... über ethische Entwicklung


„Meister, gibt es höchste Gebote, denen wir folgen sollen?“

 „Viele!“

 „Nenn uns eines.“

 „Du sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

 

So sprechen "Meister", die sich ihrer eigenen erzeugenden Natur noch nicht bewusst geworden sind.


Erzeugende ICH-Bewusstheit statt Ethik?

In spirituellen und religiösen Kreisen weit verbreitet ist eine Sicht, die von der Existenz "höchster Gebote" ausgeht. Diese Sicht versucht, ein oder mehrere Kriterien oder Merkmale zu benennen für das, was "gutes Sein" ist, was du tun sollst - und, ergo, für sein Gegenteil, für das, was dann automatisch "schlecht" ist, was du nicht tun sollst. Ernenne ich etwa die Liebe zum höchsten Gebot, dann ist alles, was nicht liebevoll ist, automatisch im Geruch des Schlechten, des Weniger-Guten.

 

Diese Sicht versucht nicht nur, eine individuelle Moral entlang höchster Kriterien zu etablieren, sondern versucht auch, eine kollektive Ethik zu gestalten, also ein ethisches Ordnungssystem für viele Menschen in die Welt zu bringen. Religiös motivierte Ethiken haben dabei schon mal die ganze Welt im Blick (ein ziemlich herausforderndes Unterfangen) und deshalb erweist es sich als sehr hilfreich, wenn die postulierten "höchsten Gebote" als von Gott diktierte Gebote ausgegeben werden können. Wer, wenn nicht Gott, sollte schließlich wissen, worauf es ankommt und woran wir alle uns orientieren sollten?

 

Nun, da ich ja einen guten Draht nach "oben" habe, dachte ich mir: "Frag' IHN doch mal. Mal sehen, was ER davon hält." Seine Antwort fand ich echt überraschend - aber schließlich war es ja Gott höchstpersönlich, der mir antwortete, also muss sie ja wohl richtig sein, oder?

 

Doch lesen Sie selbst ...


Hallo Gott, gibt es höchste Gebote, denen wir folgen sollen?

Ja, es gibt viele.

Nenn' mir eines.

Du sollst MICH nicht nach höchsten Geboten fragen (lacht) ...

Scherzkeks ...

ICH scherze nicht, Carsten.

Wieso soll ich DICH nicht befragen?

Weil ICH dir das Höchste, das Schönste und das Beste, wonach du dich richten sollst, schon gegeben habe.

Upps ... Umso besser: Wenn du derjenige warst, der mir dieses Höchste schon gegeben hat, dann bin ich ja an der richtigen Adresse. Also, nun mal Butter bei die Fische ...

Nun, ICH habe MICH gegeben. ICH bin in dir wie ICH überall bin. 

Okay, einverstanden. Und was genau von dir ist jetzt schon in mir? Ich meine, ich bin Carsten, ich bin nicht Gott. Also irgendetwas musst du auch weggelassen haben, oder? Du bist ja nicht in voller Fülle in mir - sonst wäre ich ja beinahe Gott. Ich aber bin nur Carsten. Also, was ist dieses seltsame Höchste, das du mir schon gegeben hast?

ICH bin sehr bewusst in allen meinen Regungen. Und ich erschaffe permanent. Ach, und ich liebe, was ich erschaffe ...

Hmmh ... mal kurz überprüfen: Bewusst kann ich mir auch sein, vielleicht nicht immer. Erschaffend oder erzeugend bin ich auch, kann aber nicht alles erschaffen. Liebe ich, was ich so erschaffe? Nee, da ist so mancher Murks dabei, den liebe ich überhaupt nicht.

Du bist nicht ICH, klar. Doch du bist auch nicht ohne MICH. Das Höchste ist also schon in dir.

Deshalb soll ich auch nicht dich fragen, verstehe. Ich soll mich selbst befragen, nicht wahr?

Guck an, er versteht so langsam. Ja, Carsten, befrage dich selbst nach dem höchsten Gebot oder den höchsten Geboten. Du wirst finden.

Aber so geht das doch nicht. Wenn ein jeder von uns hier seine eigenen höchsten Gebote findet, dann herrscht doch Chaos. Außerdem hat es doch immer besondere Menschen gegeben - ich denke da an Buddha, Jesus, die biblischen Propheten, Schamanen, Seher, Mystiker usw. -, die uns deine Gebote verkündet haben. Na gut, Buddha nicht, der kannte keinen Gott, aber unsere höchsten Gebote schienen immer direkt vom Himmel zu kommen, nicht von uns.

Tja, ICH sagte dir doch: Befragt nicht mich! Befragt euch. Genau das habt ihr getan, zu allen Zeiten.

Du meinst, was uns als göttliche Gebote verkündet wurde, waren in Wirklichkeit ....

Genau. Selbsterzeugte Gebote.

Aber dann haben Jesus und die anderen doch gelogen! Dann haben sie uns verschwiegen, dass sie ihre Gebote in sich gefunden haben, weil sie sie selbst erzeugten.

Gelogen ist mir zu hart, Carsten. Sagen wir, sie glaubten fest daran, direkt mit MIR sprechen zu können und verkündeten dies voller Überzeugung. Buddha nicht, der war da schon weiter. Manche Propheten haben übrigens genau gewusst, dass sie nicht mit MIR sprechen, wenn sie sprechen, doch aus Gründen der Nützlichkeit hielten sie es für besser, dies zu verheimlichen.

Aber was ist dann mit dem Liebesgebot? "Du sollst Gott lieben von ganzer Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst". Oder mit der goldenen Regel: "Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst"? Sind das auch keine göttlichen Gebote, sondern selbsterzeugte?

ICH würde euch niemals solche Gebote geben, Carsten.

Aber warum denn nicht? Sie helfen doch, sie sind doch praktisch, nützlich, geben Orientierung ...

Sie sind zu eng. Sie helfen, das stimmt. Doch sie sind zu eng. Sie decken nicht alle Situationen ab und sind deshalb nur eingeschränkt hilfreich. Deshalb können diese Gebote auch nicht von MIR sein.

Wo und wann sind sie zu eng? Kannst du mir ein Beispiel nennen?

Och, da gibt es sehr viele Beispiele. Du willst nur gelobt, nicht aber kritisiert werden? Also lobe auch du nur und kritisiere auch du niemanden - das würde aus euren Geboten folgen. Kritik aber ist sehr hilfreich für euch. Jede Mutter, jeder Lehrer, jeder Mensch kritisiert. Du willst nett behandelt werden, nicht aber wütend? Dann darfst auch du nur nett sein und niemals wütend. Aber auch Wut ist sehr hilfreich für euch. Du sollst Gott lieben? Nun, welchen Gott? Kennt ihr MICH denn? Niemand kennt mich. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst? Nun, dann fürchte ich sehr um das Wohl des Nächsten, denn viele unter euch lieben sich und ihr Leben überhaupt nicht. Du siehst: zu eng. Nicht von MIR.

Okay, aber hilfreich dennoch. Warum können wir nicht Gebote finden, die für alle Situationen richtig sind? Warum können wir nicht weiter denken, sehr weit, fast so weit wie du vermutlich denken würdest?

Wer sagt, dass ihr das nicht könnt?

Na, jetzt sage ich das ... Verstehe: Ich erzeuge diesen einschränkenden Gedanken, und dann werde ich auch nicht erleben, dass wir weiter denken und umfassendere Gebote erzeugen könnten, nicht wahr?

Eure Gebote teilen meinen unendlichen Garten in gute Pflanzen und in schlechtes Unkraut. Doch das Unkraut weiß nicht, dass es "Unkraut" genannt wird und "schlecht" sein soll. Auch die Rose weiß nicht, dass sie "Rose" genannt wird und "schön" sein soll. Durch eure Einteilungen verengt ihr meinen lebendigen Garten. Eure Gebote nennen die Liebe gut und die Wut schlecht. Eure Gebote wollen Anerkennung und Zustimmung, aber keine Ablehnung oder Widerstand. Eure Gebote feiern die Harmonie und verteufeln die Dissonanz. Nun frage ich dich, Carsten: Wenn ich dir ein Heftpflaster aufklebe, ist das dann gut oder schlecht?

Ein Heftpflaster ...? Nun, wenn du es mir auf meine blutende Wunde klebst, dann ist das wohl gut. Wenn du es mir auf meinen Mund klebst, um mich am Reden zu hindern, dann ist das eindeutig schlecht (lacht).

Siehst du: Der Kontext bestimmt mit darüber, wann ein aufgeklebtes Pflaster gut oder schlecht ist. Ebenso beeinflusst der Kontext, wann Liebe oder Wut gut oder schlecht sind. Mal ist Harmonie sehr gut, mal ist sie fehl am Platz. Mal ist Liebe wunderschön, mal ist sie ein Hindernis. Die Rose hat Dornen, das Unkraut seine eigene Schönheit. Wer seine Gebote jedoch kontextfrei verkündet, wer den Eindruck erwecken will, die verkündeten Gebote würden scheinbar über allen Kontexten stehen, der verengt MICH. Genau das tun eure angeblich "höchsten" Gebote. Sie sind nicht von mir, Carsten. Ihr habt sie selbst erzeugt, ohne jede Ausnahme.

Ich ahne da was. Du würdest ein Gebot verkünden, dass irgendwie die Vielfalt aller möglichen Kontexte berücksichtigen würde, nicht wahr? Du würdest nicht die Liebe nach oben stellen, würdest nicht die Harmonie bevorzugen, du würdest ... keine Ahnung.

ICH würde euch befähigen, Carsten. ICH würde euch befähigen, in allen Lagen, in allen Situationen, in allen Herausforderungen, in allen Kontexten agieren zu können - und zwar so, dass ihr euch anschließend nicht schuldig fühlen müsstet. ICH gäbe euch kein Gebot, Carsten. ICH gäbe euch eine Kraft, eine Gabe, eine Fähigkeit.

Eine Kraft für alle Lagen? Wouww ... Sagtest du nicht vorhin, du hättest uns das Höchste schon mitgegeben, weil du DICH gegeben hättest?

Das sagte ICH, ja.

Und sagtest du nicht, dass du erschaffend, bewusst und liebend seist?

Sagte ICH, ja.

Hmmh ...

Ja, hmmh ... Nun denk mal schön nach ...

Auch ich bin erschaffend. Auch ich kann mir bewusst werden, dass ich es bin, der meine Dinge tut. Auch ich kann lieben, was ich tue ... also theoretisch wenigstens.

Auch praktisch, mein Lieber, auch praktisch.

Aber das hieße ja, dass ich in allen Kontexten problemlos agieren könnte, wenn ich nur bewusst erzeugen würde, was ich sage und denke und fühle - und dann genau das, was ich dann so erzeuge, nur lieben und bejahen würde. Ich müsste einfach alles lieben, was ich bewusst erzeuge. Ich müsste es lieben, bewusst zu erzeugen. Ich müsste ...

... anfangen, an dich zu glauben. Befrage dich, nicht MICH, Carsten. Erwache zu dir als einer erzeugenden Bewusstheit - und liebe, was du bewusst erzeugst.

Das ist das höchste Gebot?

Nein, das ist die Quelle aller Gebote, die ihr zu erzeugen fähig seid. Mal so, mal anders, je nach Lage. Mal Liebe, mal Wut, mal Harmonie, mal Streit. Was immer du auch erzeugst, tue dies bewusst. Tue dies in der vollen Klarheit, dass DU ES BIST, der deine Handlungen erschafft. Nicht das Militär schickt dich in den Krieg, sondern du selbst tust das. ICH erwarte von niemandem, dieser oder jener Regel zu folgen - ICH habe euch selbst zur regelschaffenden Quelle gemacht. Vor jeder Regel, vor jedem Gebot kommt diejenige erzeugende Bewusstheit, die das Gebot erschafft. Die Quelle ist größer als die Regel. Die Quelle ist mein Garten, das Gebot nur ein Teil davon.

Dann sollte ich mich nicht so sehr an das Liebesgebot oder an die goldene Regel halten, sondern vielmehr an ein neues "Bewusstseinsgebot". Etwa so: "Fördere erzeugende Bewusstheit, wo immer du kannst." Mit Betonung auf "erzeugende" ...

Geliked (lacht). Wenn du einen anderen Menschen tötest, tötest du nicht dessen Bewusstheit. Das geistige Wesen lebt weiter. Doch du tötest die Möglichkeit dieses Wesens, sich unter den irdischen Bedingungen weiter entfalten zu können. Alles, was du der Bewusstheit eines anderen Wesens ohne dessen Zustimmung antust mit dem Ziel, eben diese Bewusstheit zu verletzen, zu verleugnen, zu verdunkeln, von ihr abzulenken, all das ist nicht in meinem Sinne. Denn ICH BIN BEWUSST und bin ERZEUGEND und ENTFALTE mich, Carsten, überall.

Und so wie du, so auch wir. Aus "Liebe dich selbst" wird "Fördere deine erzeugende Bewusstheit". Aus "Liebe deinen Nächsten" wird "Fördere die erzeugende Selbstbewusstheit deines Nächsten mit dessen Erlaubnis". Und wenn wir alle uns einander fördern und helfen in unserer erzeugenden ICH-Bewusstheit, dann entsteht eine neue Welt, nicht wahr?

Im Außen kann nur neu entstehen, was zuvor innerlich erzeugt wurde. Klingt doch gut, oder?

Klingt sehr gut. Danke.   


Anmerkung:

In seinem jüngsten Buch (Stand: 2017) kommt der Dalai Lama zu der Einsicht, dass "Ethik wichtiger ist als Religion". Ein bemerkenswerter Gedanke für einen spirituellen Führer und Lehrer. Was immer der Dalai Lama unter "Religion" auch verstehen mag, er versteht darunter immer auch Ethik: Jede Religion versucht, ethische Orientierung zu geben. Wenn er nun sagt, dass Ethik wichtiger sei als Religion, dann sagt er, dass die Orientierung an religiös motivierter Ethik nicht ausreichend ist. Es müsse eine "Ethik über der Ethik" geben, eine Ethik über der religiösen Ethik, eine umfassendere Ethik, eine, die nicht so "eng" daherkommt.

 

Ich pflichte ihm bei. Doch die Frage, die der Dalai Lama nicht beantwortet, lautet: "Gibt es eine Orientierung, die umfassender ist als jede Ethik?" Dieser Frage sind wir im obigen Gott-Gespräch nachgegangen. Eine mögliche Antwort lautet: "Erzeugende Selbstbewusstheit ist wichtiger als Ethik." Diese Antwort gründet auf der Einsicht, dass alle ethischen Regeln von bewussten Wesen erzeugt wurden, erst individuell, dann kollektiv übernommen. Ethik erweist sich - in allen Spielarten - somit als "Erzeugnis". Und was könnte umfassender sein als ein geistiges Erzeugnis? Nun, oben wurde die einzig mögliche Antwort ausgesprochen: Wichtiger, größer, weiter, umfassender als jedes ethische Erzeugnis ist diejenige Quelle, die zur Erzeugung fähig ist. Die Quelle ist wichtiger als jede Ethik. Das Bewusstsein der Quelle, eine erzeugendes Wesen zu sein, ist wichtiger als jedes Gebot.

 

Leicht erkennbar, folgt aus dieser Tiefe der Betrachtung heraus nun eine völlig neue Orientierung: "Folge nicht so sehr einem Gebot, sondern folge deinem erzeugenden Wesen. Je bewusster du dich als erzeugende Quelle angenommen hast, umso besser." Im Ergebnis agiert dann ein geistiges Wesen, dass einerseits fähig ist, die kollektiv geteilten Regeln zu befolgen, sich andererseits aber auch jederzeit von diesen Geboten lösen kann - je nach Kontext, Lage, Situation und innerem Impuls. Schon Jesus versuchte, seine streng regelgläubigen jüdischen Zeitgenossen zu ermutigen, sich selbst gelegentlich "über das Gesetz" zu stellen (für einen gläubigen Juden ein unfassbarer Gedanke), wenn er fragte: "Ist das Gesetz für den Menschen da oder der Mensch für das Gesetz?" Nun, natürlich ist der Mensch nicht für das Gesetz da, denn er erzeugt es ja schließlich. Der Mensch ist da, um sich Gesetze zu geben, diese zu befolgen und diese kontextual zu verändern, sie also nicht zu befolgen, sondern zu entwickeln. Jesus "arbeitete" am Sabbat, was noch heute streng verboten ist in orthodoxen Kreisen ...

 

Ich wünsche dem Dalai Lama und allen anderen Wesen von ganzem Herzen die Kraft, sich von jeder religiösen Ethik zu befreien - nicht, um fortan frei von allen Regeln in anarchistischer Weise leben zu können, sondern um SICH SELBST besser als diejenige Kraft erkennen zu können, die Regeln erzeugt und sich daran hält. Sich BEWUSST an eine Regel zu halten, befreit bereits von dieser Regel, denn nur der solchermaßen BEWUSSTE kann auch jederzeit beschließen, sich nicht an die Regel zu halten oder neue, bessere Übereinkünfte zu erschaffen. Ethik mag wichtiger sein als Religion, aber wichtiger als Ethik scheint mir die Bewusstheit zu sein, dass WIR ES SIND, die ethische Regeln erzeugen.

 

Diese erzeugende ICH-Bewusstheit zu fördern, ist mir in der Tat dringlicher als die Ein- und Unterordnung des geistigen Wesens unter bestimmte Gebote zu fordern. Bewusstheit ist Freiheit - Regel ist Gefängnis. Nur das eine lässt die Gottheit lachen ...