IBA-Sichtweise auf ... Ökonomie


Ökonomie geht vom Menschen aus

"Oh je, diese staubtrockenen Ökonomen, diese komischen Rationalisten ..."  - Ich kann gut verstehen, warum viele Menschen so oder so ähnlich vom Berufsstand der Wirtschaftswissenschaftler denken. Doch dann sollten sie Amartya Sen lesen und lernen, dass nicht alle Ökonomen staubtrocken sind. 

 

Zum Begriff der "Ökonomie": Im deutschen Sprachraum wird die Ökonomie oder Wirtschaftswissenschaft üblicherweise in die Bereiche Betriebswirtschaftslehre (BWL) und Volkswirtschaftslehre (VWL, Nationalökonomie) unterteilt. Die zugehörigen Berufsbezeichnungen sind Wirtschaftswissenschaftler, Volkswirt und Betriebswirt (oder auch Ökonom). Die Volkswirtschaftslehre untersucht grundlegende wirtschaftliche Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten in einer Gesellschaft, sowohl in Bezug auf einzelne wirtschaftende Einheiten (Mikroökonomie) als auch gesamtwirtschaftlich (Makroökonomie). Die Betriebswirtschaftslehre befasst sich mit den wirtschaftlichen Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten einzelner Unternehmen und liefert Erkenntnisse über betriebliche Strukturen und Prozesse. Die wichtigsten Erkenntnisobjekte der Ökonomie sind das menschliche Wirtschaften, also der planmäßige und effiziente Umgang mit knappen Ressourcen zwecks bestmöglicher Bedürfnisbefriedigung in der Umgebung der Wirtschaft. (in Anlehnung an Wikipedia; 27.10.2020)

 

So weit, so trocken (lacht). Dass es auch frischer geht, zeigt Sen, der die menschliche Freiheit ins Zentrum seines ökonomischen Denkens gestellt hat. Ich möchte seinen Freiheitsgedanken ergänzen und in diesem Essay den spirituellen Gedanken von der schöpferischen Freiheit im Miteinander einbringen. Und da jede Freiheit eine "Freiheit in Bedingungen" ist, mithin eine bedingte Freiheit, werde ich hier einige fundamentale BEDINGUNGEN anschauen.

 

Entwicklung als Freiheit

Wikipedia führt aus: Amartya Sen legte seine Gedanken in "Development as Freedom" dar (deutscher Titel „Ökonomie für den Menschen“). Die zwölf Kapitel des Buches basieren auf sechs Vorträgen, die er bei der Weltbank gehalten hatte. Sens Hauptgedanke richtet sich hier auf die Vergrößerung der individuellen Freiheiten zur Minderung der sozialen, globalen Ungerechtigkeit. Er entwirft zuerst ein Konzept, nach dem die Freiheit beziehungsweise die Verwirklichungschancen die Basis des ethischen Handelns und das eigentliche Entwicklungsziel sind. Die Steigerung des Bruttoinlandsproduktes ist nur eine Nebenerscheinung dieses Prozesses. Daraus folgert er, es sei wichtig, dass Entwicklungsländer schon früh ein allgemeines Bildungs- und Gesundheitssystem einrichten sollten. Die Gleichberechtigung und Bildung der Frau sei nicht nur notwendig, um den Lebensstandard zu erhöhen, sondern auch der beste Weg zur Geburtenkontrolle.

 

Der Begriff der Entwicklung ist, wie man dem englischen Originaltitel entnehmen kann, von zentraler Bedeutung. Sein Verständnis von Entwicklung liegt weit entfernt vom Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens. Entwicklung wird bei ihm als die Freiheit der Menschen gesehen, ein Leben zu erreichen, das sie wertschätzen können. Dazu gehöre deutlich mehr als nur ein hohes Einkommen – zumal das Bruttoinlandsprodukt keinen Aufschluss über Einkommensverteilung und Bedarf der Menschen bietet. Behinderte Menschen brauchen z. B. ein höheres Einkommen, um damit denselben Grad an Freiheit zu erreichen wie nicht-behinderte Menschen. Damit unternimmt er den Versuch, die ethische Dimension der Wirtschaftswissenschaften wiederzubeleben. Er möchte Ökonomie und Philosophie einander näherbringen. Entwicklung ist die Vergrößerung der Freiheiten der Menschen – sie soll die menschlichen Verwirklichungschancen erweitern.

Sen ist der Meinung, dass Staat und Gesellschaft die individuellen Verwirklichungschancen zu erweitern haben, damit Grundlagen für ein eigenverantwortliches Handeln geschaffen werden können, denn die Menschen sind aktiv an der Gestaltung ihres Schicksals beteiligt.

 

Dieser Meinung bin auch ich - doch damit Staat und Gesellschaft all das tun können, müssen sie diejenigen Bedingungen im Blick haben, unter denen sie handeln. 

 

Wie kann die Ökonomie ein schöpferisches Miteinander fördern?

Man beachte meine Frage: Ich frage nicht, wie schöpferisches Miteinander die Ökonomie fördern kann, sondern umgekehrt, wie Ökonomie schöpferisches Miteinander unterstützen kann. Meine Frage macht die Ökonomie zu einer Bedingung, zu einem Mittel für einen bestimmten Zweck. Mit "die Ökonomie" sind dann natürlich all diejenigen Regeln und Gesetze und Glaubenssätze gemeint, die heute unser Miteinander wesentlich beeinflussen - im Guten wie im Schlechten.

 

Mein Blick fällt daher weniger auf die "menschlichen Bedürfnisse", die natürlich wirtschaftliches Handeln stark beeinflussen, und auch nicht so sehr auf das von Amartya Sen betonte "freiheitliche Bedürfnis nach Verwirklichung", sondern auf spezielle Bedingungen, die in besonderem Maße regulierende Wirkungen für das wirtschaftliche Miteinander entfalten. Bedingungen, die von schöpferischen Menschen erschaffen wurden und bis heute lebendig gehalten werden. Bedingungen, die ihren Ursprung im erzeugenden Geist des Menschen hatten und als kollektive Konstrukte bis heute geglaubt, akzeptiert und nicht hinterfragt werden. Die aus meiner Sicht einflussreichsten Randbedingungen der modernen Ökonomie auf das menschliche Miteinander sind nicht - um mal einige typische ökonomische Regeln zu nennen - das Gesetz von Angebot und Nachfrage, das Min-Max-Prinzip, nicht die Annahme eines rational entscheidenden Menschentyps ("homo oeconomicus") und auch nicht die möglichst effiziente Nutzung knapper Ressourcen oder Güter, sondern sind Bedingungen, die quasi wie ein Bilderrahmen das gesamte wirtschaftliche menschliche Miteinander weltweit einfassen und damit beeinflussen - und diese Bedingungen gehen vom Geldsystem aus.

 

Die Bedingungen, die vom modernen Geldsystem ausgehend unsere Ökonomie beeinflussen, sind systemische, globale und alle Menschen beeinflussende Bedingungen. Sie definieren gewissermaßen das ökonomische Spielfeld - und wenn Amartya Sen unsere Aufmerksamkeit auf die menschlichen Verwirklichungschancen lenkt und eine Entwicklung hin zu mehr individueller Freiheit fordert, dann tut er dies innerhalb des bestehenden Spielfelds. Das Spielfeld selbst stellt er nicht zur Diskussion - und damit auch nicht diejenigen Bedingungen oder Spielregeln, die unser Miteinander maßgeblich beeinflussen. Ich möchte genau dies hier tun und das Spielfeld samt seinen Spielregeln selbst betrachten. 

 

Meine Eingangsfrage, wie die Ökonomie unser schöpferisches Miteinander fördern könnte, kann nun genauer gefasst werden. Denn wenn es stimmen sollte, dass das Geldsystem die große Klammer darstellt, dann lautet meine Frage jetzt: "Wie beeinflusst das Geldsystem unser schöpferisches Miteinander?" Ich stelle also die Frage, ob ein komplett neues Spielfeld denkbar wäre, ob wir neue Randbedingungen erzeugen könnten, um unser Miteinander neu zu organisieren. Die Antworten werden davon abhängen, mit welchem Geist man auf das moderne Geldwesen schaut. Ich versuche, bis an seine Wurzeln zu blicken und diejenigen Überzeugungen, Vermutungen, Annahmen und Glaubenssätze zu identifizieren, die überhaupt erst zur Entwicklung des modernen Geldwesens geführt haben. Bitte beachten wir: Auch beim Geldsystem haben wir es mit einem geistigen Konstrukt zu tun - und mit IBA wissen wir, dass solche Konstrukte erstens "wirken" können, wenn sie zweitens "geglaubt" und drittens "kollektiv verdichtet" werden. Alle drei Kriterien für ein wirkendes Glaubenskonstrukt liegen beim Geldsystem zweifellos vor.

   

Schöpferische Freiheit in Schuld?

Der Ur-Gedanke bei der historischen Entwicklung des Massenkonstrukts "Geldsystem" ist der Glaube an die Schuld gewesen. Wer Geld bekommen möchte, schuldet etwas. Infolgedessen ist unser Geldsystem bis zum heutigen Tage ein globales Schuldenverteilungssystem. Jede Münze, jeder Geldschein, jedes digitale Guthaben ist eine Geldeinheit, die bei ihrer Entstehung mit einer Schuld belastet ist. "Schöpft" irgendwo auf der Welt irgendeine Notenbank neues Geld, erschafft sie dieses in der Form des Schuldgeldes, und zwar unmittelbar mit der ersten Buchung, die bei der Notenbank selbst vorgenommen wird. Dies bedeutet: Wer auch immer Geld von der Notenbank bekommen möchte, muss sich dafür verschulden, muss ein Schuldverhältnis eingehen. Die Folge ist, dass Staaten und Banken sich verschulden müssen (!) und ihre Schulden zwangsläufig weiter verteilen müssen. Jeder Bürger, der Geld bekommen möchte, muss dies ebenfalls tun, ob er nun einen Kredit von der Bank haben möchte oder sein monatliches Gehalt vom Arbeitgeber, dem er seine Arbeitskraft schuldet.

 

Ich will auf weitere Folgen dieser gigantischen Schuldenbedingung hier nicht eingehen, nur eines möchte ich noch mal klar und deutlich sichtbar machen: Auch derjenige, der keine Schulden oder Verbindlichkeiten hat und nur über Guthaben verfügt, hat Teil an diesem Schuldenspiel. Er kann zwar privat für sich freudig feststellen: "Ich habe keine Schulden, sondern nur Vermögen, nur Guthaben", doch dann übersieht er, dass andere Marktteilnehmer genau dadurch mehr von der unvermeidlichen Schuldenlast zu tragen haben. Das Geldvermögen des einen sind die Geldschulden des anderen. Das globale Spiel, an dem wir alle teilhaben, lautet daher: "Wie kann ich möglichst zu denjenigen Glücklichen gehören, die keine Schulden tragen müssen?" Diese völlig berechtigte individuelle Sichtweise übersieht jedoch, dass auch der Schuldenfreie dem globalen Schuldenspiel und der globalen Schuldenlast nicht entkommen kann, selbst dann, wenn er große Guthaben besitzt. Denn das Geld ist nun einmal in der Welt - und mit ihm unvermeidbar die Schuld, die Last. Da auch der Vermögende Teil dieser Welt ist, ist er unvermeidbar immer auch Teil dieser Last, auch dann, wenn er selbst schuldenfrei ist. Und spätestens dann, wenn diejenigen, die diese Last jeden Tag zu tragen haben, nicht mehr tragen wollen oder können, wird auch der Schuldenfreie merken, dass er "belastet" werden wird.

 

Wie soll sich schöpferisches Miteinander entfalten können, wenn wir alle auf einem Spielfeld der Schuld unterwegs sind? Wenn Milliarden Mitspieler jeden Tag Angst haben? Wenn ihr schöpferisches Wesen durch Angst und Abhängigkeiten nicht aufblüht, sondern verengt wird? Wie soll das gehen? - Meine Antwort ist eindeutig: Es geht nicht. Kein Wesen kann schöpferisch aufblühen, wenn es täglich gegen eine Schuld ankämpfen muss. Ist eine Welt vorstellbar ohne Schuldenlast? 

 

Neues Geld, neue Bedingung, neues Spielfeld, neues Miteinander

Ja, sicher. Wir brauchen uns lediglich den Ur-Gedanken der Schuld anschauen und müssen prüfen, ob wir auch ein Geld erdenken können, welches bei seiner Entstehung und seiner anschließenden Ausgabe nicht als Schuldverhältnis verbucht wird und nicht in Form von Krediten oder Schuldverhältnissen verteilt wird. Wir brauchen also "neues, lastenfreies Geld" und ein neues Zufluss-System, ein neues Geldverteilungssystem. Gelingt uns das, hätten wir: "Neues Geld, neue Randbedingung, neues Spielfeld, neue Ökonomie, neues Miteinander".

 

Ich habe deshalb die Idee eines "unantastbaren Lebensgeldes" (ULG) skizziert (mehr dazu siehe in "... auf das Geld" und in "ULG: Das unantastbare Lebensgeld"). Das ULG wäre kein Schuldgeld, sondern sein Gegenteil, ein "Wertgeld" oder ein "Guthabengeld". Es käme völlig schulden- und lastenfrei in die Welt und auf die Konten aller Menschen. Wir würden damit eine völlig neue Randbedingung für menschliches Miteinander erschaffen. Wir würden zwei Geldformen parallel verteilen: das alte Schuldengeld und das neue Wertgeld - und damit neue Erfahrungen sammeln. Das Lebensgeld wäre unser kollektiver Versuch, die von uns kollektiv erschaffene Schuldenlast in unserer Welt zu lindern, abzubauen, zu verkleinern. Das Lebensgeld wäre unser Versuch, ein neues Miteinander zu ermöglichen. Wird es funktionieren?

 

Keine Ahnung, das Resultat wird - wie immer - von unserem schöpferischen Miteinander abhängen, von unserem Glauben. Doch eines scheint mir ziemlich gewiss: Führen wir das neue, lastenfreie Geld nicht ein, wird die weltweite Schuldenlast weiter wachsen - und eines Tages nicht mehr zu tragen sein. Wir können auf diesen ziemlich üblen Tag warten (er wird systembedingt kommen, unvermeidbar) - wir können aber auch schöpferisch tätig werden und ein neues ökonomisches Spielfeld erschaffen. Ich bin eindeutig für das neue Spielfeld.