F & A: Wie siehst du das Schlechte?


Das Schlechte oder das Böse, das Übel, das Leiden - es ist in der Welt, in uns allen, wir wollen es nicht, dennoch passiert dauernd etwas Schlechtes, von der Tasse, die du versehentlich fallen lässt über Arbeitslosigkeit, Krankheit und Mobbing bis hin zu brutaler Gewalt, Sklavenhandel, Erniedrigung, Mord und Totschlag. Staatlich gewollte Gewalt hat in Nazi-Deutschland zur willkürlichen Inhaftierung, Folter und Ermordung von Millionen Menschen geführt. Das Schlechte ist oft surreal, so gewaltig kommt es daher, so unglaublich intensiv, schmerzend und zerstörend.

Ich habe nach meinen AKEs eine völlig neue Sicht auf die Welt gewonnen, und dabei natürlich auch auf das Schlechte. Darum wird es in diesem Gespräch gehen.   

 


Wie siehst du das Schlechte, Carsten?

Carsten, warum ist so viel Böses in der Welt?

Keine Ahnung.

Dann können wir ja schon aufhören hier, was?

Ja. Oder du stellst eine andere Frage.

Zum Beispiel?

"Carsten, siehst du Böses in der Welt?"

Verstehe. Theoretisch könnte gar kein Böses in der Welt sein, wenn man es nicht in seiner Sicht hätte, oder?

So etwa. Lass uns mal eine Gedankenexperiment machen, okay? Lass uns mal zusammen in ein Kino gehen, sagen wir, in einen Western, mit Cowboys und Indianern. Vielleicht "Winnetou". Wir sehen auf der Leinwand, wie Menschen erschossen werden, wie sie Zweikämpfe führen und sterben, wie sie am Lagerfeuer oder in ihrem Zelt sitzen, wir sehen Gefühle, Tränen, Angst, Rache und vieles mehr. Alles klar?

Yepp, sitze im Kino neben dir. Wie geht's weiter?

Der Film ist echt gut, für eine Weile vergessen wir, dass wir im Kino sitzen, wir fühlen mit, wir leiden mit, wir freuen uns mit den Akteuren. Großes Kino. Dann geht das Licht an, wir stehen auf und gehen nach draußen auf die Straße. Ich schaue dich an, du mich: "Wow, toller Film, was?" Ich nicke. "Aber nur ein Film. Keiner wurde erschossen, keiner musste leiden. Die Schauspieler hatten sicher viel Spaß am Drehbuch und an ihren Auftritten ..."

Ich ahne, wo du hin willst.

Es geht ja noch weiter. Nehmen wir an, vor dem Kino begegnen uns plötzlich die beiden Hauptdarsteller Lex Barker und Pierre Brice. Wir kommen ins Gespräch. Beide lachen und sagen: "Ja, war ein schöner Dreh, manchmal auch anstrengend." Und Pierre fügt hinzu: "Oft glaubte ich, wirklich Winnetou zu sein. Ich mochte diese Figur. Sehr sogar." Und Lex grinst: "Weisst du heute, dass du nicht Winnetou bist?"    

Okay, das reicht. Du willst sagen, dass ... 

... dass ich mein irdisches Leben wie einen solchen Film und mich wie einen Schauspieler innerhalb des Filmes erlebe. Und wenn der Film vorbei ist, gehe ich aus der Rolle hinaus und fahre nach Hause. Niemand wurde erschlagen, niemand vergewaltigt, niemand erschossen. Zu Hause erinnere ich mich an den Dreh und an viele Szenen, in denen ich mich als "Carsten" selbst erfahren hatte.

Alles nicht so wichtig, nicht so schlimm, nicht wirklich?

Nein, sehr wirklich, sehr real, sehr verletzend, schmerzend, sogar tötend. Und dennoch nur ein Film. Mit uns mitten drin. Drehbuch und Ereignisse werden von uns allen permanent neu komponiert, sind nicht fix vorgeschrieben. Im Kino soll Winnetou "traurig sein", das ist vorgeschrieben - im Film des Lebens könnte er auch wütend sein oder gelassen oder irgendetwas anderes. Ich erschaffe mir meine eigene Selbsterfahrung in jedem Ereignis - und an jedem Ereignis habe ich ebenfalls aktiv und schöpferisch mitgewirkt.

Hmh ...

Wie im Kinofilm Gutes und Schlechtes geschah, so auch im realen Leben. Wie im Kinofilm die Hauptdarsteller sich lächelnd an ihre Rollen und Erfahrungen erinnern, so auch ich im realen Leben. Als geistige Wesenheit hatte ich gewissermaßen die "Straßen-Perspektive" außerhalb des Films. Das Gute wie das Schlechte münden beide ein in die schöpferische Selbsterfahrung. Beide sind wichtig, beide geschehen, beide wirken, doch beide dienen der eigenen Erfahrung als schöpferisches Wesen.

Diese Selbsterfahrung ist wichtiger als das Gute und das Schlechte?

Frag Pierre Brice oder Lex Barker (lacht). 

Willst du das Schlechte in dieser Welt relativieren, schön reden?

Relativieren ja, denn ich stelle es in eine neue Relation, in einen neuen Kontext. Schön reden, nein. Ein Baum bleibt ein Baum und das Schlechte bleibt das Schlechte. Doch aus einer anderen Perspektive heraus betrachtet sehe ich es in einem anderen Licht, mit einer besonderen Bedeutung - nämlich die, uns allen kreative Selbsterfahrungen zu ermöglichen.

Ich weiß nicht.

Wie lange dauert ein Kinofilm? Zwei Stunden? Was sind zwei Stunden relativ zu 70 Lebensjahren? Nicht wirklich viel oder bedeutend, nicht wahr? Nun, was sind schon 70 Lebensjahre relativ zur Ewigkeit, zur Zeitlosigkeit? Nicht wirklich viel oder bedeutend, nicht wahr?

Überzeugt mich nicht.

Ich weiß, und ich will dich auch nicht überzeugen. Ich erzähle meine Sicht auf die Welt, mehr nicht. Du folgst deiner Bewusstheit und deinen Erfahrungen und deinen Konstruktionen und ich tue das auch. Andere Bewusstheit, andere Erfahrungen, andere Konstrukte - und wir sehen jedesmal leicht veränderte Welten oder Wirklichkeiten. Es könnte allerdings sein, dass wir beide uns eines Tages "draußen vor dem Kino" treffen, als außerkörperliche geistige Wesenheiten, und dann ...

... und dann würden wir beide in etwa das sehen, was du heute erzählt hast?

Ja, das halte ich nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich. Aber wissen kann ich das nicht. 

Danke, Carsten.

Gerne. Kommst du mit ins Kino (grins)?