Kap. 3: Erzeugung geht vor Objektivität.


Objektivität: eine Konstruktion mit Geschichte

"Objektivität steht im Zentrum dieses Buchs. Um zu zeigen, daß ihr Auftauchen jüngeren Datums und kontingent ist, haben wir sie umrahmt mit Darstellungen von Naturwahrheit und geschultem Urteil: Wissenschaft ohne Objektivität kann es geben, hat es gegeben und gibt es. ... Objektivität ist weder ein Synonym für Wahrheit oder Gewißheit noch für Genauigkeit oder Präzision. Wir haben an konkreten Beispielen gesehen, daß Objektivität sogar quer zu ihnen stehen kann." (Lorraine Daston, Peter Galison, "Objektivität", Suhrkamp, wissenschaftliche Sonderausgabe 2017, S. 394)

 

Für mich hat es sich gelohnt, das 530 Seiten starke Werk über "die Geschichte der Objektivität" von Daston & Galison zu studieren. Ich habe mir eine solche wissenschaftliche Untersuchung schon seit langem gewünscht: "Alle Menschen sprechen über Objektivität, doch niemand schaut sich die Entstehung dieses Begriffes und seine Bedeutung genauer an." Nun hat es jemand sehr ausführlich getan - und mein IBA-Merksatz "Erzeugung geht vor Objektivität" hat ein geistiges Fundament nicht nur in meinem Geist, sondern vermutlich auch im Geiste von Daston & Galison. Danke für diese wichtige Arbeit.

 

Ich werde in diesem Kapitel über die Objektivität noch einige wenige Zitate anführen, und sie werden alle aus obiger Quelle stammen. Was ich zeigen möchte, sollte schon jetzt klar sein: Auch Objektivität ist ein geistiges Konstrukt. Was Objektivität bedeuten soll, ist das Ergebnis eines erzeugenden Aktes: viele Erzeuger - viele Bedeutungen. Die Vielfalt der Bedeutungen, die allesamt subjektiv erzeugte Bedeutungen sind und deshalb nicht "objektiv" im engeren Sinne sein können, machen Daston & Galison zweifelsfrei sichtbar.  Sie sprechen davon, dass "der Begriff >Objektivität< vielschichtiger als Blätterteig (ist)" - und "vielschichtiger" ist nur ein anderes Wort für "viele Konstruktionen": "Historiker benutzen ihn als ungefähres Synonym für Unparteilichkeit oder Interesselosigkeit. Philosophen definieren Objektivität unterschiedlich, entweder als "in unmittelbarer Beziehung zu einer nichtmenschlichen Realität stehend", als "losgelöst von den ... Besonderheiten individueller Personen ..." , als "geformt durch kritische Diskussionen ...". Manchmal bezieht sich Objektivität auf Ontologie: "eine objektive Welt von Einzelheiten, unabhängig von Erfahrung". Manchmal bezieht sie sich auf Erkenntnistheorie: "Überzeugungen, Urteile, Aussagen oder Gedanken über das, was wirklich der Fall ist". Und manchmal bezeichnet sie Charaktereigenschaften: "Unparteilichkeit, Distanz, Interesselosigkeit und die Bereitschaft, sich der Evidenz zu beugen". (ebd., S. 402)

 

In "Objektivität" zeichnen Daston & Galison das historische Ringen um diesen Begriff akribisch nach: "Die Geschichte der Erkenntnistheorie (und der Wissenschaft) wird oft so erzählt, als sei sie identisch mit der Geschichte der Objektivität. Francis Bacon und Descartes, sogar Platon und Aristoteles werden in eine Armee eingegliedert, die angeblich immer gegen die Subjektivität zu Felde gezogen ist ... Wir behaupten, dass diese homogenisierte Ansicht der Geschichte der Epistemologie und der Wissenschaft falsch ist. Aber wenn sie irrig ist, warum ist der Irrweg dann so weit verbreitet, so verführerisch?" Und die Antwort, die sie liefern, ist historisch nachweisbar: "Objektivität fürchtet Subjektivität, den Kern des Selbst." (ebd., S.396, fette Hervorhebung durch mich)

 

Bei IBANETIK ist der "Kern des Selbst" natürlich das erzeugende Wesen, das ICH - und "Objektivität" ist eines seiner vielen geistigen Erzeugnisse. Eine "homogenisierte Ansicht" von Objektivität hat historisch nie existiert; stattdessen hat es eine "Geschichte" gegeben, eine Entwicklung, eine Herausbildung vieler verschiedener Vorstellungen von Objektivität. Eine dieser Konstruktionen von Objektivität ist die, die "Subjektivität fürchtet". Der "so weit verbreitete Irrweg" einer angeblich gegen die Subjektivität gerichteten Objektivität ist deshalb ein Irrweg, weil die damals an der Konstruktion von Objektivität beteiligten Personen sehr wohl wussten, dass sie mit Hilfe ihrer individuellen Subjektivität eine ganz besondere Sicht- und Arbeitsweise entwickeln wollten, eine "wissenschaftliche". Sie suchten nach einem Weg, ihre eigene Subjektivität auszuschalten. Und dieser Irrweg ist deshalb "so verführerisch", weil diese Konstruktion Schutz verspricht. Man glaubte und man glaubt noch immer, nicht mehr so leicht attackiert werden zu können, wenn man "objektiv" redet. Viele Menschen, sehr viele Menschen, fürchteten und fürchten bis hinein in die Gegenwart die Kritik ihrer Äußerungen, fürchten Irrtümer und persönliche Angriffe. Das Schutzschild "Objektivität" scheint einen davor zu bewahren. Mit IBA will ich jedoch klar und deutlich sagen: "Das sich fürchtende Ich wird nicht stärker, wenn es sich hinter einem Schutzschild verbirgt. Es wird nur stärker, wenn es lernt, sich zu zeigen." Und - paradoxerweise - ist es das vermeintliche Schutzschild der Objektivität, welches zu Kritik, Irrtümern und Angriffen ermutigt. Warum, soll gleich deutlicher werden ...     

 

Ich möchte zunächst den Gedanken "Objektivität fürchtet Subjektivität" in ich-aktiver Sprache formulieren, weil nur mittels dieser Sprache das "gefürchtete Subjekt" wieder sichtbar wird. Wie klingt es, wenn das "Ich" sich plötzlich zeigt, bei diesem Satz? Nun, dann erhalten wir: "Ich erzeuge eine objektive Sichtweise, weil ich mich fürchte." Macht das Sinn? Oh ja, und das hatten wir schon: Hier teilt uns jemand mit, dass er sich vor Kritik, Irrtümern und Angriffen fürchtet. Verständlich also, dass er sich mit Objektivität zu schützen versucht. Fast schon empfehlenswert, nicht wahr? Doch das ist noch nicht IBA, sondern gewissermaßen nur die Hälfte. Ein wirklich IBA-bewusster Redner würde uns in ich-aktiver Sprache noch mehr mitteilen. Er würde sagen: "Ich erzeuge eine objektive Sicht, weil ich mich vor mir (!) fürchte." Ein anderer IBA-Merksatz erklärt, warum dies so sein könnte: "Erzeugnisse sind ICH-Ausdrucke, mithin selbst-bezüglich." Furcht vor etwas da draußen (Kritik, Angriffe) könnte Furcht vor etwas in mir sein.

  

Das gefürchtete Selbst: Selbstschutz

Ein solch ich-bewusster Sprecher würde uns aufrichtig mitteilen, dass er eine objektive Sichtweise bevorzugt, weil er tatsächlich fürchtet, sich zu zeigen. Nicht, weil er Kritik oder Angriffe fürchtet (das sicher auch) - nein, weil er fürchtet, darauf unangemessen zu reagieren. Der Redner kennt sich schließlich: Er hat schon oft erlebt, wie schnell er emotional, laut, unbeherrscht oder sogar aggressiv geworden ist bei Kritik und Angriffen, wie tief er eingeknickt ist und wie schnell er still und passiv wurde, wenn er sich irrte. Hätte er gelernt, mit Kritik, Irrtümern und Angriffen gelassen und bewusster umzugehen, hätte er gelernt, Wut und Erregung und Minderwertigkeitsgefühle nicht zu erzeugen, dann würde er nicht fürchten, "sein Gesicht" zu verlieren. Hinter dem Schutzschild der Objektivität erlernt man diese Fähigkeiten aber nur mühsam - und so fürchtet er, dass die Mitmenschen hinter der objektiven Fassade ein "Gesicht" zu sehen bekommen könnten, das ihm selbst nicht gefällt.  

Daston & Galison gehen sogar noch weiter: Sich aus Furcht "verstecken" oder "nicht zeigen" zu wollen, ist das eine - sich selbst "unterdrücken" oder "zerstören" zu wollen, ist eine ganz andere Hausnummer: "Aber Objektivität geht darüber hinaus. Was sie vom Wissenden fordert, ist härter als die anstrengendsten Formen der Selbstgestaltung, geht bis an den Rand der Selbstzerstörung. ... Die Wissenschaftler, die nach Objektivität strebten und deshalb Subjektivität unterdrücken wollten, gingen viel weiter. Subjektivität ist keine Schwäche des Selbst ... Sie ist das Selbst." (ebd., S. 397) 

 

Selbstzerstörung, unterdrückte Subjektivität, das gefürchtete eigene Selbst - so weit kann man es treiben "hinter" dieser Konstruktion. Je "objektiver" meine Sicht, desto weniger Subjekt wird sichtbar, desto weniger "ich". Verwundert es dann noch, dass dieses subjektive Selbst bis heute hinter dem Konstrukt "Objektivität" weitgehend verborgen geblieben ist? Mich nicht. Doch wo das Subjekt oder Selbst oder ICH verborgen bleibt, bleibt auch seine schöpferische Fähigkeit verborgen - und damit zugleich die Erkenntnis, dass die so erstrebte "Objektivität" ein Konstrukt sein könnte. Mit IBA will ich dieses "verdunkelte Subjekt" wieder sichtbar machen, es ans helle Tageslicht holen. Legen wir die objektive Sichtweise als Konstrukt einmal zur Seite und schauen uns direkt selbst an: Was entdecken wir dann, befreit von der selbstzerstörerischen Last der Objektivität? Nun, wir entdecken unter anderem unsere erzeugende Aktivität. Wir entdecken Ich-Aktivität ("IBA"). Wir entdecken unser schöpferisches Wesen. Ich entdecke mich. Lerne ich jedoch eine objektive Sichtweise (eine Methodik) anzuwenden, dann lerne ich, die Welt mit einer speziellen Sichtweise zu sehen. Über mich lerne ich dabei nicht viel. 

 

Wir können lernen: "Objektivität" kann vieles sein, immer aber ist sie ein Konstrukt, ein Erzeugnis, eine Gedankenform. Diese kann - wie wir gesehen haben - sogar so stark sein, dass sie versucht, das erzeugende Subjekt "zu unterdrücken" - ein Schuss, der natürlich nach hinten losgeht, denn die geistige Wesenheit kann nicht "zerstört" oder stabil unterdrückt werden. Allerdings tut es auf Dauer weh, sich selbst hinter einer angeblich "subjektfreien Objektivität" verbergen zu wollen. Wenn dir also ein Redner begegnet, der glaubt, eine "objektive Sicht, die nichts mit mir zu tun hat" zu besitzen, dann solltest du innerlich den Kopf schütteln und denken: "Besitzt du nicht, mein Freund. Du schaust durch deine eigene Konstruktion." Diese ist - als ein geistiges Konstrukt - dem objektiven Redner zumeist gar nicht bewusst, weshalb ich mit IBA sage, er agiert IBA-unbewusst. Er hat noch nicht erkannt, dass "Erzeugung vor Objektivität geht". Ist eigentlich noch niemandem aufgefallen, wie wenig überzeugend Wissenschaftler, Experten und Sachverständige mit ihrer konstruierten "Objektivität" auf weite Teile ihres Publikums wirken? Und wie oft sie in letzter Zeit im öffentlichen Raum kritisiert werden? Der populistische Ausdruck von der "Lügenpresse" trifft es natürlich nicht: Objektivisten lügen nicht - sie teilen nur ihre geglaubten Konstrukte mit, nennen diese "objektive, wissenschaftliche Fakten", verschweigen die subjektiven Wurzeln ihrer Konstruktionen und halten SICH SELBST als glaubende, hoffende, ängstliche oder zuversichtliche Personen weitgehend zurück.   

 

Objektivisten versus Fakeisten

In vielen Gesellschaften tobt gerade ein seltsamer Meinungskampf zwischen "Fakten" und "Fakes". Auf den ersten Blick scheint es um "richtig" oder "falsch" zu gehen. Die Vertreter der Faktenseite bemühen sich um Fakten, möglichst "objektive" natürlich. Ihre Gegner bemühen sich darum, diese Fakten als falsch hinzustellen, notfalls mit der Konstruktion falscher Fakten ("fake news"). Es sollte mittlerweile erkennbar sein, dass die Bemühungen der objektiven Faktenvertreter zu einem Rohrkrepierer werden könnten: Je mehr sie sich um noch mehr Objektivität bemühen, desto mehr wird ihre verborgene Subjektivität sichtbar werden. Sie "quillt" immer stärker sehr lebendig durch die Löcher ihres objektiven Schutzschildes. So sind zum Beispiel die von Experten, Virologen und Epidemiologen öffentlich geführten Diskussionen über das Corona-Virus und die zu empfehlenden politischen Massnahmen nicht "voll von objektiven Fakten", wie gerne suggeriert wird, sondern "voller Fakten plus subjektiver Konstrukte", wie gerne verschwiegen wird. Nicht quantitative Daten und Zahlenreihen und Quoten sind hier wichtig, sondern qualitative subjektive Erzeugnisse wie etwa die persönliche Einschätzung der "Gefährlichkeit" der Virus-Infektion. Eigene Ängste, Sorgen, Anpassungstendenzen und Weltbilder, aber auch persönlicher Ehrgeiz und die Beeinflussung durch andere Menschen - all diese individuellen und subjektiven Elemente fließen natürlich ein in die angeblich von subjektiven Elementen "befreite" objektive Sicht der Beteiligten. Daten müssen gedeutet, interpretiert werden - ein erkennbar subjektiver Vorgang. Ich befürchte, dass das Bemühen um noch mehr objektive Fakten die unvermeidbaren subjektiven Konstruktionen immer sichtbarer machen wird - also exakt das Gegenteil dessen, was Objektivisten eigentlich anstreben.

 

Nicht anders sieht es bei den Vertretern des Fake-Lagers aus: Bei ihnen quillt die erzeugende Subjektivität deutlich sichtbarer hervor, ihre Emotionalität, ihre Wut. Jedes Fake ist leicht als Konstruktion erkennbar, so offensichtlich abstrus wie sie oft sind. Ohne es zu bemerken, versuchen die Fake-Vertreter den vermeintlich objektiven Gegner mit einer eigenen, erfundenen Pseudo-Objektivität zu bekämpfen - was natürlich ebenfalls scheitern wird. Die erfundene Fake-Objektivität des Mannes auf der Straße (oder der Frau) kann nicht viel gegen die historisch gewachsene Fakten-Objektivität der Experten, des "Establishments", ausrichten. Im Gegenteil: Die erzeugte Fakten-Wahrheit der Objektivisten wird durch die erzeugte Fakten-Unwahrheit der Fakeisten kontrastreich gestärkt. Ein Holocaust-Leugner verstärkt noch durch seine konstruierte "Wahrheit" die Position seiner Gegner und macht deren Fakten-Wahrheit ungewollt noch wahrer. Etwa so, wie das Sinnvolle das Sinnlose braucht, um besser erkannt zu werden, gewinnt auch die erzeugte Wahrheit im Angesicht der erzeugten Unwahrheit an Statur. Auch die Fakeisten erreichen nur das Gegenteil dessen, was sie eigentlich anstreben. Natürlich spüren die Fake-Vertreter dauernd ihre relative Ohnmacht, werden noch wütender und produzieren noch mehr Fake-News, die sie mit dem Etikett versehen, "objektiv richtig" zu sein. 

 

Was in diesem Meinungskampf auch stattfindet, wenn man "erzeugende Wesen" sehen kann und auch "erzeugte Objektivität", will ich so beschreiben: Es hat zu tun mit unbewusst bleibenden Konstruktionen. Pointiert: Subjektive Fake-Erfinder kämpfen gegen objektive Fakten-Konstrukteure; wütende Pseudo-Objektivisten gegen sich selbst fürchtende Wissenschafts-Objektivisten - und beiden scheint nicht bewusst zu sein, was sie da eigentlich tun. Mit IBA sage ich deshalb: "Hier kämpfen IBA-Unbewusste gegen IBA-Unbewusste." 

Ich glaube (weil ich dies erschaffe), dass beide Seiten noch nicht erkannt haben, dass sie ihre jeweiligen Konstrukte austauschen, ihre sehr unterschiedlich konstruierten Erzeugnisse. Die Objektivisten glauben, faktenbasierte wissenschaftliche Wahrheiten auszusprechen - statt subjektiv erzeugte Wahrheiten. Die "Fakeisten" glauben selber kaum an ihre aus Schwäche und Ohnmacht hastig gebastelten Fake-Wahrheiten - dafür aber umso mehr, dass mit diesen Wissenschaftlern "irgendetwas nicht stimmt". Krude Verschwörungstheorien oder schnell erfundene Fake News haben gar nicht zum Ziel, den Fakten-Kampf gewinnen zu wollen - nein, sie sollen Bündnisse herstellen helfen, Gemeinschaft, Stärke durch Masse. Die Fakeisten erzeugen den Wunsch nach "Macht", nach Veränderung, sie wollen nicht mehr ohnmächtig sein, nicht mehr unterdrückt und voller Sorgen leben. Die Klima-Fakten interessieren sie nicht wirklich (weshalb sie kein gesteigertes Interesse an einem Dialog mit den Fakten-Vertretern haben): Sie sind in Sorge um sich. Wie ein trotziges Kind sagen sie "Nein", wenn die Wissenschaft "Ja" sagt und umgekehrt - Hauptsache "gegen die da". Warum? Weil irgendjemand Schuld sein muss, weil sich irgendjemand "verschworen" haben muss - gegen mich: "Ich bin ein guter Mensch. Doch die Welt ist böse zu mir. Warum nur? Ich habe Angst, fühle mich ohnmächtig und bin wütend. Irgendjemand macht da was mit mir." - Das ist, was ich sehe, und das nenne ich IBA-unbewusst.   

 

Beide Seiten erzeugen, beide Seiten glauben, und beide Seiten halten sich ihre geglaubten Konstrukte vor Augen - doch weil die einen sich hinter ihrer historisch gewachsenen wissenschaftlicher Objektivität verstecken und die anderen hinter ihrer blassen Fake-Objektivität, kommen die eigentlichen Akteure nicht zum Vorschein. Und leider auch nicht in einen menschlichen Kontakt. Die beiden Lager sprechen nur noch übereinander, nicht aber miteinander (was auch sehr wahrscheinlich nicht viel bringen würde). Würde es einen Dialog geben, würden beide Seiten glauben, über Fakten reden zu sollen - und es liegt auf der Hand, warum beide Seiten dies nicht tun wollten: Die Fakeisten nicht, weil sie keine Fakten haben, vor allem aber, weil es ihnen darum gar nicht geht. Sie wollen über sich reden, über ihre Ängste, Sorgen und Nöte. Die Wissenschaftler nicht, weil sie eine unüberbrückbare Faktenkluft oder Verständnislücke vermuten - sinnlos, so ein Gespräch. Vielleicht aber auch deshalb nicht, weil sie mit der Wut und Empörung und Sorge der anderen Seite nicht umgehen können - und trotz aller Klima- und Corona-Fakten auch keine Antworten auf diese Nöte hätten.   

    

Objektiv kann nur sein, was intersubjektiv als objektiv vereinbart wird.

 "Wenn ich sprachlich mein erzeugendes ICH verschweige, verschweige ich mich selbst."

"Ich sehe Objektivität als eine geistige Konstruktion, mit der schöpferische Subjektivität und intersubjektive Übereinkünfte verschwiegen werden."

"Wenn ich die Existenz einer subjektfreien Objektivität behaupte, übersehe ich mich selbst." 

"Die ich-aktive Sprache ist meine Sprache der Selbstheilung und der gesunden Selbstbewusstheit." 

 

Weiter vorne habe ich auf der Seite "Einführung: Die IBA-Sprache, das ICH und das Ich" obige Beispielssätze zur Eingewöhnung notiert. Hier möchte ich nun etwas genauer auf ihre Bedeutung eingehen. Ich schrieb, dass ich Objektivität für eine geistige Konstruktion halte, mit der schöpferische Subjektivität und intersubjektive Übereinkünfte verschwiegen werden. Damit meine ich nicht unbedingt "absichtsvoll verschwiegen", sondern zumeist aus IBA-Unbewusstheit heraus verschwiegen. Nun möchte ich fragen, was wir wohl erhalten würden, wenn wir Subjektivität und Intersubjektivität nicht verschweigen, sondern hinzufügen würden? Meine Antwort gefällt mir: "Wir würden glasklar erkennen, dass Objektivität zunächst als subjektives Erzeugnis beginnt und erst durch die Gemeinschaft mit anderen Subjekten zu einer gemeinsam geglaubten Konstruktion wird". Mit anderen Worten: Was gesellschaftlich "objektiv" ist und was nicht, ist das Ergebnis einer kollektiven Konstruktion. Erst dadurch gewinnt "Objektivität" an Statur, an Gewicht. Aus einem ursprünglich individuellen Konstrukt wird eine kollektiv geglaubte Konstruktion: Je mehr Menschen an Objektivität glauben, desto "realer" wird sie auch - und wir können jetzt erkennen, warum: weil schöpferische Wesen sie "real" machen. "Objektiv" kann also nur das Konstrukt genannt werden, das wir im Miteinander als objektiv vereinbart haben. Daston & Galison haben in ihrer Geschichte der Objektivität etwa 250 Jahre untersucht - genügend Zeit für die kollektiv geglaubte Erzeugung einer "harten" Objektivität. 

 

Problematisch wird es natürlich, wenn die Konstruktion als solche nicht gesehen wird. Je mehr Menschen IBA-unbewusst an die Realität von Objektivität glauben, desto weniger erkennen sie ihre eigene schöpferische Natur. "Objektivität zerstört das Selbst", oh ja, doch diese Unbewusstheit zerstört vor allem das schöpferische Selbst. Daraus folgt im Umkehrschluss: Je mehr Menschen IBA-bewusst agieren, desto größer wird die intersubjektive Gemeinschaft derjenigen, die "Objektivität" als Konstrukt erkennen können - und sich selbst als deren Mit-Konstrukteur. Deshalb fördere ich mit IBANETIK die Bewusstheit für die erzeugende ICH-Aktivität. Ich will zeigen, dass wir es hier mit einem "heilenden" Vorgang zu tun haben: Nicht nur die unterdrückte Subjektivität kann dann wieder ausatmen, sondern vor allem das uns allen gegebene schöpferische Wesen kann sich dann endlich bemerkbar machen.

 

Deshalb formulierte ich oben auch, dass die Sprache der Selbstheilung und der gesunden Selbstbewusstheit die ich-aktive Sprache ist. Ich gesundete tatsächlich, als ich aufhörte, "objektiv" sprechen zu wollen und begann, immer "subjektiver" zu sprechen. SICH SELBST in der Sprache sichtbar zu machen und zu sagen: "Ich glaube ...", "Ich meine ..." oder "Ich stelle mir vor ..." oder "Ich erzeuge ..." sind enorm stärkende Sprechakte. In dieser Sprache zeigt sich der subjektive Mensch, das fühlende Wesen, die erzeugende Quelle. Diese Sprache bringt eine neue Welt zum Vorschein: Eine Welt der erzeugenden Wesen, die einander mit ihren Konstrukten begegnen, diese austauschen, vergleichen, prüfen, annehmen oder ablehnen - immer aber wissen, dass sie sich mit ihren Erzeugnissen begegnen. Wenn das sprechende Subjekt in der Sprache auftaucht und "Ich" sagt, kann das entstehen, was wir wirklich brauchen im Umgang miteinander: Vertrauen, Respekt, Verständnis und Menschlichkeit.     

 

Objektivisten und Fakeisten misstrauen einander bis aufs Blut. Sie nehmen einander kaum noch als Menschen wahr, mit Gefühlen, Sorgen, Erwartungen und Ängsten, und als erzeugende Wesen sowieso nicht. Sie sehen nur noch Gegner, Feinde, Ungebildete, den Pöbel usw. Und ich wiederhole gerne: Je mehr wir uns bemühen, dieses Misstrauen mit objektiven Fakten heilen zu wollen, desto mehr Misstrauen erschaffen wir, wenn wir dabei unbewusst für unsere Erzeugerkraft agieren. Objektive Fakten heilen keine Risse - menschliches Verständnis und subjektives Miteinander schon eher. Es wird gewiss lange dauern, bis beide Seiten sich wieder als Menschen begegnen - doch ohne ich-aktive Sprache wird es, wie ich befürchte, überhaupt keine menschliche Begegnung geben. Ich bin deshalb ein wenig besorgt. Es könnte eine rauhe Zukunft geben ... 

     

Aufrichtiges Miteinander statt unbewusste Objektivität?

Nehmen wir die globale Klimadebatte und zwei IBA-bewusste Akteure, um ein Gefühl für ein neues Miteinander zu gewinnen. Wie würden diese Akteure argumentieren? Zu welchen Ergebnissen würden sie kommen? Erinnern wir uns: Beide Redner würden wissen, dass sie erzeugen und ihre Konstrukte austauschen. Nennen wir sie "A" und "B":

 

A: "Ich habe mir Fakten erzeugt, Statistiken und große Datenreihen über den Klimawandel, und nun glaube ich fest daran, dass global die Lebensbedingungen schlechter werden. Nicht überall, aber doch so stark, dass Menschen, Tiere und Pflanzen leiden werden."

B: "Ich habe auch Fakten erzeugt und dann meinen Glauben, dass der Klimawandel nicht so schlimm wie bei dir ausfallen wird, ich aber meinen Job verlieren werde."

A: "Prima, und was machen wir jetzt?"

B: "Keine Ahnung. Hängt davon ab, was wir erzeugen wollen: Miteinander, Gegeneinander, Kompromiss, Kampf ... Wir können viele gemeinsame Spiele erzeugen und vereinbaren."

A: "Sicher. Ich bin für Kampf. Ist nicht so langweilig. Ist mehr Feuer drin ..."

B: "Wohl kaum. Bewusst erzeugte Wut ist halbe Wut, das weißt du doch."

A: "Aber besser als unbewusste Wut. Spielst du mit?"

B: "Okay, abgemacht. Morgen geht's los ..."

 

Wenn du an "richtigen" Lösungen interessiert bist, wird dich dieses Gespräch enttäuschen. Wenn du eine "beste" Lösung erwartet hast, ebenso. Wenn dein Blick auf die "sachgerechte Lösung" gerichtet war, hast du schon eine Konstruktion in dir übersehen. Die eigentliche Botschaft dieses IBA-bewussten Gesprächs ist nicht die Lösung, sondern das Miteinander, hier sogar das spielerische, bewusste und schöpferische Miteinander. Die Lösung, die sich einstellen wird, wird von A und B nicht als "richtige", als "beste" oder als "sachgerechte" gesehen werden, sondern als eine ko-konstruierte Erfahrung. Wir erschaffen nicht nur Probleme und Lösungen, wir erschaffen unsere Erfahrungsräume - und alles sind unsere Konstruktionen, individuell wie kollektiv. 

Ab morgen werden also beide Akteure im Bewusstsein, erzeugende Wesen zu sein, gegeneinander "kämpfen": Sie werden Daten und Fakten besorgen, werden politische Mehrheiten besorgen, werden Demonstrationen veranstalten, werden Geldflüsse umzuleiten versuchen - und eines Tages vielleicht feststellen: "Hey, du hast unser gemeinsames Spiel gewonnen. Jetzt glauben die Machthaber, was du glaubst (oder: ... die Mehrheit, was du glaubst)." Dann werden sie lachen, sich umarmen und ein neues schöpferisches Spiel verabreden ...

 

Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich schätze "Objektivität" als eine von vielen erzeugbaren Perspektiven auf die Welt. Mit dieser Perspektive sind wir fähig, unsere individuelle Innerlichkeit, unsere Sorgen, Wünsche und Erwartungen, ja sogar unsere kulturellen Prägungen, für eine Weile hintanzustellen und so eine ganz spezielle Sichtweise (die wir dann "objektiv" nennen) zu formen. Wir sollten dies nur BEWUSST tun, mit der Bewusstheit, dass Erzeugung vor Objektivität geht. Dann wäre das schöpferische Spiel nicht so mühsam für die beteiligten Subjekte, dann wäre es menschlicher, leichter, kooperativer. Dann würden "Fakeisten" und "Objektivisten" sich vielleicht nicht mehr an die Gurgel gehen. Unser oft verbittertes Gegeneinander ("Wer weiß es besser?") würde einem aufrichtigeren Miteinander weichen. Wir würden uns als Menschen begegnen, als subjektive Individuen. Wir würden uns nicht mehr voreinander verstecken. Und vielleicht würden wir sogar erkennen: Die einen haben Angst und die anderen auch. Wovor? Vor sich natürlich, vor wem sonst? 

 

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Wahrheit ist erzeugt, Wahrnehmung ist erzeugt, Objektivität ist erzeugt - in welcher Wirklichkeit leben wir eigentlich? Folge mir ins nächste Kapitel und vielleicht entdecken wir dort einige nette Hinweise ...