Kap. 8: In der Welt sein: von IBA-unbewussten zu IBA-bewussten Erfahrungen


Hund oder Mensch? - von der Reiz-Reaktion zur erzeugten Aktion

"Ich glaubte, auf äußere Reize zu reagieren. Ich wusste nicht, dass ich Informationen wahrnehme, sie blitzschnell bewerte und dann erzeugend agiere. Heute re-agiere ich nicht mehr auf die Umwelt oder auf andere Menschen - ich agiere mit ihr und mit ihnen. Meine irdische Reise begann mit Unbewusstheit über meine erzeugende ICH-Aktivität und mündete in eine stabile und noch immer wachsende ICH-BIN-AKTIV-Bewusstheit." 

 

Manchmal denke ich, seit dem der russische Forscher und Nobelpreisträger für Medizin, Iwan Petrowitsch Pawlow, 1905 seine berühmten Konditionierungsversuche mit Hunden veröffentlichte, glauben viele Menschen weltweit, so ähnlich wie die Hunde würden auch sie sich verhalten: nämlich irgendwie "konditioniert". Pawlov gestaltete 1905 ein aussagekräftiges Experiment: Auf die Darbietung von Futter folgt Speichelfluss, auf das Ertönen eines Glockentons nichts. Wenn aber der Glockenton wiederholt in engem zeitlichem Zusammenhang mit dem Anbieten von Futter erklingt, reagieren die Hunde schließlich auf den Ton allein mit Speichelfluss. Dieses Phänomen bezeichnete Pawlow als Konditionierung.

 

Ich sehe in dieser Konditionierung ein einfaches "Reiz-Reaktion-Schema", ein RRS. Es scheint fast so, als ob der von außen kommender "Reiz" ein bestimmtes Verhalten ("Speichelfluss") verursacht; der Hund re-agiert dann nur auf den Reiz. Er scheint gar keine andere Wahl zu haben. Ähnlich denken und sprechen noch heute viele Menschen: "Mein Chef macht mich wütend". Da ist dieser von außen kommende Reiz ("mein Chef"), und es ist dieser Reiz, der "mich wütend macht". Fast wie beim konditionierten Hund, nicht wahr? "Warum bist du so wütend?" Antwort: "Ich reagiere doch nur auf meinen komischen Chef ..." Die eigene Wut ist doch keine Aktion, nicht wahr, sie ist doch eine Re-Aktion. Fast so, als ob der Chef tatsächlich meine Wut verursacht hat. Fast so, als ob äußere Reize meine Re-Aktionen "verursachten". Fast so, als ob "Ich" gar nicht existieren würde in diesem simplen RRS, diesem Reiz-Reaktion-Schema. Fast so wie beim Hund, denn der hat eindeutig kein "Ich" ... (was ich übrigens nicht glaube: er hat ein anderes Ich- oder Selbstbewusstsein, doch das nur am Rande).

 

Ich empfinde es als schönen "Zufall", dass die Abkürzung für ICH-BIN-AKTIV, also IBA, auch benutzt werden kann für "Information-Bewertung-Aktion". Was, wenn wir Menschen von außen nicht einen Reiz, sondern eine Information wahrnehmen würden? Was, wenn wir dann "blitzschnell" diese Information "bewerten" würden? Und was, wenn wir dann als Folge dieser Bewertung nicht eine Re-Aktion, sondern eine Aktion, eine Aktivität zeigen würden? Was, wenn nicht der "Reiz" uns reizen würde, sondern wir selber uns? Was, wenn wir einen "komischen Chef" wahrnehmen würden, diese Information innerlich bewerten und dann aktiv entscheiden würden, Wut erzeugen zu wollen? "I-B-A statt RRS", pointiert gesagt. Was dann? Wir würden dann nicht auf äußere Reize reagieren (das Hunde-RRS), wir würden Informationen wahrnehmen, bewerten und agieren (das Menschen-IBA).

 

RRS oder IBA - wie fast alles bei IBA, kann auch dieses Phänomen überprüft werden. Verursacht der Chef meine Wut, reagiere ich nur auf ihn, oder verursache ich meine Wut selber, agiere ich in Folge meiner geistigen Erzeugnisse? Habe ich eine Wahl? Könnte ich auch anderes als Wut erzeugen?Ich erspare mir hier eine ausführlichere Antwort - das Ergebnis sollte schon jetzt leuchtend klar vor deinem Auge erscheinen. 

Je IBA-unbewusster ein Mensch agiert, desto öfter hört er sich selbst sagen, er hätte nur reagiert. Je IBA-bewusster ein Mensch wird, desto öfter wird er sagen, dass er agiert habe, dass er sein Verhalten "erzeugt" habe. Gehe ich auf die Toilette, weil mein Körper mich dorthin führt? Reagiere ich auf den Reiz meiner Blase? Nein, ich könnte auch stehenbleiben und mir in die Hose pinkeln - keine Kraft der Welt könnte meine Entscheidung verhindern. Dass ich regelmäßig die Toilette vorziehe, ist nicht die Entscheidung meines Körpers und ist auch keine Re-Aktion auf meine Körpersignale: Es ist meine Entscheidung, meine Absicht, mein Konstrukt. Nichts an diesem Verhalten ist eine Reaktion, aber alles ist eine Aktion, eine erzeugte Aktivität.

 

Dank meiner stabilen IBA-Bewusstheit erlebe ich heute ein völlig anderes In-der-Welt-sein als früher: Ich erlebe sozusagen "live" meine Aktionen. Ich werde nicht gegangen, ich gehe. Ich werde nicht wütend gemacht, ich mache das selber. Ich weine nicht wegen diesem oder jenem Ereignis, ich weine, weil ich weinen will. Ich bin nicht traurig, "weil mein Vater verstorben ist" - ich erzeuge Trauer, weil ich gerne noch Zeit mit ihm verbracht hätte und ich diese Erfahrungen mit ihm nun nicht mehr machen werde. Ich betrauere nicht ihn, ich betrauere mich. (Nach meiner festen Überzeugung ist da auch wenig, was ich an der neuen Lebenslage meines Vaters betrauern könnte: Ich sehe ihn als schöpferische Wesenheit "im Himmel", fern ab von Unglück und Einsamkeit, und freue mich für ihn und sein geistiges Dasein in einer anderen Welt.)

 

Das also ist die wichtigste Veränderung, die sich durch eine stabile ICH-Bewusstheit einstellt: Du bemerkst deine geistigen Aktionen. Nicht alle, nicht immer, aber in zunehmender Weise. Du bemerkst dich agierend, nicht mehr reagierend. Ich bemerke meine geistigen Erzeugnisse im Moment ihrer Entstehung. Um das zu können, brauche ich einen stabilen „Ruhe-Geist“: beobachtend, präsent, gelassen, selbstbemerkend - also genau das, was ich in meiner zweiten AKE erlebte.

 

Ich sehe dich erzeugen.

Die zweite große Veränderung ist, dass ich nicht nur mich als „erzeugend“ bemerke, sondern natürlich auch dich. Ich sehe dich als ein erzeugendes Wesen. „Du erschaffst deine Gefühle wie ich meine erschaffe. Du kannst meine Gefühle weder verursachen noch verletzen - das kann nur ich selbst. Aber auch ich kann dann nicht deine Gefühle verursachen oder verletzen - weil nur du das selbst kannst.“ Diese Sicht macht mich „unschuldig“ an deinen Gefühlen - und ebenso dich „unschuldig“ an meinen Gefühlen. Sie macht mich unschuldig an deinen Gedanken und deinen Taten - und dich unschuldig an meinen Gedanken und meinen Taten. IBA-Bewusstheit erlaubt mir, eine Welt ohne Schuldige sehen zu können. Statt dessen sehe (und erlebe) ich eine Welt der Eigenverantwortlichkeit, der selbst-erzeugten Eigenaktivitäten.

 

Aber zusätzlich und zugleich sehe ich auch eine Welt, in der wir alle „wechselwirken“, interagieren, ko-konstruieren - eine Welt, in der du durch deine Erzeugnisse zu einer Erfahrung für mich werden kannst und ich für dich. Genauer formuliert: Ich kann zu einer BEDINGUNG werden für deine Aktivitäten, zu einer Bedingung, die dir ermöglicht, bestimmte Selbsterfahrungen zu machen - und umgekehrt kannst du zu einer Bedingung für den möglichen Raum meiner Erfahrungen werden. Wir können einander „bedingen“. Wir ermöglichen uns gegenseitig spezielle Selbsterfahrungen. Das ist, was ich permanent sehe und erlebe. Bedingung ist nicht Ursache.

 

Ein Beispiel soll meine IBA-Weltsicht konkretisieren: Wir sprechen den Mann, der die Frau vergewaltigt hat, strafrechtlich und auch moralisch „schuldig“. Der Täter wandert für, sagen wir, 5 Jahre ins Gefängnis; die Frau leidet über Jahre (vielleicht sogar lebenslang) an dieser Gewalttat. Was sehe ich in diesem Ereignis? Ich sehe ein erzeugendes Wesen mit männlichem Körper und ein erzeugendes Wesen in einem weiblichen Körper. Ich sehe „ihn“ seine Gewalttat erzeugen und „sie“ ihre Angst, ihre Abwehr, ihr „Nein“, ihre Ohnmacht und ihr Entsetzen oder ihren Schrecken - über SICH (weniger über den Täter). Schließlich hat sie dieser Gewalterfahrung zu keinem Zeitpunkt aktiv zugestimmt und dazu „eingeladen“ (wie viele Täter gerne „entschuldigend“ behaupten). Nehmen wir hier aber einmal an, es wäre so gewesen, die Frau hätte eingeladen und aktiv zugestimmt: Hätte sie dann auch Angst, Abwehr, Ohnmacht und Schrecken erzeugt? Nein, wohl eher Lust, Neugier und Vorfreude auf die gewollte „Gewalterfahrung“ (viele Paare spielen solche Spiele sehr bewusst, meisterhaft arrangiert).

Mit diesem Gedankenexperiment möchte ich verdeutlichen, warum ich sage, dass die Frau AN SICH leidet (und weniger an den Taten des Täters). Sichtbar sollte werden, dass die Frau völlig zutreffend an ihrem „Ohne-Macht-Erleben“ leidet. Das ist wirklich schlimm. Warum? Weil diese Selbsterfahrung der Ohnmacht zutiefst gegen die schöpferische Natur des eigenen Wesens gerichtet ist: Die Wesenheit erlebt sich selbst nämlich fast immer „machend“, aktiv, schöpferisch lebendig - und Ohnmacht ist für die Wesenheit daher die schlimmste vorstellbare Selbsterfahrung. Als ob sie „ausgelöscht“ werden sollte ... wahrlich grausam. Und an diesem Selbstgefühl leidet die Wesenheit, leidet die Frau und würde auch ich leiden. (Und nach der erlittenen Gewalttat kommen dann oft noch die gespürten Konstruktionen des eigenen Umfeldes als Last hinzu: geschändet, gebrandmarkt, beschmutzt - soziale Konstrukte, die es der Frau wahrlich nicht leichter machen, zu sich selbst und ins Leben zurückzufinden.) 

 

Ich sehe also, dass die männliche Wesenheit die ganz speziellen Bedingungen oder Voraussetzungen für eine extreme Selbsterfahrung der weiblichen Wesenheit erschafft. Natürlich erlebt auch die männliche Wesenheit sich selbst „neu“, anders, vermutlich „mächtig“, aggressiv, herrschend und vielleicht auch noch voller sexueller Erregungen. Bis hierhin sehe ich zwei wechselwirkende Wesenheiten, die einander "brauchen", um bestimmte Selbsterfahrungen erschaffen und erleben zu können. Der Punkt ist: Aus irdischer Sicht war diese Wechselwirkung keine beidseitig abgestimmte Übereinkunft, sondern eine einseitige Macht- oder Gewaltanwendung. Die Frau "braucht" den Täter nicht. Die Schuld des Täters liegt in seinem Versäumnis, die aktive Erlaubnis der Frau zu dieser Grenzerfahrung eingeholt zu haben. Für DIESE „geistige“ Schuld wird er in meinen irdischen Augen völlig zu Recht verurteilt.

 

Doch ich sehe selbstverständlich auch diese gesellschaftlich und richterlich attestierte Schuld als ein Konstrukt an, als eine erzeugte Wahrheit - und wir erinnern uns, dass Konstrukte direkt abhängig sind vom erzeugenden Subjekt, von dessen Sicht, dessen Bewusstheit. Diese Bindung aller geistigen Erzeugnisse an das erzeugende Wesen hat zur Folge, dass eine Veränderung der Bewusstheit dieses Wesens eine veränderte Weltsicht ermöglicht. Und dann könnte es sein, dass bislang nicht erkannte, nicht sichtbare, nicht einmal vermutete Verbindungen und Wechselwirkungen allmählich gesehen werden können. Zum Beispiel die kaum glaubliche Verabredung zweier Wesenheiten zu einem kooperativ erschaffenen Ereignis; eine irdische Begegnung, die uns als „zufällig“ oder "erzwungen" erscheint, ohne jede geistige Übereinkunft. Eine "spirituelle" Verabredung, die dann in der Tat vollkommen frei von irgendeiner Schuld wäre - aber angefüllt mit Absichten, Neugierden und wesenhaften Erfahrungen. Eine schöpferische Meisterleistung, irdisch „verdunkelt“ durch Unbewusstheit, vom irdischen "Ich" zutreffend als Gewalttat gesehen und strafrechtlich sanktioniert. Doch das, was ein "ICH" sehen könnte, könnte eine ganz andere Geschichte sein. 

 

Kann nicht sein? Dann lerne bitte Natalie Sudman kennen ...

 

Anders-in-der-Welt-sein: „Ich wollte in die Luft gesprengt werden ...“

Natalie hat den aufregensten, schönsten und interessantesten Nahtodbericht geschrieben, den ich je gelesen habe. In "Die Wirklichkeit des Unmöglichen - Meine Nahtoderfahrung im Irak“ (Natalie Sudman, SANTIAGO Verlag, 2015) liest du - ich zitiere - "... die Geschichte einer Frau, die die Explosion einer Sprengfalle schwer verletzt überlebt hat und dabei eine ganz besonders intensive Nahtoderfahrung hatte. Sie kann sich sehr deutlich an die jenseitige Ebene erinnern und schildert aus dem Blickwinkel einer naturwissenschaftlich gebildeten Frau viele geistige, aber auch energetische und physikalische Erkenntnisse in einer so außergewöhnlichen Form und Tiefe, dass dieses Buch sich sehr von allen anderen Büchern über dieses Thema absetzt“.

 

In der Tat, ein Buch, das ich wärmstens empfehle. Als ich es las, weinte ich vor Glück. Warum? Weil ich zum ersten Mal glauben durfte, mit meiner seltsamen IBA-Sicht nicht alleine auf diesem Planeten herumzulaufen. Für mich Befreiung und Bestätigung zugleich - doch lesen wir, was Natalie berichtet:

"Das Konzept physische Erfahrung folgt dem eigenen Denken kann auf alle Bereiche ausgerichtet werden. ... Ich meine verstanden zu haben, dass das Selbst in seiner Ganzheit durchaus willens - und in manchen Fällen sogar gezwungen ist - sich den Überzeugungen, Wünschen und der Direktive des bewussten Selbst zu unterwerfen. ... Was auch immer ich erschaffe, für das Selbst in seiner Ganzheit wird es von Bedeutung sein - kreativ und sogar unterhaltsam.“ (S. 76)

 

Bei Natalie ist das "ICH" das "Selbst in seiner Ganzheit" und das "Ich" das "bewusste Selbst". Natalie will mitteilen, dass beide "Selbste" sich gegenseitig beeinflussen können. In meiner IBA-Botschaft spreche ich vom "ICH-als-Ich", von der ICH-Wesenheit, die sich ihre Ich-Erzeugnisse erschafft. Ich glaube, wir beide beschreiben ähnliche Erfahrungen. Doch weiter mit Natalie:

 

"Ganz gleich, ob nun mein physischer Geist oder das Höhere Selbst die jeweilige Erfahrung erschafft - es gibt dabei keine Opferrolle, keinen Opferstatus. ... Ich bin in diese physische Welt gekommen als ein vollständiges Wesen, eine reife Persönlichkeit und mit einem Bewusstsein voller Absichten, Ziele und Vereinbarungen. Der Umstand, dass ich im Irak durch eine Bombe am Wegesrand in die Luft gesprengt wurde, ist nicht die Schuld der Person, die die Bombe baute oder des Menschen, der sie legte oder dessen, der sie gezündet hat. Auch war es weder Glück noch Zufall. Es war ein Event, das mein Selbst kooperativ mit anderen geschaffen hat und dann mit dem  Ablauf einverstanden war, und für mein Selbst war und ist dieser Event von Bedeutung - er ist kreativ und hat Unterhaltungswert (im Original: fun)“. (S. 76, 77)

 

Diese Botschaft ist selbst eine "Bombe", nicht wahr?! Sie deckt sich ganz stark mit meinen ICH-Erfahrungen. Ich sprach hier von einer Welt ohne Schuld, von aktiven Erzeugern statt reagierenden Opfern, von "freudiger Wut" und vielem mehr - und so spricht auch Natalie über ihre "wesenhafte Freude":

"Meine Lebensfreude muss nicht beeinträchtigt werden ... dadurch, dass ich ein Auge verloren habe. Meine Lebensfreude wird beeinträchtigt durch Gedanken und Einstellungen, dass all diese Dinge meine Lebensfreude negativ beeinflussen könnten - und erst dadurch wird der Verlust oder die Einschränkung zur Realität. In dem Moment, an dem ich mich als mein Selbst in seiner Ganzheit wahrnehme, höre ich auf, Opfer von irgendwas und allem zu sein. Stattdessen werde ich zu einer kooperativen Miterschafferin meiner eigenen Lebenserfahrung und übernehme die volle Verantwortung dafür. Es ist mir möglich, meinen Lebenskurs zu verändern, indem ich mein Denken verändere." (S. 77, 78)

 

Musik in meinen Ohren, fürwahr. Das ist IBA, oder? "In dem Moment, an dem ich mich als mein Selbst in seiner Ganzheit wahrnehme ..." - das ist exakt der Moment, wo ich mich als ICH erlebte. Und seit dem gilt: keine Opferhaltung, mit-erzeugende Wesenheit, Mit-Erschaffer der eigenen Erfahrungen, wesenhafte Lebensfreude, wirkende Gedankenkraft und überall um mich herum Erzeugungen, Konstrukte, Glaube und verschiedene Grade von IBA-Bewusstheit.

 

Die Liebe zur bewussten Erfahrung

"Es ist ... grundlegend wichtig, dass wir verstehen, dass von der Perspektive eines erweiterten Bewusstseins aus jede Erfahrung wertvoll ist!"

(Natalie Sudman, S. 79)

 

Ich kann das mit ganzem Herzen nur bestätigen. Genau wie Natalie möchte auch ich anderen Menschen einen Einblick geben in eine "erweiterte" Perspektive, die wir beide in ähnlicher Weise erfahren durften, um sie darin zu bestärken, "dass ihre Schmerzen nicht ewig dauern, dass sie einen Wert haben und es ein Motiv und einen Beweggrund dafür gibt, einen Anlass, der nur für sie selbst gilt. Die Erfahrung ist möglicherweise von so hohem Wert wie ihre Schmerzen real und intensiv sind." (S. 80, 81; Hervorhebung durch mich) 

 

Auf die ethisch-moralischen Aspekte dieser Sicht möchte ich hier nicht eingehen, weil ich eine "spirituelle Ethik" kenne, die ein wenig kollidiert mit den irdischen Konstrukten von Ethik und Moral. Das würde hier zu weit führen. Doch ich möchte - wie auch Natalie in ihrem Buch - versichern, dass Mitgefühl, Hilfe und Solidarität nicht "absterben", wenn man diese erweiterte ICH-Erfahrung hatte. Im Gegenteil: Diese auf Miteinander, Unterstützung und Kooperation gerichteten Energien werden stärker, drängender und auch irdisch immer relevanter.

 

In meiner IBA-Botschaft sprach ich von der "Regenbogen-Fülle" unserer Gefühle und davon, dass wir uns selbst "halbieren", wenn wir diesen Reichtum in erwünschte "positive" und unerwünschte "negative" Gefühlskisten einsortieren. Ich ermutigte zur "bewussten Erzeugung" aller Gefühle, nicht nur der positiven. Damit ermutige ich dazu, "den inneren Regenbogen zu leben, zu erfahren" und führte aus, dass niemand fürchten muss, sich selbst oder anderen Menschen Schaden zuzufügen, wenn er BEWUSST erzeugt. Nun sollte durchschimmern, warum ich dazu ermutige: Jedes Gefühl ist eine Erfahrung für uns - und "jede Erfahrung ist wertvoll", wie Natalie ausführt. Konzentrieren wir uns aber nur auf die "positiven", halbieren wir tatsächlich den so wichtigen Erfahrungsraum. Unser Leben wird dann nicht schöner, sondern flacher, seichter, langweiliger. Tatsächlich ermutige ich meine Klienten darin, sich selbst wütend und traurig und zornig und "boshaft" und rachsüchtig und "minderwertig" usw. zu bemerken, indem ich sie bitte, diese Gefühle oder Zustände bewusst zu erzeugen.

 

Der "Wert der bewussten Erfahrung" ist für mich ein spezieller Wert. Wenn, wie Natalie und ich andeuten (auch sie streift das Thema "Ethik und Moral" nur kurz, wohlwissend, wie schwer zu beschreiben ist, was "gut und böse" aus einer erweiterten Perspektive heraus bedeuten könnte), die Selbsterfahrung so wertvoll ist für das Selbst oder ICH, dann bedeutet das, dass andere Kategorien für uns nicht so wertvoll, nicht so bedeutend sind, etwa "richtig" und "falsch" oder "wahr" und "unwahr" oder "positiv" und "negativ". Ich sagte ja schon, dass ich in diesen Kategorien "erzeugte Kategorien" sehe und dass ihr eigentlicher Zweck darin liegt, uns bestimmte Erfahrungen mit Hilfe dieser Konstrukte machen zu lassen. Wir konstruieren unsere erlaubten und verbotenen Erfahrungsräume mit diesen Konstrukten, mit diesen Wahrheiten, mit moralischen und ethischen Vorgaben. Für mich ist jedoch nicht das "richtig" wichtig, sondern die daraus resultierende Erfahrung. Doch, wie gesagt, das ist nach irdischen Kategorien zurecht ein heißes Eisen und ich werde nur noch in Kapitel 10, wenn ich über den "schöpferischen Imperativ" berichte, auf dieses Thema eingehen.

 

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In der Welt sein, sich selbst als "ICH-als-Ich" wahrnehmen oder als "Ich-vom-ICH", das erlebe ich mittlerweile als ziemlich "leichte", mühelose, freudige Veranstaltung. Alle Ängste sind verschwunden; ich lebe fast total angstfrei - und wünsche diese Erfahrung jedem Menschen. Schwache Ängste erzeuge ich eigentlich nur dann, wenn ICH eine neue Ich-Identität zu formen beginne und anfänglich noch unsicher bin, wie ICH in dieser Form als dieses Ich agieren könnte. Doch "Übung macht den Meister" gilt auch hier und die Angst legt sich dann sehr schnell. 

 

Die Wirklichkeit, die ich erlebe (und jeder erlebt seine Wirklichkeit und die EINE gemeinsame auf andere Weisen), erlebe ich heute auch durch das Internet. So viele Daten, Informationen, Bilder, Konstruktionen, Wahrheiten und Irrtümer, Meinungen, Studien, Erfahrungen ... wow. Doch - ich wiederhole mich gerne - ich erlebe diese Datenfülle vor allem als "Erzeugnisse", als geistige Konstruktionen - und damit als Beweis für unser aller Gabe, Wirkendes und damit Wirklichkeiten zu erschaffen. Und da bin ich schon ein wenig besorgt: Ich sehe immer mehr Menschen ("Wesenheiten"), die ihr persönliches Wohl auf Kosten anderer Menschen "retten" wollen. Wir sind aber alle zutiefst kooperative Wesen, ko-agierende Schöpfer, wesenhaft auf Miteinander und nicht auf Gegeneinander orientiert. Und ich befürchte, dass wir uns kollektiv gerade sehr unruhige, holprige und verletzende Erfahrungsräume erschaffen - etwas, was ich nicht möchte. Darum wird es im nächsten Kapitel gehen ...