschied zwischen ULG und BGE ist, dass das ULG an die Menschenwürde gekoppelt ist, während das BGE geistig an ökonomische Merkmale wie Arbeitsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Wirtschaftswachstum und Kreditwürdigkeit gebunden ist. Es spielt keine Rolle, ob das BGE an alle Bürger oder nur an einen definierten Kreis von Bedürftigen ausgezahlt wird: Alle Bürger wären aufgerufen, dieses Geld zuvor „erwirtschaften“ zu müssen. Warum? Weil auch dieses BGE-Geld der aktuellen Schuldgeldordnung entspringt und bei seiner Geburt als Kredit verteilt wurde. 

 

Nicht so das ULG: Es muss nicht „erwirtschaftet“ werden, denn es wird einfach „erschaffen“. Das ULG würde als abrufbares Werteguthaben erschaffen und entsprechend verbucht werden. Es würde uns lastenfrei und lebenslang zufließen. Es wäre das individuelle Eigentum eines jeden Menschen, quasi seine „göttliche Mitgift“, sein monetäres Geschenk an die Welt. Mit dem ULG würde jeder Mensch seinen inneren Wert (seine Würde) im Außen teilweise symbolisieren. Das ULG wäre nicht das Eigentum der Zentralbank und auch nicht des Staates. Wir alle würden eine „Einlage“ bei der EZB machen und ihr unser Lebensgeld treuhänderisch zur Verfügung stellen. Die EZB und das Bankensystem würden als Verwalter und Verteilerzentren agieren. Ein ULG würde man bekommen, weil wir alle uns als Menschen voller Wert anerkannt hätten, unabhängig von Talent, Fähigkeit, Herkunft und Geschlecht. Das ULG wäre „Mittel zum Zweck“: lebenslanger Zufluss von Geldmitteln zum Zwecke der Unterstützung eines menschenwürdigen Lebens in sozialem Miteinander. Es wäre ein Konstrukt zur Förderung menschlicher Kooperationen, nicht der Konkurrenz. Es würde das menschliche Miteinander stärken und das ökonomische Gegeneinander schwächen. Es würde ausgezahlt, weil du Mensch bist.

 

ULG: Das unantastbare Lebensgeld

Gebunden an die Menschenwürde, erhält das ULG seine Wertstabilität a) durch die demokratisch gewollte Garantiezusage an alle Bürger der Eurozone, lebenslang abrufbar zu sein; b) durch seine transparent kommunizierte Relation zum BIP (die Bürger wissen: werden wir arbeitsfaul, sinken BIP und ULG) und c) durch seinen entlastenden Einfluss auf die Geldmenge M3, denn das ULG wird nicht als Schuld- oder Kreditgeld erschaffen, sondern als "Wertgeld" in den Kreislauf eingespeist.

Das ULG kann bei der EZB passiviert werden unterhalb der Position "Bargeldumlauf", etwa als "Lebensgeldumlauf". So wird es rechtlich nicht zum Eigenkapital der EZB, sondern bleibt, was es sein soll: der symbolhaft monetarisierte Ausdruck des inneren Menschenwertes, mithin Eigentum jedes Bürgers. Aktivisch kann die EZB dann eine neue Position "abrufbare Guthaben an Lebensgeldern" buchen. Im Ergebnis wird aus dem ULG ein "durchlaufender Posten": Die EZB fungiert als Diener der Bürger. Sie erschafft demokratisch legitimiert das ULG, verwaltet es und leitet es direkt an die Bürger weiter. Die Steuerung der Geldmenge kann wie bisher problemlos geleistet und somit Inflationsrisiken vorgebeugt werden. Da es sich beim ULG um Zentralbankgeld handelt (ähnlich dem "Vollgeld"), gewinnt die EZB eine zusätzliche geldpolitische Autorität, die sie heute wegen der Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken nicht hat.

Ein "unantastbares Lebensgeld" ist kein Lohn, kein Einkommen und auch kein hierarchisches Geschenk, das wohlwollende Halbgötter "von oben" gnädigerweise herabwerfen - das Lebensgeld ist "in bare Münze gegossene Menschenwürde". Es ist daher auch nicht an Arbeit, Einkommen und Kreditwürdigkeit gekoppelt. Es fließt lebenslang, weil der Mensch Mensch ist, nicht weil er arbeitet.

 

Gesellschaftliche Folgen

Vieles müsste in Geldkonventen und Arbeitskreisen noch durchdacht und überprüft werden: Besteht Inflationsgefahr? Wie bilden sich die relativen Güterpreise? Wird das alte Kreditgeld über die Zeit nahezu abgelöst vom schuldenfreien Lebensgeld (denn jedes Jahr kommen neue 0,72 Bio. Euro dazu)? Springt die Wirtschaft nachhaltig an, weil jetzt jeder Bürger dauerhaft konsumieren wird?

Wie werden die psychologischen Folgen sein? Verbessert sich die Gesundheit, nehmen Ängste ab? Werden die Menschen sich freier fühlen? Werden sie noch jede Arbeit annehmen, wenn kein Gelddruck mehr existiert?

 

Diese und andere Fragen mögen schwierige Fragen sein, aber keine unlösbaren. Mit 1000,- € monatlich kommt man auch nicht sehr weit; gearbeitet werden müsste immer noch. Und dennoch glaube ich, dass wir etwas Gutes erschaffen hätten: mehr Sicherheit, mehr Freiheit, mehr Optimismus, weniger Armut – und Geld, für das sich niemand verschulden muss, auch nicht der Staat.

 

Wir sind es, die unsere Lebensbedingungen erschaffen.

Wir werden es auch sein, die sie verändern. Nur Mut ...