Kap. 1: Erzeugung geht vor Wahrheit.


Griechenland 2008: erste außerkörperliche Erfahrung

Ich durfte außerkörperlich meine schöpferische Natur erleben. Ich durfte sozusagen "live" miterleben, wie meine eigenen Gedanken und Gefühle "vor" meinem geistigen Auge auftauchten, als Formen, Bilder, Töne und Ereignisse. "Vor" trifft es nicht ganz, denn "vor" oder "hinter, oben, unten" sind Begriffe unserer raumzeitlichen Dimension - und mir kam es eher so vor, als ob ich meine Gedanken und Gefühle "in mir" erlebte, als ob ich mich "innerhalb" eines von mir selbst erschaffenen "Zustands" aufhielt.

Doch außer mir als diesem schöpferischen Wesen ("ICH") war da auch noch anderes, nicht von mir Erschaffenes. Ich agierte in einer Realität oder Wirklichkeit, die "schon da" war, von wem auch immer erschaffen. Und diese Realität war "lebendig", extrem "pulsierend", leuchtend, wissend und irgendwie "spielend". Sie schien die Bedingung oder Voraussetzung dafür zu sein, dass ich meine eigenen Erzeugnisse (Gedanken, Gefühle usw.) "sehen" konnte. Mehr noch: Das, was ich dachte und fühlte, interagierte irgendwie mit dieser Realität, sofort, instantan, augenblicklich, "blinzelschnell". Sie schien mir wie eine "lebendige, wissende Leinwand" zu sein, die mich zum "Malen" einlud und mir meine eigenen Erzeugnisse "zeigte".

 

Ich kommunizierte auch mit dieser seltsamen Realität - oder besser: Sie mit mir. "Ihre" Gedanken oder Worte waren plötzlich einfach da, in mir, sehr sanft, mich nicht erschreckend, aber klar verschieden von meiner eigenen "Stimme", von meinen mir vertrauten Gedanken. Manchmal schien es mir, als würde ich "aufgefüllt" werden mit Wissen und Informationen, wohl auch deshalb, damit ich in diesem seltsamen Bewusstseinszustand nicht ausflippen würde. Doch ich blieb auch einigermaßen ruhig, erschrak nicht und bemerkte mich selbst als ziemlich neugierig, freudig erregt, wie ein kleiner Junge, der es kaum abwarten kann, die Weihnachtsgeschenke unterm Baum endlich auspacken zu dürfen. Ich sah mich etwa so, wie ich mich auf Erden kannte, mit meinem vertrauten Körper, doch dieser war nicht "fest", sondern ...

 

 

Hinweis: Und jetzt, wo ich hier schreibe, bemerke ich, dass ich ein wenig "Ärger" erzeuge und "freigebe". Denn ich ärgere mich gerade ÜBER MICH, weil mir die obige Beschreibung meiner Erfahrungen so blass, dünn und unvollständig, fast schon armselig, vorkommt. Ich muss mich wirklich selbst anschubsen, um weiter zu schreiben ...

Meine Erfahrung begann 2008 in Griechenland, während einer Internationalen Heiler-Tagung. Sie kündigte sich an, wie ich erst rückblickend erkannte, mit einer "rot-braunen Wolke", die am Ende eines Meetings urplötzlich etwa 4-5 Meter vor mir "auftauchte" - und sehr schnell direkt auf mich zukam. Sie hatte die Form eines großen Ovals, wie ein etwa 2 Meter hohes und 1 Meter breites "Ei". Ich war total verdattert und dachte sofort, dass doch alle anwesenden Teilnehmer sehen müssten, was hier gerade passierte - doch niemand bemerkte diese Wolke. Nur ich. Sie erreichte mich, ohne dass ich irgendeine Chance zum Ausweichen oder der Abwehr hatte - und "verschmolz" irgendwie mit mir. Schlagartig wurde mir nicht warm, sondern heiß. Ich glaubte innerlich zu brennen. Meine Beine begannen zu zittern, ich konnte nicht mehr klar denken, ich fühlte - was ich so noch nie fühlte - große Angst. Dann ließ die Hitze schnell nach (ich glaube, der ganze Vorgang dauerte nur 5 Sekunden), ich fühlte mich saft- und kraftlos, war völlig verwirrt und wie in einem Nebel gefangen.

 

Hinweis: Offensichtlich bin ich nicht der Erste und der Einzige, der von einer "heißen Wolke" erfasst wurde. Ken Wilber zitiert R.M. Bucke, der seine Erfahrung so schildert:

"Ganz plötzlich war ich von einer feuerfarbenen Wolke umgeben. Einen Augenblick dachte ich an Feuer, an ein Flammenmeer irgendwo nahebei in jener großen Stadt, im nächsten wußte ich, daß das Feuer in mir war. Unmittelbar darauf überkam mich ein Gefühl des Jubels, der unermeßlichen Freude, begleitet oder gefolgt von einer Erleuchtung des Verstandes, die ich unmöglich beschreiben kann." (zitiert aus: Ken Wilber, Wege zum Selbst, Goldmann 1991, S. 11)

Nun, bei mir kam zunächst große Angst und "Jubel und Freude" erst Stunden später, wie ich gleich schildern möchte. Auch die "Erleuchtung des Verstandes", wie Bucke seine Erfahrung bezeichnet, kann ich sofort nachvollziehen. Da mir das Wort "Erleuchtung" nicht gefällt und ich nach meiner Erfahrung auch wieder ziemlich "normal" auf der Erde landete, erzeuge ich andere Begriffe für mein Erlebnis. 

 

Eine Teilnehmerin bemerkte meinen seltsamen Zustand. Ich nahm ihre Hand und sie führte mich nach draußen. Sie spürte, dass ich Hilfe brauchte und wich den ganzen Abend nicht mehr von meiner Seite. Gottseidank - denn ich stand völlig neben mir. Unten am Strand versuchte ich ihr zu erzählen, was geschehen war. "Petra", so will ich sie hier anonymisierend nennen, ist meine einzige Zeugin für diesen Teil meiner Erfahrung. Sie begleitete mich noch zu meinem Zimmer, ich legte mich angezogen auf mein Bett, wollte ausruhen, verarbeiten, verstehen. Und dann ging es erst richtig los ... 

Ich lag auf dem Rücken. Die Hitze war verschwunden, mein Körper war von oben bis unten durchwärmt, ich erholte mich allmählich. Ich wollte mich meditativ beruhigen, meine Gedanken sortieren - und so lag ich da, den Blick an die Zimmerdecke gerichtet, als plötzlich die Decke "weich" wurde, zu "schwippen" anfing (wie Wasser in einer Badewanne) und binnen weniger Sekunden durchlässig wurde für ein gold-gelbes Licht. Die ganze Decke verwandelte sich in dieses Licht, als ob sie Platz machen oder transparent werden wollte. Und das Licht nahm die Form eines schwach pulsierenden Diamanten an. Ich sah einen "lebenden Diamanten" dort, wo eben noch die Zimmerdecke war. Ein herrlicher Anblick! Ich war "platt", aber überhaupt nicht beunruhigt - und plötzlich befand ich mich innerhalb des Diamanten, innerhalb einer seiner vielen "geschliffenen" Oberflächen. Doch zugleich (!) lag ich auch noch auf meinem Bett. Ich spielte "Ping-Pong" oder "Rein-Raus", mal war ich auf dem Bett in meinem Körper, mal war ich außerhalb meines Körpers im Diamanten. Ich sah mich selbst vom Bett aus im Diamanten und von dort aus sah ich mich auf dem Bett liegen.

Ich erspare mit jetzt hier viele weitere Details (ich könnte tagelang darüber schreiben). Ich erlebte mich noch innerhalb eines mediterranen Atriums oder Innenhofes, mit mir vertrauten "Menschen" sprechend und vieles andere mehr. Dann lag ich wieder in meinem Körper, der Diamant zog sich zurück, die Decke wurde wieder stabil - und ich weinte vor Glück wie ein kleines Kind. Bäche von Tränen liefen mir übers Gesicht. Da fing mein Körper aus der Bauchgegend heraus an, sich zu "weiten" (besser kann ich das nicht beschreiben). Nicht der physikalische Körper, sondern mein Körpergefühl. Wäre ein Beobachter anwesend gewesen, er hätte keinen sich "erweiternden" Körper gesehen - doch ich glaubte, Bauch und Brust hätten ihr Volumen verdoppelt. Dann kamen diese schönen "Wellen", die Bauch und Brust durchfluteten und mich in Glücksgefühlen badeten. Ich atmete so leicht und frei wie noch nie, irgendwie anders, und alles in mir war Freude, Dankbarkeit und Staunen. Ich war voller frischer Energie.

 

Von der rotbraunen Hitzewelle, die mich schwächte und ängstigte, bis zum goldgelben Diamanten und den nicht enden wollenden Glückswellen - diesen einen Tag werde ich nie vergessen! Ich wollte danach die ganze Welt umarmen und erzählen, was mir geschehen war - doch ich tat es nicht. Ich hielt mich selbst zurück. War vermutlich gut so. Nur im IBA-Kreis sprach ich später über einige Elemente und Erfahrungen. So ausführlich wie hier war ich noch nie. Ich lag die halbe Nacht wach und "erwachte" am nächsten Morgen wieder in meiner üblichen Realität. 

Doch nichts war mehr so, wie ich es zuvor kannte. Ich war verändert. Ich spürte, wie ich zunehmend Probleme hatte, mich zu erinnern. Meine Erfahrungen verblassten; mein Wissen löste sich auf. Einige Elemente aber blieben, wie eingebrannte Spuren in mir. "Ich bin schöpferisch. Ich kann erzeugen." Oder: "Es gibt sie tatsächlich, die andere Welt." Oder: "Ich bin Geist." Ich wollte verstehen: Wieso ich? Wozu das alles? Was sollte das bedeuten? Ich wusste es nicht. Ich hatte Einzigartiges erlebt und hatte keine Ahnung, wieso und wozu. Ich eröffnete ein Jahr später eine Praxis für "Geistiges Heilen". Verschiedene energetische Messungen hatten bei mir recht ungewöhnliche Ergebnisse angezeigt. Ich dachte: "Ah, deshalb der Diamant. Du sollst kranke Menschen heilen." Was ich auch tat (und was mir heute gelegentlich noch immer gelingt), doch ich merkte bald, dass nicht die schönen Heilerfolge mir den Weg zeigten, sondern die unschönen Misserfolge. Patienten spürten meine "Wärme", spürten "Energie", verspürten Besserung - doch viele Erkrankungen blieben. Immer öfter kam mir der Gedanke: "Wenn ich schöpferisch bin, wenn ich erzeugen kann, dann sie doch auch, oder? Dann erschaffen auch sie mit ihrer Kraft eine Realität, die sie erleben ..." 

 

Heute glaube ich (ich weiß es nicht, finde aber keine bessere Deutung), dass die Diamant-Erfahrung mich auf das vorbereiten wollte, was ich jetzt gerade tue (und was ich seit etwa 10 Jahren tue): Ich spreche über erzeugendes Bewusstsein. Ich coache oder trainiere Menschen darin, ihre erzeugende Natur besser zu erkennen. Ich entwickelte im Denken und in der Praxis allmählich das, was ich hier "IBANETIK" nenne. Die Elemente meiner spirituellen Erfahrung, die "wie eingebrannte Spuren" in mir lebendig blieben, kreisen alle um diese schöpferische Natur. Nichts interessiert mich mehr als dieses Thema. Manchmal denke ich, irgendeine andere Kraft möchte, was ich will. Verrückt, was? 

Etwa 2 Jahre nach Griechenland erlebte ich die zweite AKE, diesmal während einer Meditation. Ich berichte darüber in Kapitel 5 "Erzeugung geht vor Ich". In dieser Erfahrung stand das Thema "Identität" im Mittelpunkt. Und auch nach dieser Erfahrung "brennt" bis heute eine Leidenschaft in mir, ein enorm gesteigertes Interesse an dem, was wir "Ich" nennen. Zwei Erfahrungen, zwei Themen, zwei Leidenschaften: Schöpferkraft und das Ich.     

 

IBANETIK ist mein Versuch, ein größeres Bild zu malen auf der lebendigen Leinwand meiner Seele, meiner Erfahrungen. Ein Bild, in dem wir uns als "erzeugend" erkennen und annehmen. Ein Bild, in dem wir nicht nur "wahrnehmende" Gestalten innerhalb einer vorgegebenen Wirklichkeit sind, sondern aktive Mit-Schöpfer. Ein Bild, in dem nicht Konkurrenz und nicht das "Gesetz von Fressen und Gefressen-werden" naturhaft walten, sondern geistiges Miteinander und ko-operatives Schöpfertum. Ein Bild, in dem "Wahrheit" nicht etwas ist, was wir wahrnehmen oder erkennen, sondern etwas, was wir mit-erschaffen - bis hin zur Wahrnehmung unserer Realität. Ich erlebte (mit der Hilfe des lebendigen Lichtes), wie ich mir einen Teil meiner Realität selbst erschuf, selbst konstruierte, wie meine "geistigen Formen" Gestalt annahmen, mit "Energie" ausgestattet waren und wechselwirkten mit ... ja, womit eigentlich? Ich weiß es nicht. Ich denke seitdem immer, mit der Gottheit höchstselbst (die die Form eines Diamanten annahm?), aber ich weiß es wirklich nicht. Leider hat sich mir der Diamant nicht vorgestellt und ich habe ihn nicht gefragt ...

     

Wahrgenommene und mitgeteilte Wahrheiten

Beginnen möchte ich mein größeres Bild mit der "Wahrheit". Als dieses außerkörperliche, geistige "ICH" erlebte ich, dass Wahrheit nicht Wahrheit ist, sondern "erzeugte Wahrheit". Anders formuliert: Der Akt der geistigen Erzeugung geht der jeweils erzeugten Wahrheit voraus. IBA-Merksatz: "Erzeugung geht vor Wahrheit". Doch welcher Wahrheit? Ich unterscheide zwei grundlegende Formen von Wahrheit: die "wahrgenommene" Wahrheit und die "mitgeteilte" Wahrheit. Zur Form der "wahrgenommenen" Wahrheit gehört, dass ich den goldgelben Diamanten wahrnahm; ich habe ihn nicht erschaffen (falls doch, müsste ich hier alles nochmal umschreiben). Sobald schöpferische Wesen beginnen, ihre wahrgenommenen Wahrheiten mitteilen zu wollen, müssen(!) sie aktivisch Gedanken, Worte, Bilder usw. erzeugen - aus einer wahrgenommenen Wahrheit wird dann eine "mitgeteilte" Wahrheit. In Kap. 2 werde ich aufzeigen, dass auch "wahrgenommene" Wahrheiten schöpferische Konstrukte sind, weil unsere "Wahrnehmung" sich ebenfalls als ein Erzeugnis erweist. Dies bedeutet, dass ich den Diamanten nicht wahrnahm, wie er ist, sondern wie er sich meiner Wahrnehmung zeigte. Wäre ich mit einer anderen Form von Wahrnehmung ausgestattet gewesen, hätte ich einen anderen Diamanten wahrgenommen (wenn überhaupt) - und ich glaube, dass "der Diamant" das wusste. 

 

Ein Erzeugnis setzt einen Erzeuger, eine Erzeugerin, eine erzeugende Quelle voraus. Ohne aktive Quelle keine Erzeugnisse. Wenn Wahrheiten, die wir wahrnehmen und Wahrheiten, die wir uns mitteilen (sowie Wahrheiten, die wir für uns behalten, also nicht mitteilen), ohne jede Ausnahme "erzeugte Wahrheiten" sein sollen, dann richtet sich mein Blick sofort auf die erzeugende Quelle, und ich frage: "Wird die Wahrheit, die ein Wesen erfährt oder mitteilt, von ihrem Wesen beeinflusst?" Ich erlebte genau das im Diamanten. Anders gefragt, etwas philosophischer: Ist die jeweilige Wahrheit, ob nun wahrgenommen oder mitgeteilt, irgendwie an die individuelle Subjektivität der Quelle gebunden? Was, wenn diese Quelle irgendwie limitiert, bedingt oder "gefärbt" ist - sollten dann nicht auch ihre Wahrnehmungen und ihre Wahrheiten limitiert, bedingt oder "gefärbt" sein? Sind die Wahrheiten, die Jesus verkündete (oder die ihm zugeschrieben werden) Wahrheiten oder erzeugte Wahrheiten? Ist das, was Buddha verkündete, Wahrheit oder von ihm erzeugte Wahrheit?

 

Wenn es, wie ich hier sage, keine nicht-konstruierten Wahrheiten gibt, ist die Antwort klar: Jesus und Buddha erzeugten ihre Wahrheiten. Was sie erzählten, ist untrennbar mit ihrem Wesen verbunden. Ist die Wesenheit bedingt, limitiert und gefärbt, sind es auch die jeweils erzeugten Wahrheiten, und zwar nicht nur die mitgeteilten Wahrheiten, sondern auch die jeweils wahrgenommenen. Im Johannes-Evangelium heißt es, Jesus hätte gesagt: "Ich bin die Wahrheit ..." Mir wäre wohler ums Herz, wenn er gesagt hätte: "Ich erzeuge meine Wahrheiten ..."

Ich glaube heute, genau das taten er und Gautama (der "Buddha") reichlich. Sie erzeugten ihre Wahrheiten. Beide lebten nicht nur als Kinder ihrer Zeit, geprägt durch die kulturellen Vorstellungen, die damals schon kollektiv verdichtet waren, beide erweckten auch (bewusst oder unbewusst) den Eindruck, bestimmte Wahrheiten "erkannt" zu haben. Sie sagten kein Wort dazu, dass sie ihre Wahrheiten erzeugt haben könnten. Gautama glaubte, den "Bewusstseinsstrom" wahrzunehmen, doch vielleicht nahm er seine eigene Idee vom Bewusstseinsstrom wahr. Jesus verkündete "Gott" und "Gottes Reich", doch vielleicht verkündete er "meinen Gott" und "meine Idee vom Reich Gottes" - ohne genau DAS mitzuteilen. Waren Jesus und Gautama sich ihrer erzeugenden Natur nicht bewusst? Schwer zu sagen für mich, denn ich kenne sie nicht persönlich, ansonsten hätte ich sie direkt danach gefragt. Ich fürchte, sie waren sich ihrer eigenen Konstruktionen nicht bewusst, weil sie sich selbst nicht als schöpferische Wesen bemerkten. Sie agierten - in meiner Sprache - IBA-unbewusst. Bei Gautama könnte es sogar so gewesen sein, dass er die Existenz eines "Selbst" negierte - und damit zugleich jegliche Schöpferkraft und sich selbst. Und wenn man erst einmal die Existenz eines schöpferischen Wesens aus seinem Weltbild entfernt hat (ein höchst schöpferischer Akt), dann bleibt einem eigentlich nur noch die Möglichkeit, das Weltgeschehen als "ein Netzwerk einander bedingender Faktoren" zu beschreiben (was später Nagajurna, um Buddhas Lehre zu stützen, ausführlich tat). 

 

Sind Einsteins Relativitätstheorien Wahrheiten oder von ihm erzeugte Wahrheiten? Noch einmal: Sobald eine Wahrheit mitgeteilt wird, ist sie eine erzeugte Wahrheit, ein Konstrukt. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich mir diese Wahrheit nur selbst mitteile oder auch anderen. Mitgeteilte Wahrheiten sind Konstruktionen, selbst-erschaffene Erzeugnisse. Und wahrgenommene Wahrheiten? Sind auch die "erzeugt" in dem Sinne, dass die Fähigkeit der Wahrnehmung als solche eine "bedingte", eine limitierte, mithin eine Form ist? Ich glaube: Ja, so verhält es sich. Auch das, was Einstein wahrgenommen hat (und uns dann mitteilte), war beeinflusst durch die Form seiner Wahrnehmungsfähigkeit. Die Dinge, die er wahrnahm, zeigten sich ihm so, wie er sie wahrnahm, aufgrund der ihm eigenen Form von Wahrnehmung. Und diese kann sich verändern, wie ich im Diamanten erlebte.  

 

Nun, Einstein verdanken wir unter anderem die Erkenntnis, dass Raum und Zeit keine "absoluten" Phänomene sind (der Raum hängt nicht da irgendwie als leerer Behälter herum; die Zeit läuft nicht einfach so ab), sondern relationale Phänomene, untrennbar verbunden, so dass Einstein nur noch von einer "Raum-Zeit" sprechen wollte. Er zeigte uns, dass Räume sich "dehnen, krümmen" können und Zeit relativ zum Raum und zur Bewegung verschieden "schnell" abläuft. Wahrheiten oder erzeugte Wahrheiten?

Wenn Einsteins Wahrheiten erzeugte Wahrheiten sind (sie sind es), dann sind seine Wahrheiten bedingt, limitiert und "gefärbt" - durch ihn selbst. Einen Schnellkurs in Quantenphysik oder Kosmologie erspare ich uns hier, will aber gerne ein Beispiel nennen für Einsteins "Bedingtheit": Er erkannte, dass sich der Raum "krümmt" (weshalb Newtons "Gravitation durch Anziehung" heute ersetzt wird durch Einsteins "Gravitation durch Raumkrümmung") - doch was genau "krümmt" oder "verbiegt" sich da eigentlich? Wenn ich einen Stock biegen will, brauche ich einen "Stoff", den ich biegen kann, den Stock. Aus welchem "Stoff" besteht der Raum, der sich da "krümmt"? Einstein konnte das nicht klären. Heutige Forscher postulieren "dunkle Energie" und "dunkle Materie" - vielleicht ist das der mysteriöse "Raum-Stoff"? Hat Einstein nun Wahrheiten verkündet oder erzeugte, partielle Wahrheiten? 

 

Ich bin mir sicher, dass bei Einsteins berühmter Äquivalenzgleichung E = MC² ein Buchstabe fehlt (und zukünftig vielleicht hinzugefügt werden wird), nämlich "B" für Bewusstheit. Oder auch "I" für "ICH". Wir bekämen dann: I = E = MC². In dieser Formel würde das wahrnehmende Wesen, das erkennende Subjekt, auftauchen und sich selbst zu einer Bedingung oder Voraussetzung machen. Aber das nur am Rande ...

  

Wahrheiten sind erzeugte Wahrheiten.

Wir alle sind bedingte Wesen, also auch in unserer geistigen Existenz von Bedingungen oder Voraussetzungen abhängig. Welche Bedingungen für meine Existenz als außerkörperliche ICH-Bewusstheit nötig waren, weiß ich nicht. Meine irdische Existenz und Bewusstheit ist jedoch direkt abhängig von den Möglichkeiten meines Körpers: Einerseits ist er ein Ermöglicher (nur mittels Körper kann ich hier Erfahrungen sammeln), andererseits ist er ein Begrenzer (er reduziert zum Beispiel meine Wahrnehmung). Außerkörperlich kann ich "fliegen" - mit Körper unmöglich. Außerkörperlich gibt es eine ganzheitliche 360 Grad-Rundum-Wahrnehmung; körperlich eine auf verschiedene Sinnesorgane aufgeteilte partielle und zusätzlich reduzierte Wahrnehmung (vielleicht wird die Reduktion durch die Aufteilung auf verschiedene Sinne verursacht?). Einstein war ein "bedingtes" Wesen (wie wir alle) und zugleich ein schöpferisches Wesen (wie wir alle) - und ergo waren und sind seine Wahrheiten keine Wahrheiten, sondern von ihm erzeugte Wahrheiten. Sehr wichtige, bedeutende Wahrheiten ...  

 

Dieser Unterschied ist, wie ich glaube, nicht trivial. Viele Menschen glauben auch heute noch an "stehende Wahrheiten", suchen nach "absoluter" Wahrheit oder begeistern sich an "höheren" Wahrheiten. Würden sie in all diesen Wahrheiten "erzeugte Wahrheiten" sehen können, würden sie sich weniger abhängig machen von Gurus, Meistern, Propheten, Wissenschaftlern und anderen Autoritäten. Würden sie Wahrheit verbinden können mit dem schöpferischen Wesen, würde diese Sicht Konsequenzen haben. Würden sie bemerken, dass es eine "subjekt-freie" Wahrheit nicht gibt, würden sie selbst etwas kritischer, vorsichtiger, aber auch mutiger agieren können. Vor allem aber würden sie sich selbst relativ zu diesen Autoritäten etwas "größer" bemerken, weil die zuvor so großen Wahrheitsverkünder nun etwas "kleiner" erscheinen. Wer die ihm angebotenen Wahrheiten als "losgelöst von" oder "unverbunden mit" irgendeiner geistigen Quelle versteht, wer also an eine subjektfreie Wahrheit glaubt, der hat sehr wahrscheinlich sein eigenes erzeugendes Wesen noch nicht bemerkt. Ich glaube das nicht mehr, und nie ging es mir besser als jetzt. 

 

In der Einführung zu IBANETIK schrieb ich bei den Begriffserklärungen zum Begriff der "Wahrheit": "der liebende Glaube der erzeugenden Wesenheit an die Wirkung ihrer Erzeugnisse. Pointiert: "Was wirkt, ist wahr"." In diesem Satz verwebe ich bewusst die Wesenheit mit Wahrheit und Wirklichkeit. Ich glaube, dass diese drei Phänomene nicht voneinander getrennt werden dürfen. Wo ein Wesen ist, ist Wahrheit und Wirklichkeit, wo Wahrheit ist, ist ein Wesen und Wirklichkeit, wo Wirklichkeit ist, ist ein Wesen und Wahrheit. Etwa so. Ich will damit auch sagen, dass mit dem Moment, wo ein erzeugendes Wesen aktiv wird und irgendetwas erzeugt (einen Gedanken, eine Idee, ein Gefühl etc.), dieses Erzeugnis vom Wesen selbst als "wirkend und wahr zugleich" gesehen oder bemerkt wird. Im Diamanten liebte ich meine eigenen Erzeugnisse; ich sah ihre Wirkung und ihre Wahrheit - und mich als die erzeugende Quelle. Deshalb glaube ich auch, dass Menschen zum Beispiel ihre Unwahrheiten lieben und schätzen und für wahr halten - im Moment ihrer Entstehung. Jedes Erzeugnis wird geschätzt. Ich möchte sogar so weit gehen und behaupten, dass diese Liebe die Voraussetzung für jegliche Erzeugung ist. Ein Wesen kann überhaupt nur irgendetwas erzeugen, weil es seine Erzeugnisse "liebt" und als "gut" erachtet - im Moment ihrer Entstehung. Was ich selbst "schlecht" finde, erzeuge ich nicht. Es geht dann nicht. Aktivität geschieht dann nicht. Eine erzeugte Unwahrheit ist daher im Moment der Entstehung eigentlich keine Unwahrheit, sondern für das Wesen eine Wahrheit, eine wirkende Wahrheit, Wirklichkeit. Erst später, durch Überprüfung oder durch intersubjektiven Austausch, wird diese Wahrheit zu einer Unwahrheit, zu einem Irrtum. Für mich liegt hier der tiefere Grund, warum es Menschen so schwerfällt, sich selbst Irrtümer und Unwahrheiten einzugestehen: Sie glauben an ihre Erzeugnisse, sie lieben sie. Und wer lässt schon gerne seine geliebten Kinder los?

 

Erzeugte Wahrheiten können unwahr sein ...

... weshalb auch Unwahrheiten oder Irrtümer "erzeugt" sind. Irrt sich ein Mensch, sind wir sofort bereit, ihm eine subjektive Aktivität zuzuordnen: "Da hast du wohl falsch gedacht ..." In IBA-Sprache: Da hat er einen Irrtum konstruiert. Doch wenn wir fähig sind, unsere Unwahrheiten zu erzeugen, wieso sollten wir dann nicht auch unsere Wahrheiten erzeugen? Wenn ich hier betone, dass alle Wahrheiten konstruierte Wahrheiten sind, mithin erschaffene oder konstruierte Erzeugnisse, dann will ich sie dadurch nicht "kleiner" machen. Nirgendwo sage ich: "Ach, das ist ja nur eine erzeugte Wahrheit ..." Würde ich so denken, würde ich die Existenz "größerer" oder anderer Formen von Wahrheiten noch immer voraussetzen. Ich werte Wahrheit nicht ab, wenn ich sie "erzeugt" nenne. Was ich sage, ist: Ich glaube, es gibt in unserer Realität überhaupt keine anderen Wahrheiten als konstruierte Wahrheiten.

 

"Hier haben wir leider nur eine erzeugte Wahrheit - dort drüben aber glücklicherweise eine wahre Wahrheit, eine nicht-erzeugte Wahrheit ..." - das ist nicht meine Botschaft. Meine Botschaft lautet: "Es gibt nur konstruierte Wahrheiten." Wer eine Wahrheit kennt, die nicht erzeugt wurde, möge bitte aufstehen und sich melden. Was für Wahrheit gilt, gilt auch für Unwahres, für Irrtümer: Ich kenne nur erzeugte Unwahrheiten, erzeugte Irrtümer - von denen ich oben allerdings sagte, dass sie im Moment ihrer Erzeugung keine Unwahrheiten sind, sondern für das erzeugende Wesen voller Wahrheit. Bevor wir uns also begegnen mit unseren Wahrheiten oder Irrtümern, sollten wir sehen können, dass wir uns mit Konstruktionen begegnen. Mein Merksatz "Erzeugung geht vor Wahrheit" soll uns helfen, uns alle als erzeugende Wesenheiten erkennen zu können - und ich bin fest davon überzeugt, dass unsere schöpferische Natur sichtbarer werden wird, wenn wir bemerken, in welchen Phänomenen unsere schöpferische Gabe enthalten ist. In diesem Kapitel habe ich gezeigt, dass sie Wahrheiten und Unwahrheiten formt. In den folgenden Kapiteln möchte ich fragen: Wie sieht das aus bei unserer "Wahrnehmung"? Ist auch sie erzeugt? Wie sieht das aus bei unserer "Objektivität" - konstruiert oder nicht? Schließlich "Wirklichkeit" oder "Realität" - eine von "Naturgesetzen" regierte Lebensbühne, die wir nur betreten, oder eine kollektive schöpferische Konstruktion? Und natürlich wir selbst, unser "Ich": Ist auch das unser Erzeugnis? Erschaffen wir uns selbst?

 

Wenn so wichtige Phänomene wie Wahrheit, Wahrnehmung, Objektivität, Wirklichkeit und das "Ich" sich als "Erzeugnisse" herausstellen, als individuell wie kollektiv erschaffene Phänomene, dann sollte die schöpferische Qualität dieser Konstrukte uns das Fenster zu einem anderen Weltbild eröffnen. Ich durfte in meinen AKEs einen kurzen Blick in eine andere Welt werfen - eine andere Welt, die ganz eindeutig teilweise meine eigene Schöpfung gewesen ist, in der ich - als "ICH", als geistige Wesenheit - schöpferisch ko-agierend wirkte, in der ich Mit-Schöpfer gewesen bin.